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August 2013

Noch mehr Dinge, die man anscheinend nicht braucht

In den letzten Jahren haben wir ja schon einiges mit Staunen gelernt: Man braucht keine Abstellkammern, aber pro Person zweieinhalb Badezimmer. Man braucht große Designerküchen, aber nicht zum kochen, denn die Designerküchen sind Teil des Wohnzimmers. Und natürlich braucht das Wohnzimmer keine Tür, denn in der Küche wird eh nicht gekocht und so ziehen ja auch keine unangenehmen Gerüche durch die Wohnung. Was man aber braucht sind überdimensionierte Fensterfronten, auch im Bad übrigens. Aber bitte um Himmels Willen keine Außen-Jalousien.

Designschön soll das Wohnumfeld sein.Da darf nichts das ästhetische Empfinden des Architekten oder Designers stören. Und das ästhetische Empfinden kann auch mannigfaltige Weise gestört werden. Durch Dinge, auf die unsensible Normalleber gar nicht kommen. In höchstem Maße unästhetisch und eine Beleidigung für sensible Designeraugen sind beispielsweise Waschbeckenverschlüsse. Ebenso wie die Wohnung OFFEN sein muss, muss es fließen können. Immer. Stehendes Wasser ist - genau, eine ästhetische Beleidigung.

Und Designer haben dafür ein gutes Auge, denn hätten sie ein schlechtes, hätten sie Kontaktlinsen und hätten sie Kontaktlinsen würden sie diese Schwachsinnsidee sofort wieder verwerfen.

Irgendwie wusste ich von diesem formschönen Designerschwachsinn, schließlich hatte es mich in dem ein oder anderen Hotel schon genervt. Aber man vergisst ja. Und vor allem, man kommt ja gar nicht auf die Idee, dass ein Waschbecken ohne Stöpsel - so ein Schmarrn.

Der formschön unser Badezimmer aufwertet. Weil, auf die Idee, darauf zu achten. Also ich ganz ehrlich bin nicht drauf gekommen. Was danach, sobald das Ding nämlich eingebaut war, zu einem hysterischen Anfall einer mittleren Krise geführt hat. Und damit ich nicht auf die Idee komme, das Kunstwerk von einem Waschbecken mit einem Plastikstopsel aus dem Baumarkt zu entweihen, habe ich jetzt eine für mich designte Abflussabdeckung. Sehr ästhetisch natürlich.


Ruhe is - irgendwann

Der grünen OB-Kanditatin ist München zu wenig großstädtisch, entnehme ich der heutigen SZ. Sie will die Sperrzeit der Freischankflächen kippen. Feiern ohne Begrenzung. Und wer in der Nähe einer Freischankfläche wohnt, ist selber schuld. Soll er doch an den Stadtrand ziehen und dann abends in die Stadt radeln, denn gegen das Autofahren in der Stadt hat sie ja ebenfalls etwas.

Vor 20 Jahren hätte ich ihr begeistert zugestimmt. Klar, draußen sitzen - am besten die ganze Nacht. Vor zehn Jahren hätte das Argument noch bei mir gezogen: die wenig heißen Tage. Inzwischen halte ich die 23 Uhr für einen idealen Kompromiss. Und es gibt genug Tage, da hätte ich gerne vor 23 Uhr Ruhe. Statt wie de facto gegen 24 Uhr. Denn bis tatsächlich die Leut nicht mehr draußen sitzen, bis tatsächlich zusammengeräumt ist, bis tatsächlich die Leut, die ja nicht mehr sitzen, dann gehen, das dauert. Aber es gibt auch die Tage, an denen ich nicht heim will, an denen ich nicht rein will. An denen andere Menschen früher schlafen wollen, am nächsten Tag früher raus müssen.

Klar ist, du brauchst einen Kompromiss. In München hat man sich, wenn mich nicht alles täuscht, war es im Zuge der Biergarten-Revolution geeinigt. Menschen leben, Menschen arbeiten und Menschen gehen aus in einem Viertel. Schlafviertel braucht kein Mensch, aber das, was in den letzen Jahren an Neubaugebieten entstanden ist, sind reine Schlafviertel. Da ist kein Platz für Geschäfte, geschweige denn eine Wirtschaft. Wollen wir reine Amüsierviertel, in denen keiner mehr wohnt und reine Schlafviertel, in denen keiner so richtig lebt? Die Mischung macht es aus. Macht es spannend. Macht es auch mal laut. Aber erfordert, dass es auch mal ruhig wird. Weil alle und alles auf einen Platz geht nicht ohne Kompromisse.