...oder mein Dilemma mit Nationalsymbolen aller Art
Ja, ich bin sehr gespalten. Auf die Frage, woher ich komme, kommt auch im Ausland zuerst München, dann Deutschland. - Vorteil, München kennen die Menschen, München mögen die Menschen. Und damit ist eigentlich auch schon klar, womit ich mich identifiziere. Aufgwachsen mit Eltern, die Kriegskinder waren, die Kriegsfolgen in Form des geteilten Deutschlands bewusst erlebt, ist bei mir alles, was Deutschland repräsentiert, unglaublich besetzt. Unbefangen an das Thema rangehen, kann ich nicht. Deutsch ist für mich in erster Linie Sprache - und dann stellt man aber ganz schnell fest, dass viele der großen Dichter, Denker, Künstler eigentlich Österreicher waren und sind - also diese Definition funktioniert schon mal gar nicht. Und dennoch ist es die einzige, die ich habe. Aber zurück zu den Symbolen.
Angekommen ist die WM - sogar in meinem stillen WM-fernen Stadtteil.
Was sich unweigerlich an den stilvollen Gründerzeitbauten zeigt, von
denen doch der ein oder andere sich nun farbenprächtig geschmückt
zeigt. Früher hat man die Häuser zu Fronleichnam geschmückt, heute zur
Weltmeisterschaft. So ändern sich die Zeiten. Bei ein paar Häusern
wehen die Fahnen auch nur im Hinterhof - ob wegen Denkmalschutz oder
leicht verschämter Euphorie? Leichte Verwunderung löst die Beflaggung
ja schon aus in diesen Straßenzügen - dass man hier mal etwas anderes
sehen würde als das Pace-Zeichen... Und gleichzeitig ist es nichts, was
mich nun im Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft stören würde, denn
es sind beileibe nicht nur deutsche Fahnen, hie hier wehen... Bunt ist
diese Stadt. Menschen aus vielen Teilen der Welt leben hier. Und das
ist schön.
Szenenwechsel, Leopoldstraße, nach einem Deutschlandspiel (beliebig, aber gewonnen): Ein Meer von deutschen Fahnen - ein Meer von Menschen. Vielleicht sollte ich vorab sagen, dass mir Menschenmassen gleich wo und welcher Nationalität grundsätzlich Angst machen. Freude, Jubel und der Schlachtruf: So sehen Sieger aus. - Dabei schaudert's mich. Dabei ist es nur ehrliche Freude - und hat nichts mit Nationalismus zu tun, hoffe ich jedenfalls, sagt mein Verstand mir jedenfalls, beängstigend finde ich die Szenerie dennoch. Dabei fiebere ich selbst mit und finde die deutsche Nationalmannschaft ganz wunderbar.
Und trotz aller Probleme, die ich mit der Masse auf der Leopoldstraße habe, wenn die Studentenvertretung das mit einem Plaktat kommentiert: "Wer für Deutschland ist, ist für Ausschwitz" - dann finde ich das in diesem Zusammenhang mehr als daneben. Unbefangen damit umgehen, heisst nicht vergessen.
Nehmen wir ein anderes Symbol: Die Nationalhymne. Jede andere Nation zeigt Achtung vor ihrer Hymne. Die Menschen stehen auf, singen. Je nach Land mit mehr oder weniger Pathos, aber mit Achtung. Hier weiss kein Mensch, wie er sich verhalten soll, wenn die Nationalhymne erklingt. Sie wird ignoriert, manchmal sind die Menschen auch verlegen, meistens quasseln sie weiter. Und wenn dann eine Gruppe Abiturienten, die Hälfte von ihnen mit eindeutig binationalen Familienhintergrund, aufsteht, voll inbrunst die Hymne mitschmettert, dann ist das unbefangen - wie ihr Hintergrund unbefangener ist - für sie ist vieles einfach nur noch Geschichte (und dann hoffen wir doch mal, dass sie gute Lehrer hatten).
Und wenn ich dann überlege - in ihrem Alter... Als ich Abitur gemacht habe, war das die Zeit als die Mauer gerade gefallen war... Wieso kommt es mir dann komisch vor, von Einigkeit und Recht und Freiheit zu singen? - Weltmeisterschaft hin, Freudentaumel her. Vielleicht sollten ich und meine Generation endlich lernen, dass Unbefangenheit nicht Vergessen bedeutet. Denn egal ob wir es über Sprache, Geschichte oder Fußball definieren - wir sind Teil davon: Von gestern - von heute - und von morgen.
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