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Mai 2009

Neulich im Kaufhaus.

Normalerweise meide ich diese Orte. Sie sind in der Regel uncharmant und nicht kauflustfördernd. Manchmal sind sie praktisch. Womit ich alle drei Probleme des heutigen Kaufhauses eigentlich schon auf den Punkt gebracht habe. Denn all dies ist Online-Shopping auch - und damit willkommen im 21. Jahrhundert.

Ich persönlich halte ja die Probleme von Karstadt hausgemacht. Als Karstadt nämlich noch Hertie hieß und ein großes Haus am Münchner Hauptbahnhof hatte, hatten sie eine ausgezeichnete Feinkostabteilung für die allein es sich gelohnt hat. Das ganze mit guter Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel, was wichtig ist, wenn du Lebensmittel in der Innenstadt einkaufst. Der Karstadt in der Fußgängerzone hat auch eine relativ gute Lebensmittelabteilung, aber mit einer schlechten Verkehrsanbindung... Als Karstadt noch Hertie hieß, hatten sie ebenfalls eine ausgezeichnete Geschirrabteilung. Heute geht man zu Kustermann, trotz der schlechteren Verkehrsanbindung. Sie hatten auch eine gute Bettabteilung, heute sind sie in dieser Hinsicht keine Alternative mehr zu Betten Rid.

Was zuerst im Eimer war - Image oder Name? Aber sythematisch in München die jahrzehnte lange Institution, und es war eine, "Hertie am Bahnhof" zu zerstören und am Ende zu sagen: Mei, ist halt jetzt eine x-beliebige Karstadt-Filiale. Wer das zu verantworten zu hat, gehört getreten. In den Allerwertesten. Das ganze zu einer Zeit, in der das Münchner Bahnhofsviertel aufgewertet werden soll - noble Hotels, ein neuer Bahnhof. Entweder schon da oder schon beschlossen.

Stattdessen hat man in den letzten Jahren gleich mehrmals den Oberpollinger umgebaut. Um ihn aufzuwerten, hat man gesagt. Großartig. Jetzt hab ich unten eine Ladenpassage, die nur, und zwar ausschließlich, Münchens saudiarabischen Gäste in den Sommermonaten interessiert. Der normale Mensch möchte an den edel-protz-Marken-Shops nicht vorbei MÜSSEN, wenn er in andere Abteilungen will. Aber er muss - ergo, er geht nicht rein.

Vor ein paar Tagen war ich wieder drin. Als einzige Kundin in einer, zugeben, sensationell guten Kosmetikabteilung. Mit einer sehr guten Beratung. Aber die Verkäuferinnen sind ja von den einzelnen Kosmetikmarken geschult und bezahlt. Dann irrte ich durch die Gänge. Weil es ist ja nichts wirklich ausgeschrieben, wo was zu finden ist. Völlig allein. In mehrerern Stockwerken keine andere Kundin - geschweige denn eine Verkäuferin zu sehen. Bis ich in der Wäsche-Abteilung auf eine gestoßen bin. Die fand aber einen Kollegenplausch sehr viel angenehmer als eine Kundenberatung. Tortz oder weil ich sie  mit einer Frage unterbrochen habe. Kurze Antwort - "wenn es nicht dahängt, ist es auch nicht da - ob es vielleicht auf Lager ist, weiß ich nicht" und weiter im Gespräch. Hm, wenn ich da an die Verkäuferin eines Konkurrenzunternehmens denke, die letztens eine ganze Abteilung für mich durchgeforstet hat, weil ich schier vor der Masse geflüchtet wäre... Ohne Erfolg zwar, aber das ganze ist gespeichert und gemerkt für weitere Einkäufe.

Gespeichert und gemerkt ist auch meine Karstadt-Erfahrung vom Winter: "Ein solchen Mantel, wie sie suchen, könnte in diesem oder jenem Shop hängen." - Nicht zentral? Nein danke.

Als ich gezahlt habe, lag übrigens ein Unterschriftenzettel "Retten Sie uns und unsere Arbeitsplätze" neben der Kasse. Ich habe nicht unterschrieben.


