Weißblaue Ansichten

Dahoam

Jetzt arbeiten sie sich alle wieder mal am Begriff Heimat ab. Heimatgefühle sind Intellektuelle ein rotes oder eher schwarzes Tuch, rechtes Teufelszeug und entsprechend hat man als  Linksintellektuelle keine Heimatgefühle, weil selbst wenn man sie hätte, dann würden sie nicht dem Selbstverständnis entsprechen. Und ich finde es sehr bitter, dass der Begriff Heimat politisch aufgeladen wird. Und wie immer hilft einem das Bairische weiter, denn da sagst einfach: dahoam.

Dahoam kann vieles sein: die eigenen vier Wände – ja, und darum gibt es auch ein Mittelstandseigenevierwändeförderprogramm der Bayerischen Staatspartei, weil die eigenen vier Wände Heimat sind. Sie bedeuten Beständigkeit, den Wunsch da zu bleiben – auch wenn man woanders hingeht, wiederzukommen.

Dahoam ist auch da, wo man sich kennt, wo jemand sagt: Griaß di, wie geht’s dir? Und sich im Zweifelsfall auch dafür interessiert, wenn man sagt: nicht so gut. Aber das einfach vor die Tür treten und jemanden zu kennen. Einen Nachbarn. In der Bäckerei drauf angesprochen werden, wenn man mal was ganz anderes nimmt. An Schmaatz halten, wie man auf gut Bairisch sagt. Das muss man sich erarbeiten. Egal wo.

Dahoam ist Sprache – das wird jeder bestätigen, der mit daheim telefoniert und plötzlich wieder im Heimatdialekt spricht.

Dahoam ist da, wo man sich über Dinge, über Mitmenschen, über Lokalpolitik aufregt, weil es einem nicht egal ist.

Dahoam kann ganz klein sein: ein Dorf, ein Viertel. Es kann auch groß sein. Bei mir ist es beides. In einer Kurzbio von mir steht: an der Isar dahoam. Ja. An der Isar gibt es die alte Heimat, die es immer geben wird, wenngleich immer weniger, aber sie wird immer Heimat sein. Dann gibt es München. Heimat. Und die große Liebe Isaraufwärts. Und wenn ich irgendwann doch da hinziehe und mir jemand sagt, du zuazogne aus Minga, was wuist du da – dann kann ich antworten: an der Isar war ich schon immer dahoam.

Die Isar ist Heimat.

Der Himmel, der hier so blau ist, wie er nur hier ist.

Der Moment, wenn der Föhn macht, dass der Flughafen an den Bergen ist und du ab dem Zeitpunkt den Bergen entgegen fährst.

Das blaue Land, weil du in diesem Moment immer wieder weißt, dass jedes Marc und Münter Bild nur ein Versuch ist.

Heimat ist was schwieriges, weil unfassbares. Es ist ein Gefühl. Man kann woanders hingehen und sich dort daheim fühlen, bis auf die Momente, in denen man, siehe oben, mit der alten Heimat spricht. Heimat gibt es nicht, wenn man sich nicht drauf einlässt. Man muss ankommen, um da bleiben zu können. Egal wo.


Winteridyll

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Draußen am See sieht das ja ganz nett aus.

Hier in der Stadt sieht es auf den Bäumen und Dächern auch ganz nett aus. Und weil die Stadtverwaltung meint, dass es auch auf Straßen und Bürgersteigen nett aussieht, werden die auch nicht geräumt. Auf denen fahren dann so kleine Räummaschinen, deren kleine Schaufel, wann immer mir eines begegnet, nicht den Schnee am Boden beiseite räumen, sondern die Luft durchpflügen. Wobei ich ihnen unrecht tue, schließlich wird hin und wieder der Schnee von ihnen plattgewalzt und mit Splitt verziert. Parkettböden lieben den Winter in der Stadt auch ganz ungemein.


