Heinerlandgeschichten

Jenseits des Datschi-Äquators

In Heinerland gibt es keinen Zwetschgendatschi. Dafür gibt es aber auch so gut wie keine Wespen. Stellt sich die Frage, ob für die gemeine Hauswespe ein Leben ohne Datschi zwar möglich aber sinnlos ist. Die meisten Altbayern könnten das nachvollziehen. Ähnlich wie ein Leben ohne Berge zwar möglich aber sinnlos ist. Ein Leben ohne den weißblauen Himmel, der nirgends so schön weiß und blau ist wie in Bayern. Ein Leben ohne Brezn, die es eben auch nur in Bayern gibt - alles andere sind Versuche einer Brezn, aber sie bleiben im Versuchszustand.

Jetzt gehör ich aber nicht zu denen, die jede labberde oder steinharte Brezn als Himmel der Bayern lobt - weil auch in München bleiben die oft im Versuchszustand. Wie auch der Datschi, der oft so datscht, dass man ihn auch nicht mehr essen will. Jetzt darf sich zwar jeder Hefeteig mit ein paar Zwetschgen drauf Zwetschgendatschi nennen, aber richtig gut sind die wenigsten. Sind wir mal ehrlich. Nur die gemeine Münchner Hauswespe, die mag sie alle.

Weil ich aber die Hoffnung selten aufgebe, probiere ich natürlich jeden Datschi, der nur halbwegs danach aussieht, schmecken zu können. Und bin dann oft enttäuscht. Wie ich auch enttäuscht bin, die Datschi-Zone verlassen zu haben (also temporär). Wobei auf der anderen Seite hab ich schon eine sehr feine Kuchenquelle aufgetan - und der Zwetschgenkuchen vor zwei Tagen hat ganz viele der Münchner Datschis um längen geschlagen. Fand ich - die Wespe, die sich neugierig näherte, dran schnupperte und wieder abzog, die sah das wohl anders.


An Schmaaz halten

Ich hab mich heute durch München geplaudert. Oder gschmaazt auf gut bairisch. Dabei war ich nicht einmal auf dem Markt, wo an Schmaaz halten zum guten Ton gehört, sonst ist man irgendwie fehl am Platz. Ich hab auch sonst nichts besonders gemacht. Aber mit dem Nachbarn geredet, mit der griechischen Wirtin von nebenan, mit einer alten Dame in der Schlange vor mir, mit einer anderen im Supermarkt, ausgiebigst mit der Verkäuferin in der Parfümerie (die glaub ich grad eine neue Stammkundin gewonnen hat), mit der Friseurin bei der Terminvereinbarung, die mir dann gleich noch ein Produkt empfohlen hat (bekommen Sie in jedem Drogeriemarkt), in der Wäscherei, mit jemanden auf der Straße und am Ende sagte auch die Supermarktkassiererin: Man kann ja miteinander reden.

Mein München hat sich heute mal wieder von so einer entspannten, lässigen Seite gezeigt, als wollte es mir sagen - Willkommen daheim.

Der Münchner ist nämlich lange nicht so maulfaul, wie man gemeinhin vermutet - wobei diese Vermutung wahrscheinlich von Menschen geäußert wird, die außer den überlaufenen Innenstadtgaststätten nichts von München kennen. Wobei das durchaus von Stadtteil zu Stadtteil variiert, denn der Schwabinger ist, wie schon festgestellt, bedeutend offener gegenüber anderen Menschen als beispielsweise der Neuhauser, also der gebürtige.

Und so ähnlich verhält es sich auch in Heinerland. Ein Heiner erkennt den anderen möglicherweise an der Nasenspitze und vielleicht ist er diesem gegenüber offener. Aber so einer Fremden gegenüber... Setz dich mal in München mit den einleitenden Worten "darf ich?" neben eine ältere Dame in der Tram - das machst du nicht, wenn du kein Gespräch führen willst. Gestern kam nicht mal ein: Bitte oder selbstverständlich. Fliehe mal in München bei einem Platzregen von draußen in ein Café - da hast du mit mindestens einem der anderen Gäste mindestens drei Worte gewechselt und mit der Bedienung. - Nada. Nicht mal bei der Fußplege ließ sich die Fußpflegerin ein Gespräch aus der Nase ziehen (ich gehe seit 2001 zur Fußpflege - das war sehr ungewohnt), dafür haben sie und die Chefin mit einer Stammkundin gescherzt als meine Nägel trockneten... Und kleine Läden im Viertel, die ja die Basis für den täglichen Ratsch sind, die gibt's halt nicht.

