Will wieder Kind sein...
Live: Der Berg ruft

Kinderfeindliche Generation

Keine Kinder mehr. Jedenfalls viel zu wenige. Und der Staat soll's richten. Wie er alles richten soll, weil wir nicht in der Lage sind, eine, selbst diese Entscheidung selbst zu treffen. Dabei geht's doch im Kern weder um Kinderbetreuung noch um finanzielle Unterstützung. Beides ist schön. Doch weder das eine noch das andere beeinflusst die Entscheidung für oder gegen ein Kind im wesentlichen. Oder ist unsere Gesellschaft tatsächlich schon so verkommen, dass sich Paare nur noch kaufen lassen würden, um Kinder zu bekommen?

Werden überhaupt so wenig Kinder geboren, weil sich so viele Menschen bewusst dagegen entscheiden (im Volksmund: Drecksegoisten!) - Menschen, die, so die weitläufige Meinung, lieber schicke Zweisitzer fahren als eine gebrauchte Familienkutsche, lieber im Penthaus statt am Stadtrand wohnen, zum Boarden nach Kitz, zum Tauchen auf die Malediven und zum Shoppen nach New York fliegen - und letztlich, weil das ganze muss ja finanziert werden, vierzehn Stunden am Tag arbeiten. Klar gibt's die. Und wenn sie es ein paar Jahre gemacht haben, ist es ebenso schick für sie, Designer-Nachwuchs heranzuzuüchten. Ist nämlich ebenso ein Statussymbol.

Nur eines, das man sich nicht eben beim Online-Shoppen kaufen kann mit freier Wahl in Form und Farbe. Nein, hier heißt es beim Bestellvorgang nicht selten: Ausverkauft. Und das trifft nicht nur die Yuppie-Pärchen mit Nachwuchssehnsucht, sondern immer mehr Menschen. Unsere Entscheidungsfreiheit hat für uns entschieden. Jahrzehntelang wird verhütet was das Zeug hält bis, ja bis die Natur den Jetzt-würde-ein-Kind-endlich-ins-Konzept-passen-Enddreißigern dann eine lange Nase dreht.

Alle Lebenszyklen werden künstlich verlängert. Und dabei wird übersehen, dass unser Körper immer noch ein Verfallsdatum hat. Viele Menschen entscheiden sich nicht bewusst gegen Kinder, nur zu spät dafür.

Kommentare

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Dr.Sno*

Meiner Meinung nach geht es in der Hauptsache nicht darum, dass potentieller Nachwuchs der eigenen Selbstverwirklichung im Weg steht, sondern dass sich die Menschen nicht mehr auf einen bestimmten Partner einlassen wollen/ oder können. Quasi als Grundvorraussetzung für eine Familiengründung.

Es mangelt an Abhängigkeiten, die einen äußeren Zwang darstellen und als Gemeinschaft einen Konsens erforderlich machen.

Denen gegenüber stehen die gewonnenen Freiheiten, die einen von solch unliebsamen Verpflichtungen erlösen und zu entsprechend hohen Ansprüchen führen. Die erst nach später Erkenntnis (z.B. dass das doofe Gras auf der andere Seite des Zaun eben auch nicht besser schmeckt!) auf ein erträgliches Maß herunter geschraubt werden.

Meist eben dann zu spät.

Margot

Es stimmt, schon, was Dr. Sno sagt: Es gibt Menschen, die sich nicht mehr endgültig binden, also für womöglich alle Zeiten festlegen wollen - aber sind das wirklich so viele?

Ich kenne eher Menschen, die verzweifelt auf der Suche sind nach dem einen, mit dem sie sich endlich festlegen können. Je älter ich werde, desto sicherer bin ich mir, dass all das Gerede von "Single sein ist so geil - Sex in Mengen, lauter toll aussehende Menschen, die nur darauf warten, mit dir eine unverbindliche Affäre einzugehen - niemand, dem du Rechenschaft schudig bist" - dass also all das nur Selbstschutz ist.

Andererseits ist es doch grundsätzlich erst einmal eine feine Sache, dass der "äußere Zwang" und die "Abhängigkeiten" endlich entfallen sind. Unsere Generation hat endlich die Wahl - leider denken manche Menschen deshalb so lange nach, was sie eigentlich innerhalb dieser "Alles ist möglich"-Welt wirklich vom Leben wollen, dass sie darüber alt und grau (und kinderlos) werden.


Andreas (dekaf)

wollte gerade was längeres dazu schreiben und während ich den kommentarknopf drücke und im kopf ein paar sätze formuliere, stoße ich auf margots beitrag - den unterschreibe ich so.

mit dem zusatz, dass single sein in münchen auch sehr nervig sein kann, speziell im licht der presse und den damit verbundenen vorwürfen an uns unsoziale menschen.

Xexes

Vorallem die Männer lassen sich Zeit. Sie haben ja auch mehr davon. Frauen haben es auch heutzutage schwer. Früher mussten sie einen Mann ertragen, weil sie keine Alternative hatten und heute dürfen sie sich anhören, wie egoistisch sie sind. Sicher man(n) ist heutzutage verunsichert, hat Angst falsche Entscheidungen zu treffen.

Ich selbst kann auf Grund einer chronischen Krankheit keine Kinder haben. Bin aber verheiratet. Ich musste mir schon des öfteren dumme Bemerkungen anhören. Manche Menschen sind einfach fies und wenn sie jetzt auch noch von den Medien Rückendeckung bekommen, macht es das nicht eben besser für Kinderlose. Schändlich, wie zur Zeit alles läuft in unserer Gesellschaft. Jeder wird gegen irgendjemanden aufgehetzt.

