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August 2006

Frau B. steht auf

Es ist noch nicht so lange her, als dass ich mich nicht erinnern könnte - heimkommen bei Sonnenaufgang und mit der Zeitung. Wenn ich also heute an seniler Bettflucht leide und feststelle, dass die Zeitung um halb sechs noch nicht da ist, hebt das meine Morgenlaune nicht unbedingt an...


Dorfgeschichten

Und dann erzählt dir Arbeitskollegin X den neuersten Tratsch ihrer Freundin Y aus ganz woanders über deine alte Schulfreundin Z, die du seit 15 Jahren aus den Augen verloren hast. Wie war das noch, dass man im Prinzip die ganze Welt kennt?


Frau B. geht auf Reisen... (III)

Glück kann man kaufen

Bleibt mir doch alle gestohlen mit Sprüchen wie Glück sei nicht käuflich. Doch ist es. Und manchmal kostet es auch nur ein paar Euro. Das weiss jeder, der meine Leidenschaft teilt - Urlaubsshopping. Aber um es gleich klar zu stellen, von dummen Staubfängern ist hier keine Rede. Ich rede vom ganz normalen Einkaufen im Urlaub jenseits der Touribuden.

Welches nämlich das einzig wahre ist. Nie ist man so entspannt, nie findet man so schöne Dinge, so andere Dinge. Und dabei ist es völlig egal, ob man den Kleider- oder den Schuh- oder den Küchenschrank auffüllt. Die Dinge bekommen dadurch eine Geschichte. Und letztlich kauft man sich dadurch Alltagsglück. Urlaubsverlängerung - manchmal auf Jahre.

Denn es macht mich glücklich, am Morgen meinen Kaffee aus den Tassen zu trinken, die ich in Portugal am Straßenrand erworben habe. Und wenn mein Blick auf das kleine Weinregal in der Küche fällt, denke ich an Lucca - und lächle. Der Schal erwärmt mich in der Erinnerung an Südtirol gleich noch mehr. Und weisst du noch, die Handschuhe hab ich in Florenz gekauft, in dem kleinen Laden gleich neben der Trattoria, in der wir den Regenschauer mit einem Wein runtergespült haben - mitten am Tag.

Die Hose ist eine Hose ist eine Hose. Die irgendwo gekauft ist. Die Hose aus dem letzten Urlaub lebt. Man zieht sie an und fühlt sich besser. Es war ein schöner Tag als sie gekauft wurde - ja, heute wird auch ein guter Tag werden.

Wenn Glück so einfach sein kann. Wenn es mich lächeln lässt allein durch die Tatsache, dass der Pullover nicht in München gekauft worden ist. Wenn das Beissen in ein Honigbrot mir über Monate hinweg das Bild von blühenden Orangenbäumen ins Gedächtnis ruft. Wenn ich Opernarien im Ohr habe, weil die Tasche aus Verona stammt. Wenn ich Meeresgischt im Gesicht spüre, wenn ich die Jeans anziehe, weil ich sie dort am Meer das erste Mal getragen habe. Dann hat es jedes einzelne Teil eine Geschichte geschenkt.

Wie mir der Wein eine Geschichte schenkt, den ich an einem lauen Spätsommerabend auf der Piazza zum ersten Mal getrunken habe. Oder die  Pasta-Sauce, die ich im Winter versuche nachzukochen. Wie das Brot, das ich manchmal kaufe, weil es mich an die Tage im Tessin erinnert. Wie die Scones, die ich nicht essen kann, ohne an Südengland zu denken oder der Streuselkuchen, der nur mit Ostfriesentee wirklich schmeckt.

Alles kein Glück, das teuer erkauft worden wäre. Mitgebracht. Irgendwoher. Irgendwann - manchmal schon vor vielen Jahren. Aber immer noch wirksam. Wenn Glück so einfach sein kann - weshalb lächeln dann die Menschen so selten?

schon erschienen
Frau B. über Reiseziele und Kleiderprobleme
Prolog


Circus Gammelsdorf ist ausgewandert

Jetzt weiss ich auch, wohin die Typen alle verschwunden sind: die Mattler und Gothics und die Mädels im Cindy-Lauper-Look. Es ist schon eine bizarre Ansammlung von Freaks auf den Straßen von Helsinki. Also Lordi oder die Typen aus den Kaurismäki Filmen verwundern nun nicht mehr. Letztes Wochenende war dann noch das traditionelle Schul-Verkleidungswochenende - für den Betrachter irgendwas zwischen Halloween und Fasching... Und je nach Tageszeit haben alle auch einen Becher Kaffee (genießbar, aber nicht italienisch) oder ein Eis (definitiv nicht italienisch!!) in der Hand, ehe sie am späten Nachmittag zu mindestens Bier übergehen (wieder genießbar).Natürlich ist es auch gemein zu sagen, in Helsinki gäbe es keine normalen Menschen. Natürlich gibt es die. Nur wahrscheinlich fallen einem die anderen umso mehr auf, weil es sie in München eben nicht gibt.

