Geschichten aus der kleinen Stadt

Marketingtipps gegen Novemberblues

In der kleinen Stadt hängt schon die Weihnachtsbeleuchtung. Die wird dort sicherheitshalber grundsätzlich so um Allerheiligen aufgehängt. Und dann hängt sie da so verloren vor sich hin. Wie vergessen vom vergangenen Jahr. Weil beleuchtet wird ja erst zum Advent. Für die Zeit zwischen der Zeit scheinen wir keine Verwendung zu haben. Eigentlich ein Wunder, dass wir nach all den importierten Bräuchen immer noch nicht Thanksgiving eingeführt haben. Jetzt mögen Sie sagen: Erntedank haben wir selber. Aber erstens haben wir ja auch Fasching selber und die Kinder und nicht nur die verkleiden sich inzwischen auch an Halloween. Und zweitens wird ja Erntedank eigentlich nicht gefeiert hier.

Wenn wir jetzt also Thanksgiving einführen würden, wäre die Zeit zwischen Sommerferien zu Weihnachten hübsch gefüllt. Da kommt zuerst die Wiesn mit ihren netten bayerischen Verkleidungen. Dann gehen alle zu Kirchweih Gans essen, ohne zu wissen, warum sie das machen. Dann haben wir ja inzwischen glücklicherweise Halloween für den säkularisierten Teil der Bevölkerung, verbunden mit Allerheiligen für den traditionellen Teil. Dann kommt St. Martin, wo man im Süden wieder Gans isst und im Norden bei den Ungläubigen immerhin einen Laternenlauf für die Kinder veranstaltet - ohne die katholische Kapitalismuskritik. Es geht Schlag auf Schlag. Aber jetzt ist die Lücke, die geschlossen werden muss zwischen dem 11. November (dass die Narrischen im Westen das Datum mit Fasching und nicht mit Laternen, Gänsen und Mantelteilen verbinden lassen wir mal außen vor) und dem ersten Advent. Diese Lücke ist zu groß und der November zu grau. Ab dem ersten Advent haben wir ja den zweiten, dritten, vierten - Weihnachten. Und dazwischen auch noch Nikolaus. Da kommt man eh nicht zum Luftholen.

Also: Kaum aus dem Urlaub wieder da kommt der Konsumrausch. Zuerst das Dirndl für die Wiesn. Das Kostüm für den 31. Oktober ist eh klar. Aber auch an Allerheiligen - ich habe mich darüber aufklären lassen, dass es auf dem Land auch heute noch politisch korrekt ist, den neuen Pelz auf dem Friedhof erstmalig auszuführen. Und Einladungen und Geschenke. Und immer wieder was nettes anzuziehen. Dazu das ganze Federvieh, das im Herbst sein Leben lassen muss, damit wir es essen können. Nur die Truthähne dürfen ewig in Bayern leben.

Meines Erachtens wird das Potential, das die Zeit zwischen Sommerferien und Weihnachten birgt, vom Einzelhandel gar nicht richtig ausgeschlachtet. Jedes Fest verdient seine eigene Marketingmaschine. Und wenn dann alles durch ist, freut man sich auch über die Weihnachtsbeleuchtung.

Ich finde Thanksgiving übrigens ein tolles Fest. Ich durfte es schon zweimal feiern - und wäre sofort wieder dabei. Ich fand es übrigens auch schön, Erntedank zu feiern. In meiner katholischen Kindheit wurde das nämlich noch gefeiert.


tutte le direzione

Die Lokalpolitiker der kleinen Stadt sind eindeutig italophil. Auch wenn die Toskana-Fraktion eigentlich dem rot-grünen inzwischen in der politischen Rente abgetauchten Politikertypus zugeordnet wird. Aber auch eine niederbayerisch mehrheitlich schwarze Politikerfraktion kann toskanisch sein. Oder so. Dabei liegt die kleine Stadt gar nicht im Rottal, das sich ja allen ernstes niederbayerische Toskana nennt. Klingt einfach mal besser. Wer dort aber eine Stadt wie Florenz sucht oder Siena, sucht vergeblich. Und auch von Weinanbau hätte ich noch nichts gehört. Niederbayerische Toskana also.

