Previous month:
August 2009
Next month:
Oktober 2009

September 2009

Hochsicherheitszone: Oktoberfest

Das Dirndl hängt noch draußen am Schrank. Die Lust auf die Wiesn ist mir vergangen. Vielleicht weil ich eh nicht die große Oktoberfestgängerin bin. Was schade ist, denn seit Jahren hatte sich zum ersten Mal wieder so etwas wie Wiesnfeeling bei mir eingestellt. Aber weil das die letzten Jahre nicht da war, betrachte ich die Hochsicherheits-Wiesn nicht als Einschränkung meiner Freiheit, die ja letztlich für mich darin besteht, zu sagen: geh ich halt nicht hin. 2001 hat übrigens auch nichts und niemand mich auf das Oktoberfest gebracht. Für mich war es 2001. Für andere Menschen war es das Wiesn-Attentat. Ich kenne Menschen, die wenige Minuten vorher durch den Haupteingang gingen und seitdem nicht mehr auf das Oktoberfest gehen. Andere, die nicht mehr durch den Haupteingang gehen. Jetzt haben wir 2008 und das Oktoberfest ist eine Festung. Das ist berechtigt, das ist gar nicht der Punkt. Dennoch mag ich keine Festungen. Wobei ich (fast) keine Probleme mit Einlasskontrollen habe - die gibt es an vielen Punkten: Ins Flugzeug, in den Vatikan, in den Louvre etc. ohne Scan kein Einlass. Nur bei mehreren Millionen Besuchern wird es schwierig jeden zu filzen. Außerdem muss man dann das Gelände wohl komplett abriegeln. Und wenn man nicht reinkommt, kommt man auch nicht raus. Das ist für mich persönlich das größte Problem. In dem Moment, an dem mir die Menschenmassen zu viel werden. In dem Moment, an dem ich das Gefühl bekomme, dass die Stimmung umkippt. In dem Moment muss ich weg. Ich wusste schon immer, wo die Wege raus waren und wo es dann ein Taxi für mich gab. Und das gibt es nicht mehr. Für mich hat sich's ausgewiesnt. Und ich bin sehr froh, wenn sie vorbei ist. In diesem Jahr aus mehreren Gründen.

Wiesn-Impressionen

Nein, du sagst jetzt nichts. Du bist ja ein netter Mensch. Und die Frau mit den giftgrünen Applikationen auf den Fingernägeln freut sich zu sehr, dass sie jetzt auch ein Dirndl hat. Du selbst siehst es eher als preußische Geschmacksverirrung, aber heute bist du tolerant. Oder auch anfällig für Schmeicheleien, denn wenn jemand so von München und Bayern und den Menschen hier schwärmt, dann soll er tragen, was er will. Fast. Denn dem Mädchen vorhin, hättest du am liebsten die Cowboystiefel zu einer pseudobayerischen Geschmacksverirrung ebenso gern ausgezogen wie die Fußballfans aus dem Ruhrpott den Bayern die Lederhosn. Und das ausgerechnet auf dem Oktoberfest. Träumen darf ja erlaubt sein.

IMG_1837

Den Mädchen am Tisch gegenüber dagegen hat die Mama noch das Dirndl mitausgesucht. Bei Lodenfrey oder in ähnlicher Preisklasse. Hier trifft der eindeutig gehobene Münchner Vorort auf den eindeutig weniger gehobenen, dem es zu teuer ist, dem Buben einen Spezi zu spendieren. Lieber lässt man den Sohn am Bier mittrinken.

Noch eine Runde durch die überraschend leere Wirtsbudenstraße. Und wenn die Zelte die Feierwütigen ausspucken bist du schon lange daheim.


Wiesn überall

Du entkommst nicht. Scheint die gebügelte Dirndlbluse zu sagen, die ich aus dem Schrank ziehe. Wie kommt eine gebügelte Dirndlbluse in meinen Schrank? Wann in aller Welt wurde sie gebügelt? Staunend hänge ich sie erst mal wieder weg. Aber anscheinend waren in der ganzen Stadt Heinzelmännchen am Werk, so hoch ist die Dirndldichte auch jenseits der Theresienwiese. "Jetzt kann man es endlich einmal wieder anziehen", sagt A., von der ich eigentlich angenommen hatte, dass sie allein beim Wort "Oktoberfest" die Beine in die Hand nähme und aus München flöhe. Steht ihr aber gut die Tracht. Überhaupt, die wenigsten Frauen, die gerade in der Stadt Tracht tragen, beleidigen das Auge. "Im Gegenteil", meint der Begleiter. - Was die Wahrscheinlichkeit, dass das Dirndl mal wieder getragen wird, steigert. Weil, frau will ja gefallen.

Du entkommst nicht. Selbst in der Oper präsentieren sich außergewöhnlich viele Damen im Festgewand. Hat anscheinend Sinn, dass Gössl seinen Laden gegenüber der Staatsoper hat. Ich schau ja da nur. Aber offensichtlich kaufen da andere auch.

