Kultur & mehr

Vorweihnachtlich

Aufgewacht und irritiert gewesen, dass heute nicht Weihnachten ist. Noch zwei Wochen unstaade Zeit. Dabei wurde es gestern so still mit der Schneedecke, die sich über München legte, die nach Punsch vor dem Kamin verlangte und Rückzug. Dabei war gestern abend Weihnachtsprogramm in der Staatsoper: Der Nussknacker. - So schön. Viele kleine Mädchen im Publikum, mit Balletttänzerinnen-Dutt. Ansonsten überraschend unelegant die Besucher, möglicherweise dem Wetter geschuldet. Danach aber seltsamerweise kein Pferdeschlitten vor der Tür, der mich in Pelz gehüllt in eine Villa mit prasselnden Feuer im Kamin und entzündeten Kerzen am Christbaum gebracht hätte. Aber es gibt ja auch keine Villa und Weihnachten ist auch noch nicht.

 

Aber bald. Der Weihnachtsbaum steht schon auf dem Balkon. Die Weihnachtssterne in den Zimmern. Der Adventskranz auf dem Tisch. Die allerersten Plätzchen sind gebacken. Damit ein bisschen Stimmung aufkommt. So muss es sein. Und Weihnachten dann kehrt Ruhe ein.

Update und Hinweis: Am 13. Dezember gibt es die Aufführung als Live-Stream aus der Staatsoper.


Die Helden unserer Kindheit.

Sollen sterben. Jedenfalls offenbar, wenn es nach immer mehr überpolitisch-korrekte Menschen geht. Pippi, die mit den Bärenkräften, der bunten Villa und dem Pferd ist rassistisch. Finden jedenfalls eine Dame aus dem Bonner Integrationsrat und auch eine Leipziger Theologin, die es mit der Behauptung sogar bis in die Bild geschafft hat, und wollen das Buch aus dem Verkehr ziehen. Längst hat der Verlag reagiert und aus dem Negerkönig einen Südseekönig gemacht. Auch Biene Maja, die Schlümpfe, Timm und Struppi - alle böse. Komisch: bei Pippi ging es bei mir immer um Freundschaft und Herzensgüte. Ach ja, noch einen bösen habe ich vergessen: Jim Knopf. Und wenn wir noch weitersuchen, gehören eigentlich alle unsere Kindheitshelden auf den Scheiterhaufen. - Ein Bild, das natürlich auch böse ist. Mit Absicht. Und dass heute noch Kinder Märchen erzählt werden dürfen ist doch eigentlich schon fast ein Wunder.

 


Fröhliche und seelige

Oh, da kommen wirklich Weihnachtsgefühle auf: die Münchner Kammerspiele haben für den 23. Dezember Jelinkes "Rechnitz" auf dem Spielplan. Das Residenztheater gibt am selben Abend "Rose Bernd". Auf die Stückwahl des Volkstheaters darf man noch gespannt sein. Ich brauch ja wirklich kein Weihnachtsschmalz, aber das ist eindeutig für Weihnachtshasser.

Tom Waits meets Büchner in Freimann

Gestern bei gefühlten 50 Grad Saunatemperatur im Metropoltheater gewesen. Hier wird im Juli noch Woyzeck in der Fassung von Tom Waits gespielt. Natürlich ist es hilfreich, die Musik von Tom Waits dabei grundsätzlich zu mögen, wer aber Black Rider geliebt hat (wie ich), wird auch von diese Inszenierung mögen. Die Verbindung von Musik mit dem unter die Haut gehenden Büchner-Drama funktioniert - sie macht das Stück noch eindringlicher. Die Welt ist ein Käfig, aus dem es kein Entrinnen gibt...

"Es war einmal ein arm Kind und hatt' kein Vater und keine Mutter, war alles tot, und war niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es is hingangen und hat gesucht Tag und Nacht. Und weil auf der Erde niemand mehr war, wollt's in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an; und wie es endlich zum Mond kam, war's ein Stück faul Holz. Und da is es zur Sonn gangen, und wie es zur Sonn kam, war's ein verwelkt Sonneblum. Und wie's zu den Sternen kam, waren's kleine goldne Mücken, die waren angesteckt, wie der Neuntöter sie auf die Schlehen steckt. Und wie's wieder auf die Erde wollt, war die Erde ein umgestürzter Hafen. Und es war ganz allein. Und da hat sich's hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und is ganz allein." (Büchner, Woyzeck)

Anschauen!