Also vielleicht ist es auch nicht die Toskana, vielleicht liegt es viel näher. Vielleicht liegen die italophilen Gründe in regelmäßigen Stadtratsklassenausflüge nach Mantua - um auf herzoglichen Spuren zu wandeln: schließlich muss man als Politiker auch wissen, was den Herzog zum Bau der ersten Renaissance-Residenz auf deutschen Boden inspirierte.

Tatsache ist, der Stadtrat der kleinen Stadt muss völlig fasziniert von der italienischen Straßenführung sein. Nur so ist es zu erklären, dass ein Kreisverkehr nach dem anderen gebaut wird. Bei jeder Abbiegegelegenheit. Natürlich nur um die Stadt, weil in der Stadt würde dies dem gotischen Stadtbild zuwiderlaufen. Dass man den dann auch noch ausschildert - italienisch für Fortschrittene. Ich warte jedenfalls auch das Schild "tutte le direzione" und manch Fremder würde sich sicher über das Schild "Centro" an irgendeiner Stelle freuen.

Und wenn dann noch die Fahrschulen der kleinen Stadt ihren Fahrschülern beibrächten, nicht beim Abbiegen IN den Kreisverkehr sondern beim Abbiegen AUS dem Kreisverkehr zu blinken, dann könnte der auch irgendwann den Verkehrsfluss in Fluss halten. Aber italienische Verhältnisse sind doch was feines.


Neu und extraordinär

Ich bin ja rein, weil alle Läden, in denen ich die letzten beiden Wochen war, meinten, so etwas extraordinäres wie Küchenputzmittel nicht im Sortiment haben zu müssen. Und deswegen dachte ich mir, schau ich mal, was denn dieser neue Drogeriemarkt so im Sortiment hat. Und anscheinend hat ganz Neuhausen auf diesen neuen Drogeriemarkt gewartet, weil, es gibt ja nicht an jeder Ecke schon einen. Aber anscheinend ist es das "kleine Mädchen-Phänomen". Als vorpubertierende Gören fanden wir es ganz toll, zu dem Drogeriemarkt mit dem orangen M zu gehen. Da gab es Kleinmädchenkosmetik und Nagellack und Haarspangen. Also der Traum von kleinen Kleinstadtmädchen. Und oben die Musikabteilung. Die hat dafür gesorgt, dass auch die Kleinstadtjungs kamen. Und deshalb war der Drogeriemarkt ein ebensolcher Treffpunkt wie die Eisdiele, das Schwimmbad oder im Winter die Eislaufbahn. Vor- und Frühpubertierendes Pflichtprogramm. Für mich heute ist es nur noch Pflicht und kein Programm mehr. Aber anscheinend haben viele Menschen die Erinnerung behalten. Kaum macht ein neuer Drogeriemarkt auf, strömen sie in Scharen. Jetzt gilt es mal zu beobachten, ob sich das als Treffpunkt der Stadtteiljungjugend etabliert. Eine Musikabteilung haben sie keine.

Aufbrezelt is

Über den klassischen München Schick wurde ja schon oft geschrieben. Den Münchner an sich nervt dabei am meisten, dass an dieser Stelle der Grünwalder Schick mit einem Münchner Schick gleichgesetzt wird. Ich weiß zwar jetzt nicht, wie es in Bogenhausen ist, aber im Münchner Westen ist die Kleiderordung selbst in den hochpreisigen Wohngebieten eine andere. Unauffälliger. Teuer ja, aber dezent. Während das, was alle Welt unter Münchner Schick versteht eher unter "teuer aber geschmacklos" fällt und nur noch von Düsseldorfer Moden übertroffen wird. Aufbrezelt.

Jetzt ist Grünwald aber nicht München. Es ist ein Dorf außerhalb, das halt so nah da ist, dass die Bewohner gerne auf der Maximilianstraße flanieren, weil sie selbst nichts haben, wo sie flanieren können. Außerdem muss der Porsche ja ausgefahren werden. Und so kommen wir zu einer Eigenheit von kleineren Gemeinden. Das sich ausstellen. Und dabei unterscheidet sich das Dorf im Süden von München nicht von Kleinstädten im Bayerischen Wald.

