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November 2009

Wir sind alle codiert

Früher, ja früher haben wir uns abgesprochen. Schon Tage vor einem Fest, das wir damals Party nannten und was ganz wichtig und elementar war, galt es die Frage zu klären: was ziehst denn du an? Man wollte ja auffallen, aber um Himmels willen nicht zu sehr. Als einzige einen Rock zu tragen, während alle Freundinnen in Jeans aufkreuzen würden - der Abend wäre gelaufen, schon zu Beginn. Und wehe, die beste Freundin hielt sich nicht an die Absprache, was natürlich immer wieder vorkam, denn die Loyaliät in Mädchenfreundschaften ist ein fragiles Gut. Das konnte durchaus für freundschaftliche Verstimmung sorgen.

Das gibt es heute natürlich nicht mehr. Außer in Situationen, in denen der Dresscode sehr unklar ist. Die Frage, ob Jeans oder Abendkleid kann immer noch elementar sein. Dennoch es liegt was in der Luft. Eben jener Code. Nur so ist es zu erklären, dass wir immer wieder gemeinschaftlich handeln, gerade wenn wir glauben individuell zu sein. Von den mir näher bekannten Frauen würde sich jede dagegen wehren, sich Modediktaten zu unterwerfen. Dennoch kann es passieren und ist es passiert, dass auf einem Fest alle anwesenden Damen, inklusive mir, in einem grauen Rock erschienen. Glücklicherweise variierten Material, Oberteil und Schmuck etwas, sonst wäre die Frage im Raum gestanden, ob wir alle uns einer imaginären Uniform verschrieben hätten. Und vielleicht hätte sich ein rotes Kleid daneben auch heute noch deplaziert gefühlt. Aber nachdem sich im kollektiven Gedächtnis der graue Rock als doch etwas grau abgespeichert hat, griffen zu einem der folgenden Anlässe die Damen auffällig häufig zu einem bunten Kleid, inklusive mir. Da ist mal unter Glück abzuspeichern, dass es doch unterschiedliche Kleider waren - was sonst noch viel peinlicher als der Gemeinschaftsrock gewesen wäre.

Anscheinend gibt es ihn tatsächlich den Code. Manchmal ausgesprochen: Black tie. Casual. Tracht. Manchmal unausgesprochen.

Nein, die Frauen, die ich kenne, haben sich nicht vorher abgesprochen, aber plötzlich fuhren sie alle ein Mini Cabrio. Auch Heirats-, Umzugs- und Schwangerschaftswellen entstehen scheinbar aus dem Nichts. Und da stellt sich dann heraus, und dass ist noch schlimmer als zum selben Partykleid zu greifen, alle Eltern dem Muster folgend in der Krabbelgruppe feststellen, dass sie zum selben Namen gegriffen haben. Was ja schon unsere Eltern gemacht haben. Und so haben die Andrease und Michaele unserer Generation die Finne und Paule der nächsten erschaffen. Als hätten sie sich abgesprochen.


24. November

In einem Monat ist Weihnachten. Heute morgen lief das erste Mal "Last christmas" im Radio. Ich bin aufgestanden und habe das Radio abgedreht. Das war zuviel.

In einem Monat ist Weihnachten. Da ist es ganz passend, dass der November heute doch noch etwas Blues verbreitet hat, denn irgendwie muss man sich ja mental vorbereiten. Nur bei ein bisschen Blues, ein bisschen nasskaltem Wetter kann man sich vielleicht irgendwann freuen. Auf die brennenden Kerzen. Auf Pätzchen und Punsch. Darauf, sich auf dem Sofa eine Decke zu teilen.

Also ich plädiere jetzt noch für ein bisschen Novemberblues.

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Der ist nämlich wesentlich besser als Januardepressionen. Weil: auf den November folgt der Advent. Dann wird alles wieder gut.


Wochenendimpressionen

Draußen sitzen die Leute im Straßencafé und schauen den Weihnachtsmarkt-Standlbesitzern beim Aufbauen zu. Das Eis der schon längst geschlossenen Eisdiele würde sich wahrscheinlich besser verkaufen als die Lebkuchen, die jetzt drin sind. Und im Blumenladen bieten sie Glühwein an, denn schließlich ist Adventsausstellung und da gehört Glühwein einfach dazu. Die Kinder toben nur mit dem Pulli vor dem Lokal, wo die Eltern drin beim Sonntagsbrunch sitzen. Und andere tragen beim Sonntagsspaziergang ihre Daunenjacken - und du fragst dich spontan, was sie wohl anziehen, wenn es doch Winter wird.

Übergangsmäntel werden überschätzt, sagte S. noch Anfang Oktober als der Sommer nahtlos in etwas winterähnlich überging. In diesem Moment warsrt du versucht, ihr recht zu geben. Mit leichtem Bedauern, denn schließlich wollen Trenchcoat etc. auch getragen werden. Und sie an, es ist ausgerechnet der November, der ihr widerspricht. Also ein Hoch auf den Übergangsmantel. 

