Winter austreiben
Frühlingsanfang

Es ist eine Frage der Betrachtung...

Über 100 Menschen stehen für eine Wohnung an. Das war allen Münchner Tageszeitungen dieser Tage eine große Geschichte wert - bis hin zum Aufmacher. Passt auch grad ins Thema. Wohnungsnot in München läuft. Was mich dabei so erstaunt ist das Kurzzeitgedächtnis der Menschen: Wohnen war in den letzten 20 Jahren DAS Thema in München. Vorher kann ich nicht beurteilen, aber die letzten 20 Jahre kenne ich aus eigener Erfahrung. Und die lässt sich so zusammen fassen: wer eine Wohnung hat, tut gut daran, sie nie wieder zu verlassen. Blöd nur, wenn sich die Lebensumstände ändern oder wenn man neu nach München kommt.

Meine Wohnungsgeschichten kann ich auf zwei Arten erzählen. Alles furchtbar - oder ich habe immer toll gewohnt. Als ich vor gut zwanzig Jahren nach München kam, war der Wohnungsmarkt eine Katastrophe: Wohnraum für Studenten quasi nicht auffinbar. Ich wollte nicht jeden Tag pendeln (wie es die meisten getan haben) und bin erst einmal für ein Jahr ins Studentenheim gezogen. Ins Studentinnenheim. So mit Drachen an der Tür, spartanischer 8 Quadratmeter-Zelle und Gemeinschaftsbad. Unzumutbar? - Es war ein Zimmer. (Im übrigen sehr zentral in der Maxvorstadt.)

Wohnungssuche war DAS Thema unter uns Erst- und Zweitsemestern. Zweimal die Woche saßen wir mit dem Immobilienteil der Süddeutschen im Café. Aber eigentlich hatten wir uns die Zeitung schon am Abend vorher am Bahnhof besorgt und hingen dann am Telefon (öffentliche Fernsprecher) - weil wer am Erscheinungstag anrief, rief leider zu spät an.

Ich habe mir haufenweise verschimmelte Butzen angeschaut. WG-Zimmer, bei denen frau in Unterhose und mit Bierflasche in der Hand begrüßt wurde. Durchgangszimmer! Also ehrlich gesagt: das letzte vom letzten. Was übrigens der Wohnraumqualität aller mit mir Studierenden entsprach. Wir lebten in Studentenwohnheimen oder in echten Bruchbuden - die wir aber liebten. Eine Freundin, so erinnere ich mich, musste noch mit Holz heizen. Und das Klo auf dem Gang war keine Seltenheit. München, Anfang der 90er Jahre.

Gelandet bin ich in einer netten WG in 1a Lage. Und damit fängt der andere Teil der Geschichte an: ich hatte eine Adresse, die während jedes Praktikums, die Festangestellten vor Neid erblassen ließ.

Für mich wichtig: Was für eine Lage! Am Nymphenburger Kanal... Ich könnte aber auch erzählen, dass das Zimmer eher so meh war. Und der Vermieter geschickt eine Drei- zu einer Vierzimmer Wohnung umgebaut hat, um die Zimmer einzeln zu vermieten. Wie das geht? - Stell die Küche in die Diele... Also: jammern oder sagen "sensationelle Studentenbude"?

Bei Wohnraum 3 hatte ich Glück: ich bin einfach innerhalb des Hauses umgezogen. In ein neugeschaffenes Appartment. Jetzt könnte man natürlich auch wieder sagen: Tiefparterre (mit beschissener Heizung, weil Eigenbau)! Oder eben: am Nymphenburger Kanal! Meins!

Dann kam es, wie es so kommt: Man kennt sich, man mag sich und man mag irgendwann zusammenziehen. Ein Jahr haben wir gesucht. Und uns mal wieder Bruchbuden angeschaut. Besichtigungstermine waren gerne unterwöchig vormittags, wo Beruftstätige besonders Zeit haben (das waren wir ja inzwischen).

Das ist die letzte Wohnung, die ich anschaue, sagte der Begleiter, vor dem Besichtigungstermin vor unserer heutigen Bleibe. Wir hatten zwei Termine an diesem Samstag vormittag. Und ich weiß noch, die erste Wohnung war so richtig zum Heulen. Und es stand quasi Spitz auf Knopf. Und wir kamen hier rein - und in für uns die perfekte Wohnung. Mit gut hundert anderen Mitbewerbern. War natürlich auch ein Massenbesichtigungstermin. Was anderes gab es nicht.

Wir wollten diese Wohnung. Wir bekamen sie. Es war ein strahlend schöner Tag Ende Februar vor 14 Jahren. Ich habe bei der Besichtigung eine Mitvolontärin von der Süddeutschen Zeitung getroffen, die mäkelte: der Schnitt und die Nachtspeicherheizung und der Boiler. Ich hätte entgegnen können: der Stuckaltbau, das alte Parkett, die Lage! Ich tat es damals nicht. Bis jetzt wartete ja jeder nur auf den Anruf des Vermieters.

Wir wurden als erstes Paar angerufen. Ich weiß bis heute nicht, wohin es die Mitvolontärin verschlug. Aber man erzähle mir bitte nicht, dass die Wohnungssuche in München vor zwanzig oder 15 Jahren einfacher war.

Und was ich so von Menschen um mich in den letzen 14 Jahren mitbekommen habe, hat sich nichts, aber auch gar nichts verändert. Abgesehen davon, dass alle dann anfingen Eigentum erwerben zu wollen, aber das ist eine andere Geschichte...

Kommentare

Feed Abonnieren Sie den Kommentar-Feed dieses Eintrags, um der Konversation zu folgen.

Ilse

Und ich habe den Hauptgewinn - eine bezahlbare Riesenwohnung am Rotkreuzplatz ohne Suche - damals 2001 so ziemlich blasiert und dankend hingenommen! Und wieder aufgegeben!

Helga

Du kamst doch damals aus London, oder? Damit bist du entschuldigt, was das blasiert betrifft;-)

kaltmamsell

Meine Wohnungssuche fand 1998/1999 statt und sah exakt so aus wie derzeit bejammert. Mein Glück: Die Wohnung (Lage, Größe und Ausblick ein absoluter Traum) wurde einer gleichzeitig suchenden Kollegin von den Vormietern angeboten, für sie war es ein Zimmer zu wenig, sie hat mich weiterempfohlen. Ich geh hier nie wieder weg.

Christine

Ich kenn die Suche eher am Stadtrand von München -1985, 1992 und dann suchten wir richtig lange nach einer familientauglichen Bleibe von 1996 bis 1998. War wirklich schwierig und kaum ein Unterschied, ob wir als WG oder als Familie gesucht haben - irgendwas ist ja immer. Das einzige was sich geändert hat - es ist heute häufig noch unbezahlbarer geworden was so angeboten wird.

Alex

Ich hatte vor zwei Jahren Glück gehabt und auf der Schellingstr. eine günstige Wohnung gefunden. Naja günstig ist relativ :-)

Die Kommentare dieses Eintrags sind geschlossen.