In letzterem trug man schon vor zwanzig Jahren beim Ausgehen als Jugendliche einen Hosenanzug. Also eigentlich eine typische Business-Klamotte, die ich auch heute nicht ins Wirtshaus anziehen würde. Aber man ging natürlich in DIE BAR am Ort. Man war ja wer. Ich hab mich damals schon über diese Petitessen lustig gemacht. Und hab dabei einfach übersehen, dass ich in meiner eigenen kleinen Stadt eher in abgefransten Kreisen unterwegs war. Inzwischen weiß ich, dass man auch dort so ausgeht. Aufbrezelt.

Und bei meinem letzten Durchstreifen der Geschäfte in der kleinen Stadt fand ich: alles was teuer ist. Also natürlich findet man auch alles, was billig ist. Aber gleichzeitig die Top-Preisklassen. Wobei ich nur sagte: Für was? Wann zieht man hier ein D&G-Top für 400 Euro an? - Aber Sie wissen ja auch, was D&G heißt...

Die erste, die den Unterschied zwischen Kleinstadt und Millionendorf realisiert hat vor 20 Jahren nach unserem Wegzug, war meine Freundin U. "Ich muss mir nicht für jeden Gang zum Mülleimer überlegen, was ich anziehe", sagte sie. Und sie hat recht. Keiner muss sich hier aufputzen wie ein Weihnachtsbaum. Wobei, wenn wir ehrlich sind, die Jeans eben nicht vom Wühltisch stammt. Ebensowenig wie der Rest. Und deswegen braucht auch keiner hier einen Hosenanzug, um sich abzusetzen. Und ist trotzdem entspannter. Selbst Münchens Bar-Guru, der für teure Mode wirbt, geht mit Schlappen zum Bäcker.

Aber in der Kleinstadt brezelt man halt gern. In Niederbayern genauso wie in Grünwald.


W...W...Weihnachts...

Bei fast 20 Grad sitzen sie da und trinken Kaffee - unter der schon montierten Weihnachtsdekoration. Es ist ein Tag, an dem man Eis essen würde, hätten die Eisdielen noch geöffnet. Unwillkürlich zucke ich zusammen, ob ich mich nicht im Monat geirrt habe - beim Wetter weiß man das ja nie so genau. Aber nein, es ist der fünfte November und die kleine Stadt ist schon hoch weihnachtlich geschmückt. Fast möchte man die Stadtverwaltung fragen, ob sie jetzt ein ganzjähriges Weihnachten zelebrieren wollen - so als Touristenattraktion... Aber die Menschen, außer mir, scheint es nicht zu stören. Zwei Monate schon währender Lebkuchenkonsum haben den Weihnachtspegel gehoben. Und so stehen sie im kleinen Laden, in dem ich immer Kerzen kaufe, voll Wonne in Unmengen von Christbaumkugeln und kaufen mit glänzenden Augen. Nehmen Sie die Kerzen für den Adventskranz gleich mit, sagt die Besitzerin, zum ersten Advent habe ich keine mehr da.

Vertrauensbrüche und Partnerschaftssuche

Vertrauen ist so eine Sache. Wem man nicht alles vertrauen muss... also abgesehen von seinem Partner, vetrraut man Freunden, aber auch seinem Arzt, weil man kann ja nicht anders. Ebenso wie seinem Frisör. Und das mit dem Vertrauen ist so eine Sache. Das macht man, man kann ja nicht anders - so lange bis es gestört ist..

Zu meinen Frisören pflegte ich bis jetzt eine sehr intensive und jeweils lange Beziehung - von gelegentlichen Fremdgehen abgesehen. S. hat mich verlassen, als er auswanderte. S2. hat mich auch verlassen, und als sie wieder zurückkam, war ich eine neue Beziehung eingegangen. Mit E. Die mich nach vielen Jahren auch verlassen hat. Man merkt schon, ich bin ein grundtreuer Mensch...

