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Juni 2006

Ja ist denn heut...

...die Weltmeisterschaft schon vorbei? - Klärt's mich auf, hab ich das Finale verschlafen? Wer hat denn gewonnen?

Wie ich drauf komm? Nein, ich bekomme beileibe nicht von zwei Fußballfreien Tagen Entzugserscheinungen - find's eigentlich sehr entspannend. Aber bei der Süddeutschen Zeitung findet diese Woche keine WM statt - was man auf Grund des Packens Sport jeden Morgen kaum glauben möchte. Aber beim Fernsehmagazin hat man sich gedacht: Was wollen die Leute nur mit langweiligen Fußball - sollen sie doch am Freitag statt Viertelfinale Verbotene Liebe und Marienhof schauen. Ist doch viel besser als Deutschland gegen Argentinien. Und danach wird angeblich Christine Neubauer ihre Heimatgefühle ausleben. Ein Fernsehabend nach unserem Geschmack. - Also "Ihr TV- und Radio-Programm" verpennt die WM - und keiner merkt's... 


Schwarz rot gold...

...oder mein Dilemma mit Nationalsymbolen aller Art

Ja, ich bin sehr gespalten. Auf die Frage, woher ich komme, kommt auch im Ausland zuerst München, dann Deutschland. - Vorteil, München kennen die Menschen, München mögen die Menschen. Und damit ist eigentlich auch schon klar, womit ich mich identifiziere. Aufgwachsen mit Eltern, die Kriegskinder waren, die Kriegsfolgen in Form des geteilten Deutschlands bewusst erlebt, ist bei mir alles, was Deutschland repräsentiert, unglaublich besetzt. Unbefangen an das Thema rangehen, kann ich nicht. Deutsch ist für mich in erster Linie Sprache - und dann stellt man aber ganz schnell fest, dass viele der großen Dichter, Denker, Künstler eigentlich Österreicher waren und sind - also diese Definition funktioniert schon mal gar nicht. Und dennoch ist es die einzige, die ich habe. Aber zurück zu den Symbolen.

Angekommen ist die WM - sogar in meinem stillen WM-fernen Stadtteil. Was sich unweigerlich an den stilvollen Gründerzeitbauten zeigt, von denen doch der ein oder andere sich nun farbenprächtig geschmückt zeigt. Früher hat man die Häuser zu Fronleichnam geschmückt, heute zur Weltmeisterschaft. So ändern sich die Zeiten. Bei ein paar Häusern wehen die Fahnen auch nur im Hinterhof - ob wegen Denkmalschutz oder leicht verschämter Euphorie? Leichte Verwunderung löst die Beflaggung ja schon aus in diesen Straßenzügen - dass man hier mal etwas anderes sehen würde als das Pace-Zeichen... Und gleichzeitig ist es nichts, was mich nun im Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft stören würde, denn es sind beileibe nicht nur deutsche Fahnen, hie hier wehen... Bunt ist diese Stadt. Menschen aus vielen Teilen der Welt leben hier. Und das ist schön.

Szenenwechsel, Leopoldstraße, nach einem Deutschlandspiel (beliebig, aber gewonnen): Ein Meer von deutschen Fahnen - ein Meer von Menschen. Vielleicht sollte ich vorab sagen, dass mir Menschenmassen gleich wo und welcher Nationalität grundsätzlich Angst machen. Freude, Jubel und der Schlachtruf: So sehen Sieger aus. - Dabei schaudert's mich. Dabei ist es nur ehrliche Freude - und hat nichts mit Nationalismus zu tun, hoffe ich jedenfalls, sagt mein Verstand mir jedenfalls, beängstigend finde ich die Szenerie dennoch. Dabei fiebere ich selbst mit und finde die deutsche Nationalmannschaft ganz wunderbar.

Und trotz aller Probleme, die ich mit der Masse auf der Leopoldstraße habe, wenn die Studentenvertretung das mit einem Plaktat kommentiert: "Wer für Deutschland ist, ist für Ausschwitz" - dann finde ich das in diesem Zusammenhang mehr als daneben. Unbefangen damit umgehen, heisst nicht vergessen.