Irgendwie kommt mir die Vorstellung, diese Woche in den Keller zu steigen und nach dem Weihnachtskram zu kramen, doch noch ziemlich absurd vor. Ich sollte nicht vergessen, vorher ein Antiallergikum zu nehmen, staubig genug ist es da unten.


Es ist Sonn-Tag

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Die ganz jungen werden im Kinderwagen geschoben, die ganz alten im Rollstuhl. Manche ziehen zum Arbeiten raus in die Sonne um, andere zum Zeitunglesen und wieder andere tanken nur einfach Sonne. Auf und ab flanieren die Menschen wie an einem sonnigen Sonntag. Am Spielplatz nebenan ist Hochbetrieb. Wie schon die letzten Tage. Die Straßencafés sind voll. Und in der kleinen Stadt sitzen die Menschen draußen unter der schon angebrachten Weihnachtsdeko. Die Geschäfte versuchen, Plätzchen zu verkaufen und Weihnachtskerzen und die Floristen werben mit ihren Adventsausstellungen. Novemberföhn macht das Leben absurd. Schön...


Neue Verhaltensregeln

Du machst das falsch! Der Tonfall eines solchen Kindergartenzwergs kann sehr resulut sein. Jetzt bin ich es zum einen nicht gewohnt, von tief unten kritisiert zu werden, zum anderen bin ich mir keiner Schuld bewusst. Du musst in den Ärmel niesen, werde ich aufgeklärt. Ja, Schweingegrippeschutz, nickt die dazugehörige Mutter.

Ah. Ja. Die vorgehaltene Hand ist unhygienisch, der verschlonzte Kostümärmel wird diesen Winter das Signal sein, sich korrekt zu verhalten. Unter letzteren Aspekt bezweifle ich, dass sich diese Verhaltensvorschrift außerhalb des Kindergartens durchsetzen lässt. Ansonsten begrüße ich natürlich, dass sich vielleicht die Wahrscheinlichkeit dezimiert immer und ständig von fremden Kindern angeniest zu werden.


Ich geh mit meiner Laterne...

Mei, war das ein Spaß früher. Wie wir da mit unseren selbstverständlich selbstgebastelten Laternen am Martinstag entlang gewackelt sind. Letztlich hoch konzentriert, denn zu viel wackeln bedeutete in der Regel das aus für das Licht drinnen. Hochkonzentriert auch die Eltern, gleich einzugreifen, wenn so eine Papierlaterne Feuer gefangen hat oder einem anderen Kind verdächtig nahe kam.

UNTEN, DA LEUCHTEN WIR

Gibt's alles nicht mehr. Ist ja viel zu gefährlich. Wieder mal ein Punkt mehr, wie wir alle es geschafft haben, unbeschadet groß zu werden. Heute wird mit Glühlämpchen gearbeitet. Glühlämpchen! Ich gebe ja zu, dass meine Mutter wahrscheinlich die erste gewesen wäre, die ein elektrisches Lämpchen in die Laterne gesteckt hätte. In dieser Hinsicht war sie extrem unentspannt. Das gab's aber in den 70ern nicht. Und dennoch ist nie etwas passiert.

MEIN LICHT IST AUS - ICH GEH NACH HAUS

Das gilt ja heute nicht mehr. Und damit ist das beste Argument für Eltern, den Rummel dann irgendwann zu beenden und die völlig überdrehten, äh, Kinder nach Hause zu bringen, auch vom Tisch. Selber schuld, sag ich da mal.

RABIMMMEL RABAMMEL RABUMM

Und noch eine Tradition, die den Bach runter geht: die Martinsgans. Kam ich doch tatsächlich heute an einer Wirtschaft vorbei, die groß die "Martinsente" angekündigt hat. Martinsente. Ob Kirchweih oder Martinstag - anscheinend ist das alles inzwischen egal. Aber es war halt nun mal ein Gänsestall und kein Entenweiher. Da wollen wir jetzt schon mal korrekt bleiben.


Auch in München: Angriff auf unschuldige Autos

Es war einmal ein Auto. So fangen Märchen an. Es war einmal ein wunderhübscher Golf IV. Bitte jetzt keine Einwände, ob ein Golf IV überhaupt wunderhübsch sein kann. Auf jedenfall war er hübscher als der Golf V, der ja ganz fürchterlich aussieht. Ein Auto, das gefahren ist, wie eine eins. Was wahrscheinlich daran lag, dass er ganz wunderbar eingefahren wurde: vom Händler raus, ins Rheinland rein. Die Jungfernfahrt. Und auf der Rückfahrt mal schauen, wie viel er kann. Ja, und er kann was für einen nicht übermotorisierten Golf.

Er wurde geliebt, fünf Jahre lang. Dann hat er zugegebenermaßen Konkurrenz bekommen. Das war sicherlich hart. Jünger, mit mehr Power, schicker. Aber deswegen wurde er nicht weniger geliebt. Nur weniger gefahren. Auf Reisen musste er meist in München bleiben.