Aber, wie das so ist, im Laufe der Jahre steigen die Ansprüche - und mit so gewissen Eigenheiten, mit denen man sich so arrangiert hat, gibt man sich in einer neuerlichen Partnersuche nicht mehr zufrieden. Der Weggang von E. aus meinem Leben hat mich vor Probleme gestellt. Die ich nach diversen One-Cut-Stands behoben glaubte...

Ein gutes Jahr erfüllte Beziehung später - der ultimative Vertrauensbruch. Gute zehn Zentimeter. Einfach so. Das hätte ich ja noch verziehen - wenn das ganze gut ausgesehen hätte. Aber nein, der Schnitt war eine Katastrophe. Und doch, ich bin nochmals hingegangen - treue Seele, Sie wissen schon. Wieder nix. Und das war's. Aber wohin?

Jetzt bin ich für's erste doch allen Ernstes in der kleinen Stadt gelandet... Bei H., zu der U. seit 20 Jahren ist, wobei sie seit 19 Jahren nicht mehr in der kleinen Stadt wohnt und dort erheblich seltener ist als ich - das fand ich einen echten Vertrauensbeweis.In einem jedenfalls trug mich mein Gefühl nicht: In der kleinen Stadt geht man sehr souverän um, mit den Ansinnen, Haare sollten wachsen (logisch eigentlich) - was zu einem völlig andern handwerklichen Ansatz führt...

Also ich bin angetan - ob ich das noch in vier Wochen - vier Monaten bin, wird sich zeigen, Im Zweifelsfall muss ich Sie, liebe Leserin, um Hilfe bitten. Aber vielleicht fahre ich in Zukunft einfach in die kleine Stadt zum Frisör - gibt ja nicht genügend Frisöre in München...


Urlaub daheim II

Ich muss ja zugeben: ich mag es. Inzwischen. Ich lasse mich gerne mal zur Gartenarbeit abkommandieren. An einem schönen Tag, wie der Dienstag einer war, ist es wie ein Tag Urlaub. Rasen mähen, die Mama übers Kabel hüpfen lassen, lachen. Vorsichtig um Blümchen, die aus der nahen Wiese in den Garten gewandert sind herummähen, damit sie ja stehen bleiben: Durch den Garten krabbeln, das Unkraut jähten. Es ist wie ein Spiel, das schon lange nicht mehr gespielt wurde. Dann auf der Terasse sitzen und sein Werk bewundern. Zufrieden sein.

Ein Abendspaziergang

RAthaus

Nahezu allein stehst du um kurz nach sechs unter leuchtenden Weihnachtssternen. Die Geschäfte fast alle geschlossen, die Straße leer. Eigentlich ist die geschmückte kleine Stadt ein Vorweihnachtstraum. Prächtig sieht sie aus mit ihrem Baum und den Lichterketten und der ein oder andere Glühweinstand lädt zum Verweilen ein. Nur es verweilt niemand. Vielleicht auf dem Christkindlmarkt, aber nicht in der Geschäftsstraße. Niemand, der sich nach der Arbeit, nach dem Einkaufen da noch aufhalten würde. Jedenfalls nicht an einem x-beliebigen Abend unter der Woche. Und so läuft du allein durch die festliche Straße und es ist surreal - als wäre ein Ausgangsverbot erlassen und nur du allein weißt es nicht.

Bei Dunkelheit ist man daheim. Alles andere gehört sich nicht. Für sich. Du läufst durch die Straßen der Wohnsiedlung und bleibst allein - die Häuser sind wie verammelt. Die Jalousien heruntergelassen, kein Licht dringt aus den Häusern nach draußen. Kein Lachen, kein Leben. Dir fällt zum ersten Mal auf, wie viele Vortüren vor den Haustüren es hier gibt. Damit nicht jemand plötzlich vor deiner Tür stehen kann.

Du bleibst allein. Vor oder hinter diesen Fenstern.


Ein Karusell!