Und da ich mich, so denke ich, auch nicht anders verhalte als dort und vor allem auch dort nicht anders verhalte als bei meinen Gastaufenthalten in Düsseldorf die letzten beiden Jahre, sag ich mal - an mir liegt's nicht. Oder von der anderen Seite aus betrachtet: doch?


Wir helfen Geld sparen

Eine Absonderlichkeit, jedenfalls für eine Münchnerin, in Heinerland ist die feste Entschlossenheit der Einheimischen, einen am Geld ausgeben zu hindern. Sowohl im Verkauf wie auch im Restaurantservice.

Ich wollte gerne Sommerbetten. Ja, da haben wir ein wunderbares Angebot. - Nein, das überzeugt mich leider nicht. Haben Sie auch noch was zum regulären Preis? - ABER DAS IST NICHT REDUZIERT. Ja, ich weiß, aber haben Sie was und können Sie mir das zeigen? ABER DAS IST NICHT REDUZIERT. Ja, ich möchte es aber sehen. Und ich würde zwei Decken davon nehmen (weil das überzeugt mich). - Ja, da haben wir jetzt aber nur eine davon da. Sie können ja, wenn Sie unbedingt wollen, für Ihren Mann die reguläre Decke nehmen, und für sich die reduzierte... Äh?

Ich wollte auch Bettwäsche kaufen. In einem anderen Haus. - Ja, da haben wir ein wunderbares Angebot.  - Nein, das überzeugt mich leider nicht. Haben Sie auch noch was zum regulären Preis? - ABER DAS IST NICHT REDUZIERT. Ja, ich weiß, aber haben Sie was und können Sie mir das zeigen? ABER DAS IST NICHT REDUZIERT. Ja, ich möchte es aber sehen. Also wenn es unbedingt sein muss, zeig ich Ihnen das Kissen. Den Bettbezug müsste ich ja wieder zusammenlegen, das können Sie sich ja vorstellen. Wer Bassetti-Bettwäsche hat, weiß, mit vorstellen ist da wenig.

Im Restaurant oder im Café oder auch im Wirtshaus (oder wie immer das hier heißt): egal welche Preisklasse. Man sitzt und wartet, bestellen zu dürfen. Man sitzt und wartet, etwas zu bekommen. - Weiteres zu bestellen? Anscheinend unüblich. Allerdings wird einem auch keine Rechnung aufgedrängt. Man sitzt. Vor einem leeren Glas - und im Zweifelsfall auch vor einem leeren Teller.  Und sitzt. Und wenn man zahlen will, will man bitte auch keine Rechnung. Weil auch das ist hier unüblich. Und nicht zu verwirklichen. - Weil Geld spart man nur, wenn man es nicht ausgibt. Hier jedenfalls.


Extra Bavariam

In Heinerland trägt keine Frau ihre Sonnenbrille im Haar. Schon gar nicht abends. Aber das tut außerhalb von München wahrscheinlich keine Frau nirgends. Und wahrscheinlich ist es das Signal überall als Münchner Tussi identifiziert werden zu können. Und ebenso wahrscheinlich hat der Mann das gar nicht gemeint, als er sagte: du fällst hier auf. Aber das sagte er kürzlich schon mal in einem ganz anderen Kontext - und ebenso wahrscheinlich ist es die Story of my life, dass ich grundsätzlich irgendwo nicht hinpasse, auch wenn ich mich gar nicht von etwas distanzieren möchte. Weil meine bewusst Anti-Phase hatte ich zwischen 17 und 19 und das ist schon eine Weile her. Und davor und danach versuche ich mich auch gerne anzupassen, wobei das ja nicht zu funktionieren scheint. Gruppenzugehörigkeit, egal zu welcher Gruppe, kann ich nicht stringent durchziehen und am Ende vermittle ich mal wieder den Eindruck der arronganten Einzelgängerin.

Arroganz ist grundsätzlich gefährlich. In dem Fall ganz besonders. Eine Schwabinger Schmeißfliege, die sich über die Heiners lustig macht, sind wir mal ehrlich, geht gar nicht. Drum sag ich an dieser Stelle auch nur, dass ich die Stadt gewöhnungsbedürftig finde. Aber das gilt für viele Städte und Landstriche, denn: Extra Bavariam nulla vita, et si vita, non est ita. Und Bayern ist nicht so groß wie es die Landesgrenzen scheinen lassen - in diesem Bayern laut Landesgrenzen gibt es ja auch noch Franken und Schwaben.

Was ich auch noch gewöhnungsbedürftig finde, ist die Tatsache, dass sich die Bewohner einer Stadt mit einem Begriff oder Namen identifizieren, der ursprünglich einfach nur negativ besetzt war - Tagelöhner, grobe Kerle - und was das über die Bewohner einer Stadtt aussagt, das muss ich noch ergründen.