Nehmen wir ein anderes Symbol: Die Nationalhymne. Jede andere Nation zeigt Achtung vor ihrer Hymne. Die Menschen stehen auf, singen. Je nach Land mit mehr oder weniger Pathos, aber mit Achtung. Hier weiss kein Mensch, wie er sich verhalten soll, wenn die Nationalhymne erklingt. Sie wird ignoriert, manchmal sind die Menschen auch verlegen, meistens quasseln sie weiter. Und wenn dann eine Gruppe Abiturienten, die Hälfte von ihnen mit eindeutig binationalen Familienhintergrund,  aufsteht, voll inbrunst die Hymne mitschmettert, dann ist das unbefangen - wie ihr Hintergrund unbefangener ist - für sie ist vieles einfach nur noch Geschichte (und dann hoffen wir doch mal, dass sie gute Lehrer hatten).

Und wenn ich dann überlege - in ihrem Alter... Als ich Abitur gemacht habe, war das die Zeit als die Mauer gerade gefallen war... Wieso kommt es mir dann komisch vor, von Einigkeit und Recht und Freiheit zu singen? - Weltmeisterschaft hin, Freudentaumel her. Vielleicht sollten ich und meine Generation endlich lernen, dass Unbefangenheit nicht Vergessen bedeutet. Denn egal ob wir es über Sprache, Geschichte oder Fußball definieren - wir sind Teil davon: Von gestern - von heute - und von morgen.


Guten morgen

Die Stadt hat ihr freundliches Sommermorgenlächeln aufgesetzt - der Himmel sein unschuldiges Ich-war's-nicht-Kindergesicht. Nichts erinnert mehr an die Weltuntergangsstimmung von gestern abend. Nur das sch-sch der fegenden Besen erinnert an die herabgestürzten Zweige und gefallenen Blätter.


Ganz Australien eine riesige Party...

Das Fußballfieber ist Völkerverbindend - auch im fernen Australien wird die Weltmeisterschaft zelebriert - wie dieser Auszug aus einem Briefwechsel der letzten zwei Wochen zeigt - zwischen München und Down Under

10: Juni: From Munich to Down-Under

Es geht los!!

13. Juni: From Munich to Down-Under
Hier ist die Hoelle los... Na ja vielleicht uebertrieben, aber viele Leute haben sich gefreut und wir haben auch ganz schoen gejubelt. Solange Australien nicht gegen Deutschland spielt feuern wir beide an...

17. Juni: From Munich to Down Under
Liebe Australier und Deutsche! War das ein Spiel am Mittwoch!! Obwohl ihr werdet es auf Grund der Uhrzeit nicht gesehen haben. Ich glaube, ein ganzes Land hat geschlossen mitgefiebert! Und jetzt fiebert München mit euch auf das Australien-Spiel hin...

18.Juni: From Down Under to Munich
Natuerlich haben wir das Spiel gesehen. Ich bin sogar extra um vier Uhr morgens bei 4 Grad zu einem Spezl geradelt, der eine grosse Leinweind im Wohnzimmer installiert hat. Jener Spezl kommt heute um 1 Uhr zu uns, wo wir dann bei Kaminfeuer und Bier anschauen, wie Australien die Brasilianer vom Platz fegt! Na ja, auch schoen, wenn man noch Traeume hat... Auf jeden Fall spielen die Uhrzeiten bei WM keine Rolle. Ein vernachlaessigbarer negativer Faktor, der komplett ignoriert wird...

19 Juni: From Munich to Down Under
naja, so falsch lagest du doch gar nicht - immerhin hat Australien den wieder faden Brasilianern ganz gut die Stirn geboten!! Das Ergebnis ist halt ärgerlich. Aber die Aussis haben ja noch eine reelle Chance weiterzukommen! Die Münchner Innenstadt war allerdings fest in gelb-grüner Hand - es war jedenfalls ein sehr schönes Fest im Anschluss, zu dem sich auch der ein oder andere Australier gesellte- die anderen haben die Niederlage wohl mit ein paar Bier in den diversen Biergärten runtergekippt;-) Nächsten Samstag steigt in München das nächste Fest: das erste Achtelfinale! Mit deutscher Beteiligung?

