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Dezember 2006

Zeit in der Zeit zwischen den Jahren?

Ich finde ja immer, man sollte die Zeit in der Zeit zwischen den Jahren für Dinge nützen, für die man sich ansonsten viel zu wenig Zeit nimmt. Alte Freunde wieder zu treffen. Rezepte auszuprobieren. Ins Museum zu gehen und danach irgendwo einen Kaffee oder Tee trinken. Ins Theater gehen. Nachmittage mit einem guten Buch auf dem Sofa verbringen. Danach bei Kerzenschein in die Badewanne. Sich die Füße massieren lassen. In eine Decke eingehüllt, einfach da sitzen. Ein Glas richtig guten Rotwein trinken... Sich einfach mal zurücklehnen - und die Hektik aus dem Leben lassen.

Und deswegen und überhaupt möchte ich Ihnen noch zwei Ausstellungen ans Herz legen, die beide noch bis 7. Januar in München zu sehen sind. Das ist zum einen "Rodin - Der Kuss die Paare" in der Hypokunsthalle. Schon mehrmals war ich im Rodin-Museum in Paris. Ein Traum. Und eigentlich dachte ich deswegen auch nicht, dass mich diese Ausstellung jetzt in München faszinieren könnte. Weshalb ich auch erst kurz vor Schluss vergangene Woche reingegangen bin. Glücklicherweise. Wunderschön konzipiert! Reingehen, es lohnt sich!

Ebenfalls lohnt sich die Ausstellung über eine indische Künstlerfamilie: Amrita Sher-Gil  im Haus der Kunst. Nein, ich finde nicht, dass man sie zwingend mit Frida Kahlo vergleichen müsste. Dennoch sind ihre Bilder sehenswert - und auch hier geht das Konzept, die drei Generationen einer Familie in eine Ausstellung zusammenzupacken, auf.

Und einen Theatertipp habe ich auch noch: Die Medeia-Aufführung im Residenztheater. Kam bei den Kritikern völlig zu Unrecht schlecht weg, denn das Orginal des griechischen Theaters ist hier getroffen. Sowohl die euripideische Medeia (die ja nichts mit der moralisierenden Interpretation der Klassik zu tunm hat) wie auch die stellenweise Frontdeklamation - durchaus ein Stilmittel des griechischen Theaters. Die Figuren hin und hergerissen, was sich auch in der eingezäunten Bühne spiegelt. Der Grat zwischen griechischer Tragödie und Pop-Theater zwar schmal, aber nie abstürzend. Lohnt sich. Am 29. Dezember wieder im Residenztheater.


Was vom Jahre übrig blieb

2006 in Buchstaben - via hier und hier

Jonathan Safran Foer: Alles ist erleuchtet 
Richard Powers: Klang der Zeit
Truman Capote: Die Grasharfe & Sommerdiebe
Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht; Die Schönen und Verdammten & Diesseits vom Paradies
Carlos Ruiz Zafon: Schatten des Windes 
Alessandro Piperno: Mit bösen Absichten
Leonie Swann: Glennkill
Minette Walters: Des Teufels Werk
Donna Leon: Blutige Steine
Klüpfel/Kobr: Seegrund
Andrew Sean Greer: Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli

Es war mehr, aber vieles ist wieder verflogen. Da war zum Beispiel noch dieser strange Finne... Und alles, was sofort nach dem Lesen dieses Haus wieder verlassen hat, steht eh nicht da. Kann also nicht nachhaltig beeindruckend gewesen sein. Und dass ich tatsächlich Dan Brown gelesen habe, verschweige ich an dieser Stelle ebenfalls... Aber zu meiner Ehrenrettung kann ich noch anfügen, im Herbst noch Schnitzler und Zweig wiedergelesen zu haben.