Eine anständige Portion bitte

Bücherhäppchen finde ich fad. Ich mag immer gleich die richtige Portion an Lesestoff. Ein Buch muss ein "ich will jetzt weiterlesen" auslösen, sonst ist es das falsche Buch am falschen Ort. Für das "ich will jetzt aber nur ein bisschen lesen"-Gefühl, zum Beispiel vor dem Einschlafen, gibt es Essays, Kurzgeschichten, Erzählungen. Und davon gibt es ja großartige. Ein Buch dagegen, an dem man abends immer nur ein kleines Kapitelchen liest, langweilt. Vor allem, weil man das Gefühl hat nie nie nie mit diesem Buch fertig zu werden und deshalb auch nie nie nie mit einem anderen Buch anzufangen (ich bin keine Doppelleserin, jedenfalls nicht bei Belletristik). Ein "ich werde nie damit fertig"-Buch war jetzt für mich "Der schwarze Obelisk" von Remarque. Jetzt hatte ich mich nie besonders mit Remarque beschäftigt, ja, bis ich im Zuge meines letzten Urlaubs "Die Nacht von Lissabon" gelesen habe. - Was für ein Buch! Großartig. Berührend. Ich wollte weiterlesen. Und irgendwie hatte mich der schwarze Obelisk vom Thema her angesprochen: eine Zwischenkriegsgeschichte, zur Zeit der großen Inflation. Aber Zugang fand ich keinen, ob es an dem Protagonisten lag, der keine Identifikationsmöglichkeit bot? Vor drei Tagen bin ich dann in der Buchhandlung über Martin Suter gefallen, den wollte ich ja auch weiterlesen... Und vor allem wieder richtig lesen. Remarque wanderte vom Nachttisch ins Bücherregal.


Sommertag

Es muss dieser dritte verfrühte Sommertag in Folge sein, der die Menschen so charming macht. Und auch die, die darüber stöhnen. Denn sie seufzen mit einem Lächeln auf den Lippen, das sagt - viellleicht, nach Feierabend, ist es immer noch schön und dann gehe auch ich ins Freibad, in den Biergarten, Eis essen oder was man halt so macht an so einem schönen Sommertag. Die sonst immer so g'scherte Wurstverkäuferin ist sicherlich schon in Gedanken im Biergarten und deswegen heut sogar freundlich. Die Bäckereiverkäuferin in ihrem warmen Laden freut sich auf eine Dusche und sieht aus, als würde man sie abends bei einem Spritz im Straßencafé treffen. Die Bedienung im Café hat ein "das steht aber nicht auf der Karte" tatsächlich aus ihrem Wortschatz gestrichen und bringt eine kleine Portion und die nicht mal zum üblichen halbe Menge dreiviertel Preis Verhältnis, sondern dreht das Verhältnis um. Die Frau in der Behörde, die unter dem Tisch die Schuhe ausgezogen hat, zeigt sich kooperativ und die auf dem Amt lacht über ihre eigenen Amtsfehler. Die Kosmetikverkäuferin ist bei der Aussicht auf Urlaub und Meer so begeistert, dass sie gleich tief in ihre Pröbchenkiste greift, um ihre Kundin für selbigen auszustatten. Es ist ein charmanter Tag heute - nutzen Sie die Zeit vor dem Gewitter. Wer weiß, was das für Laune bringt....


Auswärtsspiel

Wie habe ich den Abend im Vorfeld angeprießen. Wahrscheinlich das beste, was man noch diese Spielzeit auf Münchens Theaterbühnen zu sehen bekommt, habe ich gesagt. Musste ich auch sagen. Denn erstens war ich davon überzeugt und zweitens hatte ich eine zweite Karte, die es unter die Leute zu bringen galt. Zwar war ich überzeugt, dass Menschen vor den Kammerspielen stehen mit "Suche Karte"-Schildern, aber das ist ja auch fad...

John Gabriel Borkmann von Ibsen. Ein Gastspiel der Schaubühne. Inszniert von Ostermeier und mit Bierbichler in der Hauptrolle. Alles in allem vielversprechend. Ein karrieregeiler Machtmensch, der alle abgezockt hat, gescheitert ist und seine Schuld nicht eingesteht. Also hoch aktuell. Man könnte das ganze politisch inzenieren, die Inszenierung konzentriert sich allerdings auf das menschliche - leicht an der Grenze zum Slapstick, was das Erwachenwerden des Sohnes betrifft, der sich gegen alle Erwartungshaltungen zu behaupten versucht.