Wieder abgeflaggt

Fast. Die letzten Überreste sind noch zu sehen - etwa ein schwarz-rot-gelbes Badehandtuch, das auf dem Balkon im Nachbarhaus zum Trocknen hängt. Die letzte Deutschland-Flagge sah ich allerdings in Form einer Handtasche am Arm einer älteren Abendkleidtragenden Opernbesucherin. Überhaupt hatten extrem viele Festspielbesucherinnen große Beutel bei sich, um die ganzen Frischmach-Utensilien zu verstauen und so glich das Damenzimmer vor der Vorstellung auch mehr einer Umkleidekabine einer Schulsporthalle. Andere kamen gleich in Schlappen. Festspiele hin oder her, man wollte sich wohl den Witterungsbedingungen anpassen... Und auf der Bühne sang der Teufel: Die Leute schwitzen, sobald ich mich ihnen nähere. Und stellte damit unter Beweis, dass die Tragödie des Teufels tatsächlich eine komische Oper ist. Dann im Abendkleid - die Gewitterfront im Blick heimgeradelt.

Was vom Jahre übrig blieb (III)...

Es gibt Vorsätze und Vorsätze. Die einen sind von vornherein zum Scheitern verurteilt. Weil sie zu absolut sind oder weil wir sie eigentlich gar nicht wollen, sondern nur meinen sie wollen zu müssen. Vielleicht auch, weil sie zu einem falschen Zeitpunkt vorgenommen wurden. Und dann gibt es Vorsätze, die so banal zu sein scheinen, dass man sie entweder gleich wieder vergisst oder sie gute Chancen haben, verwirklicht zu werden. Ein solcher Vorsatz 2009 war "mehr Kultur". Jeden Monat wollte ich ins Theater gehen. Und: ich blicke zurück auf 12 Theater- und Opernbesuche sowie ein Konzert. Das war eine bunte Mischung - vom Landshuter Stadttheater bis hin zu den Salzburger Festspielen. Ich habe Edita Gruberova als Lucretia Borgia in der Staatsoper gesehen (ja!) und Carmen-Maja Antoni als Mutter Courage am Berliner Ensamble (unbedingt empfehlenswert). Brigitte Hobmeier ist mir sowohl als Susn wie auch als Maria Braun unter die Haut gegangen. Ich war von Eros im Münchner Volkstheater begeistert und von Leonce und Lena entsetzt. Mehr erwartet hatte ich von Bierbichler als Borkmann in den Kammerspielen und vom Jubiläumsprogramm der Biermösl Blosn. Ich hatte übersehen, es Ihnen zu empfehlen, aber wenn das Metropoltheater mal wieder "Black Rider" spielt, gehen Sie rein. Und in ein Konzert von Tokarev. Und überhaupt ist Theater etwas wunderbares. Nächstes Jahr wieder...

Intellektuelles Boulevardtheater

Die FAZ nannte es einmal Boulevardtheater. Andere Menschen, die sehr viel intellektueller sind als ich, nennen es großartig. Pinters bestes Stück. Zwischen diesen beiden Betrachtungsweisen liegen schon mal Welten. Ich sagte nach der Aufführung nur: das ist also Pinters bestes Stück? Ganz leise natürlich, damit Regisseur, Schauspieler und Theaterleitung das nicht hören. Man muss ja bei Premierenfeiern auf seine Worte aufpassen. Und erntete promt einen strafenden Blick "der Mann hat den Nobelpreis bekommen". Was ja, wie wir spätenstens seit diesem Jahr und dem Friedensnobelpreis wissen, nicht viel heißen mag. Außerdem die Literaturnobelpreise der letzten Jahre... Coetzee finde ich fürchterlich, mit Jelinek kämpfe ich und außerdem hoffe ich inständig, dass niemand auf die Idee kommt, mir Herta Müller zu Weihnachten zu schenken. Also Literaturnobelpreis zählt nicht.