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Vor 35 Jahren, ja, da hätte mich so ein Weihnachtskarusell schwer begeistert. Da konnte man mich ja auch mit einem einzelnen Schaukelpferd, das in der Passage im Durchgang zur Spielzeughandlung, die in der Weihnachtszeit ein gigantisches Märchenschaufenster hatte mit Zug und sich bewegenden Figuren, begeistern. Das große Spielzeuggeschäft in der kleinen Stadt gehört der Vergangenheit an und ich frage mich, wo drücken sich heute die Kinder die Nasen platt? Wo werden heute Sehnsüchte gleichzeitig geweckt und gestillt? Dann ist es schön, dass es manchmal solche Überbleibsel der Vergangenheit gibt wie dieses Karusell am Weihnachtsmarkt am Rotkreuzplatz.

Was lange währt...

Wollen wollt ich's schon lange. Jahre lang. Das Objekt meine Begierde war ein Strickjanker. Aber nicht so einer, wie sie immer meinen, den Frauen andrehen zu müssen. Nix mit Chichi, nix mit Applikation und Stickerei und schon dreimal nix mit so einer komischen Falte hinten. Ich wollte etwas einfaches, schlichtes. Kurz: Ich wollte keinen taillenkurzen Frauenjanker, ich wollte einen Männerjanker im Frauenformat. Und das, das find mal. Ich glaub, es gibt keinen Trachtenladen, der meinen Weg gekreuzt hat, in dem ich nicht gefragt habe. Die Zeit verging und inzwischen gab es schon zwei Menschen, die nichts lieber getan hätten als mir das Objekt meiner Sehnsucht zu schenken. Mein Vater, weil er die Vorstellung seiner Tochter im Janker ganz wunderbar fand. Der Begleiter, der den "ich auch haben will"-Blick nicht mehr ertrug. Ist ja schön, wenn dir Menschen etwas schenken wollen. Nur das allein hilft dir auch nicht weiter. So gingen die Jahre ins Land. Dabei lag das Gute so nah. Denn irgendwann, warum erst dann, weiß kein Mensch, schaute ich in einem kleinen Trachtenladen in der kleinen Stadt rein. Doch, ich weiß warum: weil ich Montags das ein oder andere Mal vor verschlossener Türe stand. Diesmal war die Tür offen - und ich rannte offene Türen ein: "Kein Problem. Das lassen wir machen." Sagte es und drückte mir Stoffmuster in die Hand. Gemessen. Gesteckt. Drei Wochen später war mein Janker da. So wie ich ihn wollte. Und er hat mich schon sehr glücklich gemacht. Das erste Mal, gleich am ersten Abend, an einem Juli Abend, an dem es so saukalt war, dass du gemeint hast, dich in der Jahreszeit vertan zu haben. Ich war auf der Landshuter Hochzeit verabredet. Und kam an - mit Janker. Und erntete ein Lächeln von den Frauen im Sommerkleid. Das ihnen verging. Im Gegensatz zu meinem Lächeln.

Wollen Sie auch glücklich werden: Trachtenmäßig bei Daniela Kurtenbach, Steckengasse, Landshut.


Haferl, das

Zwei Berufsgruppen sind in der kleinen Stadt überpropotional vertreten: Sozialpädagoginnen und Keramikerinnen. Das Innen ist auf jeden Fall frauenpolitisch korrekt - und das ist bei diesen Berufsgruppen wichtig und zum anderen entspricht es der Realität, denn es sind nun mal sehr frauenlastige Berufe. Die beiden Berufsgruppen bereichern einander auch: Die Keramikerin geht in die von sozialpädogogische Selbstfindungskurse und die Sozialpädogin kauft Keramik. Also haben beide was davon. Weil aber sich die Stadtbevölkerung grundsätzlich verpflichtet fühlt, das Überleben dieser Frauen zu sichern, hat fast jeder Haushalt auch noch ein Keramikservice daheim. Das gehört sich so. Sie wollen auch? - Am Wochenende ist wieder Haferlmarkt...

