Ein leiser Abschied
Bad day

Von Eltern und anderen Menschen

Die Zeitempfindung von Eltern ist ja eine ganz eigene. So haben die eigenen Eltern fast grundsätzlich einen Sprung im Zeit-Raum-Kontinuum - oder wie sonst ließe es sich erklären, dass sie ihr Leben lang kleine Kinder haben, denen sie zu dieser Jahreszeit am liebsten persönlich das Mützchen aufsetzen würden. Kinder werden erwachsen, machen ihre eigenen Fehler, bekommen graue Haare - und bleiben trotzdem auf ewig tolpatschige kleine Wesen, die gerade laufen lernen - jedenfalls aus Sicht der Vorgeneration.

Auch wenn diese inzwischen nicht mehr so kleinen Wesen selbst ebensolche haben. Und schon wieder offenbart sich ein Sprung im Zeitgefüge - nun zwischen Eltern und Nicht-Eltern. Was man jetzt noch mit einem milden Lächeln registrieren könnte, ist vermutlich der Ursprung des über Jahre hinweg wachsenden Lochs des elterlichen Zeitempfindens.

Und es beginnt banal mit einer Einladung zum Brunch. Am Sonntag um halb elf. Also zu einer Zeit, zu der man sich gemütlich nochmal auf die andere Seite dreht. Vielleicht mal durch die Vorhänge blinzelt. Vielleicht auch langsam die erste Tasse sonntäglichen Milchkaffees schlürft. Um diese Zeit verbreiten Eltern bereits hektische Betriebsamkeit. Wobei der Zeitplan eindeutig Wonneproppen bestimmt ist, das seinen Lunch nämlich um halb zwölf zu sich nimmt.

Liebe Eltern, wir treffen euch gerne nachmittags zum Kaffee trinken statt abends in der Kneipe. Wir gehen mit auf den Spielplatz statt zum Shoppen. Haben erkannt, dass gegen euren Nachwuchs Einstein eine glatte Null war. Diskuttieren mit euch über erste Worte statt neueste Romane. Wir Nicht-Eltern sind flexibel, auch wenn ihr es nicht merkt. Aber um halb elf am Sonntag brunchen? Stopp! Hier tut sich ein Zeitloch auf, vor dem wir euch bewahren müssen...

Nennt es doch einfach frühstücken...

Kommentare

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Jonas

Sehr amüsant, aber schon so weit entfernt, dass es schwer fällt, sich daran zu erinnern.
Ausschlafen bis halb neun (auch am Sonntag) ist ein Luxus, den man sich leider nur noch sehr, sehr selten leisten kann... sorry, ich versuche, darauf wirklich Rücksicht zu nehmen, wenn ich anrufe. Was ja leider viel zu selten ist... oder zum Glück?!

Helga

Ich weiß, dass es manchmal verschiedene WElten sind. Aber mir machen Dinge wie auf den Spielplatz gehen, mit Kindern in den Zoo und in den Zirkus gehen, richtig Spaß - auch wenn es nicht meine eigenen sind. Ich finde leuchtende Kinderaugen nämlich was wundervolles. Und übrigens: es war sehr sehr schön gestern. Im Eisbach waren dutzende von Kindern, die rumgetobt sind, während ihre Eltern mit Freunden gefrühstückt haben - also nicht nur an unserem Tisch. Wir waren danach mit den Kids sogar noch im Museum - und jeder ist zufrieden und glücklich am späten Nachmittag heimgegangen - auch die Eltern, denn für sie war es ein Tag, an dem sie nicht nur Eltern waren...

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