Vielleicht ist es auch das nebeneinander der so unterschiedlichen Menschen, die aus Helsinki eine richtig pulsierende Kunststadt machen. Ob Theater, ob Musik, Malerei - hier tut sich was. Es entsteht etwas, ohne dass es satt und selbstzufrieden vor sich hindämmert.

Das Leben in Helsinki scheint  wie die Stadt selbst, die auf ersten Blick eher so ein Ostblock-Feeling an vielen Punkten ausstrahlt - viele der kalten Krieg Filme wurden nicht umsonst hier gedreht. Um auf zweiten Blick sich als ein architektonisches Wunderwerk zu zeigen, das man zuerst zögerlich staunend und dann mit immer größerer Begeisterung aufnimmt.

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Es ist eine Mischung von Funktionalismus und Jugendstil, der aber lange nicht so verspielt ist wie der Wiener Jugendstil. Ich würde es an vielen Stellen mehr mit Art Deco assoziieren, auch wenn man in der Architektur eigentlich weniger davon spricht.

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Helsinki erschlägt einen nicht gleich mit seiner Schönheit - nein, man muss sie entdecken. Aber das macht wahnsinng viel Spaß...

Wer mehr Fotos sehen will - auf Anfrage gibt's Zugang zum Fotoalbum...


Mit einem roten Näschen...

...wiedergekehrt. Nein, kein Schnupfen und auch kein Schnapsnäschen, obwohl das vielleicht gar nicht so abwegig wäre. Einen Sonnenbrand - einen kleinen - und das im hohen Norden hab ich mir geholt. In der Stadt, in der die Menschen noch immer den Sommer feiern, obwohl Midsommer ja schon zwei Monate vorbei ist.
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Dom

Weiss schon jemand, wo ich war?


Frag Frau B. um Rat III

Lieber offensichtlich nicht aus dieser Gegend stammender Sucher: Föhn ist dieser ganz eigene Zustand in München, bei dem der Himmel ein bisschen blauer ist, die Berge noch näher sind und die Menschen das Autofahren verlernt haben. Föhn ist, wenn die einen granteln, weil sie Kopfschmerzen haben und die anderen größenwahnsinnig werden, weil irgendwie grad alles möglich zu sein scheint. Föhn ist der Grund (einer jedenfalls) München zu lieben und zu hassen. Gleichzeitig. Bei Föhn ist die Welt ein bisschen anders als sonst. Ein bisschen surreal.


Mein Vater, mein Opa und ich

San Sie's Enkerl?, fragte die Verkäuferin in der Stammbäckerei meines Vaters als ich für ihn sein Lieblingsbrot auf exakt seine bevorzugte Dicke geschnitten gekauft habe. Eine freundliche Frage, so dass ich meine unfreundliche Antwort  runtergeschluckt habe. Man muss ja die Beziehung seines Vaters mit der Verkäuferin in der Stammbäckerei nicht unnötig belasten. Jetzt bin ich nun aber von einem Enkerl schon mal mindestens 20 Jahre entfernt und zum anderen wirft diese Frage Erinnerungen auf, die gut und gerne 25 Jahre alt sind. Beides zusammen ergäbe im Normalfall eine sehr bissige Antwort.

Es war die Standardfrage. Genau wie umgekehrt von dummen Kindern oder besser gemeinen Kindern – und fast alle Kinder sind gemein, das liegt in ihrer Natur – die meinen Vater immer und grundsätzlich als meinen Opa bezeichnet haben, auch wenn sie sicher wussten, wer er war. Dein Opa ist da, irgendein Depp rief es immer quer über den Schulhof, wenn mich mein Vater nach dem Unterricht abgeholt hat. Als ich in der Grundschule war, feierte mein Vater seinen 50. Geburtstag und hatte den ersten Herzinfarkt schon hinter sich.

Damals, in den 70ern, war das alt. Uralt. Heute kenne ich Männer, die mit 50 überhaupt erst Vater werden. Heute geht eine Mutter, die 20 Jahre älter als ihr Kind ist, wahrscheinlich als große Schwester durch. Heute wäre meine Mutter mit Mitte 30 auf der Entbindungsstation normal.