Frau Modeste fand das Wort "erdig" für Bierbichler. Wahrscheinlich hat sie es genau getroffen - irgendwie nimmt man ihm das ganze nicht ab. Er ist nicht der Typ, der über Leichen gegangen ist und jederzeit wieder gehen würde. Nichtsdestotrotz wird er am Ende des Abends mit "Bravo"-Rufen bedacht, was aber auch daran liegen mag, dass er eigentlich beschlossen hat, in München nicht auf der Bühne zu stehen...

Die eigentliche Hochachtung sollte den beiden Frauen gelten, die die menschliche Tragödie  überzeugend verkörpern. Ja, unterm Strich war das Schaubühnen-Gastpiel sicherlich ganz großes Theater, aber die Maria Braun hat größeren Gänsehautfaktor erzeugt. Also das Wort, das beste, was diese Spielzeit auf Münchens Schauspielbühnen zu sehen ist, nehme ich zurück. Gelohnt hat es sich allerdings allemahl.


Alles was abwracken kann

Der Satz "hier ist die Polizei" am späten Abend an der Tür, löst ja in der Regel erst einmal einen Schock aus und so ist es wahrscheinlich Erfahrungswert, dass die Ordnungshüter, ehe der Mensch hinter der Tür mit den Gedanken "mein Partner, meine Kinder, meine Eltern" in Ohmacht fällt, nachlegen: Es geht um ihr Auto.

Ihr Auto wurde beschädigt. Das hört man zwar jetzt auch nicht gern, aber es ist harmlos. Da ist man erst mal froh, dass der Mensch an seiner Seite heil ist. Und ganz ehrlich, man ist auch froh, dass da jemand klingelt und einem sagt, dass das Auto mitten in der Nacht beschädigt wurde und man nicht am nächsten Morgen davor steht und sich fragt, was da bitte passiert war, dass die ganze Fahrerseite SO aussieht.

Und so stand ich vor dem Auto und sah das Auto an, dann den Verursacher des ganzen und fragte nur: Wie um Himmels willen ist das denn passiert? Was der Polizist gleich als Angriff meinerseits interpretierte und mich heftig darauf hinwies, dass sich der Fahrer vorbildlich verhalten hätte. Was stimmt. Was aber meine Frage nicht beantwortet und diese Frage war reines und ehrliches Interesse. Dazu muss man wissen, dass ich vorbildlich geparkt hatte - vor mir ein Auto, hinter mir ein Auto, schön in einer Reihe.

Nein, wie das passiert ist, wusste der Fahrer nicht. Irgendwie sah er selbst derangiert aus. Wie mein Auto.


Ausflug nach Südtirol

Damenwahl entschied eine Dame: Iris vom Weingut Lisson möchte für die neue Weinrallye Winzerinnenweine beschrieben. Jetzt ist der Wein das eine, die Frau dahinter das andere. Die Weine schätze ich seit Jahren - und so führt mich regelmäßig mein Weg nach Tramin, um bei ihr in der Vinothek einzukaufen. Denn, das ist das einzige Manko, ich habe ihre Weine noch nicht in Deutschland aufgetrieben. Die Rede ist von Elena Walch. Eine Winzerin, deren Wein mich nicht nur beeindruckt, sondern die mich auch als Frau beeindruckt. Elena Walch ist eigentlich Architektin, hat dann in eine Winzerfamilie eingeheiratet und kam so auf den Weingeschmack.

Ihr erster Wein trug ursprünglich noch nicht den Namen Walch - man wollte den alten Winzernamen vor einem möglichen Desaster schützen: Cardellino nannte sie ihn, was so viel heißt wie Stieglitz - eine Finkenart, die gern in den Chardonnay-Reben nistet. Es ist ein frischer, klarer Wein - aromatisch, mineralisch. Ein Wein, der Lust macht auf mehr. Mehr von dieser Frau, denn es war der Beginn einer sensationellen Weinkarriere. Inzwischen gibt es unzählige Weine, auch Riservas und das ein oder andere Cuvee. Geblieben ist die Klarheit und die Konzentration auf das Sortentypische der Weine. Der Cardellino firmiert schon längst unter dem Namen Elena Walch. Und wer von Walchweinen spricht, meint die ihren.

