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September 2005

Endlich ein Ende mit der Wiesn

Halleluja, das letzte Oktoberfest-Wochenende ist angebrochen. So eine immense Wiesn-Antipathie hatte ich glaub ich noch nie. Der berühmte Funke ist diesmal gar nicht übergesprungen. Und mir ist nun mal ein Glas Rotwein und Jazz im Hintergrund wesentlich lieber als Bier und Blasmusik. Die Massenbegeisterung für Ballermann-Feeling, dumme Partymusik und Zelte, die am Wochenende um kurz nach 9 Uhr morgens voll sind, kann ich schlicht nicht nachvollziehen. Wer in aller Welt geht um diese Zeit zum Saufen? Das ist doch krank - und da braucht mir niemand etwas von Gemütlichkeit erzählen. Da verkommt das Oktoberfest zur Rauschstation Sehnsucht.

Ich bin froh, wenn die ganzen Wiesn-Devotionalien aus der Stadt wieder verschwinden. Einem nicht mehr ständig Menschen mit ach so witzigen Kopfbedeckungen begegnen oder pseudotrachtlerisch aufgrüscht wie ein Brauereiross. Diejenigen, die glauben, den Tag mit einer Maß Bier beginnen zu müssen, wieder als Gratler bezeichnet werden und die, die Schampus aus dem Maßkrug trinken als dekadent. Im öffentlich rechtlichen Fernsehen Frauen nicht mehr auf ihren Ausschnitt degradiert werden. Wieder abends etwas unternehmen zu können, weil man auf dem Heimweg in der U-Bahn nicht nur grölende Massen hat oder auch wieder ein Taxi bekommt. Oder überhaupt wieder Menschen zu treffen, weil sie nicht entweder auf der Wiesn sind oder ihren Rausch vom Vorabend ausschlafen müssen. Wieder Menschen in die Stadt kommen - nicht nur des Bieres wegen. Die Theater nach dem Oktoberfest den Spielbetrieb wieder aufnehmen. Und mit dem Oktober ein wunderbarer Monat anfängt...


Auf- oder Abwertung der Innenstadt?

Spekulanten sind unterwegs – Verdrängung von Alteingesessenen – bei der SZ ist man moralisch entrüstet. Unter Anführungszeichen schreibt man: Immer mehr Stadtviertel werden von Altbausanierern „aufgewertet“ – Zitat oder Ironie? Weder noch, denn Tatsache. Tatsache ist: die Innenstadt wird nach und nach saniert, wiederhergerichtet. Und für wen? Für die typisch Münchner Klientel – Ärzte, Lehrer, Juristen, auch Journalisten, die keine Lust haben in irgendwelchen Vororten zu veröden, sondern urbanes Feeling bevorzugen. Häufig kinderlos sind schicke Boutiquen und Szenekeipen wichtiger als Vorgartenidylle. Die Zeit der Wohnsilos am Stadtrand ist für viele vorbei. Und das ist auch gut so, denn es sind exakt die Menschen, die auch bereit sind, in dieser Stadt Geld auszugeben. Und dank derer die beginnende Verödung der Innenstadt auch wieder ein Ende hatte. Denn wie sah es denn vorher aus? Das Zentrum war abends tot – umgeben von ein paar Glasscherbenviertel wie Giesing, Sendling oder Westend – und die Neubausiedlungen nach draußen hin wuchsen. Jetzt kommen die Menschen zurück: Das Interesse für Altbauwohnungen steigt in der Regel mit dem Bildungsgrad. Und mit der Nachfrage die häufig dringend nötige Sanierung. Und das können sich viele Hausbesitzer gar nicht leisten ohne verkaufen. Was also Verdrängung und Spekulation auf der einen Seite genannt wird, ist auf der anderen Seite die Chance für die Innenstadt nicht zu verrotten sondern sich wieder rauszuputzen. Denn die Arbeiterviertel von früher sind von der Vorstadt zur Innenstadt geworden.


Die Schranne - ein City-Tollwood

Das Getöse um die Schrannenhalle hört nicht auf. Jahrelanger Krach im Vorfeld und kaum hat sie eröffnet, raubt der Krach den Anwohnern den Schlaf. Dabei ist sie ja wahrlich nicht als Großraum-Innenstadt-Disco geplant gewesen. Sondern als Markthalle. Doch tagsüber ist von beidem wenig zu spüren. Weder ein Flair von Event-Location noch geschäftiges Treiben als Weiterführung des Viktualienmarktes. Und so bleibt der Eindruck: das ist nichts halbes und nichts ganzes. Was ist es eigentlich?

