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Juni 2012

Aus is

Es wird mir zunehmend unangenehm. Die Menge von Menschen, die aufgekochten Emotionen. Und ich reagiere darauf, wie ich immer darauf reagiere: mit Rückzug. Das Spiel Italien-Deutschland hab ich allein vor dem Fernseher angeschaut. Ich habe mitgefiebert, angefeuert, geschimpft. Alles so wie es sein soll, aber nicht in der Menge von Menschen. Ich hätte dahin und dorthin gehen können - fahren um genau zu sein - und darin lag für mich das Problem. Denn es bedeutete zurück durch kopflose Menschen. Und ich weiß, wovon ich spreche: ich bin nach dem CL-Finale durch München gefahren und mir sprang mehr als ein Depp vors Auto.

Für mich war ein Halbfinale allein weder schlimm noch sonst was, es war richtig. Doch damit bin ich allein. Fußball kann man anscheinend nur noch in der Masse anschauen. Und Masse meint nicht mit ein paar Leuten im Wirtshaus oder Biergarten - es meint viele Leute.

Das ist der Punkt, der mir unangenehm wird. Spiele in den 90ern waren daheim mit Freunden, waren irgendwo - es war nett und niemand hat sich verkleidet. Aber gut: in den 90ern musste man auch noch nicht in Pseudotracht auf die Wiesn gehen. Heut musst zwingend das Trikot anziehen und dir Farbe ins Gesicht malen.

So angefangen hat das zur WM 2006. Ich weiß noch wie skeptisch ich im Vorfeld war und wie sehr mich diese gelöste Feierstimmung überrascht und begeistert hat. Aber seitdem hat sich das hochgeschaukelt. Es wurden immer mehr Menschen, immer mehr Emotionen. Und die Stimmung schlägt um.

Freuen und leiden, jubeln und weinen - alles wunderbar. Aber das ernsthafte Beschimpfen des eigenen Teams, des gegnerischen und der gegnerischen Fans, das finde ich zum Kotzen. Es ist ein Spiel. Danach wird abgeklatscht und das Trikot getauscht. Und dann schleicht der eine vom Platz und der andere feiert.


Noch a bisserl Wien

Wien ist überhaupt ein geeignetes Pflaster für den EM-scheuen Menschen. Die Theater sind noch am spielen, gesellschaftliche Kulturereignisse müssen abgefeiert werden, ehe die Wiener die hochsommerliche Stadt den Touristen überlassen. Und sollten Sie nächstens einen Wien-Besuch planen: Verpassen Sie bitte nicht die wundervolle Ausstellung "Klimt persönlich" im Leopoldmuseum.

Wobei doch in überraschend vielen Beisln Fußball übertragen wird. Ob der Wiener seit der letzten EM seine Fußball-Begeisterung entdeckt hat oder ob dies den Touristen geschuldet ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Dazu bräuchte es einer längeren Feldstudie.

Also ließe sich an Abenden wie heute unauffällig unter Menschen mischen und den Klassiker Deutschland gegen Niederlande schauen. Man müsste nur damit leben können, dass die Mehrheit der Zuschauer möglicherweise für die orange Mannschaft ist. Aus Prinzip. Und aus Solidarität, wenn sie schon selber nicht mitspielen dürfen.


Ach ja, es ist ja EM

EM ist - aber irgendwie mag sich so eine Herz-in-der-Hand-Stimmung nicht einstellen. Das mag an dem trübsinnigen Wetter liegen, bei dem man statt im Biergarten daheim auf dem Sofa sitzt. Mit Decke. Vielleicht gab es auch ein bisschen zu viel an Fußball die letzten Jahre oder vielleicht müssen wir mit dieser EM auch einfach erst einmal warm werden. Sind ja noch ein paar Spiele bis zum Finale...

Wir haben jedenfalls das unsrige getan, um das Trauma des letzten EM-Finales zu überwinden. Jenes fand ja in Wien statt und wurde von den Spaniern gewonnen. An einem brüllend heißen Tag vor vier Jahren. Den ich mit Freunden in einem überfüllten Münchner Biergarten verbrachte, während der Begleiter in Wien weilte - worum ihn nach dem Schlusspfiff und einsetzenden Sommerregen keiner mehr beneidete.

Wien - der Ort der Niederlage. Ein passender Ort, um diese neue EM zu starten. Vorallem, da jene Freunde inzwischen nach Wien umgesiedelt sind. Und so gab es Paella in Wien - mit jenen Freunden - und Fußball. Aber das hat die Herz-in-der-Hand-Stimmung auch nicht erweckt.