Aber auch heute sehe ich Mütter mit ihren Kleinkindern, bei denen ich unwillkürlich denke – Großmutter. Mütter, die mit Ende 40 einen Kinderwagen vor sich herschieben. Und ich frage mich immer, ob diese Mütter auch weiter gedacht haben als bis zur Geburt. Es kommt die Schulzeit, die Pubertät, das Abitur und noch ein Studium hinterher. Die Väter, die mit 50 Windeln wechseln, sind 70, wenn dieses Baby Abitur macht.

Mein Vater war alt mit 70. Krank. Und das schon zehn Jahre lang. Wahrscheinlich gehe ich heute tatsächlich als seine Enkelin durch. Wahrscheinlich tat ich es auch damals. Und so bleibt damals wie heute nur eine Antwort: Die Tochter. Freundlich lächelnd.


Tage wie diese

Sind Geburtstage nun eine schöne Sache - oder wohl eher eine ganz schreckliche? Ich kann mich noch erinnern - sei es der 16. gewesen oder gar der 18. Monatelang vorher habe ich schon die Tage gezählt. Hingefiebert. Schließlich versprach man sich in diesem Alter auch etwas von der neuen Zahl. Freiheit nämlich. Hoffen - und dankeschön, schließlich bestimmten in diesem Alter immer noch die Eltern, welche Freiheiten man bekam und nicht der Gesetrzgeber. Ausserdem begann ich mir auch schon mit 17 Freiheiten herauszunehmen - jenseits des elterlichen und gesetzgeberischen Willens.

Dennoch ging es bei den Geburtstagen der Jugend um nichts anderes als um Freiheit. Die ganze Sehnsucht danach, älter zu werden. Und dann in den 20zigern hat man es irgendwann begriffen. Älter geworden. Erwachsen. Alt.

Ich bitte, das ganze nicht falsch zu verstehen - bis auf einige temporäre Krisen habe ich keine Altersprobleme. Das Alter wird unwichtig. Und was ich früher bei meinen Eltern nicht verstanden habe  - Geburtstage werden unwichtig. So geht's mir mit meinen. Und leider auch mit allen anderen. Geburtstage werden von mir in der Regel vergessen. Nicht im Vorfeld. Einige Tage vorher denke ich immer daran - am Tag selbst leider keine Chance.

Woran das liegt - ich versuch es, seit Jahren zu begreifen. Ich weiss es nicht! Manchmal versuch ich Trick Old-fashioned - sprich Karte schreiben, noch so richtig mit Briefpapier und Füller. Einfach weil ich es auch super finde, noch irgendwas anderes als Rechnungen aus dem Briefkasten zu ziehen. Aber anscheinend ist auf die Post auch nicht immer Verlass...

Und über all dem Vergessen hab ich doch auch glatt vergessen, dass dieses Notizbuch seinen ersten Geburtstag gefeiert hat. Dabei wollte ich das doch groß feiern. Aber irgendwie schrieb sich das Leben auch so weiter...


A Melange bitteschön

Was ich am meisten in München vermisse sind Kaffeehäuser. Es gibt hier Bars und Coffeeshops ohne Ende. Aber diese richtigen alten Kaffeehäuser. Mit Tradition, mit Flair, mit Atmosphäre - Fehlanzeige. Natürlich könnte man ein auf alt gemachtes Café auch neu machen - aber dennoch fehlt dann die Vorstellung mit dem Geist von Dichtern und Denkern an einem Tisch zu sitzen. Selbstredend muss ich deshalb natürlich auch immer berühmte Kaffeehäuser besuchen.
Tomaselli


Salzburger Erfindungen

Wahrscheinlich haben sie ein Patent darauf angemeldet. Noch wahrscheinlicher, sie streiten gerade, wer denn das Patent darauf hat - wie bei den Mozartkugeln. Da gibt's die orginalen und die echten. Und es gibt ihn auch, den echten und einzigen Salzburger Schnürlregen.