Raumgefühl entsteht schon mal keines - und das ist schade, denn damit ist die Architektur verschwendet. Man bummelt durch, von einem Ess-Ständchen zum anderen, dazwischen etwas Handwerk und drumrum ein bisserl Kultur. Kommt einem das nicht bekannt vor? Hier das ganze natürlich nicht alternativ sondern eher chichi. Viel Champagner und wenig neues, vor allem sind auch hier diejenigen präsent, über die man eh überall in München stolpert wie Höflinger.

Schade. Eine vertane Chance. Es hätte Weltstadtflair bringen können und ist dabei auf dem 80er Jahre Kir-Royal-Niveau hängen geblieben. Wer auf der Suche nach kleinen interessanten Läden ist, geht ein paar Schritte weiter ins Gärtnerplatzviertel. Und wer es schicker mag in die Fünf Höfe. Die einzige Hoffnung, vielleicht wird's ja ohne Wiesn-Deko besser...


Alle Macht dem Stärkeren

Wer sich tatsächlich noch fragt, weshalb sich in der deutschen Politik nichts bewegt, war schon lange nicht mehr mit dem Auto unterwegs. Denn die Mentalität, mit der in Deutschland Autogefahren wird, sagt alles über die Befindlichkeit der Deutschen aus – und weshalb sollte es in der Politik auch anders sein. Gefahren wird hier immer mit Vollgas, ohne Rücksicht auf Verluste geschweige denn auf andere. So geht’s mit Höchstgeschwindigkeit an die nächste Baustelle und jeder ist erstaunt, wenn er dann im Stau steht. Die Koalitionsverhandlungen – eine Autobahnbaustelle. Alle Macht dem Stärkeren und man wundert sich tatsächlich noch, dass in diesem Land Stillstand herrscht. 


Ein Prosit der Gemütlichkeit?

Gestern Mittag Hackerbrücke. Menschenmassen strömen Richtung Festwiese. Für die Zeit an sich erstaunlich, aber ein Nachmittag auf dem Oktoberfest ist etwas schönes. Man hat noch Platz zum rumlaufen ohne Gedränge. Kann sich in einen der Zeltbiergärten setzen, sieht Familien, verschiedene Generationen. Es hat etwas Gemütliches so ein sonniger Nachmittag auf der Wiesn ehe es am Abend wieder voll, laut und eng wird. Um so erschreckender die Beobachtung auf dem Weg: Viele Jugendliche (haben die keine Schule?) und davon nicht wenige mit einer Flasche Bier in der Hand. Warm trinken um ein Uhr Mittag. Um zum trinken zu gehen – um ein Uhr Mittag. Ähnliches ließ sich auch schon am Wochenende beobachten: Mit Schnapsflaschen und Alko-Pops waren da Jugendliche rund um die Theresienwiese unterwegs. Und das in einem Alter, wo man von einer Maß Wiesnbier schon blau sein sollte.


Katerstimmung nach der Wahl

Katerstimmung zur Wiesn-Zeit ist ja in München an und für sich nichts ungewöhnliches. Heute aber haben sie aber vor allem diejenigen, die am Sonntag abend nicht feiern waren, sondern sich den Wahlabend in voller Länge vor dem Fernsehgerät gegeben haben. Dabei haben dort nach den ersten Hochrechnungen auch alle gefeiert. Nur Sieger – wie schön, wenn sich alle Parteien einmal so einig sind.

Frau Merkel war die Siegerin, weil sie geschafft hat, was Stoiber vor drei Jahren nicht geschafft hat: sie liegt 0,9 Prozentpunkte vor der SPD. Herr Stoiber war der Sieger, weil er das beste Unionsergebnis eingefahren hat. Herr Westerwelle, weil die FDP beinahe über zehn Prozent gekommen wäre. Die Grünen, weil sie besser abgeschnitten haben als erwartet. Und Herr Schröder, weil er lange nicht die prognostizierte Klatsche bekommen hat.

Nach aller Euphorie am Wahlabend stellt sich nun aber die Frage, wer aus diesem Prolog zu dem nun beginnenden Berliner Theater nun tatsächlich als Sieger hervorgeht. Denn eigentlich haben sie alle verloren: Und allen voran die Union, denn das Ergebnis ist eine persönliche Niederlage für Angela Merkel, die wahrscheinlich jetzt hinter jedem Vorhang schon Brutus vermutet. Auch Edmund Stoiber ist weit entfernt die drittstärkste Kraft im Bundestag zu sein – dabei war seine „ich halte mir jede Option offen“-Haltung sicher auch nicht hilfreich. Der größte Wahlgewinner, die FDP, wird wahrscheinlich nichts davon haben.