Geschenkte Tage

Sonnentage im Oktober sind geschenkte Tage. Während man im Sommer die Sonne erwartet, sie dann zu heiß ist und man doch nur ermattet den Schatten sucht, ist die Oktobersonne ein Traum. Der Himmel ist klar und die Bäume werden bunt.

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Während sich auf dem Brauneck, die Wanderer auf die Füße treten, kann man auf dem Zwiesel noch seine Ruhe haben.

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Am Kleinhesseloher See

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Nymphenburger Schlosspark


Fahrt ins Blaue

Nicht, dass es auch nur im Entferntesten so aussähe, als wäre irgendjemand im Urlaub. So parkplatztechnisch zum Beispiel. Die goldene Augustregel ist außer Kraft gesetzt. Vielleicht sind auch alle, die noch vor kurzem gegen die dritte Startbahn gestimmt haben, mit dem Flugzeug verreist und dauerparken vor unserem Haus. Und auch sonst ist es nicht leerer geworden in der Stadt - im Gegenteil zu den Münchnern gesellen sich Millionen von Touristen, vorzugsweise Italiener. Und damit sind zwei weitere goldene Regeln außer Kraft: erstens, dass diese erst zur Wiesn kommen und zweitens dass die Ferragosto-Woche am Strand verbracht wird. Wenn aber alle in München sind, wieso sind dann die Autobahnen und Landstraßen so voll, dass man genervt in den nächsten Feldweg einbiegt?

Badb
Und siehe da - die Fahrt führt ins menschenleere Blaue...


A abgstandens Noagerl

Wenn ich ad hoc eine Geschichte erzählen sollte, was in Bayern und der Welt im letzten Jahr so passiert ist, würde ich diese möglicherweise auf einem Bauernhof spielen lassen. Auf der Bühne wäre ein großer Misthaufen und im Hintergrund ein Flugzeug beim Starten. Und auf dieser Bühne könnten sich dann ein Großstadtgockel produzieren. Ein Großbauer um den Kleinbauern werben. Ein Umweltminister die Transformation zum Finanzminister durchlaufen. Die Bundeskanzlerin dürfte den Stall misten und feststellen, dass das Kleinvieh nicht ihr Geschäft sei. Natürlich wäre da noch eine grüne Großstadtpflanze, die von der guten Landluft schwärmt und (meinetwegen) einen Wanderer aus dem Schwäbischen um Rat fragt. Der freie Bauer würde das ganze mit Staunen beobachten. Und eine junge Magd beklagen, dass sie nicht selbst Bäuerin sei - aber mit zwei kleinen Kindern würde sie doch lieber das Betreuungsgeld einstecken, denn wohin damit auf dem Lande.

Das ist das Nockherberg-Singspiel, das wir alle gestern nicht gesehen haben. Stattdessen haben wir gesehen, dass wieder eine gute Darstellerin vom Hof gejagt wurde und durch ein grottiges Double ersetzt wurde. Wir haben einen Lederhosn-Typen gesehen, den man weder an Aussehen noch an Kleidung mit dem darzustellenden Landesvater in Verbindung bringen konnte (irgendjemand von den Verantwortlichen aufgefallen, dass Seehofer nie Tracht trägt?). Das Ude-Double möchte bitte von seiner Rolle erlöst werden. Zinner als Söder allein konnte das Singspiel auch nicht retten. Auch wenn er sich alle Mühe gegeben hat.

Kurz: es war das schlechteste Singspiel aller Zeiten. Langweilig und uninspiriert. Es wurde keine Geschichte erzählt, seltsame Schwerpunkte gesetzt (was sollte die Präsenz des fränkischen Adeligen?) und ein Bühnenbild zu entwerfen, hat man sich auch geschenkt. Der Nockherberg schaufelt sich auf diese Weise sein eigenes Grab. Lieber BR, denk mal darüber nach. Und weil wir grad dabei sind: ich will auch keinen Klamaukbruder bei den Interviews sehen, sondern zwei souveräne bayerische Journalisten, die auch dem Anlass entsprechend gekleidet sind.

