Neuer Mitbewohner
Rodeln g'wesen - lang lang ist's her

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Woll’n doch nur spielen

Reenactment. Nennt sich das so? Wir wollen den Geist einer Weihnacht nachstellen. Nacherleben. Nachleben. Den Geist einer Vorweihnachtszeit, ungefähr 1980. Wir steigen am Stachus aus der S-Bahn und stimmen uns schon auf der Rolltreppe ein: Heute, Kinners, wird’s was geben! Beim O. Dem Ziel unserer frühesten Träume.

Hier, so vermuten wir, hat sich nix verändert seit damals. Hier werden wir fröhlich-flauschige Flashbacks erleben. Ein Laden, der annonciert: „EG: Plüschkasper, UG: Großfahrzeuge“ kann doch eigentlich nicht schlecht sein. Oder? Mal sehen: Lag hier schon immer kühl-klinischer Marmorboden? Wir meinten, uns an die sanften Elektroschocks zu erinnern, die durch Gummistiefel-Scharren auf Kaufhaus-Teppich entstehen. An ein buntes Spiele-Wunderland.

Bunt ist’s immer noch. Aber sehr aufgeräumt bunt. Wir verstehen, warum’s Spielwaren heißt. Die Sachen sind: Waren. Wir steigen in den Keller hinab, vorbei an der Holzrutsche. Noch so eine Erinnerung. Die  stillgelegt ist. Sicherheitsaspekte? Oder einfach nur Bequemlichkeit? Wir prüfen, ob vielleicht eine andere Perspektive nötig ist. Gehen in die Knie. Blicken von unten her auf die Regale. Dreikäsehoch-Modus. Außer einem stechenden Schmerz im Gelenk regt sich da aber nichts.

Spielzeug_wichteln

Würde es helfen, wenn wir eine der Verkäuferinnen fragen, ob sie uns kurz mal an der Hand halten mag? Vielleicht ist das, was hier fehlt, ja nur die Geborgenheit, die einem früher die Begleitung der Eltern oder der Geschwister geboten hat. Hmm, nee, lieber nicht! Enttäuscht verlassen wir das Geschäft. Gehen vorbei am Spielwarenhaus Wilh. Schmidt, das es schon lang nimmer gibt, Richtung Marienplatz. Wenigstens auf den K. ist noch Verlass: Hier wackeln vor Weihnachten die Stofftiere wie eh und je steiff durchs Schaufenster.

Woran liegt’s, dass wir die kindliche Vorfreude auf Weihnachten nicht so recht wiederbeleben können? Hat uns das Hollywood-Wissen um die Existenz von Spielzeug-Palästen à la F.A.O. Schwartz, wo Tom Hanks in der Endlosschleife auf dem Riesen-Klavier steppt, verdorben? Sind die Sinatra- Weihnachtssongs im iPod-Ohr nur eine zuckerwattige Reminiszenz an Zeiten, die es so nie gab? Warum nur muss das alles so kompliziert sein? Wir woll’n doch eigentlich nur spielen.

Dies ist ein Beitrag von Isarstadt zu dem von ihm selbst initierten Münchner-Blogwichteln. Vielen Dank für die schöne Geschichte! Meine Weihnachtsbetrachtungen lesen Sie auf der Vorspeisenplatte...

Kommentare

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kaltmamsell

Sie glücklicher: Von den Spielwarenläden meiner Provinzkindheit existiert kein einziger mehr, getötet von Outlets und Shopping Parks.

Alex

Das ist dann doch der Vorteil der Zuagroasten: Die Sentimentalität in der Vorweihnachtszeit hält sich in engen Grenzen. Dafür trifft einen gerne mal zwischen den Jahren beim 'Heimatbesuch' der Schlag, wenn da in der Stadt wieder mal alles umgewürfelt scheint... Mit Kindheitserinnerungen behaftete Läden gibt es da leider schon lange nicht mehr.

ksklein

Die kindliche Vorfreude auf Weihnachten habe ich glücklicherweise nicht verloren. Wiederbeleben ist wohl eher schwierig. ABer ein schöner Text.

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