19 Juni: From Down Under to Munich:
Danke fuer die Unterstuetzung... ich sag Dir, hier ist die Hoelle los. Die feiern hier wie verrueckt, auch wenn die verlieren, denn die Mannschaft zeigt wirklich eine ganz gute Leistung und ich denke, ein 1-1 waere auch in Ordnung gegangen. Unser gesamtes Sydney Buero hat sich heute krank gemeldet... es geht ein wirklich uebler Virus um... Socceritis! Morgen bin ich bei einem Freund fuer's letzte Gruppenspiel, denn einer meiner engsten Kollegen hier ist, wie's der Zufall will, aus Ecuador und da muessen wir natuerlich eine Session steigen lassen. Die Zeit passt auch einigermassen mit 23:30 Uhr. Der ist ohnehin ein Fussball-Narr, aber es ist lustig anzusehen, wie die ganze Nation hier eine neue Sportart fuer sich entdeckt. Am Samstag, der Sporttag schlechthin, sind alle Cricketfelder verschwunden und wo man hinsieht spielen sie Fussball. Bei dem Enthusiasmus waechst hier ein neuer Weltmeister heran :-)

22.Juni: From Munich to Down Under
noch zweieinhalb Stunden!! in München ist immer noch Hochsommer und Hochstimmung... Wie schön, dass du deinem ecuadorianischen Kollegen Trost spenden wirst, wenn wir sie heute vom Platz jagen ;-) du bist doch wirklich ein wahrer Freund...

22.Juni: From Down Under to Munich
Was fuer ein Spiel... aber die anderen waren wirklich grottenschlecht. Schau ma mal. Ob's gegen Schweden auch so gut klappt, sollte zu packen sein.

23.Juni, 23.05: From Down Under to Munich
Ein Herzinfarkt-Spiel, aber sie sind im Achtelfinale...Das war’s schon wieder aus Down Under!

23.Juni, 23.58: From Down Under to Munich
So langsam wissen die hier auch wie man “Football“ buchstabiert... order war’s doch „Soccer“? Na ja, die werden’s schon noch lernen. 20000 Menschen am Federation Square in Melbourne um 4 Uhr nachts, in Sydney das gleiche... ganz Australien eine riesige Party...


Interview mit einem Braunbären

Notebook München gelang es, was fünf finnische Bärenjäger mit Schnappauf im Schlepptau schon seit Wochen versuchen. Wir schnappten uns den Braunbären in der Nähe des Tegernsees und verdonnerten ihn gleich zu einem Exklusiv-Interview.

NM (Notebook München): Guten Tag Herr Bär oder darf ich sie Bruno nennen?
BB (Bruno Bär): Schönen guten Tag, nennen Sie mich doch, wie sie wollen.

NM: Oh, das klingt aber nicht freundlich - dann stimmen also die Gerüchte über sie?
BB: Welche Gerüchte?

NM: Sie hätten es auf uns Menschen abgesehen - gerade wurden sie in der Nähe von Wildbad Kreuth und am Tegernsee gesichtet, da haben es einige dann schon mit der Angst zu tun bekommen.
BB: Die müssen sich nicht fürchten - ich bin nämlich Feinschmecker. Zugegeben, auch ein Süßmaul, Honig ist meine Leibspeise. Aber Menschen? Von Bierbäuchen bekomme ich Magenschmerzen und der eigene Geschmack von Großkopferten sagt mir gar nicht zu.

NM: Dann müssen sich etwa Kinder vor Ihnen fürchten?
BB: Wieso? Ich liebe Kinder - ich würde mir wünschen, ich würde von einem adoptiert werden - so wie mein Freund Balu den kleinen Mogli adoptiert hatte - und mir zeigen, wie ich mich in diesem Oberbayern zurechtfinden kann. Alles ist so eng hier, überall Steine und keine Natur. Und die Menschen erst - zwei weiße Stecken, eine Kugel und noch eine, die sie dann Kopf nennen - seltsame Geschöpfe.

NM: Was machen Sie denn überhaupt hier?
BB - beginnt zu weinen: Ich habe mich verlaufen. Ich weiss nicht, wo ich hingehöre. Ich habe keine Mutter mehr und auch keine Bärin, die mich liebt.

NM: Oh Herr Bär, Bruno mein ich, das ist aber traurig. Wie können wir Ihnen helfen?
BB: Ich weiss es nicht, bringt mich weg von hier. Das ist kein Bärenland. Ich brauche Platz, ich brauche Einsamkeit. Aber wahrscheinlich gibt es für jemanden wie mich keinen Platz mehr hier in den Alpen. Wenn ich den Weg finde, werde ich nach Osten wandern - ich habe gehört, weiter im Osten ist noch Platz.