Du entkommst nicht. Die Verkäuferinnen in dieser Stadt haben sich zur Tracht verpflichtet - auch in nicht Innenstadtlagen. Da steht das wahrscheinlich eh in ihrem Vertrag. Ebenso wie die Tourist-Guides. Selbst wenn sie aus Brisbane sind und die Geschichte des Nationalsozialismus erklären (übrigens, richtig gut gemacht - soweit ich das am Marienhof mitgehört habe - Kompliment!).

Du entkommst nicht. Auch nicht den Touristenhorden in der Innenstadt. Aber die wollen wenigstens auch was von München sehen.

Du entkommst nicht. Und glaub ja nicht, dass es soviel cleverer wäre am Abend Rad zu fahren statt Auto. Polizeikontrollen sind überall.

Du entkommst ihr nicht. Der Wiesn.


Wahnsinn? Hölle? Gemütlichkeit?

Und wenn ich lese, dass die Bahn Sonderpartyzüge nach München einsetzt, dann vergeht's mir mal wieder mit der Wiesn ehe sie angefangen hat. Reicht es nicht, wenn abends lauter Betrunkene unterwegs sind oder geht irgendjemand davon aus, dass die Feierwütigen in einem Partyzug Kaffee trinken?

Vorglühen ist ja unglaublich hip geworden - liebe Wiesnwirte denkt an dieser Stelle mal darüber nach, ob das nicht in einem Zusammenhang mit den Bierpreisen stehen könnte. Als Ex-Wiesnreporterin möchte ich daher allen Oktoberfest-Neulingen einige gute Ratschläge mitgeben: Das Festbier ist gschmackiger als ein normales Lagerbier - und es ist wesentlich stärker. Vorglühen ist nicht nötig, da die erste Maß definitiv schon reinhaut. Sie müssen nicht angetrunken auf die Festwiese gehen, Sie sind es eh gleich. Dazu kommt: in den Zelten ist es heiß, die Hendl sind in der Regel übersalzen und alle paar Minuten spielt die Kapelle "Ein Prosit" - Das alles dient dazu, dass Sie mehr trinken als Sie gewohnt sind und vielleicht auch als Sie wollen. Der Wirt will ja was verdienen an Ihnen und die Bedienung auch und deshalb stellt sie Ihnen schon eine neue Maß hin, wenn die alte noch gar nicht leer ist. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Sie dem zustimmen, denn Wiesnbedienungen sind resulut (anders könnten sie den Job gar nicht machen) und Sie haben eh schon den Überblick verloren. Es gibt übrigens in den meisten Zelten auch Radler und überall alkoholfreies Bier - beides wird eher ungern als Bestellung angenommen, weil es einen Mehraufwand erfordert. Trotzdem bestellen. Ansonsten: nicht von der Bank fallen und heimgehen ehe man die Kontrolle über sich völlig verloren hat. Und dann, speziell als Frau, Geld für das Taxi dabei haben. In dem Sinn: viel Spaß, wenn es heute mittag wieder heißt "O'zapft is"...

IMG_3358


Brandenburger Tor

Brandenburgertor_sw

Beim Aufräumen vor einiger Zeit war mir ein Bild in die Hände gefallen. Klassenfahrt, 10. Klasse, Berlin. Da standen wir an dem Zaun und blickten zum Brandenburger Tor. Und man sieht auf den Fotos, wie beklemmend das alles für uns war. An dieses Bild musste ich nun denken. Und dann musste ich einfach durchlaufen.


Berliner Luft

Der Empfang ist etwas unfreundlich: Hochnebel über Berlin. Der Taxifahrer echauffiert sich auf türkisch in sein Head-Set, bedient nebenbei das Navi und schlängelt sich durch den Verkehr. Doch nach wenigen Minuten bricht der Himmel auf - der Taxifahrer unterbricht das Gespräch und entschuldigt sich lächelnd für den Disput. Berlin heißt mich willkommen. Kein Problem sei die frühe Anreise, versichert mir die Dame am Hoteltresen, selbstverständlich könne ich gleich den Koffer auf das Zimmer bringen und ob ich Wünsche hätte.

Ob ein Bonbon im Taxi oder die Frage, welche Musik denn genehm wäre. Ob die Kellnerin, die sofort eine Decke bringt, am kühlen Morgen als ich beim Kaffee doch nicht auf die Zigarette verzichten wollte. Ob die Kollegin, die das Glas Wein, aus dem schon getrunken wurde, in ein neues umtauscht, als ich wahrheitsgemäß sage, dass der Wein nicht wirklich toll wäre, aber durchaus trinkbar. Ob in der Kneipe, im Restaurant, in Geschäften  oder im Museum - ich habe noch nie soviel Freundlichkeit erlebt. Bis auf eine Ausnahme und die war im alten Westteil der Stadt.

