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November 2012

Der Rest von München: Neuperlach

Ein Stadtteil, der mir völlig fremd ist. Für Außenstehende wirkt es wie irgendwann mal hingeklotzt und dann allein gelassen. Und es ist wohl tatsächlich ein Kosmos für sich, der mit dem, was der Rest der Welt mit München verbindet, wenig gemein hat. Aber Neuperlach hat tatsächlich ein eigenes Blog - und hier wird der Stadtteil vorgestellt.

Hierum geht's bei unserer Serie und auch freuen würde ich mich über Beiträge aus der Isarvorstadt und dem Schlachthofviertel (das habe ich jedenfalls so dem Buch entnommen).


Neuhausen und der Rest von München

Maximilian Buddenbohm zweifelt, ob das Leben jenseits seines Kiezes lebenswert ist und ruft Blogger auf, ihren Stadtteil zu beschreiben. Ich kann das gut verstehen - geht mir genauso. Auf jeden Fall haben sich jede Menge Hamburger Blogger aufgemacht, ihren Stadtteil zu beschreiben und das finde ich auch im Süden spannend. Die Welle ist ins Ruhrgebiet geschwappt (und hey, was weiß ich vom Pott). Und ich finde, auch München verdient es, dass hier mal die einen Klischees bestätigt und mit anderen aufgeräumt wird.

Also fangen wir an...

Mein Stadtteil war nie angesagt. Und das ist gut so, denn so blieb das Heuschreckenpartyvolk mit allen seinen Nebenwirkungen aus. So wurde der Stadtteil auch nicht gentrifiziert, sondern hat sich einfach verändert. Teuer ist es auch so geworden, auch wenn noch jede Menge unsaniert ist. Hier sind viele Mietshäuser noch in der Hand derselben Besitzerfamilie wie vor 100 Jahren, heute sind halt die Enkel und Urenkel die Hausbesitzer. Die Alteigesessenen kennen sich auch alle - so mein Gefühl. Es ist ein Dorf, in dem du erst angekommen bist, wenn dich jeder mit Namen kennt. Und eigentlich erst, wenn du auf dem Friedhof hier liegst. Der Winthirfriedhof ist einer der schönsten in München - aber das werden die meisten von uns nicht erleben. Hier gibt es erst nach dreißig Jahren ein Grab und dann auch nur vielleicht.

Ist vielleicht etwas morbide mit dem Ende anzufangen. Aber ich mag Friedhöfe. Zurück auf Anfang, es ist auch eine der bekannteren Geburtskliniken Münchens in Neuhausen, die Taxisklinik. Wie gut diese ist, kann ich bekannterweise jetzt nicht aus Erfahrung berichten.

Neuhausen ist nicht Neuhausen - denn eigentlich ist der Stadtteil mehrgeteilt. Der Mittlere Ring, die Nymphenburger Straße, die Leonrodstraße - all das schneidet den Stadtteil in mehrere Teile, die sich nicht so wirklich zu einem ganzen zusammenbringen lassen. Auf der einen Seite ist es mehr Penny, auf der anderen Seite mehr Bio-Markt. Auf der einen Seite mehr Boazn, auf der anderen mehr Restaurant. Grundsätzlich gilt: Wer an der Stadtautobahn oder im Neubaugebiet an der Bahnstrecke wohnt, ist nicht zu beneiden. In den Altbauten, die jeweils in der Mitte des Kiezes sind, wohnt es sich allerdings ganz angenehm.

Auch wenn von Genossenschaft bis Edel alles vertreten ist, sind die Wohnung doch in erster Linie der typische Nicht-Herrschaftliche-Beamtenaltbau der letzten Jahrhundertwende. Komischerweise meinen viele, dass auch wir hier luxussaniert leben - aber außen hui und innen Nachtspeicheröfen und Boiler. Und ich hab auch noch ganz anderes von innen gesehen. Also soviel zum Luxus.

Mein Neuhausen ist sehr grün, sehr bio, kinderreich - eigentlich leben hier die typischen Lohas mit dem für München typischen großen Wagen und dem etwas kleineren Zweitwagen vor der Tür. Was schon mal bedeutet: Parkplätze findet man keine. Wohnungen übrigens auch nicht.

PicMonkey Collage_Neuhausen
Ansonsten ist alles vorhanden hier. Viele Einzelhändler haben sich gehalten oder haben auch wieder neu aufgemacht. Die Neuhauser mögen Einzelhandel. Bäcker gibt es soviele, als würden wir von Brot allein leben - und so wird man hier sehr wählerisch: die Brezn bitte von dort, die Semmeln sind da am besten und für das Roggenbrot geh bitte dorthin. Und um Sonntags Kuchen zu holen, kommt eh halb München ins Ruffini.