Ich würde Ihnen gerne ein Abbild davon präsentieren, aber mein letzter Besuch in Südtirol war im September... So verweise ich auf den Internetauftritt und falls mir doch jemand hier eine Bezugsadresse verraten könnte, würde ich mich freuen...


Es war die Nachtigall

Dunkelgrüne, blaue oder rote Samtoberteile seien sehr beliebt beim Theaterpublikum in der kleinen Stadt, teilt mir die M. auf  Nachfrage mit. Erschieß mich, wenn du mich je in einem dunkelgrünen, blauen oder roten Samtoberteil siehst, möchte ich sagen. Schlucke es aber hinunter, ob einem plötzlichen Zweifel, was M. denn alles in ihrem Kleiderschrank haben könnte. Eine elegante Bluse mit glänzender Hose gehe auch, ergänzt sie. Wieder schlucke ich: macht optisch ebenso dick wie Samtoberteile.

Aber gut, sie soll sich meiner ja nicht schämen und so schmeiße ich mich in einen schwarzen Hosenanzug (wir erinnern uns: Purismus) - bei dem noch nicht einmal die Hose glänzt - und kreuze also völlig overdressed zur Stadttheater-Premiere auf. Samtoberteile sind keine zu sehen.

Romeo und Julia steht auf dem Programm. Die Inszenierung mit Witz, Süße und Schmerz, aber ohne jeglichen Kitsch. Dazu beigetragen hat sicherlich, dass Oliver Karbus das Stück neu übersetzt hat und durchaus mit Shakespeareschen Anzüglichkeiten würzt, auf die die meisten Übersetzungen ja verzichten. Katharina Kram rührt mich als Julia. Überhaut sind sie gut die Schauspieler, auch in den kleinen Rollen - nur das Platzhirschgehabe auf der Bühne stört mich etwas, da fände ich etwas mehr Zurückhaltung zugunsten der Hauptpersonen angebracht. So bekommen die Lieblinge des Stadttheaterpublikums, die in diesem Stück nur in Nebenrollen glänzen am Ende auch den meisten Applaus.

Die Bühne, die Kostüme sind schön - schließen einen Bogen vom alten Verona zu heute. Ist halt doch zeitlos die Liebe. Und der gute William.

Premiere in Passau ist am 30. Mai - nächste Spielzeit gibt es eine Wiederaufnahme - und "Romeo und Julia" ist auch als Freilichtaufführung bei den Südostbayerischen Burgenfestspielen zu sehen. Weitere Infos.


Ich will einfach Schokolade

Nennen Sie mich ruhig langweilig. Ich selbst bevorzuge allerdings den Ausdruck puristisch. Das gilt für sehr viele Lebensbereiche, ganz besonders für Nahrung - bis hin ins Hochpreissegment, sprich mit verkünstelt zubereiteten Speisen kann man mich nicht überzeugen. Aber lassen sie uns beim Alltag bleiben - und bleiben sie mir weg mit "flavoured" Kaffee, "flavoured" Mineralwasser, "flavoured" Alkohol, "flavoured" Bier und was man sonst noch alles flavouren kann. Das trinken doch nur Menschen, die keinen Kaffee, kein Wasser, kein Bier und keinen Alkohol mögen - eigentlich - und die vor zwanzig Jahren über alles Maggi gekippt hätten. Aber die Maggi-Flaschen sind von den Tischen der Wirtshäuser verschwunden, stattdessen wird überall künstlicher Geschmack darüber gehauen. Ob das nun wirklich ein Fortschritt ist, wage ich nun stark zu bezweifeln.

Normal gibt's nicht mehr. Denn jeder braucht ja das ultimative Geschmackserlebnis. Das ultimative Geschmackserlebnis eines hochwertigen Lebensmittel reicht nicht. Oder es kennen die Menschen nicht. Nehmen wir doch mal Schokolade. Wann haben Sie das letzte Mal eine Tafel Vollmilchschokolade mit etwa 40% Kakao-Anteil erworben? - Essen Sie eh nicht? Ist langweilig? Scheint so. Zuerst fing es an mit hochprozentigen Bitterschokoladen - 80, 90, 95 % Kakao-Anteil. Da zieht es einem ja die Zähne zusammen. Aber Schokolade-Essen war einfach Wellfitness. Und als wir uns alle well fühlten und uns dabei fürchterlich langweilten begann das Desaster: Schokolade mit Salz, spicy, chichi.