Dann war dann noch die junge Frau mit ihrem wundervollen Hutgeschäft in der Kastanienallee, die gleich von der bayerischen Landschaft schwärmte und nebenbei bayerische Filzhüte an die Berliner Szene verkaufte - ich musste ihr natürlich auch gleich was abkaufen, allerdings von einer Berliner Designerin. Das andere bekomme ich auch hier. Theoretisch. Aber hier traut sich ja keiner damit auf die Straße.

Wohlgefühlt hab ich mich in Berlin. Ich glaub, ich muss bald wieder mal schauen, ob das mit der erlebten Freundlichkeit ein gefühlter Glückstreffer war oder ob die Menschen tatsächlich immer so freundlich sind. Denn dann...

Special thanks an dieser Stelle geht übrigens an Frau Kaltmamsell - von ihr stammt der Hoteltipp und ich war mir sicher, ihrem Geschmack vertrauen zu können. Wie recht ich doch hatte.


Haferl, das

Zwei Berufsgruppen sind in der kleinen Stadt überpropotional vertreten: Sozialpädagoginnen und Keramikerinnen. Das Innen ist auf jeden Fall frauenpolitisch korrekt - und das ist bei diesen Berufsgruppen wichtig und zum anderen entspricht es der Realität, denn es sind nun mal sehr frauenlastige Berufe. Die beiden Berufsgruppen bereichern einander auch: Die Keramikerin geht in die von sozialpädogogische Selbstfindungskurse und die Sozialpädogin kauft Keramik. Also haben beide was davon. Weil aber sich die Stadtbevölkerung grundsätzlich verpflichtet fühlt, das Überleben dieser Frauen zu sichern, hat fast jeder Haushalt auch noch ein Keramikservice daheim. Das gehört sich so. Sie wollen auch? - Am Wochenende ist wieder Haferlmarkt...

IMG_0830


Trennen Sie sich mal

Das konnte ich noch nie leiden. Ein Satz der sitzt. Vor allem als Antwort. Auf: Das habe ich dir geschenkt. Gemeinsames Ausmisten der Wohnung grenzt an Paartherapie. Denn beim Ausmisten kommt man an den Punkt, an dem man weder Freund noch Feind kennt. Es ist die gesteigerte Version des alljährlichen Versuchs, den scheußlichen alten Parka, der im Wandschrank Platz für einen neuen Mantel wegnimmt, nun doch endlich in die Altkleidersammlung zu befördern. Was natürlich ignorant bis an die Grenzen ist. Wer an dieser Stelle die Regeln des guten Geschmacks überschreitet, darüber gibt es natürlich zwei Ansichten. Also der Parka bleibt. Einstweilen. Die Vase fliegt raus. Geschenk hin oder her. Stillschweigend nehme ich den Suter vom Stapel der aussortierten Bücher und lege ihn auf den Stapel der zu behaltenden Bücher.


Das Riesenrad steht schon

Fast war es als könne man die gebrannten Mandeln riechen - gestern zu Füßen der Bavaria.

Bavaria-Blog

Fast den Ochs am Spieß drehen sehen und das Bier im Krug schäumen. Gestern war so einer dieser perfekten Wiesntage. Einer, an dem auch ich das Dirndl angezogen hätte und einen Wiesnspaziergang unternommen. Platz war gestern noch genug. Nur ein paar Münchner, die eine Baustellenbesichtigung unternommen haben. Es liegt schon so ein Knistern in der Luft. Das ist nicht jedes Jahr so. Aber heuer trachtet es auch schon so leicht im Straßenbild. Was man hier nicht häufig sieht, was aber gut aussieht. Vielleicht putzt sich München auch heuer extra raus. Trotzt. Vielleicht gehört die Wiesn ja wieder mehr den Münchnern. Vielleicht geh ich auch mal wieder raus.


Septembermorgen

Vor ein paar Tagen schwitzten schon die ersten Lebkuchen im Supermarkt. Heute morgen beim Aufstehen war es noch dunkel. Und hier im Blog gibt es seit gestern die ersten Suchanfragen nach "Adventsdeko". Das geht mir zu schnell. Ich warte jetzt erst auf den Spät- und dann auf den Altweibersommer. Danach auf einen goldenen Oktober und auf die Novembermelancholie. Dann auf das Glitzern der Vorweihnachtszeit. Das Jahr ist noch lange nicht vorbei...


Sommerabend

Noch einmal raus. Noch einmal. Die Menschen flanierten auf der Straße, die Cafés gestern abend waren überfüllt. Jeder wollte noch einmal raus. Noch einen Sommerabend erleben. Ein warmer Abend war es, aber schon raschelten die Kastanien und die verdorrten Blätter segelten im Wind auf den Tisch. Und das Knistern, das sich beim Gehen durch das erste Laub am Boden bemerkbar machte, war der Vorbote einer neuen Jahreszeit.