Überhaupt gibt es hier jede Menge schöne Dinge zu kaufen: in Krimskramsläden, bei Muttisglück-Geschäften, in wunderbaren Blumengeschäften, in Buch- und Modeläden etc. pp. Wir haben großartige Restaurants wie das Broeding oder das Acetaia. Und viele sehr gute Restaurants und Kneipen, die nicht ganz so bekannt sind (und das soll auch so bleiben - wir wollen ja nicht zum In-Viertel werden). Im Sommer gibt es den Taxisgarten und das Dantebad, im Winter die Eisfläche am Nymphenburger Kanal. Und wenn man wirklich mal weg will, ist man mit dem Rad in zwanzig Minuten in Schwabing, in der Maxvorstadt oder in der Innenstadt.

Ich mag es, dass hier immer so ein bisschen was los ist. Dass man vor die Tür gehen kann und unter Menschen ist, mit jemanden auch mal einen Ratsch halten kann. Ich mag es, dass es hier jede Menge Kinder gibt, aber auch viele alte Menschen. Für mich ist das eine gute Mischung. Auch verschiedener sozialer Schichten. Die allerding bedroht ist, immerhin parken hier inzwischen auch Aston Martin und Bentley auf der Straße (geh nach Grünwald!). Weil Geld hat man in manchen Teilen Neuhausens nicht und in anderen wird nicht damit angegeben. Bis jetzt jedenfalls. Und bis jetzt hat das auch funktioniert.

Wobei das Gleichgewicht ins Wanken geraten könnte: Einerseits durch Sanierung und dadurch andere Bewohner in dem ein oder anderen Teil, andererseits dadurch, dass die Stadt im einzig herrschaftlichen Straßenzug Sozialwohnungen errichtet. Missgunst und Missachtung sind immer keine guten Vorraussetzungen des Zusammenlebens.

Ich mag Neuhausen. Kann mich ein Münchner Blogger davon überzeugen, dass auch andere Stadtteile lebenswert sind? Wie lebt es sich denn in Haidhausen, der Innenstadt, im Univiertel, ganz neu in der Maxvorstadt, in Schwabing-West oder in Sendling, in Denning, in Unterföhring und was ist mit Giesing - und all den anderen Stadtteilen, zu denen mir auf die Schnelle niemand eingefallen ist?

Mehr aus Neuhausen übrigens hier.


München Splitter II: Die Schrannenhalle

Mich würde ja dringend interessieren, wie die Betreiber und Standlbesitzer das so sehen. Ob sie ebenso ratlos sind wie ich, warum das Konzept der feinen Dinge nicht so richtig funktioniert. Vielleicht funktioniert es ja aber auch - und die Schranne war ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt leer, als ich durchschlenderte. Was sonst natürlich nicht passiert. Durchschlenderte, nicht einkaufte. Schon kommen wir zum Kern des Problems: Sie macht nicht an. Auf der einen Seite wird teure Exklusivität vermittelt, auf der anderen Seite sind dann ein Billig-Wohnaccessoires-Laden (der ja auch in den Fünfhöfen, einer weiteren Premiumlage ist) und die lila Kuh. Das geht in meinen Augen nicht wirklich mit Champagner zusammen. Und wo ist das speziell Münchnerische? Oder zumindest das Bayerische? Und das ginge auch deutlich über dem Touri-Ramsch-Niveau. Nein, Weltstadt-Klasse hat das nicht - und das Herz dabei fehlt auch.


München Splitter I: Gärtnerplatzviertel

Die Familien scheinen abgewandert aus dem Gärtnerplatz-Viertel. Irgendwie finden sich da nur noch Bars und Modeläden. Die Modeläden natürlich ganz entschieden Berlin-Mitte-Style. Die Bars auch, aber die waren tagsüber geschlossen. Aber alles, was die Latte-Macchiato-Muttis anmacht - Bio-Läden, kinderwagentaugliche Tagescafés, überhaupt Kinderläden - Fehlanzeige. Jetzt gehöre ich ja wirklich zu denen, die finden, dass sich ein Viertel auch verändern darf, aber das Gärtnerplatz scheint doch kaputt gentrifiziert. Das merkt man eben daran, dass die, die die Alten weitgehend weggetrieben haben, inzwischen auch schon die Flucht ergriffen haben. Das wird sich sicherlich alles wieder geben, aber bis dahin ist es ein langer Weg.