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Laho-Bilanz und viele Fragen

Gibt es eigentlich einen Geburtenanstieg alle vier Jahre neun Monate nach dem letzten "Hallo"? Und um wieviel Prozent steigt die Scheidungsrate? Hier könnte man richtig investigativ recherchieren... Aber das sind Dinge, die nur irgendwann der allgemeine Tratsch ausspuckt, spätestens in vier Jahren. Bis dahin fällt das in die Kategorie "böse Gerüchte" und heute abend beim Abschlussgottesdienst gibt es die Absolution für etwaige Schandtaten. Und während der Urlaubszeit kann eh Gras über die Sache wachsen. Regeneration ist wahrscheinlich angesagt. Kommt man im Herbst zurück, wird es sein wie immer. Die Geschäfte am Samstag nachmittag geschlossen. Kein Trubel mehr am Abend. Die Mitwirkenden zurückverwandelt in Ladenbesitzer, Bankangestellte und Lehrer. Nur die Quote von Frauen mit langen Haaren, die wird wie immer höher sein als im Rest von Bayern. Und das Selbstbewusstsein und das "Mia san mia"-Gefühl. Noch höher als im Rest von Bayern? - Hilf, Himmel Landshut!


Neulich im Kaufhaus. Part II

Ja, ich muss mich korregieren. Das ist natürlich etwas, was ich nicht gern mache. Aber ich mache es, weil der guten Vollständigkeithalber...

Was jetzt nicht bedeutet, dass ich Kaufhäuser seit neuestem mag. Aber ich war mal wieder, und das nach definitiv über zehn Jahren, im ansässigen Kaufhaus in der kleinen Stadt. Ich musste etwas besorgen und hatte die Wahl, ins Auto zu steigen, ins Industriegebiet zu fahren oder aufs Radl und in die Innenstadt. Bei dieser Wahl gab's keine Qual.

Und nicht, dass das Geschäft nun heimelig wäre. Es hat etwas von quadratisch, praktisch. Und, ja, auch: gut. Ein hilfloser Blick genügte und die gerade vorbeifwuselnde Verkäuferin rief ein "ich schicke den Kollegen", der auch innerhalb von Sekunden auftauchte. Beratung top. Auch in der nächsten Abteilung, denn wenn ich schon mal da bin, kann ich es ja nicht lassen, weiter zu schauen. Vor allem, es gab jede Menge Verkäufer in jeder Abteilung - anders als bei den Häusern in München.

Ich hab bekommen, was ich wollte, innerhalb kürzester Zeit. Und ich gebe nun ganz offiziell zu: Ja, es wäre ein Verlust, wenn das Haus schließen würde. Denn dann bliebe tatsächlich nur der Weg ins Industriegebiet und da mag ja niemand einkaufen...


Aktuelle Männerhaarmode

Ja, lauter Hippies da. Der Bankangestellte sieht aus wie so ein langhaariger kiffender Gitarrespieler, vor dem uns unsere Väter früher gewarnt haben. Net wirklich vertrauenswürdig, aber das macht nichts, weil Bankern vertraut man ja seit ein paar Monaten eh nimmer. Wenn dir jemand sagen würde, dass Woodstock vor der Tür steht, würdest du ihm das auch glauben. Aber es ist die Zeit der Hochzeiter. Also ein Spektakel steht allemal vor der Tür und freie Liebe soll bei beiden Ereignissen ganz angesagt sein, hat man dir erzählt. Kann auch nur ein Gerücht sein. Nur die Wahl der Drogen ist unterschiedlich. In Niederbayern sind es legale.

Oh, Metaller Zozen zum Anzug. Auch schön. Kurz bist du versucht, den an sich gut gekleideten Herrn, der die Altstadt hinabeilt aufzuhalten und ihm die Ratschläge zu erteilen, die du schon vor zwanzig Jahren im Freundeskreis erteilt hast: lange Männerhaare gehören gepflegt! Spitzenschneiden. Kuren. Ja, genau dassselbe Theater, das Frauen mit ihren Haaren veranstalten. Der Spezl von damals, der dich mal um Rat fragte, hat selbigen übrigens befolgt. Ob der, also der von heute, eigentlich seine Tochter auch vor solchen Typen warnt?

Am schönsten ist aber die dritte Kategorie, weit verbreitet unter Geschäftsleuten. Da trägt man Vokuhila. Zwangsweise, durch die verlängerte Stirn. Fehlt nur noch die Harley.