Aber was so richtig hart war, waren die Angriffe, denen er ausgesetzt wurde. Rücksichtslos. Ihm wurde der Seitenspiegel abgefahren. Ihm wurde ins Heck gefahren. Und eine Garagentür ihm auf die Motorhaube geknallt. Viele Blessuren musste er einstecken. Und das war alles nichts gegen gestern. Als ein rücksichtsloser BMW-Fahrer ihm die ganze linke Seite zerstört hat. Und dann eigentlich noch weiterfahren wollte, wäre er nicht aufgehalten worden.

Der Gutachter heute sprach von Restwert. Das kommt einem Todesurteil gleich...

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Aber dieser Schrotthaufen auf vier Rädern, steht auf nagelneuen vier Rädern. Und er hat neue Bremsen. Und er fährt. Also auch weiter.


9. November 1989

Ich war 17 und so unfrei wie man mit 17 in Niederbayern nur sein kann. Dass die Mauer in Berlin fiel, war die eine Sache, um mich baute ich sie gerade auf. Der Herbst vor 20 Jahren... Zu Hause Stress, die große Liebe meist unglücklich, die beste Freundin gerade schwanger. Die kleine Welt war durcheinander, so dass der Umbruch der großen Welt gar nicht die Bedeutung hatte. Berlin war weit weg.

Eineinhalb Jahre zuvor war ich das erste Mal in Berlin gewesen. Die Eindrücke von damals, heute noch präsent. Die Mauer, das graue Ostberlin. Das Glück heute, durch das Brandenburger Tor zu gehen. Präsent auch der Sommer 1989. Die Bilder aus der Prager Botschaft. Die Züge, die dann im Westen ankamen. Präsent auch der Berlin-Besuch im Jahr darauf, das Kribbeln des Umbruchs. Doch ausgerechnet der 9. November nicht präsent. Doch präsent das Gefühl der Absurdität, was es mit diesem Datum des 9. Novembers wohl auf sich hat, da sich an einem Datum die Ereignisse so häufen.

Es gibt Situationen, an die hat man eine Erinnerung zu haben. Um Teil des Ganzen zu sein. Ich habe die Bilder gesehen. Damals und seitdem immer wieder. Die kollektive Erinnerung ist Teil von mir.


Der Berg ruft...

...diesmal ein anderer. Morgen geht's in Tölz wieder auf den Kalvarienberg.

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Leonhardifahrt. Und da sag noch mal einer, dass in Bayern manches Brauchtum nicht gepflegt würde. Wobei es allerdings die Frage ist, ob es inzwischen nicht mehr eine große Touristenattraktion ist. Ich persönlich hab ja meine eigene Wallfahrt auf den Berg schon hinter mir. Aber wenn das Wetter schön ist, vielleicht fahr ich dann doch noch am Wochenende auf einen Leonhardimarkt.


Mann, du bist der Hammer

Weltmännertag also. Das ist gut und billig, weil ja jede schützenswerte Art einen eigenen Gedenktag braucht. Und Männer gehören ja inzwischen zu der schützenswerten Art. Schon in der Schule benachteiligt, später von den Hormonen getrieben, dann ausgepowert im Leistungsdruck. Auf der anderen Seite psychisch kastriert und von Gebärneid gebeutelt. Nachdem die männliche Identität in den letzten Jahren verloren gegangen ist, ist so ein Gedenktag mehr als nötig.

Männer. Eine verwunderliche Spezies. Inzwischen ist es ja sogar im Fußball wichtiger vor dem Spiel zur Maniküre zu gehen und die Haare neu gefärbt zu haben, dafür muss auch eine Trainingseinheit ausfallen können. Das sind also die neuen Männerqualitäten. Auch wenn wir Frauen keineswegs den ungepflegten Neandertaler wiederhaben wollen, dieses Beispiel zeigt eindeutig, dass Männer es nicht schaffen, Prioritäten zu setzen. Und dann sehen die Frauen in der Nationalmannschaft nicht nur besser aus, bringen nach dem Spiel den geraderen Satz ins Mikro - sie spielen auch noch besser. Wieder eine Männerdomäne gekippt.

Ach Männer. Natürlich ist Fußball schon lang nicht mehr euer Leben. Die Werkbank im Keller ist der Wellness-Oase gewichen. Vom Platz im Kleiderschrank und aud dem Badezimmerregal fordert ihr die Hälfte ein. Ihr könnt kochen und grunzt nicht nur "Fleisch!", das ihr auf den Grill schmeißt. Ihr geht mit angesabberten Anzügen ins Büro und sagt erklärend "Bäuerchen zum Abschied". Ihr habt Krämpfe, wenn wir unsere Tage haben. Nehmt in der Schwangerschaft zehn Kilo zu. Spielt euer Leben lang gern mit Autos.

Ihr bringt uns zum Staunen. Und zum Lachen. Und manchmal zum Weinen. Einen schönen Weltmännertag euch heute noch. Soll ich im Baumarkt ein Geschenkset kaufen gehen? Oder lieber ein Körperduftöl?