Helga

Gerade bei Spiegel-online gelesen: Kinderlosen soll die Rente gekürzt werden. Xexes, das meinten Sie mit Hetzte oder?

Xerxes

Ich meinte es allgemein. Jeder gegen jeden.

Spiegel-online lese ich nicht. Die schreiben, ohne nachzudenken. Wäre lächerlich, wenn es nicht so erbärmlich wäre.

Sowas würde sich rechtlich auch gar nicht durchsetzen lassen. Was wäre z.B. mit denen, deren Kinder sterben, bevor sie Rentenbeiträge zahlen können? Oder denen, deren Kinder gar nicht erst arbeiten, sondern gleich Sozialhilfe bekommen, behindert sind?

Chris

Ergänzend zu dem oben genannten, hat dies vielleicht auch damit zu tun, dass viele Menschen heutzutage gerne alles unter Kontrolle haben, ironisch könnte man sagen, wir werden immer mehr eine Gesellschaft der Zwangskranken. Ein Kind groß zu ziehen, bedeutet, eine Beziehung einzugehen mit ungewissem Ausgang, außerdem macht es viele unschöne Sachen, die so gar nicht in das klinisch rein geputzte penthouse passen. Kinder sind unbequem und führen dazu (bzw. sollten dazu führen), dass man etwas aus dem Mittelpunkt seines Lebens heraustritt und sich kompromisslos einem anderen Menschenkind zuwendet. Also Verantwortung übernehmen und das können ja die meisten noch nicht einmal für sich. Ein Kind als ein Wunder zu betrachten, ein Wunder, dessen Zeuge man werden darf und vielleicht auch als Geschenk anzusehen, können die wenigsten, denke ich. Dafür müsste man das pure Leben lieben können, doch wer kann das schon ohne Krücken?

Margot

Wir hatten gerade in der Kantine unter den Kollegen eine lange Diskussion über den heutigen Vorschlag, Kinderlosen solle die Rente um 50 Prozent gekürzt werden. Argument einer (kinderlosen) Kollegin: "Wenn ih das tut, will ich aber andererseits auch mitbestimmen, welche Leute überhaupt noch Kinder bekommen dürfen!" Das war lustig gemeint, hat aber im Kern etwas sehr Wahres.

Ich finde ja, dass hinter diesem Vorschlag mit der gekürzten Rente ein komplett amoralisches Menschenbild steht: nämlich dass einige Menschen schon allein deshalb mehr Wert sind, nur weil sie der Gesellschaft Kinder und dem Staat Steuerzahler schenken (Vorschlag: Wie wär's denn demnächst mal wieder mit 'nem Mutterkreuz für besonders Gebährwillige?)

Und: Was ist mit den Paaren, die gerne Kinder hätten, aber keine kriegen? Die sind doch schon gestraft genug, weil ihre ganze Lebensplanung den Bach runtergeht - und sollen jetzt auch noch dafür zahlen? Wie unmenschlich ist denn das bitte?

Eine ganz und gar ekelhafte, rassistische und latent nationalistische Diskussion ist das, was Frank Schirrmacher hier angezettelt hat - und fleißig weiter anzettelt. Sterben "die Deutschen" halt aus - so what? Kriegen "die Deutschen" halt weniger Kinder - so what? Diese Diskussion gibt es doch nur, weil sich an der Einwanderungspolitik nichts, aber auch gar nichts ändert. Warum werden so viele Kinder, die hier leben, nicht integriert, nicht gescheit unterrichtet, bekommen keine Chance auf eine gute Ausbildung - nur weil ihre Eltern zufällig nicht "deutsch" sind (und damit Herrn Schirrmachers Wohlwollen finden), sondern "türkisch"?


Helga

Margot, ich gebe dir recht: Diese Diskussion ist tatsächlich entwürdigend und latent nationalistisch (und davor sollten wir doch eigentlich gewarnt sein). Staatlich finanziell gesehen zahlen Kinderlose doch eh die höchsten Beiträge in alle Systeme. Und will man tatsächlich diejenigen strafen, die unfreiwillig kinderlos geblieben sind - oder gibt's da in Zukunft eine Nachweispflicht? Im Zweifel gegen den Angeklagten...

Margot

ein toller Text, heute in der ZEIT, gerade gelesen:

DIE ZEIT/LEBEN
Der Preis des Glücks

Junge Frauen bekommen überall zu hören: Kriegt Kinder, und zwar schnell! Über die Folgen werden sie getäuscht. Ein paar unbequeme Wahrheiten.

Von Iris Radisch: http://www.zeit.de/2006/12/Titel_2fMtter_12

DIE ZEIT 16.03.2006 Nr.12, 12/2006

Botsch

Bindungsunfähigkeit, zu hohe Ansprüche, Risiken.

Unter dem Strich bleibt es das selbe: *Selbstverwirklichung* als höchstes Gut in unserer heutigen Gesellschaft führt zu immer weniger Verantwortungsbewußtsein, (potentiellen) Partnern und Kindern gegenüber, letztendlich auch der gesammten Gesellschaft gegenüber. Da kann der Staat mit solch absurden Vorschlägen wie der halben Rente für Kinderlose auch nichts dran ändern.

Dr.Sno*

@Margot: Folgerichtig müsste man dann Eltern deren Kinder keine Lehrstelle oder im Anschluss daran keinen Arbeitsplatz finden, gegebenenfalls nachträglich die Rente auf 50% streichen oder zudem noch eine Art Bußgeld auferlegen...

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