Kommen wir zurück zum Thema. Gegenstand der Betrachtung ist "Betrogen". Von Harald Pinter. Boshaft gesagt hat er darin aufgearbeitet, dass er seine Frau sieben Jahre lang betrogen hat. Denn das tut in diesem Stück auch die Hauptperson. Zusammengefasst: Frau betrügt Mann mit seinem besten Freund über diese ganzen Jahre und über eine ganze Zeit hinweg weiß Mann davon, schweigt aber. Nicht weil er seine Frau so liebt, sondern weil sie ihm ziemlich egal ist. Erzählt wird das ganze von hinten, so dass der Zuschauer immer ein bisschen mehr weiß als die Personen auf der Bühne. Das ist auf der einen Seite die Ehrenrettung zur Abgrenzung zum Boulevard, auf der anderen Seite macht es das Stück schwierig, weil es wird in lauter kleinen Häppchen serviert: Szene, Umbaupause, Zeit- und Ortsangabe, Szene etc.

Gespielt wird das Stück seit letztem Freitag im Südostbayerischen Städtetheater in Landshut (Premiere in Passau am 2. Januar). Es ist ein Kammerspiel und funktioniert daher sehr gut auf der eh nicht großen Bühne des Stadttheaters, die optisch nocheinmal reduziert wurde (das Bühnenbild von Klaus Gasperi hat mir ja schon bei Romeo und Julia gut gefallen). Oliver Karbus inszeniert das Stück schnörkellos und die Schauspieler überzeugen ohne Zweifel. Nur das mit dem großartigen abgrundtiefen Seelenstück, da nagen bei mir nun doch die Zweifel.


Ein Stern leuchtet

Stern des Südens nennt Siemens das Kunstprojekt. Eine Lichtinstallation des Münchner Multimedia-Künstlers Michael Pendry: 9000 LEDs bringen das Windrad im Münchner Norden zum Leuchten und das bis zu 30 Kilometer weit.

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Es ist kein Kunstprojekt im luftleeren Raum, im Gegenteil es soll ein Zeichen setzen zur Weltklimakonferenz in Kopenhagen, die am 7. Dezember beginnt. Der Weihnachtsstern nutzt die natürliche Energie und ist auch darauf angewiesen, um zu leuchten. Ein Apell an den verantwortungsbewussten Umgang mit den Ressourcen.

Außerdem sieht es sehr cool aus. Dem sich verändernden Farb- und Formspiel kann man ewig zuschauen, wenn man auf der A9 im Stau steht. Was allerdings auch schlecht fürs Klima ist.

Foto: Siemens


Gruselig...

Mit Halloween kann ich ja persönlich nichts anfangen. Was daran liegt, dass es nicht Teil meiner Sozialisation ist und ich so unflexibel und spießig bin, dass es mir heute auch egal ist. Vielleicht liegt es auch daran, dass weder Verkleiden noch Horrorfilme das meine sind.

Wie auch immer. Ich löffle eine Kürbissuppe, bin froh, dass bei mir keine Kinder klingeln und lass es gut sein. Tanzverbot? Bitte sehr. Vor zwanzig Jahren war es mir nicht egal. Und im übrigen, das Tanzverbot gab es schon damals. Was ich so genau weiß, weil eine Freundin an Holloween, das wir damals einfach mal 31. Oktober genannt haben, Geburtstag hatte. Und um Mitternacht wurde die Musi abgedreht. So war das damals. Und man hat es auch nicht weiter hinterfragt. Die meisten von uns mussten am nächsten Tag eh halbwegs fit sein, weil ein Auftauchen am Grab mit Leichenblässe und tiefen Ringen unter den Augen von den Eltern nicht sehr geschätzt wurde. Am 1. November ist man nämlich ans Grab gegangen. So war das damals.

Jetzt kann man natürlich die Verrohung der Sitten beklagen und die Amerikanisierung im Allgemeinen, aber das Totengedenken (bitte mit Stille und Trauer) staatlich zu verordnen, geht zu weit. Der eine gruselt sich eben beim scheinheiligen Friedhofsaufmarsch am 1. November, der andere in der Nacht davor.

In dem Zusammenhang darf man sich eigentlich sogar wundern, dass es dem BR erlaubt ist, jedes Jahr an Allerheiligen den Brandner Kaspar auszustrahlen. Da geht man ja auch lax mit dem Thema Tod um.

All Hallows' Eve. Perchten. Kerschgeist. Wenn man mal darüber nachdenkt, ist der Ursprung doch wieder derselbe...


