Ein Plädoyer für die Wohnenden
Schenk mir einen grünen Luftballon

Gegenüber

Gegenüber  ist es noch nicht gentrifiziert. Gegenüber wohnen noch Menschen, die da schon lange wohnen. Gegenüber wurde aber auch schon zwei mal verkauft und hat die Eigentümerform gewechselt, was die Mieter gegenüber durchaus in berechtigte Sorge bringt. Gegenüber hat auch schon die Bezirks- und Stadtpolitik alarmiert, aber mit dem gewöhnlichen Erfolg und hier ist eigentlich auch Erhaltungssatzungsgebiet. Gegenüber ist für mich auch weniger die teilweise zu beobachtenden Wohnungen, die eindeutig in Arbeiterunterkünfte umfunktioniert wurden in den letzten beiden Jahren, worauf die Stadt aber weniger reagiert hat. Oder der massive Preissprung bei Neuvermietungen.

Gegenüber hat ein Gesicht. Mein Gegenüber ist ein alter Mann, den ich sehe, wenn ich auf den Balkon zur Straße gehe. Er ist oft am Fenster und schaut raus und raucht. Im Winter mit einer Jacke und einer Mütze. Eigentlich bemüht er sich, uns nicht direkt anzuschauen. Aber er sieht uns natürlich. Wir haben relativ bald nach unserem Einzug angefangen, über die Straße zu winken. Hallo zu sagen. Die Überraschung war ihm anzumerken. Inzwischen ist es normal.

Manchmal war er in der Boazn ums Eck. Da, wo einige wie er waren. Da, wo Menschen wie ich auch nicht erwünscht waren. Und ich nicht hingehen wollte.

Die Boazn ist nicht gentrifiziert. In die Boazn ist jetzt das Alt-68-Schwabing eingezogen. Das ist ja auch Schwabing und wahrscheinlich fühlen sie sich zu Recht als Schwabing.

Und ich mag das ja auch. Nur was ich nicht mag, wenn die Alt-68-Schwabinger, die ihre großen Altbauwohnungen für ein Appel und ein Ei gekauft haben oder immer noch für einen lachhaften Betrag an Miete drin wohnen - den Landsitz selbstverständlich dazu - den Besitzstand für sich bewahren wollen, wobei ich tendenziell der Feind bin und mein Gegenüber irrelevant. Ich hab mich über die Neueröffnung gefreut. Ein Teil, den ich mit Schwabing verbunden hatte, ehe ich herzog, und der dann doch nicht da war, weg war, ist wieder da und das ganz bei mir ums Eck. Und doch dieses Verstehen, dass jemand anderen etwas weggenommen wurde. Und weder ich, noch ich als Zielgruppe - sondern die, die das gerne anprangern, dass wir das wären, die zerstören, eben die haben ihm das weggenommen. Die Gentrifizierer, die selbst gentrifiziert wurden.

Das ist ein Perpetuum-Mobile, auch wenn der Status der Postgentrifizierung scheinbar eingetreten ist. Momentan würde ich mir wünschen, dass mein Gegenüber und ich dort gemeinsam ein Bier trinken - oder einen Kaffee, obwohl die Tagesöffnung entgegen der Ankündigung schon nach einem Monat passé ist. Ich würde mit einen Ort für Nachbarschaft wünschen. Ob seit 50 oder 5 Jahren, seit 5 Monaten oder 5 Tagen. Wäre doch echt schön.

 

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