Zurückgeht er auf einen längst verstorbenen Salzburger Bischof. Und der saß am Wochenende breit auf der dunklen Wolke, die den Kapuzinerberg umschloss und freute sich.
Domgraustufen01

Bischof: "Grandiose Erfindung von mir. Man muss die Lebenslust in dieser Barockstadt unterbinden." Hofdichter: "Verzeihung Herr Bischof - aber als Element in das Werk habe ich ihn hineingeschrieben"
Bischof: "In wessen Lohn und Brot standest du, du Niemand? Mir allein gebührt der Verdienst."
Intendant tritt auf: "Aber um Himmels willen doch nicht zur Festspielzeit! Das macht uns doch die ganze Inszenierung kaputt!"
Bischof: "Vanitas - Vergänglichkeit - man muss die Menschen daran erinnern."
Intendant: "Aber der Kunstgenuss braucht sein barockes Umfeld der Lebenslust. Wenn sich herumspricht, dass es zur Festspielzeit regnet. Mein Theater! Meine Inszenierung!"
Bischof: "Mozartjahr! Das muss es verregnen! Dieser Hundskrüppel, der die Gebote mit Füßen getreten hat!"

Mirabellsw
Stimme aus dem Off: "Und glaubt ihr tatsächlich, mich hat der Regen abgehalten..."


Das Leben und Sterben des reichen Mannes

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Das eigentliche Schauspiel findet in Salzburg ja vor dem Theater statt. Wenn hochgeduscht und aufgeprezelt die Damen und Herren Honoratioren in den Limos mit den Kennzeichen Salzburg VIP 1 bis 100 vorfahren. Und natürlich begafft vom Zaunpublikum das neue Abendkleid vorführen. Das Leben des reichen Mannes findet vor dem Festspielhaus statt, während darinnen derweil das Sterben desselben zelebriert wird.

Es ist die Dialektik, die auf diese Art nur in Salzburg funktioniert - in dieser satten, wohlgefälligen Stadt. Der Spiegel, der den Besuchern vorgehalten wird, ist im Laufe der Jahrzehnte blind geworden. Und so hält sich dieses Stück, das auch nur nach Salzburg passt wie die Barockkuppeln und Süßspeisen auch schon seit 86 Jahren. Jedermann jeden Sommer.

Es ist die Mahnung - am Fuße des Mönchsbergs im Schatten des Doms neben dem Petersfriedhof. Das Sterben ist nahe dem Leben. Das Leid nahe der Lust. Und wenn du bereust, wird alles gut. Und deswegen kann weitergeprasst werden. Und das Stück, so altmodisch so parabelüberfrachtet es ist, wird weitergespielt werden. Immer aktuell. Und solange die Inszenierung so wunderbar ist, ist auch der Jedermann ein Genuss...


Crux mit dem Sommerentertainment

Open Airs finde ich toll - Open Airs sind eine völlig bescheuerte Idee. Sie sind nämlich wetterabhängig. Und alles was in unseren Breiten wetterabhängig ist, kann man eh vergessen. Und deswegen kann auch Mr Entertain me lange darauf warten, dass ich Geld für ein Ticket ausgebe - obwohl ich heute schon ein wenig beleidigt bin, dass mir die ganz billigen Plätze nur einen nassen Hintern einbringen würden. Hätte ich aber Geld ausgegeben, wäre ich wahrscheinlich mehr als beleidigt.

Aber manchmal gibt man eben doch Geld aus, um eine dieser Sommerveranstaltungen beizuwohnen. Und so erinnere ich mich an eine regnerische Rutschpartie in Bregenz. An ein Elton John Konzert, zu dem ich den seit Monaten eingemotteten Wintermantel wieder rausgekramt hatte. An eine Blasenentzündung nach den Landshuter Hofmusiktagen. An meterhohen Schlamm bei Rock im Park. An Karten, die verfielen. An Einladungen, die ich ausgeschlagen habe. An Theateraufführungen, die ich nicht gesehen habe, weil ich den ganzen Sommer auf besseres Wetter gewartet hatte. Und die dann ausverkauft waren.

Jederman hat wahrscheinlich solche Sommererinnerungen. Und Jedermann reiht sich bei mir nun ein in diese Sommererinnerungen. Samstag habe ich Karten für Salzburg...

Jetzt war's wochenlang schönes Wetter - und wenn ich mal Karten für Salzburg habe... XXXXXXXXXX (zensiert)


Frag Frau B. um Rat II

Lieber Google-Sucher, der nach Jazz im August in München sucht. Leider gibt es hier keinen Open-Air Jazz, obwohl das doch mal eine schöne Idee für ein Königsplatz Event wäre - auch wenn ich das Wort Event so gar nicht mag, die Idee gefällt mir. Auch gefallen würde mir derartiges im Hofgarten. Aber so bleibt nur der Strand oder den schon ob des schönen Wetters weinenden Vogler (dessen Regentänze anscheinend jetzt ja erhört wurden) mal wieder in seiner sommerlichen Backstube zu besuchen...