Also so wirklich schön anzuschauen, sind's grad nicht die Männer in der kleinen Stadt. Was dann in nicht einmal vier Wochen, wenn sie dann alle Strumpfhosen tragen, auch nicht besser sein wird. Aber Frauen stehn ja drauf, auf diese Typen vor denen uns unsere Väter immer gewarnt haben. Auch wenn sie nur alle vier Jahre vier Wochen lang so aussehen. Ende Juli haben die Frisöre dann Hochkonjunktur und aus den Hippies und Metallers und Bikertypen und so weiter werden wieder seriöse Geschäfsleute, brave Familienväter Mamis Idealschwiegersöhne. Die, die dann noch so rumlaufen sind die echten...


Es war die Nachtigall

Dunkelgrüne, blaue oder rote Samtoberteile seien sehr beliebt beim Theaterpublikum in der kleinen Stadt, teilt mir die M. auf  Nachfrage mit. Erschieß mich, wenn du mich je in einem dunkelgrünen, blauen oder roten Samtoberteil siehst, möchte ich sagen. Schlucke es aber hinunter, ob einem plötzlichen Zweifel, was M. denn alles in ihrem Kleiderschrank haben könnte. Eine elegante Bluse mit glänzender Hose gehe auch, ergänzt sie. Wieder schlucke ich: macht optisch ebenso dick wie Samtoberteile.

Aber gut, sie soll sich meiner ja nicht schämen und so schmeiße ich mich in einen schwarzen Hosenanzug (wir erinnern uns: Purismus) - bei dem noch nicht einmal die Hose glänzt - und kreuze also völlig overdressed zur Stadttheater-Premiere auf. Samtoberteile sind keine zu sehen.

Romeo und Julia steht auf dem Programm. Die Inszenierung mit Witz, Süße und Schmerz, aber ohne jeglichen Kitsch. Dazu beigetragen hat sicherlich, dass Oliver Karbus das Stück neu übersetzt hat und durchaus mit Shakespeareschen Anzüglichkeiten würzt, auf die die meisten Übersetzungen ja verzichten. Katharina Kram rührt mich als Julia. Überhaut sind sie gut die Schauspieler, auch in den kleinen Rollen - nur das Platzhirschgehabe auf der Bühne stört mich etwas, da fände ich etwas mehr Zurückhaltung zugunsten der Hauptpersonen angebracht. So bekommen die Lieblinge des Stadttheaterpublikums, die in diesem Stück nur in Nebenrollen glänzen am Ende auch den meisten Applaus.

Die Bühne, die Kostüme sind schön - schließen einen Bogen vom alten Verona zu heute. Ist halt doch zeitlos die Liebe. Und der gute William.

Premiere in Passau ist am 30. Mai - nächste Spielzeit gibt es eine Wiederaufnahme - und "Romeo und Julia" ist auch als Freilichtaufführung bei den Südostbayerischen Burgenfestspielen zu sehen. Weitere Infos.


Elternzeit

Noch mehr Kindheitserinnerungen... Da an dem Kaufhaus, das heute nicht mehr so heißt wie damals, steht wie damals ein Softeisstand vor der Tür. Kurz bin ich versucht anzuhalten. Ich habe dieses Softeis geliebt als Kind. Aber eigentlich ist mir nach Kaffee. Klein. Stark. Sehr stark. Und ein Eis der besten Eisdiele der Welt. Die einzige, die das ein oder andere Eis auch in meinen Portionsgrößen serviert. Ich brauche eine Auszeit. Eine Elternauszeit, denn die Zeit mit meinen Eltern ist gerade anstrengend. Also abgesehen davon, dass Elternzeit per se nicht unanstrengend ist, scheint mein Anblick momentan ihre Kreativität in Gang zu setzen und ihren Aktionsdrang. Damit zwangsläufig meinen Aktionsdrang. Und so jähte ich Unkraut oder mähe den Rasen statt den Garten, den ich ja sonst nicht habe zu genießen. Buch, Liegestuhl, Sonne. Aber das konnte mein Vater noch nie ertragen. Und mich mit einem Buch auf dem Liegestuhl in der Sonne zu sehen, war immer das Zeichen, mich für irgendetwas einzuspannen. Mein Vater genießt den Garten, indem er darin arbeitet. Heute, in dem er jemand anderen darin arbeiten lässt. Wobei dies nach wie vor ein Familienmitglied sein muss, sonst fehlt der Genuss. Und er wartet auch nicht ab, ob ich ihm den Gefallen mit dem Liegestuhl tue. Die Ansage "wir mähen den Rasen" kommt schon vorher. Und so mähe ich den Rasen und meine Mutter hält das Kabel und mein Vater schaut uns dabei zu. Eine wahre Familienaktivität. Pause. Espresso. Nein, nicht im Liegestuhl, da könnte ihm bei meinem Anblick ja weiteres einfallen.