Susn - eine Hommage

Vor dieser Frau möchte man in die Knie gehen - wie sie dasteht mit ihrem Engelsgesicht und sich in nur einer guten Stunde wandelt von der naiven Jungen in die abgehalfterte Alte, die alles und zu viel erlebt hat. Und das ohne Maske und ohne Zutun, nur aus sich selbst heraus.

Es wird wieder eine Hommage. Aber es geht nicht anders. Brigitte Hobmeier ist eine Sensation als Susn. Und das Gespann Ostermeier als Regisseur und Hobmeier als seine Hauptdarstellerin entwickelt sich zum Dream-Team, das süchtig macht. Dass Ostermeier, der aus Niederbayern nach Berlin geflohen ist, wie so viele andere kreative, gut ist, wenn er sich an der bayerischen Unterschicht abarbeitet, ist nichts neues. Ob mit Fleißer oder jetzt mit Achternbusch.

Susn, die Demontage einer Frau in vier Bildern, stammt aus einer Zeit, in der die Frauenbewegung ihre Hochkonjunktur hatte. Theoretisch, denn praktisch regierten die drei großen Ks. Das hat Achternbusch so gesehen, das sieht Ostermeier so - und das lebt auf der Bühne Brigitte Hobmeier.

Es ist derb, es ist kein Sonntagsspaziergang und die Lacher bleiben eher im Hals stecken. Aber es ist großartig. Großartig ist vor allem Brigitte Hobmeier, die mit einer scheinbaren Leichtigkeit die vierzig Jahre überwindet und diese Frauenfigur zu einer verschmelzen lässt. Zu einer, mit der man und über die man weinen möchte.

Prädikat: empfehlenswert! Die nächsten Aufführungstermine sind am 9. und 10. November. Mehr auf der Homepage der Münchner Kammerspiele

Und weil wir gerade dabei sind...Die letzte Möglichkeit, die Maria Braun in München zu sehen, ist Sonntag, der 8. November. Danach geht die Aufführung an die Schaubühne Berlin. Ich würde Ihnen ja den Besuch der Aufführung ebenfalls und immer noch empfehlen...


Die Wettervorhersage

Sie möchten wissen, wie das Wetter wird? Fragen Sie einfach in Zukunft mich. Ich werde mich als diplomiertes Wetterorakel niederlassen. Ich berufe mich dabei nicht auf Rheumaschmerzen, Operationsnarben oder Migräneanfälle, Basis meiner Vorhersage ist mein Terminkalender. Ich habe Zeit in der Nase zu bohren - ein Tiefausläufer nähert sich Bayern. Eine Deadline fesselt mich an den Schreibtisch - freuen Sie sich über ein fettes Hochdruckgebiet. Besonders effektiv sind meine Vorhersagen in diesem Sommer, was Abendveranstaltungen betrifft: Fragen Sie, ehe Sie einen Grillabend planen, ob ich etwas vorhabe - sollte mein Vorhaben lange geplant sein und mit einem Kartenkauf verbunden, planen Sie um: es wird gewittern oder wenigstens einen Temperatursturz geben.

So war das Gewitter gesten abend nach einigen sommerlichen Vorabenden vorauszusehen. Ein Brunnenhof-Konzert stand auf dem Programm. In weiser Vorraussicht würde ich ja eh keine Konzertkarte erwerben, bei der es keine Schlechtwetteralternative gibt. Und so gab es Tokarev & Kramer gestern abend im Prinzregententheater. Wunderbar war's. Sehr sexy. Ja, ein Klavierkonzert.

Über die Kleidung der Konzertbesucher reden wir einmal an anderer Stelle...