Mir ist einstweilen die Bar-Dichte zu hoch. Und wenn die Stadt München den Lärmpegel durch die Ballermann-Streetpartys eindämmen wollte, sollte sie vielleicht überlegen, ob jede der Kneipen auch wirklich "Bier to go" anbieten darf. Weil mit einem Bier und einer Kippe mit vielen Leuten draußen zu stehen, macht doch viel mehr Spaß als mit einem Bier drinnen oder einer Kippe draußen. (Aber mich fragt ja keiner...) Jetzt ist mir auch klar, warum Münchens Jugend im Winter immer rumläuft als ginge sie auf Polarexpedition.

Aber es gibt einen Grund, doch dorthin zu gehen. Also tagsüber. Garment hat seine München-Filiale dort aufgemacht. Isa schwärmt ja seit Jahren darüber und ich hab die Hamburger immer beneidet. Jetzt sag ich, gut, dass die München-Filiale in einem Viertel ist, in dem ich nicht zu oft bin. Eine Filiale in Neuhausen würde meinen Ruin bedeuten. - Ich glaub allerdings, dass Neuhausen oder Schwabing fast das bessere Plätzchen für die Hamburger wären. Aber mich hat ja keiner gefragt...


Marketingtipps gegen Novemberblues

In der kleinen Stadt hängt schon die Weihnachtsbeleuchtung. Die wird dort sicherheitshalber grundsätzlich so um Allerheiligen aufgehängt. Und dann hängt sie da so verloren vor sich hin. Wie vergessen vom vergangenen Jahr. Weil beleuchtet wird ja erst zum Advent. Für die Zeit zwischen der Zeit scheinen wir keine Verwendung zu haben. Eigentlich ein Wunder, dass wir nach all den importierten Bräuchen immer noch nicht Thanksgiving eingeführt haben. Jetzt mögen Sie sagen: Erntedank haben wir selber. Aber erstens haben wir ja auch Fasching selber und die Kinder und nicht nur die verkleiden sich inzwischen auch an Halloween. Und zweitens wird ja Erntedank eigentlich nicht gefeiert hier.

Wenn wir jetzt also Thanksgiving einführen würden, wäre die Zeit zwischen Sommerferien zu Weihnachten hübsch gefüllt. Da kommt zuerst die Wiesn mit ihren netten bayerischen Verkleidungen. Dann gehen alle zu Kirchweih Gans essen, ohne zu wissen, warum sie das machen. Dann haben wir ja inzwischen glücklicherweise Halloween für den säkularisierten Teil der Bevölkerung, verbunden mit Allerheiligen für den traditionellen Teil. Dann kommt St. Martin, wo man im Süden wieder Gans isst und im Norden bei den Ungläubigen immerhin einen Laternenlauf für die Kinder veranstaltet - ohne die katholische Kapitalismuskritik. Es geht Schlag auf Schlag. Aber jetzt ist die Lücke, die geschlossen werden muss zwischen dem 11. November (dass die Narrischen im Westen das Datum mit Fasching und nicht mit Laternen, Gänsen und Mantelteilen verbinden lassen wir mal außen vor) und dem ersten Advent. Diese Lücke ist zu groß und der November zu grau. Ab dem ersten Advent haben wir ja den zweiten, dritten, vierten - Weihnachten. Und dazwischen auch noch Nikolaus. Da kommt man eh nicht zum Luftholen.

Also: Kaum aus dem Urlaub wieder da kommt der Konsumrausch. Zuerst das Dirndl für die Wiesn. Das Kostüm für den 31. Oktober ist eh klar. Aber auch an Allerheiligen - ich habe mich darüber aufklären lassen, dass es auf dem Land auch heute noch politisch korrekt ist, den neuen Pelz auf dem Friedhof erstmalig auszuführen. Und Einladungen und Geschenke. Und immer wieder was nettes anzuziehen. Dazu das ganze Federvieh, das im Herbst sein Leben lassen muss, damit wir es essen können. Nur die Truthähne dürfen ewig in Bayern leben.

Meines Erachtens wird das Potential, das die Zeit zwischen Sommerferien und Weihnachten birgt, vom Einzelhandel gar nicht richtig ausgeschlachtet. Jedes Fest verdient seine eigene Marketingmaschine. Und wenn dann alles durch ist, freut man sich auch über die Weihnachtsbeleuchtung.

Ich finde Thanksgiving übrigens ein tolles Fest. Ich durfte es schon zweimal feiern - und wäre sofort wieder dabei. Ich fand es übrigens auch schön, Erntedank zu feiern. In meiner katholischen Kindheit wurde das nämlich noch gefeiert.