Ach ja, die Rede der Bavaria. Mei. Irgendwie hat auch da der rote Faden gefehlt. Und wäre die Antwort auf den Satz "Mama ich brauch Geld" die Warnung gewesen, sich selbiges von Spezln zu leihen, wäre das doch sehr viel eleganter gewesen als die erfolgte Attacke unter der Gürtellinie.


Die jetzt multiple Persönlichkeit des Horst S.

Der Winter war kalt. Da hat man gerne einen Kamin angemacht. Und ich hoffe, die Verantwortlichen in unserem Land haben sich am selbigen auch in den letzten Monaten zu dem ein oder anderen Gespräch getroffen. Zu besprechen gab und gibt es ja einiges. Denn als wenn auf politischer Ebene nicht schon genug zu besprechen und zu handeln gäbe, gab es ja seit Dezember auch noch diese unschöne Geschichte. Über die die Menschen im Internet, in den Medien und am heimischen Kamin sprachen. Und so dürfen wir nun hoffen, dass sich auch schon die Damen und Herren fraktionsübergreifend mal auf ein Glas Rotwein zusammengesetzt haben, sinnierend ins prasselnde Feuer schauten und sich fragten, was wäre wenn.

Der Rücktritt dürfte sie nicht kalt erwischt haben. Nur der Zeitpunkt - der ist für unseren Landesvater und jetztigen Interimspräsidenten denkbar ungünstig. Während im Dezember die Redenschreiber der Staatskanzlei die Weihnachtsansprache für den Fall der Fälle schon vorbereitet hatten, sind sie jetzt in der Zwickmühle. Denn statt als Bundespräsident eine wohlfeile Weihnachtsansprache zu halten, hält Seehofer am Mittwoch als Parteivorsitzender die Rede in Passau. Aber darf er als vorübergehend erster Mann im Staat überhaupt derb vom Leder ziehen? Prompt ist sie da, die Würde des Amtes und ihr Dilemma. Der Seehofer ist jetzt eine politisch mutiple Persönlichkeit - und muss schauen, wie er damit umgeht. Am Ende muss Aschermittwoch gar der Ramsauer einspringen?

Interessant wird ja auch, wie die Macher vom Nockherberg damit umgehen. Wobei sich da der Augenmerk doch eher auf Christian U. legen wird, der als SPD-Freeclimber den bayerischen Maßkrug-Olymp besteigen will, in dem oben in der Schaumkrone Horst S. sitzt. Kein Spoiler - nur meine persönliche Singspielvariante. Aber vielleicht sitzt der Landesvater zu diesem Anlass gar nicht im Publikum, denn vielleicht muss er als Staatsmann Termine wahrnehmen.

Tatsächlich: so betrachtet versaut der Rücktritt des Bundespräsidenten unserem Ministerpräsidenten womöglich seinen eigentlich besten Monat im bayerischen Jahr.


Bayerische Grundnahrungsmittel

Als solche gelten ja gemeinhin Bier, Schweinsbraten und Knödel. Dass Bier flüssige Nahrung ist, ist alt. Drum darf man ja auch Bier während der Fastenzeit drinken, während der Schweinsbraten tabu ist. Fleisch nein, pflanzliches ja. Mit Diät hatte ja die Fastenzeit nichts zu tun. Und Bier nährt, macht satt und bringt einen Suri, den die Mönche wahrscheinlich früher mit Offenbarungen verwechselt haben. Der Bayer an sich besinnt sich heute vor allem auf dieses Grundnahrungsmittel, wenn es Zeit für den Biergarten, die Wiesn oder den Starkbieranstich ist. Also die ernste und überlebenswichtige Bedeutung wurde von Saufen und Feiern abgelöst - und ob man Bier daher noch als Grundnahrungsmittel bezeichnen kann, ist fraglich.

