Ein langer Abschied (1)

Mein Opa

Als ich in der Grundschule war, machten sich meine Mitschüler einen Spaß daraus. wenn mich mein Vater abholte, zu rufen: Dein Opa ist da. Das hat weh getan. Mein Vater war 40, als ich geboren wurde. Für die frühen 70er Jahre erwähnenswert. Heute: kein Thema. Ich kenne 50jährige und 60jährige, die Väter geworden sind.

Ich persönlich sehe das skeptisch. Denn mein Vater ist relativ früh erkrankt. Ich war damals im Studium - wäre er später Vater geworden, wär ich noch in der Schule gewesen. Also, was ich sagen möchte, bin ich mir 40 oder 50 noch gesund und alles ist gut - woher weiß ich, dass es 20 oder 30 Jahre später immer noch so ist.

Und, ja ich weiß, das weiß man nie. Aber ich geh mal davon aus: ich bekomme ein Kind. Das macht 18 Jahre später Abitur. Ist 25 Jahre später mit dem Studium fertig. Bekommt 30 Jahre später selbst Kinder. Meine Panik wäre heute: bekomme ich das noch hin, erlebe ich das noch mit, verpfusche ich meiem Kind nicht sein Leben?

Mein Leben ist ein frühes Beispiel von Spätgebärenden - auf die Zeit gesehen. Nicht nur meine Eltern, auch meine Großeltern waren für die Zeit damals richtig alt, als sie Kinder bekamen. Was für mich bedeutet hat: eine Großmutter war schon gestorben, als ich auf die Welt kam. Der Großvater war alt und mir unheimlich.

Meine Oma war eine Klasse für sich. Eine Frau, unglaublich dizipliniert, was vielleicht kein Wunder ist, bei jemanden, der zwei Weltkriege, die Weltwirtschaftskrise und die Nachkriegszeit überstanden hat. Und trotzdem: mein Verhältnis heute ist auch, 24 Jahre nach ihrem Tod, immer noch: schau mal Oma, dein Tisch, der bei uns in der Küche steht. Und dein Sonntagsgeschirr ist auch meines. Und so sehr ich mir eine Rund-und-Weich- und Liebhab-Oma gewünscht habe, meine Oma ist sehr präsent in meinem Leben. Auch wenn sie schon lange tot ist.

Und mein Opa. Mein Opa ist eine große Leerstelle. Vielleicht auch ein Großvater, der im selben Jahr starb, aber zu dem ich kein spezielles Verhältnis hatte. Aber meinen Opa hab ich heiß und innig geliebt als Kind. Es sind keine großartigen Erlebnisse, die mich mit ihm verbinden. Nur das Gefühl, dass nie irgendwas wichtiger ist als ich.

Was meine Erinnerung diametral zu der Erinnerung meiner Mutter macht. Was aber zeigt: die Opa-Rolle wäre die seine gewesen. Nicht die Vater-Rolle. Ich weiß nicht, wie unser Verhältnis sich durch meine Schulzeit und Jugend hinweg entwickelt hätte. Vielleicht nicht positiv. Vielleicht aber doch. Und ich habe heute noch Aufzeichnungen von ihm, die ich nicht entschlüsseln kann. Und offene Fragen.

Was die offenen Fragen betrifft, werde ich mehr Leerstellen in meinem Leben haben. Obwohl man die Chance hatte, Fragen zu stellen. Aber manchmal traut man sich nicht. Und machmal werden sie nicht beantwortet.

Wie auch immer: Großeltern sind großartig.

Punkt. Auch wenn Fragen jetzt offen bleiben.

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