NM: Herr Bär, wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Ihnen viel Glück bei Ihrem Weg.


1 x 1

Wenn sechs Kugeln Eis drei Euro kosten, wieviel kostet dann eine Kugel. Frage vor der Eisdiele. Pause. Immer noch Pause. Antwort: 80 Cent. Antwort: Ach ja. - Die beiden Mädels waren der ersten Klasse gut und gern acht bis zehn Jahre entwachsen. Nein, oder? Nicht zu vergessen das Schild an eben dieser Eisdiele: Heute jede Kugel 50 Cent. Aber dazu müsste man halt lesen können...


Freunde sollt ihr sein

Elf eigentlich, manchmal sind's aber aber auch nur acht oder neun, wie das Spiel gestern abend gezeigt hat. Denn wer sich nicht freundschaftlich zeigt, wird mit Liebesentzug bestraft und muss zuschauen. Das war zu meinen Kindergartenzeiten schon Usus - komisch, dass die das heute noch nicht wissen. Aber die Spieler sind halt ein Stück jünger (soviel zum Thema, woran man merkt, dass man alt wird - in vier Jahren fang ich an zu denken, der könnte jetzt mein Sohn sein) und mitten reingekommen in die Zeit "Kinder dürfen alles" - sieht man doch wieder, was dabei rauskommt. Und dabei waren es doch die Italiener - Menschen aus einem Land, in dem die Chance eine nonnengeprägte Erziehung zu genießen ebenso groß ist wie in Bayern.

Der Zuschauer sieht sich indessen mit anderen Freundschaftsbekundungen konfrontiert. Was bedeutet, im Zweifelsfall ja nicht für die falsche Mannschaft jubeln. So war ich gestern zu einem US-Spieleabend eingeladen. Rein kulinarisch hätte ich lieber einen italienischen Freundschaftsbesuch abgestattet, aber manchmal müssen es eben Burger sein, wofür einem die Waage am nächsten Morgen prompt die rote Karte zeigt. Von in diesem Fall 15 Freunden haben es tatsächlich zwei gewagt, offen für Italien zu jubeln - dass sie nicht mit Liebesentzug gestraft wurden, spricht dann doch dafür, dass es ausserhalb des Spielfeldes fairer zugeht als darauf...


Heimaturlaub II

Rausgeputzt hat sich die kleine Stadt. Fast wie mir zu Ehren - ach ja, es ist ja Fronleichnam. Man sollte nicht alles so persönlich nehmen. Dieses Fest hat sich mir noch nie erschlossen und das trotz meiner grundkatholischen Erziehung. Mal wieder durch vertraute Straßen gehen, neues entdecken und um altes, nie mehr wieder kehrendes, sentimental ein bisschen trauern. Diese Stadt ist im Sommer wie Italien - nur 90 Prozent der Leute sollte man austauschen.


Das Spiel des Tages

Es soll ja Menschen geben, die bei der ersten Blindverlosung Karten bekommen haben. Was sie dann auch allen anderen unter die Nase gerieben haben - geträumt haben sie dann von Spielen wie Deutschland oder Brasilien und derweil eifrig Panini-Bildchen geklebt. Bekommen haben sie dann Tunesien gegen Saudi-Arabien. Und jetzt können sie überlegen, wie sie am schnellsten von Fröttmaning nach dem Spiel  um 20 Uhr zu einem Fernseher kommen zum Anpfiff um 21 Uhr. Tja, die erste Halbzeit des Deutschlandspiels heute abend werden sie wohl in einer völlig überfüllten U-Bahn oder im Stau verbringen. Und, nein, ich bin nicht boshaft, ich wünsche nur einen schönen Fußballabend!

Und ich halte euch auch einen Platz für die zweite Halbzeit frei...


