Heimatgeschichten
1. November

Geschichten aus der Provinz

Es war einer dieser späten Septembertage, an denen das Licht wie ein Weichzeichner über der Realität liegt. An diesem Tag vor wenigen Tagen war ich mal wieder da. Saß in der Altstadt und wartete auf meine Freundin M. Da in diesem Eiscafé, in dem es das beste Vanilleeis nördlich der Alpen gibt. Ich saß da, trank zur Einstimmung und um die Wartezeit zu überbrücken einen Espresso (ich rechnete zu Recht mit einer kurzen Wartezeit) und beobachtete die einkaufenden Menschen.

Die Provinz hat in mancherlei Hinsicht ihrer eigenen Gesetze. So zum Beispiel beim Einkaufen. So fahren die Menschen aus den Umlandgemeinden selbstverständlich in die Metropole, Provinzhauptstadt genannt, während die dort wohnenden, um ihren Status zu bestätigen, die nächsthöhere Einkaufsstadt anfahren. Die Menschen aus meiner alten Heimat fahren auf Minga. Und natürlich gibt es da feine Unterschiede. Wer was auf sich hält, kommt mindestens mit einer Lodenfreytüte zurück. Die anderen waren in der Fußgängerzone oder im OEZ. Um letztere zum Einkaufen in der kleinen Stadt zu halten, gibt es natürlich hier inzwischen ebenfalls ein Shopping-Center mit all den Läden, in denen die Dinge noch billiger aussehen als sie sind. Ich habe es noch nie betreten. Dennoch ist mein Verhalten antizyklisch zu der Masse. Ich fahre nämlich zum einkaufen in meine alte Heimat.

Und so saß ich mit meinem Caffé und dachte darüber nach, wie ich noch Geld im imaginären Förderverein zur Erhaltung der kleinen Stadt lassen könnte (muss ich erwähnen, dass ausschließlich Frauen dort aufgenommen sind?) In dem Schuhgeschäft vorne in der Theaterstraße hatte ich ein paar Stiefel gesehen. Sollte ich sie kaufen, um auf den Satz „solche habe ich in ganz München gesucht“ mal wieder mit leisem Lächeln zu antworten: „Die habe ich in der Provinz gekauft.“? Auf jeden Fall musste ich noch meine obligatorische Runde drehen. An der kleinen Chocolaterie vorbei, ein Abstecher in den Teeladen, auf jeden Fall in das Kerzengeschäft, ist eh gleich daneben. Ein bisschen Stöbern in der kleinen Buchhandlung, die zu keiner Kette gehört. Und muss irgendein Nachwuchs beschenkt werden, ist der Laden mit ökologisch wertvollen Kinderspielzeug auch nicht weit. Noch schnell zum Weinhändler, der seine Winzer grundsätzlich persönlich kennt. Und am Schluss natürlich in die erste Metzgerei am Platz, die für die kleine Stadt zwar ganz schön teuer ist, aber für Münchner Verhältnisse...

Ich trank den letzten Schluck Espresso und blickte die Altstadt rauf und runter. Auf die Kirche, die man schon bald nach der Autobahnabfahrt sieht. Auf der anderen Seite das Rathaus, in dem jetzt nach Jahrzehnten der Alleinherrschaft nicht mehr der Sepp sitzt, der sich immer Dick nennen ließ, weil's wohl schicker und weltmännischer klingt. Aber jetzt ist der Rathauschef ein hemdsärmeliger Macher, der auch der Chef der großen Fastfoodkette gegenüber ist. Immerhin ein Geschäftsmann, in Zeiten des maroden Stadtsäckels wahrscheinlich besser als ein weltfremder Gymnasiallehrer, der stattdessen zur Wahl stand.

Wen die wohl gewählt haben, die beiden zwei Tische weiter, die nicht schon wieder sondern immer noch ihren ausladenden Hintern in Leggins zwängen und natürlich den Familienbecher Eis einzeln vor sich stehen haben. „Menschen laufen hier rum, das gibt’s nicht“, kommentierte M. in diesem Moment meinen Blick und ließ sich genervt in den Stuhl neben mir fallen: „Die sind von Ausserhalb.“ Ja, die Bestätigung der Unterschiede ist in der kleinen Stadt essentiell. Darum ist es auch mein nicht-hier-wohnen-Status, weshalb wir hier sitzen. Weltbestes Vanilleeis hin oder her, wer in der kleinen Stadt meint, etwas zu gelten, sitzt woanders.

Die die quasi aus Tradition wichtig sind. Weil's schon ihre Eltern waren. Wichtig hat in jeder kleinen Stadt einen Namen. In dieser ist er Förderer. Das sind die, die alle vier Jahre ein großes historisches Schauspiel aufführen. Was für die ganz kleinen bedeutet, ein bisschen Prinzessin zu spielen. Ab der Pubertät wollen sie dann alle nur spielen. Bis sich im Laufe des Älterwerdens die Hemmungslosigkeit allein auf's Saufen beschränkt.

Von allein in die Hautevolee hinein zuwachsen ist in der kleinen Stadt schwierig. Obwohl es durchaus Menschen gibt, die mit Ende 30 dann die Fronten wechseln – der rebellischen Jugendkulturszene entwachsen. Andere finden ihre Lebensnische in der Kunst- und Kulturszene, die hinter den gotischen Fassaden überraschend aktiv ist. Nein, und es sind auch nicht alle dabei Berufsjugendliche, die noch mit 40 von ihrem Durchbruch als Rockmusiker träumen und die bis zum Bund der Lederhose reichenden Locken zurückwerfen.

Letztlich würde wahrscheinlich auch ich meine Nische hier finden. Wahrscheinlich würde ich manche Dinge nicht mehr registrieren. Wer weiss, ob manche Liebenswürdigkeit nicht ihren Reiz verlieren würde. So wie der Wirt meiner früheren Stammkneipe, in die ich seit bald 15 Jahren nur noch alle paar Monate hineingehe, mich nach wie vor mit Namen begrüßt und mir einen Rotwein empfiehlt. Eine Tatsache, die mich heute zum lächeln bringt. Die mich heimkommen lässt – für einen Abend. Und ich blickte auf und sagte: „Komm lass uns heute abend noch auf ein Glas Wein gehen.“

Sie lasen einen Beitrag zum Thema "Himmel Landshut, tausend Landshut" oder auch von Don Alphonso eingeforderte Provinzgeschichten.

Kommentare

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Margot

Das scheint sich zu decken mit dem Florien-Illies-Gefühl ("Ortsgespräch"). Ich hab's nicht gelesen, aber angeblich ist es wirklich sehr gut: warmherzig und freundlich der Provinz gegenüber. Andererseits: So schreiben wie du jetzt oder Herr I. können und wollen ja wohl auch nur Menschen, die in der Provinz nicht mehr leben müssen, sondern ab und zu zu ihr zurückkehren dürfen. Das legt dann gleich auf alle Bilder so einen wehmütigen Schimmer... Aber stell dir bloß vor, die kleine Stadt wäre TÄGLICH deine kleine Stadt. Und du kämst alle drei Wochen mal nach München mit deinen drei Kindern, um sie im PEP mal endlich richtig schick und neu einzukleiden ...

Helga

Nein, öfter als ein bis zwei mal im Jahr fährt von denen keiner auf Minga...

Linner

Genau. Wozu auch? :)

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