Bücherherbst - Tag 11
Bücherherbst - Tag 12

Gut, besser, Wohnraum

Weißbier ohne Schaum also. Ich mag Weißbier – alkoholfrei nach dem Radeln oder Wandern. Allein deshalb hab ich mich wahrscheinlich schon disqualifiziert. Weißbier ohne Schaum sei die Au ohne Paulaner – sagt die Süddeutsche. Also eigentlich sagt es der Pfarrer von der Au und die Süddeutsche kommentiert: „Recht hat er.“ Weil, wenn jetzt die Brauerei wegzieht und da Wohnungen entstehen, würde ja sich das Gesicht der Au verändern und außerdem würden da Wohnungen entstehen, die sich der eingesessene Au-Bewohner nicht leisten kann. Da haben wir es wieder: das Schreckgespenst der Gentrifizierung.

Ja, nur lieber eingessene Au-Bewohner: Sie brauchen ja keine Wohnung. Sie haben ja schon eine. Das ist ja die Krux am Münchner Wohnungsmarkt. Wer seit geraumer Zeit irgendwo wohnt – egal wo, tut den Teufel dran und zieht um. Weil inzwischen die Mieten explodiert sind. Ich wette mit Ihnen, dass Sie jetzt schon nicht umziehen, weil eine neue Wohnung teurer ist als die, in der Sie heute leben. Und warum explodieren die Mieten? – Das ist die Geschichte mit Angebot und Nachfrage....

Und wer jetzt da so scheinbar sozial argumentiert wie es die SZ macht, macht eigentlich das Gegenteil: es ist ein Plädoyer für die Wohnraumverknappung. Ist ein Gut knapp, wird es teurer und nur noch wenigen zugänglich. Eigentor.

Würde die Au durch den Wegzug der Brauerei ihr Gesicht verändern? – Ja. Würde sie es verlieren? – Nein. Denn gesichtslos sind die Viertel am Stadtrand. Wo einfach gebaut wird – wo es keinen Tandler gibt, keine Tante Emma, keinen Bäcker, keinen Metzger, keinen Schuster. Wer in die Innenstadt zieht, möchte doch gerade nicht mit dem Auto zum Supermarkt, sondern zu Fuß seine Einkäufe erledigen können. Möchte doch gerade, dass „sein Viertel“ lebt.

Sollte Paulaner an den Stadtrand ziehen, ist das ein Gewinn. Und es will auch nicht jeder Yuppie am Nockherberg wohnen. Ich glaub, Herr Pfarrer, da müssen Sie keine Angst haben.

Kommentare

Feed Abonnieren Sie den Kommentar-Feed dieses Eintrags, um der Konversation zu folgen.

ilse aus Minga

also den greislichen Paulanerturm vermisst sicher niemand...aber du vergisst, dass es auch ganz nett ist, wenn man in einer Stadt auch mal ans Umziehen denken kann und nicht wie das Reh im Scheinwerferlicht in seiner günstigen Wohnung gefangen ist. Aber das ist wenigstens mal was, woran die "zuwanderer" ned schuld sind, höchstens die Preissn.

Helga

Ilse, das vergesse ich sicher nicht - denn in dieser Situation bin ich ebenfalls. Was ich sagen wollte: dieses Problem ist (leider) München immanent. Und betrifft, wenn man so will, die Glasscherbenviertel ebenso wie Nymphenburg. München braucht Wohnungen - gegen Wohnraum zu sein bedeutet das Problem zu verschärfen.

ilse aus Minga

Aber Helga, münchen immanent ist auch die Gleichung: Mehr Wohnraum=mehr BMW- und Siemens-Ingenieure ;-)

Stadtneurotiker

Gegen den Paulaner-Wegzug spricht eigentlich sehr wenig.
„Eigentlich“ steht für die erschreckend einfältige Wohnungsbaupolitik der Stadt, die zwischen dem Ermöglichen von Lofts (aktuell: Müllerstraße/Stadtwerke) und optischen Sozialwohnungen leider kein architektonisches Maß kennt, das für die Stadt eine Bereicherung darstellt. Die Neubauten der letzten Jahre (Messestadt, Panzerwiese, Ackermannbogen, Arnulfpark) strotzen vor Beliebigkeit, für die man sich selbst in äußerst strukturschwachen Regionen schämen würde. Wie gering das Interesse der Stadt an architektonischer Innovation ist zeigt die gescheiterte Werkbundsiedlung.
Neuer und bezahlbarer sowie auch dekadenter und abgefahrener Wohnraum im Herzen Münchens sind wichtig.
Aber bevor sich die architektonische Beliebigkeit weiter ausbreitet, atme ich als Haidhauser lieber den Duft frisch verarbeiteten Hopfens aus der Au ein, auch wenn mein Gaumen Erzeugnisse anderer Brauereien bevorzugt.

Die Kommentare dieses Eintrags sind geschlossen.