Ein Theaterabend, der knallt

Eros stellt man sich gemeinhin anders vor. Anders als das Plakat des Volkstheaters, anders als den Plot der Geschichte. Eine, der momentan so unvermeidlichen Roman-Adaptionen. Merke: Erotonomie ist nur ein schöneres Wort für Stalking. Es ist die Geschichte einer Obsession und rauschhaft ist das Stück auch inszeniert. Christine Eder peitscht die die Figuren nur so durch die Geschichte der Bundesrepublik, ein Menschenleben vergeht wie im Flug - unbeteiligt betrachtet vom Erzähler Alexander von Brücken, der die Geschichte nur wahrgenommen hat als Versatzstück seiner Liebe zu Sofie. Die Schauspieler wirbeln über die Bühne, schlüpfen in die unterschiedlichen Rollen. Cut. Szenenwechsel. Geschichtszahlen, Begebenheiten werden teilweise nur eingeworfen - doch das funktioniert, das Bild dazu erscheint ja vor dem inneren Auge. Vom Tempo mag dem ein oder anderen schwindlig werden, doch der geradezu lähmenden unerfüllten Liebe wird ein Stakkato der Ereignisse entgegengesetzt. Die Zeit verrast, solange er liebt. Die Zeit hört auf, als die Aussichtslosigkeit endgültig wird. Der Zuschauer bleibt seltsam unbeteiligt, es wird erst gar nicht der Versuch unternommen, ihm eine Identifikation aufzudrängen - episches Theater im besten Sinn. Ein Theaterabend, der Spaß macht. Der für Gesprächsstoff sorgt. Und nachdem Sie ganz sicherlich ein Glas Rotwein trinken wollen und eine Zigarette dazu rauchen...

Eros - nach dem Roman von Helmut Krausser. Eine Koproduktion des Münchner Volkstheaters mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Wieder auf der kleinen Bühne am 22. und 23. Juni.


Auswärtsspiel

Wie habe ich den Abend im Vorfeld angeprießen. Wahrscheinlich das beste, was man noch diese Spielzeit auf Münchens Theaterbühnen zu sehen bekommt, habe ich gesagt. Musste ich auch sagen. Denn erstens war ich davon überzeugt und zweitens hatte ich eine zweite Karte, die es unter die Leute zu bringen galt. Zwar war ich überzeugt, dass Menschen vor den Kammerspielen stehen mit "Suche Karte"-Schildern, aber das ist ja auch fad...

John Gabriel Borkmann von Ibsen. Ein Gastspiel der Schaubühne. Inszniert von Ostermeier und mit Bierbichler in der Hauptrolle. Alles in allem vielversprechend. Ein karrieregeiler Machtmensch, der alle abgezockt hat, gescheitert ist und seine Schuld nicht eingesteht. Also hoch aktuell. Man könnte das ganze politisch inzenieren, die Inszenierung konzentriert sich allerdings auf das menschliche - leicht an der Grenze zum Slapstick, was das Erwachenwerden des Sohnes betrifft, der sich gegen alle Erwartungshaltungen zu behaupten versucht.

Frau Modeste fand das Wort "erdig" für Bierbichler. Wahrscheinlich hat sie es genau getroffen - irgendwie nimmt man ihm das ganze nicht ab. Er ist nicht der Typ, der über Leichen gegangen ist und jederzeit wieder gehen würde. Nichtsdestotrotz wird er am Ende des Abends mit "Bravo"-Rufen bedacht, was aber auch daran liegen mag, dass er eigentlich beschlossen hat, in München nicht auf der Bühne zu stehen...

Die eigentliche Hochachtung sollte den beiden Frauen gelten, die die menschliche Tragödie  überzeugend verkörpern. Ja, unterm Strich war das Schaubühnen-Gastpiel sicherlich ganz großes Theater, aber die Maria Braun hat größeren Gänsehautfaktor erzeugt. Also das Wort, das beste, was diese Spielzeit auf Münchens Schauspielbühnen zu sehen ist, nehme ich zurück. Gelohnt hat es sich allerdings allemahl.


Es war die Nachtigall

Dunkelgrüne, blaue oder rote Samtoberteile seien sehr beliebt beim Theaterpublikum in der kleinen Stadt, teilt mir die M. auf  Nachfrage mit. Erschieß mich, wenn du mich je in einem dunkelgrünen, blauen oder roten Samtoberteil siehst, möchte ich sagen. Schlucke es aber hinunter, ob einem plötzlichen Zweifel, was M. denn alles in ihrem Kleiderschrank haben könnte. Eine elegante Bluse mit glänzender Hose gehe auch, ergänzt sie. Wieder schlucke ich: macht optisch ebenso dick wie Samtoberteile.

Aber gut, sie soll sich meiner ja nicht schämen und so schmeiße ich mich in einen schwarzen Hosenanzug (wir erinnern uns: Purismus) - bei dem noch nicht einmal die Hose glänzt - und kreuze also völlig overdressed zur Stadttheater-Premiere auf. Samtoberteile sind keine zu sehen.