Auf der Suche nach dem Fest

Ganz München ein einziges Fußballfest - jubeln die einen, stöhnen die anderen (in diesem Fall bitte Fest durch ein negativ besetztes Wort ersetzen). Ich weiss ja nicht genau, wo diese Menschen leben (am Marienplatz? In der Fußgängerzone? Im Olympiapark?), aber auf jeden Fall in einem anderen München als ich. Hier, in meinem persönlichen München herrscht nämlich Ruhe, Beschaulichkeit, es ist fast wie zu Weihnachten. Von Fußball jedenfalls keine Spur.

Und deshalb ging ich gestern auf Spurensuche. Des Nachmittags, kurz vor dem Anpfiiff des Englandspiels (da wollte ich zwar schon am Ziel sein, aber Frauen kommen halt nie pünktlich aus dem Haus). Mit dem Rad Richtung Englischer Garten: Der Mittlere Ring so leer wie am frühen Sonntag morgen. Auf der Leonrodstraße kein einziges Auto. Weiter Richtung Westschwabing - ein verirrtes Menschlein, das einen Kasten Bier nach Hause schleppt. In der Maxvorstadt ist sogar in den Semesterferien mehr los. Von der Uni eingebogen Richtung Englischer Garten - von den erwarteten Menschenmassen keine Spur. Ein paar Menschen beim Sonnenbaden, ein paar Trommler - so friedlich hab ich München schon lange nicht mehr erlebt.

Der Biergarten am Chinesischen Turm ist zwar voll, aber nicht überfüllt. Die ersten Schweden haben sich schon positioniert, neben mir ein paar Mexikaner, daneben ein paar Amis, die gerade das Weissbier für sich entdecken - vielfarbig, bunt. Die Stimmung gut aber nicht überwältigend, was an dem langweiligen Spiel liegen könnte, von dem man nochdazu bei Tageslicht sehr wenig gesehen hat. Und deshalb  hat sich das ganze nach dem Spiel auch erst mal relativ schnell aufgelöst - die Schweden haben sich bessere Plätze gesucht, die anderen sind weitergezogen. Und ich bin wieder heimgeradelt - in die fußballfreie Idylle...


Straßenfußball mal anders

Public viewing heisst das ganze ja auf neudeutsch. Fußball-Event steht auf den Schildern, die einem im Olympiapark den Weg weisen sollen. Ein neuer Trend sagen Marketingleute und klopfen sich auf die Schulter, ganz besonders die Sponsoren, die ja keinen Einfluss auf das Ess- und Trinkverhalten in den eigenen vier Wänden nehmen können. Und solange es von der Firma mit dem Clown in Deutschland keinen Homeservice gibt, wird's daheim auch eher Buletten/Fleischplanzerl oder wie auch immer das wo auch immer in den verschiedenen Regionen heisst geben und keine Hamburger. Aber das nur am Rande.

Zusammen ein Spiel anschauen ist eigentlich gar nicht so neu. Es hatte ja lange kaum jemand einen Fernseher. Das Wunder von Bern 1954 wurde per Radio nach Deutschland übertragen oder das ganze Dorf versammelte sich um den einen Großkopferten, der tatsächlich schon ein Fernsehgerät hatte - und schaute zusammen. Beim nächsten großen Endspiel von 74 war das dann schon etwas anderes. Da hatten die meisten schon einen eigenen Fernseher (bis auf meine Eltern) - und es begann die Zeit der Familie, Individualisierung, einzeln daheim vor dem Fernseher sitzen. Und dennoch haben sich immer wieder die Menschen getroffen, um gemeinsam irgendwo Fußball zu schauen.

Inzwischen sind es halt Großveranstaltungen. Wie ich die finde, weiss ich noch nicht so genau. Ich mag die Stimmung, die dabei geschaffen wird - wenn ich nicht gerade wegen Platzangst vom Platz flüchte... Deswegen (also wegen der Stimmung) war ich auch durchaus willens, mir das Eröffnungsspiel in großer Runde zu geben. Fanfest Olympiapark nennt sich das. 20.000 oder 30.000 Leute auf einen Haufen. Um es vorweg zu nehmen: Es fand ohne mich statt. Das Ding war wegen Überfüllung geschlossen.