Und die bisherigen Regierungsparteien? Die Grünen haben immerhin ein stabiles Ergebnis und damit das Ok ihrer Wähler, dass sie soviel nicht falsch gemacht haben in den letzten Jahren. Und Gerhard Schröder hat zwar nicht gewonnen, doch sein persönlicher Sieg ist die Niederlage der anderen – und das erklärt auch seinen völlig durchgeknallten Auftritt in der Berliner Runde am Wahlabend. Das war sein Triumph über Angi und Ede. Was aus den einzelnen Personen in diesem Theater werden wird, werden die nächsten Tage und Wochen zeigen. Unter dem Titel: Quo vadis Deutschland?


O’zapft is

Zwei Schläge hat unser Oberbürgermeister nur gebraucht, um das erste Wiesn-Fass anzuzapfen. Wen er da wohl vor Augen hatte, bei den zielgenauen Schlägen, das fragt man sich am Tag vor der Bundestagswahl. Aber die Wiesn soll ja politikfreie Zone sein... Bleibt die Frage, ob sich so an diesem Wochenende München spaltet in Oktoberfestbesucher und Wähler oder ob der möglicherweise gesteigerte Biergenuss sich im Wahlergebnis wiederspiegeln wird.


Wahlhilfe

Zum Thema Wahl - von wem auch immer dieses Kuhgleichnis stammt, ich jedenfalls habe es von einem Kollegen zugeschickt bekommen und gebe es jetzt weiter: POLITIK EINFACH ERKLÄRT

Christdemokrat:
Sie besitzen zwei Kühe. Ihr Nachbar besitzt keine. Sie behalten eine und schenken Ihrem armen Nachbarn die andere. Danach bereuen Sie es.

Sozialist:
Sie besitzen zwei Kühe. Ihr Nachbar besitzt keine. Die Regierung nimmt Ihnen eine ab und gibt diese Ihrem Nachbarn. Sie werden gezwungen, eine Genossenschaft zu gründen, um Ihrem Nachbar bei der Tierhaltung zu helfen.

Sozialdemokrat:
Sie besitzen zwei Kühe. Ihr Nachbar besitzt keine. Sie fühlen sich schuldig, weil  Sie erfolgreich arbeiten. Sie wählen Leute in die Regierung, die Ihre Kühe besteuern. Das zwingt Sie, eine Kuh zu verkaufen, um die Steuern bezahlen zu können. Die Leute, die Sie gewählt haben, nehmen dieses Geld, kaufen eine Kuh und geben diese Ihrem Nachbarn. Sie fühlen sich rechtschaffen. Udo Lindenberg singt für sie.

Freidemokrat:
Sie besitzen zwei Kühe. Ihr Nachbar besitzt keine. Na und?

Kommunist:
Sie besitzen zwei Kühe. Ihr Nachbar besitzt keine. Die Regierung beschlagnahmt beide Kühe und verkauft Ihnen die Milch. Sie stehen stundenlang für die Milch an. Sie ist sauer.

Kapitalist:
Sie besitzen zwei Kühe. Sie verkaufen eine und kaufen einen Bullen, um eine Herde zu züchten.

Allen anderen, die auch nach diesem Kuhhandel hier nicht wissen, wen oder was sie wählen sollen, sei der Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für Politische Bildung empfohlen - dabei kann es zu überraschenden Ergebnissen kommen...


Noch zehn Tage bis zur Wiesn

Bald geht’s los. Hat Sie das Wiesn-Fieber schon wieder? Oder gehören Sie zu den Menschen, die im September auf gepackten Koffern sitzen, um Mitte des Monats fluchtartig für 17 Tage die Stadt zu verlassen? Vielleicht sind Sie ja auch Teil jener Gruppe von Münchnern (ja, die soll es auch geben), die jedes Jahr aufs neue davon überrascht werden, dass im September das Oktoberfest anfängt?

Wie dem auch immer sei. Der Countdown läuft – jetzt ist es höchste Zeit...

...das Dirndl anzuprobieren, ob’s denn auch noch passt. Und wenn man gerade dabei ist, wäre doch ein Stadtbummel in Tracht ganz nett – um wieder ein Gefühl für dieses Lebensgefühl zu bekommen.

...wenn es nur ein bisschen zu eng ist – und allen andern schadet es auch nicht, ehe die Kalorienfalle Wiesn wieder zufällt: ein paar Diättage sind jetzt genau das Richtige

...sich für den obligatorischen Wiesn-Schnupfen zu rüsten: Jetzt mit Zink und Vitaminkur anfangen. Echinacea schadet sicher auch nicht. Und wenn Sie gerade in der Apotheke sind: Füllen Sie Ihre Vorräte an Magnesium und Kopfschmerztabletten auf, das werden Sie sicher noch brauchen.