Romeo und Julia steht auf dem Programm. Die Inszenierung mit Witz, Süße und Schmerz, aber ohne jeglichen Kitsch. Dazu beigetragen hat sicherlich, dass Oliver Karbus das Stück neu übersetzt hat und durchaus mit Shakespeareschen Anzüglichkeiten würzt, auf die die meisten Übersetzungen ja verzichten. Katharina Kram rührt mich als Julia. Überhaut sind sie gut die Schauspieler, auch in den kleinen Rollen - nur das Platzhirschgehabe auf der Bühne stört mich etwas, da fände ich etwas mehr Zurückhaltung zugunsten der Hauptpersonen angebracht. So bekommen die Lieblinge des Stadttheaterpublikums, die in diesem Stück nur in Nebenrollen glänzen am Ende auch den meisten Applaus.

Die Bühne, die Kostüme sind schön - schließen einen Bogen vom alten Verona zu heute. Ist halt doch zeitlos die Liebe. Und der gute William.

Premiere in Passau ist am 30. Mai - nächste Spielzeit gibt es eine Wiederaufnahme - und "Romeo und Julia" ist auch als Freilichtaufführung bei den Südostbayerischen Burgenfestspielen zu sehen. Weitere Infos.


Die Maria Braun

Grundsätzlich stelle ich mir ja die Frage, weshalb man zwingend Romane und Filme auf die Bühne bringen muss. Das ist momentan tre chic. Vielleicht liegt es daran, dass die Klassiker rauf und runter gespielt wurden und, wenn man chic sein möchte, nur fürchterlich dekonstruiert werden können. Also verlegte man sich Ende der 90ern auf die ganzen "Shoppen und f...en"-Stücke, die aber wie der Name sagt auch immer nur ein Thema haben und die 90er sind vorbei, die Zeiten haben sich geändert, es kam nichts neues nach und so bedient man sich heute am Film- und Romanfundus, was besonders bei den Kammerspielen auffällt (klar, die Klassiker sind Dorn-Revier auf der anderen Straßenseite und auf die ganz jungen Stücke hat Stückl seine Hand).

So hat sich Thomas Ostermeier hat für die Kammerspiele (schon letzte Spielzeit) bei Fassbinder bedient und "Die Ehe der Maria Braun" für die Bühne adaptiert - ein Leben in den Gründungsjahren der Bundesrepublik. Und, um es kurz zu machen: Es ist großartig.

Fängt die Inszenierung noch als episches Theater an, wird die Bühne immer mehr zur Guck-Kasten-Bühne und der Spot immer dringlicher auf Maria gerichtet, bis man am Schluss im Sinne einer griechischen Tragödie mitleidend Katharsis erfährt. So ist auch nur die Maria als eigenständige Rolle angelegt - gespielt von einer großartigen Brigitte Hobmeier - der Rest ist Staffage und schlüpft um sie herum immer wieder in andere Rollen. Auch Bühne und Ausstattung hier stimmt alles.

Deshalb: unbedingte Empfehlung! Gespielt wird diesen Sonntag und am 4. Juni im Schauspielhaus - mehr dazu inclusive Trailer.


Well-done kann auch zäh sein

Well heißt ja soviel wie gut. Was aber in einer Sprache, die Superlative liebt, nicht viel heißt, denn was heißt gut, wenn es auch excellent ginge. Andererseits ist well ja auch die Floskel schlechthin - äh... Also bleiben wir beim Well. Bei den Gebrüdern Well, genauer gesagt bei dreien von ihnen, den Biermösl Blosn. Die gestern mit Polt zusammen 30 Jahre Bühnenjubiläum im Residenztheater gefeiert haben. Ausverkauft war die Vorstellung in der "festlich geschmückten Mehrzweckhalle" (an die das Residenztheater inzwischen tatsächlich erinnert) schnell - sofort zu Vorverkaufsbeginn waren Telefonleitungen und das Internetbuchungssytem überlastet.