Jetzt war ich glücklicherweise mit Freunden unterwegs, die in der Nähe wohnen. Aber es gab genug Fans von irgendwo, die ziemlich doof in der Gegend standen. Wohin? Im Olympiapark bist du ja adw und eine Stunde vor Anpfiff ist auch jeder Biergarten voll. Die haben mir richtig leid getan. Vorallem, da wir tatsächlich noch eine Option entdeckt haben. Es nennt sich Kulturhaus - es hat eine große Leinwand, es gab Fleisch und Gemüse vom Grill, das Bier vom Fass kostet 2,50  - und  es war leer. Ein paar Meter neben der Trambahnstation, die jede Menge dumm schauende Fans Richtung Innenstadt bringen sollte und die den Anpfiff garantiert irgendwo umherirrend verbracht haben. Nicht einmal mit einem Radio in der Nähe.

Und ihr dürft mir immer noch sagen, wo ihr so schaut...


Toor oder i werd narrisch

Es gibt Menschen, die sind von DVBT begeistert. Ich gehöre nicht dazu. Denn seit DVBT hat mein Fernseher ein unkontrollierbares Eigenleben entwickelt. Ob ein Programm reingeht oder nicht ist wie Lotto spielen - Glückssache. Hängt mit dem Wetter zusammen, ob das Fenster geöffnet ist und manchmal auch wie man auf dem Sofa sitzt. Was an und für sich schon nervt, aber in der Regel mit einem Schulterzucken abgetan wird - dann halt nicht. Was aber tatsächlich nervt, dass in erster Linie die öffentlich-rechtlichen Sender, also die, die diese Technik unbedingt wollten, die größten Aussetzer haben: das ZDF wird zum zeitweise doch fernsehen. Von 3sat will ich gar nicht erst sprechen und von all den Programmen, auf die ich mich gefreut hatte. Pro Sieben und Sat 1 gehen komischerweise immer rein.

Dummerweise kommt die WM aber auf dem öffentlich rechtlichen Sendern. Jetzt muss ich da zwar auch nicht fanatisch jedes Spiel sehen, aber das ein oder andere würde ich schon gerne anschauen. Und in diesem Moment auf eine graue Mattscheibe zu glotzen, auf der dann "Signal verloren" steht, keine prickelnden Aussichten.

Alternativen müssen her! Zwar wird es in der ganzen Stadt kein fussballfreies Fleckchen geben, aber wo ich dann schauen könnte, weiss ich immer noch nicht. Also lieber Leser: Wo verbringen denn Sie die nächsten vier Wochen? Vielleicht schau ich da auch mal vorbei...


Die Docks von München

Was London und Hamburg machen können, können wir doch schon lange. Muss sich jemand in der Münchner Stadtplanung gedacht haben. Voll Neid. Denn wenn irgendetwas die Münchner gar nicht wegstecken können, ist es die Tatsache, dass irgendwo anders irgendetwas größer, toller oder schöner sein könnte. Gut, lassen wir London mal weg - andere Liga - das ist wie im Fußball, auch wenn die nur eine Königin und wir in München immerhin einen Kaiser haben. Aber von Hamburg kann man sich doch nicht einfach so in die Tasche stecken lassen. In diesem Fall geht es um die wundersame Wohnraumvermehrung in Hamburg im Gegensatz zur Verknappung in München. Jetzt ist der Münchner zwar geneigt zu sagen, es läge schlicht daran, dass halt in Hamburg keiner wohnen möchte - aber davon werden die Wohnungen in München auch nicht mehr.

Hamburg hat ja vor einigen Jahren alte Lagerhäuser und Docks nach dem Vorbild von London in Wohnungen umgewandelt. Sehr schick. Sehr teuer. Extraordinär. Das wurmt in München. Blöderweise hat jetzt München aber keinen Hafen. Was brauchen wir einen Hafen, dachte man sich, wir haben ja die Bundesbahn. Der neueste Trend also: Wohnen am Bahngleis. Und was wird nicht alles gebaut: Fängt mit den Hackerhöfen an, die dann in den Arnulfpark (ja, es wird irgendwo ein Bäumchen gepflanzt werden) übergehen, dann, nein, dann kommt die Donnersberger Brücke und der mittlere Ring. Aber noch vor der Laimer Unterführung wird das nächste Wohnen am Bahndamm, am Hirschgarten, angepriesen und auf der anderen Seite, gegenüber der Wotanstraße heisst es es tatsächlich: Wohnen an der Schlossmauer - ja, die geht nämlich tatsächlich fast bis zu den Gleisen vor.