Und jetzt schmeckt Schokolade nach allem, nur nicht nach Schokolade. Also natürlich kann man nach wie vor im Supermarkt Schokolade kaufen. Aber versuchen Sie mal, eine hochwertige Schokolade zu kaufen, die ganz puristisch einfach Schokolade ist. Ich pfeif auf irgendwelche Geschmackserlebnisse - wenn ich Schokolade essen will, will ich Schokolade essen. Punkt. So einfach ist das.


Elternzeit

Noch mehr Kindheitserinnerungen... Da an dem Kaufhaus, das heute nicht mehr so heißt wie damals, steht wie damals ein Softeisstand vor der Tür. Kurz bin ich versucht anzuhalten. Ich habe dieses Softeis geliebt als Kind. Aber eigentlich ist mir nach Kaffee. Klein. Stark. Sehr stark. Und ein Eis der besten Eisdiele der Welt. Die einzige, die das ein oder andere Eis auch in meinen Portionsgrößen serviert. Ich brauche eine Auszeit. Eine Elternauszeit, denn die Zeit mit meinen Eltern ist gerade anstrengend. Also abgesehen davon, dass Elternzeit per se nicht unanstrengend ist, scheint mein Anblick momentan ihre Kreativität in Gang zu setzen und ihren Aktionsdrang. Damit zwangsläufig meinen Aktionsdrang. Und so jähte ich Unkraut oder mähe den Rasen statt den Garten, den ich ja sonst nicht habe zu genießen. Buch, Liegestuhl, Sonne. Aber das konnte mein Vater noch nie ertragen. Und mich mit einem Buch auf dem Liegestuhl in der Sonne zu sehen, war immer das Zeichen, mich für irgendetwas einzuspannen. Mein Vater genießt den Garten, indem er darin arbeitet. Heute, in dem er jemand anderen darin arbeiten lässt. Wobei dies nach wie vor ein Familienmitglied sein muss, sonst fehlt der Genuss. Und er wartet auch nicht ab, ob ich ihm den Gefallen mit dem Liegestuhl tue. Die Ansage "wir mähen den Rasen" kommt schon vorher. Und so mähe ich den Rasen und meine Mutter hält das Kabel und mein Vater schaut uns dabei zu. Eine wahre Familienaktivität. Pause. Espresso. Nein, nicht im Liegestuhl, da könnte ihm bei meinem Anblick ja weiteres einfallen.


Muttertag

An den meisten Tischen in dem Landgasthof wird nicht Muttertag gefeiert, sondern Erstkommion. Was man nur an den großen weißen Kerzen sieht, die überall stehen. Die Kids selbst sind weniger geschmückt, was ganz angenehm ist. Vor zwanzig Jahren liefen wir Mädchen ja den ganzen Tag als Mini-Prinzessinnen oder Mini-Bräute rum - aber das haben die meisten Gemeinden irgendwann abgeschafft, find ich auch richtig, soll ja schließlich nicht darum gehen, wer hat das schönste Tütü. Wer danach in diesen Landgasthof geht, ist eh etwas bodenständiger, gibt sicher irgendwo aufwändigere Feiern. Aber hier, hier werden noch Bücher verschenkt und keine Angebersachen - und ich seh noch die Reihen, die wir schon vor zwanzig Jahren gelesen haben und Kinder, die sich darüber freuen. Und das ist doch ein gutes Zeichen. Und das Essen ist auch gut. Und am Nachmittag gehen Mutter und Tochter spazieren - und das Gehege mit den Rehen und das mit den Meerschweinchen sind immer noch da. Da standen wir schon gemeinsam davor vor mehr als zwanzig Jahren. Und der graue Hase, der faul in der Ecke liegt, sieht aus wie der Stoffhase, den ich einmal hatte. Den gibt es immer noch, sagt Mama. Und weiß sogar, wo er ist. Nichts hat sich verändert in der Zeit. Alles hat sich verändert.