Männerphantasien

Ob unschuldiges weiss, mädchenhaftes rosé, verspielt in Blümchen, ach wie witzig in knallbunt, sexy in schwarz, ob mit Spitze oder glatt, Satin, Seide oder Baumwolle, String oder Pant - nur nicht in rot. Denn bei rot sehen die Unterwäsche-Designer offensichtlich so. Aha, verrucht will sie also aussehen, denkt sich der verpickelte Jungdesigner, der zwar Unterwäsche kreiert, aber leider nie eine Frau darin sieht, und errötet vor Scham oder der Hitzewallung, die ihn ergreift. Dann lässt er alle schlechten Western Revue passieren, denn schon damals fand er die Saloon-Damen so aufregend und wenn das alles nichts hilft, holt er sich Inspiration bei Beate Uhse.

Ja ganz offensichtlich ist rot nicht einfach eine Farbe. Ein Signal. Sie hat's nötig, denkt sich der Designer, der es wohl mehr als nötig hat. Also rot, das muss schon ein bisschen nuttig sein, sie will's ja so. Da muss es schon mehr nichts als mehr dran sein, damit MANN auch gleich sieht was drin ist. Da geht nur Spitze - pur, nicht unterlegt oder gleich durchsichtig. Kunstfaser natürlich. Und nichts ausser String.

Und wenn das ganze dann so richtig billig aussieht, das soll dann sexy sein. Nein.


Ich spring im Dreieck

Es ist ja eigentlich logisch: Auf dem Weg zur Post, wo du dein Bücher-Päckchen abholst, das geliefert wurde, während du nicht da warst, landet ein weiterer oranger Abholschein in deinem Briefkasten. Ich weiss doch, weshalb ich orange als Farbe zur Zeit verabscheue. Währenddessen stellst du fest, dass eine Lieferung mit Fotoarbeiten zur Hälfte falsch und damit quasi unbrauchbar ist und die andere Hälfte erst gar nicht mitgeliefert worden ist, könnte ja ebenfalls falsch beschnitten worden sein. Zur allgemeinen Freude dagegen wurde das ganze komplett von deinem Konto abgebucht. Also hat der Support alle Zeit der Welt, erklärt er dir in seiner automatisch generierten Antwort, denn er ist ja nur per Mail erreichbar, dass man sich doch in der Regel nach wenigen Tagen melden würde, wobei dies wahrscheinlich auf den Jahresschnitt bezogen und die Vorweihnachtstage ausser Acht lässt. An denen sich jetzt möglicherweise mehr Menschen beschweren, weil es möglicherweise mehr Menschen mit Lieferungen gibt, die so nicht bestellt sind, wobei die Firma noch mehr in Zeitdruck geraten wird, was noch schlampigere Arbeiten zur Folge haben wird, was dazu führen wird, dass der Auftrag erst recht nicht vollständig rechtzeitig bei mir sein wird.


Offene Fragen - ungeordnet

  • Wieso kommt die Post immer dann, wenn man nicht da ist. Und wieso ist Samstag vormittag anscheinend auch kein anderer Mensch im Haus?
  • Wieso stürzt ein System immer dann ab, wenn man es dringend bräuchte?
  • Ist es klug, seiner Mutter, die NICHTS zu Weihnachten haben möchte, tatsächlich nichts zu schenken?
  • Wieso sagt der Viertel-Kontaktbeamte mittags um eins zu mir "Guten morgen" - sehe ich etwa so aus, als wäre ich gerade aufgestanden?
  • Wieso bekomme ich von einer angeblich absolut natürlichen Hautcreme Ausschlag?
  • Was gibt's am Jahreswechsel eigentlich zu feiern?

Guten Tag. Grüß Gott. Und...

Habe die Ehre. Was für ein schöner Ausdruck. Ich grüße Sie. Es ist mir eine Ehre, Sie zu treffen. Ich freue mich darüber, fühle mich gar geschmeichelt. Aber heute hat ja keiner mehr eine Ehre. Und schon erst recht keine Ehrerbietung.

Jedenfalls normale Menschen. Natürlich gibt es sie noch, diejenigen, die zwar auch keine Ehre, aber eine verletzte haben. Weil man Mama beleidigt, die Schwester geschwängert oder die Frau lüstern betrachtet hat. Und dann darf man schon ausrasten und zückt das Messer oder wenigstens den Kopf. Denn Ehre muss man anscheinend verteidigen.