Das macht Spaß, das macht Freude und noch eine Runde. An der S-Bahn-Stammstrecke wohnt doch jeder gern. Und weil dem so ist, soll die Bahn künftig auch zu denen kommen, die meinten auf diese Form von Verkehrsindurstrialisierungsromantik in ihrer Wohnung verzichten zu können. Wie preist ein anderes Bauprojekt sich gerade an? Das letzte freie Baugrundstück in Haidhausen. Doch vorsicht, nicht gleich euphorisch zur Bank rennen: Auch die Stadt München baut an dieser Stelle - nämlich die zweite S-Bahn-Stammstrecke. Seit das vergangenen Herbst mal wieder von den Lokalzeitungen thematisiert wurde, sind da auch noch Wohnungen zu haben...

Aber das ist ja noch nicht alles. München soll ja ein einziges Schienennetz werden. Schaut man sich die Planungen für den Transrapid an, der quer über Neuhausen erst mal Richtung Norden donnern soll - vorbei am Olympiazentrum Richtung Schleißheim, durch die Vorgärten von tausenden in den letzten Jahren entstandenen Eigenheimhäuschen, stellt man fest, dass von dem Bahntrend in München keiner verschont werden soll. Kommst du nicht zur Bahn, kommt sie halt zu dir. Weil das ist hier in München der neue Trend. Sehr vorausschauend, denn wenn die Bahngleise irgendwann mal stillgelegt werden, kann man die halbe Stadt luxussanieren. Und dann hat man tollen schicken Wohnraum. Wie in Hamburg.


It's coming home, it's coming...

Wir sind Weltmeister. Nein, falscher Film. Wir werden Weltmeister - ob bei dem Casting? Naja, immerhin wir steigen ja als Vize-Weltmeister in den Ring, pardon ins Stadion. Weiss keiner mehr oder? War ja diese entsetzliche WM vor vier Jahren, die an den meisten doch irgendwie vorbei gegangen ist, weil zu ganz seltsamen Zeiten hier gelaufen. Und das Wetter war im übrigen fast genauso schlecht wie heute, aber das nur am Rande. Also zur Erinnerung: Es war die Weltmeisterschaft von King Kahn - bis zum Finale. Dann wurde zum ersten Mal Fußball gespielt. Dann kam Brasilien. Aber immerhin gab's für Lockenrudi danach ein hübsches Danke schön Lied. Klinsi halt dich ran, dann wirst du auch verewigt.

In einer Woche geht's also wieder los. Zeit sich in Stimmung zu bringen. Und zwar jetzt ehe einen das letzte Spiel heute abend die Stimmung möglicherweise wieder versaut. Es gibt ja verschiedene Möglichkeiten, sich so kurzfristig noch vorzubereiten. Frauenzeitschriften warten mit WM-Rezepten auf - wie beglücke ich als gute Hausfrau den Macho von heute? Abgelehnt. Andere setzen sich zumindest mit dem Sex-Appeal der Spieler auseinander. Ich persönlich mache das frühestens während des Spiels - um  männliche Mitschauer zu ärgern. Und wieder andere überlegen, nach welchen familiären Großfamilienverbundenheiten sie jubeln können. - Ich bin auch für Aussenseiter: Ich bin jetzt für Deutschland.

Wir sind jetzt Deutschland - diese dämliche Werbekampagne lief zum völlig falschen Zeitpunkt. Und wie entsteht Gemeinschaftsgefühl am ehesten? Richtig: Fangesänge. Also ölt die Stimmen. Nachdem ich mich ja letzens beschwert habe, dass es kein anständiges Fanlied gäbe - jedenfalls kein deutsches, bin ich dieser Sache nochmal nachgegangen.

Verehrte Leser, meine persönlichen Favoriten, was DAS Fußball-Lied zur WM anbelangt, wurden: Von Max Raabe "Schieß den Ball ins Tor" und "54 74 90 2006" von den Sportfreunden Stiller. - Und ich rufe jetzt zur Fußball-Hymne aus:  

(Eins und zwei und drei und)
Vierundfünfzig, vierundsiebzig,
neunzig, zweitausendsechs,
ja so stimmen wir alle ein,
mit dem Herz in der Hand
und der Leidenschaft im Bein
werden wir Weltmeister sein.


Mitsingen!