...die Langzeitprognose des Wetterberichts anzuschauen.

...das Gästezimmer für auswärtige Besucher mal wieder auf Vordermann zu bringen

...für den Oktoberfestfilm von Johannes Brunner: Sieben Geschichten sind ineinander verwoben, sie alle erzählen vom letzten Tag auf dem Oktoberfest und von den Komödien und Tragödien vor und hinter dieser Kulisse.

...den Oktoberfest-Krimi von Sobo Swobodnik zu lesen: Nach „Altötting“ ein neuer Fall für Paul Plotek. Darauf ein Unertl im „Froh und Munter“ – ach ja, das gibt’s ja nicht mehr – schade eigentlich.

...dann statt dessen mal wieder ins Pub - und unsere englischsprachigen Münchner Mitbürger und deren Freunde beim einfeiern erleben.

...eine Kurzreise für’s zweite Wiesn-Wochenende zu planen, denn dann ist München sowieso überfüllt und macht keinen Spaß. Am besten nach Oberitalien. Wie wäre es mit Wandern in Südtirol? Wein statt Bier? Und: Es ist nicht zu weit für zwei Tage – schließlich fahren tausende Italiener die gleiche Strecke, nur eben entgegengesetzt.


Von der Getreidehalle zur Großstadtlocation

Heute eröffnet die Schrannenhalle. Nach vielen Querelen und jahrzehntelangen hin und her ist damit die ehemalige Getreidehalle am Viktualienmarkt wieder da. Und wie. Die Erwartungen sind hoch – auch meine. Wird es ein Marktplatz des 21. Jahrhunderts mit Großstadtflair? Ein echter Mittelpunkt für München oder reine Touristenbude? Man darf gespannt sein.

Essen und Trinken aus aller Welt – vom Strudl über Tandoori bis zu Sylter Spezialitäten, von Bier und Champagner zu Tee und Wein. Orginelle Geschäfte, die nicht dem Ladenschlussgesetz unterliegen - vom Haferlschuhmacher über Seifenmacher, Aufstrichmacher, Nudelmacher, Eismacher Senfmacher, Pralinenmacher bis zum Buchbinder und Goldschmied. Die Auswahl ist groß, auch wenn sich inzwischen herausgestellt hat, auch die Schrannenhalle unterliegt dem Ladenschlussgesetzt, alles andere war nur ein PR-Gag. 

Es ist auf jeden Fall klar eine Aufwertung der Innenstadt. Und ich freu mich jetzt erst mal drauf und werde mir das ganze so bald wie möglich mal anschauen.


Das Glück eines Samstag vormittags

Es ist ein Glück, das man erst im Laufe der Jahre kennen lernt. Es beginnt meistens so in den 30ern und ist dann so überwältigender, weil es so neu ist – wie auch jede neue Liebe überwältigend ist. Hat man doch über Jahre hinweg den Samstag Vormittag in Dunkelheit verbracht – fast immer schlafend nämlich – erwacht nun der Tag tatsächlich zum Leben.

Und speziell der Samstag Vormittag hat in München so seine ureigenste Atmosphäre. Jenseits der Innenstadt, wohin am Samstag die Touristen und die Bewohner des Umlands strömen, die der Münchner an sich schon meistens nicht leiden kann, gehört München an diesem Tag den Münchnern. Und sie nehmen ihre Stadt auch in Besitz – kosten sie aus. Das Leben pulsiert, eine Geschäftigkeit liegt in der Luft – ganz ohne stressigen Beigeschmack. Ein Moment, in dem der Alltag zu den schönen Dingen des Lebens gehört.

Die Lebenslust findet man nicht im Kaufhaus oder im Supermarkt. Wer den Zauber des Samstags erfahren will, bummelt über den Markt, stöbert in Buchläden, entdeckt kleine Geschäfte. Kauft da ein bisschen Wein, dort etwas Käse, noch frisches Obst und vielleicht noch irgendwo sinnlose Kleinigkeiten. Schöne Dinge eben. Drinkt da einen Espresso, bummelt weiter, lässt sich treiben, setzt sich auf einen Prosecco an die Straße, liest vielleicht ein bisschen Zeitung, schaut den Leuten zu und denkt sich: Der liebe Gott ist tatsächlich ein guter Mann – schließlich hat er den Samstag vormittag in München geschaffen.

Man kann den Samstag verschlafen. Man kann ihn mit Stress und Hausputz verschwenden. Oder man kann seinen Alltag auf Urlaub schicken und in den Tag eintauchen. Leben. Und ehrlich: Jede Woche einen Tag Urlaub – welche Stadt schenkt einem das schon?