Typisches Resi-Publikum, rotgrüne Akademiker, gemischt mit Pelz- und edlen Tuchmäntel tragenden Münchnern, die sich gerne mal eine verbale Watschn abholen, denn der Bayer an sich braucht das, das sieht man immer am Nockherberg. Aber das ist net schlimm, denn den, der die Watschn austeilt, trifft man nächstens in Schwabing im gutbürgerlichen Wirtshaus oder beim Dallmayr beim Wurst kaufen. Wahrscheinlich ist man einfach zusammen älter geworden, schätzt inzwischen die Annehmlichkeiten des Lebens, denkt sich, jetzt reißen wir noch die letzten Jahre vor der Pension ab und "hearts ma auf mit der Politik".

Jubiläumsprogramme sind in der Regel etwas feines - da denken sich Künstler etwas aus und blicken zusammen mit dem Publikum zurück. Umso enttäuschender ist es, wenn ausgerechnet ein Jubiläumsprogramm sich durch eine Lustlosigkeit auszeichnet: ein Abend wie eine Floskel, ein Pausenfüller vor der Aftershow - well, lasst's uns a Bier trinken gehen. Vielleicht weil man dem Münchner Publikum eh alles vorsetzen kann? Aber wenn eine Schuhsohle draus geworden ist, ist es schade um ein Bayerisches Weiderind.


Münchner Nachkriegsarchitektur

Zwischen der ersten Adresse für Wintermäntel in München und dem Hauptbahnhof liegt die Maxburg. Das ist wichtig, denn damit war sie ein strategisch wichtiger Platz, um vor der Heimfahrt Kaffee zu trinken. Wer vom Bahnhof kommend die Fußgängerzone meiden wollte Richtung Innenstadt, kam automatisch an der Maxburg vorbei. Und würde es heute noch. Theoretisch. Wenn heute das Publikum der besseren Geschäfte noch mit dem Zug anreisen würde. Doch leider nimmt man die Maxburg heute meistens nur noch war, wenn man zwischen Lenbach- und Karlsplatz im Stau steht.

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Entworfen hat die Neue Maxburg der Architekt Sep Ruf. Wie auch das Amerikanische Generalkonsulat in München, dessen architektonische Prinzipien von Offenheit und Transparenz heute nicht mehr offensichtlich sind. Wie auch den Kanzlerbungalow, der in Wirtschaftswunderzeit gebaut, dann vor sich hin verfiel und nun doch saniert wird. Das Architekturmuseum hat Sep Ruf zu seinem 100. Geburtstag eine Ausstellung gewidmet.

Sehenswert! Noch bis 5. Oktober in der Pinakothek der Moderne.

Weitere Ausstellungsempfehlung


Farbe für den blauen Reiter

Das letzte halbe Jahr ist angebrochen. Im März 2009 schließt das Lenbachhaus für drei Jahre seine Tore - es wird restauriert und renoviert und erweitert. Für lange Zeit also die letzte Gelegenheit einmal im zauberhaften Garten in der Spätsommersonne zu sitzen. An einem Platz, an dem das Jahrhundertwende München so präsent ist wie kaum an einer anderen Stelle.

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Und zum Abschluss hat man sich für die Hauptausstellung im Lenbachhaus - den blauen Reiter - nochmal etwas besonderes einfallen lassen. Nicht nur, dass die Bilder neu gehängt wurden, so dass es nun Künstlerräume gibt, es gibt diese Künstlerräume im doppelten Sinn des Wortes. Die Räume haben nämlich Farbe bekommen. Die Moderne tritt in einen Dialog mit dem Expressionismus. Vier Räume bekamen nicht nur eine schlichte Wandfarbe, sondern wurden von zeitgenössischen Künstlern gestaltet. Großartige Geschichte. Und ein echter Aufreger. Jedenfalls für den ein oder anderen (und derer nicht wenige) entsetzten Bildungsbürger, der seiner Aufregung im ausliegenden Gästebuch wortstark Ausdruck verleiht. Und so unterscheiden sich die Reaktionen heute nicht von den Reaktionen damals, als Franz Marc plötzlich Pferde blau malte. Denen und auch Ihnen empfehle ich an dieser Stelle doch mal wieder Oskar Maria Graf zu lesen - in diesem Fall die Stelle in seiner Autobiographie "Gelächter von außen", wo er beschreibt wie das denn war mit den blauen Pferden damals in der Türkenstraße...

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Mein Tipp: anschauen! Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Lenbachhaus.