Muttertag

An den meisten Tischen in dem Landgasthof wird nicht Muttertag gefeiert, sondern Erstkommion. Was man nur an den großen weißen Kerzen sieht, die überall stehen. Die Kids selbst sind weniger geschmückt, was ganz angenehm ist. Vor zwanzig Jahren liefen wir Mädchen ja den ganzen Tag als Mini-Prinzessinnen oder Mini-Bräute rum - aber das haben die meisten Gemeinden irgendwann abgeschafft, find ich auch richtig, soll ja schließlich nicht darum gehen, wer hat das schönste Tütü. Wer danach in diesen Landgasthof geht, ist eh etwas bodenständiger, gibt sicher irgendwo aufwändigere Feiern. Aber hier, hier werden noch Bücher verschenkt und keine Angebersachen - und ich seh noch die Reihen, die wir schon vor zwanzig Jahren gelesen haben und Kinder, die sich darüber freuen. Und das ist doch ein gutes Zeichen. Und das Essen ist auch gut. Und am Nachmittag gehen Mutter und Tochter spazieren - und das Gehege mit den Rehen und das mit den Meerschweinchen sind immer noch da. Da standen wir schon gemeinsam davor vor mehr als zwanzig Jahren. Und der graue Hase, der faul in der Ecke liegt, sieht aus wie der Stoffhase, den ich einmal hatte. Den gibt es immer noch, sagt Mama. Und weiß sogar, wo er ist. Nichts hat sich verändert in der Zeit. Alles hat sich verändert.


Mehr vom Tag

Was mich ja immer wieder fasziniert in der kleinen Stadt sind die kurzen Wege. Und nun meine ich nicht die Wege innerhalb der Innenstadt, bei denen man in einem Rundgang alles erledigen kann. Denn die Runde vom Bäcker über den Metzger und den Käseladen bis hin zum Tandler kann ich auch in meinem Viertel haben - obwohl ich dazu in München eher das Rad nehme. In der kleinen Stadt fahr ich mit dem Rad in die Stadt und dann geh ich die Runde, um mit dem Rad wieder nach Hause zu fahren. Nein, ich meine jetzt die kurzen Wege, um eine ganze Liste von Dingen zu erledigen, für die es ganz sicher das Auto braucht - und die ich in München sicher nicht in einem Aufwasch und ganz sicher nicht an einem Nachmittag machen würde: Mal kurz zum Autohändler für ein Ersatzteil (sprich: Antenne) - und weil man grad da ist, noch ein paar andere Dinge fragen. Zum Elektrofachmarkt, um etwas zu besorgen, das schon lange besorgt werden wollte, aber nach einem schwachen Versuch und der Feststellung, dass auch die simpelste Frage keine Antwort bekommt, aufgegeben wurde. Auf dem Weg beim Getränkemarkt vorbei und auch beim Supermarkt. Und weil man eh noch Zeit hatte und grad mit dem Auto unterwegs war, ist das doch die Gelegenheit auf einen Espresso und einen Schwatz beim Weinhändler deines Vertrauens vorbeizufahren  -  weil sich eine Kiste Wein doch schlecht mit dem Rad transportieren lässt. Und kein hektisches Schauen auf die Uhr - kein Mist, jetzt steh ich mal von Schwabing nach Neuhausen  oder noch schlimmer. Ja, das Timemanagement ist besser in der kleinen Stadt. Die Tage sind tatsächlich länger. Ob das die Menschen wissen, die hier wohnen?