Gleiches gilt für den Schweinsbraten. Nachdem kaum jemand noch eine Sau im Vorgarten hält, die dann zu einem Fest geschlachtet wird. Aber glücklicherweise gibt es ja den Öko-Dallmayr (Wortschöpfung) vor den Toren Münchens. Hier dürfen Finn, Paul und Annalena die Resi streicheln und die Cousine von ihr essen. Und ob die SUV-Eltern ihre Kinder über diesen Zusammenhang eigentlich aufklären? Auf jeden Fall ist der Herrmannsdorfer Schweinebraten kein Grundnahrungsmittel sondern ein Luxusgut. Und das ist ja eigentlich richtig so.

Ja, und die Knödel - das ist ein Drama für sich. Der echte altbayerische Semmelknödel ist fast ausgestorben. Ich bin dafür, ihn schleunigst auf die Liste bedrohter Speisen zu setzen. Früher hast bei jedem Bäcker ein Knödelbrot bekommen, heute muss man es vorbestellen (!). Als würde es sich nicht um ein Resteverwertungsprodukt handeln, sondern um ein Luxusgut. Aber Resteverwertung ist ja eh total out. Jedenfalls daheim. Für geröstete Knödel (= doppelte Resteverwertung) im Lokal zahlt man dagegen gerne mal 8 Euro. Wir haben es ja. Wenn man denn in einem Lokal noch Semmelknödel bekommt. In der Regel kommen ja inzwischen greißlich pappige Kartoffelknödel auf den Teller. Nennt es doch einfach gleich Klöse.

So jetzt wird es langsam eng mit den bayerischen Grundnahrungsmitteln. Aber eines haben wir noch. Die Breze. Was würden wir nur ohne die Breze machen? - Kein Nahrungsmittel im Süden ist so universal einsetzbar: Zum Frühstück, als Zwischenmahlzeit und als Abendessen. Und manche essen sie auch statt Kuchen am Nachmittag. Es gab sie schon in jedem Pausenhof (und ich hoffe, dem ist auch heute noch so). Sie passt als Butterbreze am Morgen, zur Weißwurst am Vormittag, als Vorspeise steht sie im Körbel auf jedem Wirtshaustisch - und sie dient als Universalunterlage beim Bier. Drum steht der Breznkorb im Biergarten nicht beim Essen, sondern gleich beim Getränkeausschank.

Die Liebe zur Breze muss in den bayerischen Genen liegen. Wie ist es sonst anders zu erklären, dass sie das erste richtige Essen für ein echtes Münchner Kindl ist. Hilft gegen Hunger - und wenn gar nichts mehr sonst hilft. Und das ist in uns eingespeichert. Breze ist Heimat. Und die meisten haben schon mal den Fehler gemacht, irgendwo auf der Welt ein Brezn-Ersatzprodukt zu kaufen. Was bitter enttäuscht. Denn wenn auch hier inzwischen viel Schindluder getrieben wird mit der Breze, so gibt es sie doch noch, die echte. Unser Grundnahrungsmittel.


Wunder der Natur

Waren Sie eigentlich schon einmal in der Partnachklamm? Es ist eines von diesen Besonderheiten der Natur, für die man gar nicht weit fahren muss. In diesem Fall nur bis Garmisch. Man vergisst ja so leicht, was alles großartiges direkt vor der Haustür auf einen wartet...
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Sommerabend

Ich weiß ja nicht, ob ich es tatsächlich könnte. Tatsächlich habe ich nämlich nie auf dem Land gelebt. Abgesehen von Teilen meiner Kindheit und da war das Land ein großes Abenteuer und die Frage, ob du zum Einkaufen ins Auto steigen musst oder ob du mal ins Kino oder zum Essen gehen willst oder ins Kaffeehaus stellte sich nicht. Heute stelle ich mir schon die Frage, ob das Leben auf dem Land ein glücklicheres ist. Aber wer das jeden Tag hat, ist schon vom Leben verwöhnt...
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