Auch wenn das heute nicht mehr im Morgengrauen mit freier Wahl der Waffen erfolgt. Das war früher schon einfacher. Dann war der Liebhaber getötet, die Frau verstoßen. Und die Ehre wieder hergestellt. Oder man war selbst tot. Dann war’s egal. Obwohl konkret betrachtet, die Schmach eigentlich noch größer war: zuerst Hörner aufgesetzt, dann auch noch eine Kugel in der Brust. Was für ein unschöner Tod. Aber die Frau hatte dann wenigstens den Liebhaber und das Vermögen des Ehemanns. Also egal wie’s ausging, einer hat immer gewonnen.

Zurück zur Ehre. Der ganz normalen. Die anscheinend nicht normal ist. Ehrfurcht. Eigentlich schrecklich. Wieso fürchten? Ehrgefühl – das kann schon wieder verletzt werden. Ehrgeizig – nein, und nochmals nein, Geiz ist ganz sicher nicht geil. Ehrenurkunde – das war nie die Siegerurkunde. Und von Ehrenrunde will ich erst gar nicht sprechen. Er ist ein Ehrenmann – und was ist sie? Ehrensache! – Wenn du das schon betonen musst.

Also irgendwie bleibt das schon eine seltsame Sache, die Sache mit der Ehre. Aber ich bleibe dabei: Ich habe die Ehre meine Herrschaften. Und lüfte den Hut.


Borniert in Altbayern

Was ja natürlich nur die anderen sind. Die Alteingesessenen. Die, bei denen die Weisswurst nie das Zwölfuhrleuten überleben darf. Die, die nur Schweinsbraten essen und im Urlaub dahin, wo's Schnitzel gibt. Oder Pizza. Wir, wir sind ja anders. Logisch. Weltoffen keine Frage. Anderen Kulturen gegenüber aufgeschlossen. Christmas cookies? - Oh, thank you very much. Gerne. Bietet mir aber jemand Weihnachtskekse an, ich kann mir nicht helfen, ich bin nach wie vor irritiert...


Und es dämmert schon um vier

Es gibt Sätze, die immer wieder fallen. Geschichten, die immer wieder erzählt werden. In bestimmten, sich wiederholenden Situationen. An bestimmten Orten. Zu bestimmten Essen oder Feiertagen. Das ganze zum Leidwesen des ständigen Begleiters, der sich diesselben Geschichten immer wieder anhören muss. Vielleicht mag das ein Grund sein, weshalb Beziehungen nur eine gewisse Lebensdauer in der Regel haben, denn irgendwann sind die Geschichten auserzählt. Und dann braucht man einen neuen Zuhörer. Oder man fängt an zu bloggen.

Einer dieser meiner Sätze, die mit Sicherheit jedes Jahr wieder fallen, immer in der Vorweihnachtszeit, untermalt mit einem Seufzer: Und es dämmert schon um vier. Nun ist das nicht mehr und nicht weniger als eine Tatsache. Aber dieser Satz, so banal er ist, stammt aus meinem Lieblingskinderbuch. Nämlich Sternleins erste Reise. Die Geschichte von einem vorwitzigen Sternenkind, das den Himmel verlässt, um auf der Erde Abenteuer zu erleben. Schön!

Heute wachsen Kinder ja mit Bob dem Baumeister auf. Ich bin noch mit Sternenkindern von Lore Hummel aufgewachsen. Und ich weiss nicht, ob sich die Kinder von heute in dreissig Jahren an Bob noch genauso erinnern wie ich mich an das Sternenkind Silberstrahl erinnere. Ob sie dann ebenso lächeln. Jedes Jahr aufs neue diesselbe Geschichte erzählen und sich freuen, das Bilderbuch noch zu haben.

Ja, ich hab es noch. Heute wird es nicht mehr gedruckt. Ist halt viel zu altbacken. Ein Sternenkind, das bei einem Schneider in die Lehre geht. Das könnte heute nur noch ein chinesisches Sternenkind sein.

Erinnern Sie sich noch an alte Kinderbücher? Tun Sie das doch mal. Bei einer Tasse Tee, wenn es um vier schon dämmert...