Korrektur
Frau B. geht aus

Früher hat man es Pranger genannt

Das Recht am eigenen Bild ist ja inzwischen hinfällig. Und keinen scheint es zu stören. Eitelkeit geht bei den meisten Menschen anscheinend eindeutig über den Verstand. Statt die letzten Reste von Privatheit zu wahren und sich gegen die ungebetene Darstellung in der Öffentlichkeit zu wehren, lächelt jeder brav in jede Kamera, die sich ihm so bietet. Ohne zu ahnen, wo sein Bild demnächst auftaucht. Und ich rede beileibe nicht nur von Blogs und Flickr. Die ja die bösen sind. Und keine Ahnung haben. Die Untergrabung von Persönlichkeitsrechten findet auf vielen Ebenen statt. Und gerne auch bei Zeitungen, die die Menschen ins Internet ziehen wollen und das dann mittels Fotos machen.

So wie die Zeitung meiner alten Heimat. Da gehen die im Netz auffindbaren Bildergalerien bis 2002 zurück. Impressionen aller möglichen Veranstaltungen. Und da man die Bilder auch verkaufen möchte, sind es in der Regel Portraitaufnahmen.

So können solche Bilder ja durchaus aufschlussreich sein. Es wird einem beispielsweise schlagartig klar, weshalb jemand einen bestimmten Job bekommen hat ohne dafür qualifiziert zu sein. An dieser Stelle auch der Tipp an Freundin X, die sich regelmäßig fragt, weshalb die Aufträge immer an Y gehen: Schau dir doch mal die Homepage des Golfclubs/Tennisvereins etc des Auftraggebers an. Meistens finden sich da schöne Fotos der letzten Sommerfeste. Für alle zugänglich.

Jetzt kann ich ja da noch vielleicht sagen: He, lass doch bitte mein Foto raus. Aber dann gelte ich als verschroben. Als jemand der was zu verbergen hätte. Und da wäre doch nichts dabei und wahrscheinlich denke ich mir selbst nicht mal was. Aber keine Homepage ist privat. Und in der Regel wird kein eigener Mitgliederbereich eingerichtet. Passwortgeschützt. Und dabei wäre es so einfach.

Zurück zu den Zeitungen: Was ist mit den Bildergalerien, die im Netz veröffentlicht werden? Muss ich bei jeder Veranstaltung inzwischen damit rechnen, meine Fresse hochauflöslich und für jeden identifizierbar im Netz zu finden? Gut, Pressefotografen sprangen auch früher da rum. Aber dann gab es ein Schaufoto und ein zwei Großkopferte, die ja eh auf Veranstaltungen nur gehen, damit jeder danach weiss, dass sie da waren, im Portrait. Und alles landete am übernächsten Tag im Altpapier. Heute finde ich das noch nach Jahren. Ist das jetzt presserechtlich in Ordnung? Meiner Ansicht nach: Nein.

Aber vielleicht sieht die Presse das ja auch anders. So hat sich der Bayerische Journalistenverband beschwert, dass letzte Woche bei der Siemens-Hauptversammlung ein Fotoverbot erlassen wurde - zum Schutz der Aktionäre. Und auch da gilt: Wen geht das was an? Muss mein Chef wissen, dass ich Aktionär bin? Meine Nachbarn? Nein, das ist privat!

Und ob Hauptversammlungen, Sommerfeste, sonstige Veranstaltungen. Jeder hat das Recht auf Privatheit - auch und gerade im Netz.

Kommentare

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Der Mitch

Hallo Du,

ich bin einer dieser Fotojournalisten die u.a. über die Stadtfeste hetzen und Fotos schießen. Ich kann dich vollkommen verstehen! Ich pass auch immer auf, dass ich im Privaten meinen "Kollegen" nicht über den Weg laufe.
Man ist aber auch als Fotograf in der Zwickmühle. Oder sage ich mal besser: ICH bin in der Zwickmühle. Ich will / muss über ein Ereignis authentisch und spannend berichten. Und das kann ich nur mit Fotos! Andererseits möchte ich niemanden Schwierigkeiten bereiten o.ä.. Also: Pressefotos müssen meiner Meinung nach sein!
Ich persönlich versuche auch einigermaßen für den Fotografierten anständige Arbeit zu leisten. Also eher allgemeine Fotos zu schießen.
Wo ich Dir absolut zustimmen muss ist in dem Punkt der Onlinegalerien der Zeitungen. Besonders lokale Blätter hauen die gern auf ihre Seite. Schrecklich! Eine Zeitung für die ich mal gearbeitet habe ging sogar bis ins Jahr 2000!! zurück. Diese Zeitung verwendete vor kurzem auch zufällig ein Bild von mir (ein wo ich drauf bin - nicht eins was ich gemacht habe) wo ich etwa 14!! Jahre alt drauf bin. Das Bild war bei der Veröffentlichung also 13 Jahre alt. Das hat dann nichts mehr mit journalistischer Arbeit zu tun.

Übrigens: Du bist leider eine Ausnahme. Ich mache die Erfahrung, dass die meisten Leute "Kamerageil" sind. Kaum packe ich meine Kamera aus setzen sich die meisten Leute unbewusst in Szene. Aber diese Beobachtung spiegelt sich ja auch im Netz wieder...hier wird gezeigt und in Show gestellt.

Liebe Grüße

Der Mitch der bis jetzt nur leise gelesen hat :-)

Helga

Mitch, ich verstehe das Dilemma - und kenne es auch aus persönlicher Erfahrung. Schöne atmosphärische Fotos, die einen Tag lang in der Zeitung sind und dann weg ist eben das eine - und die jahrelangen Online-Galerien das andere. Auch ein Problem: Ich habe von meinen Streifzügen durch die Stadt manchmal sehr schöne "Menschen-Aufnahmen". Und dann stehe ich da und denke mir, eigentlich darf ich die dann doch nicht hier veröffentlichen. Ich hab sie ja nicht gefragt.

Der Mitch

Ja ja...wie gesagt...mit den Onlinegalerien stimme ich dir zu! Ich befürchte aber wir müssen uns dran gewöhnen. Wer weiß ob es in XX - Jahren noch die klassischen Printmedien gibt??!! Generell müssen wir uns wohl langsam von unserer Privatsphäre verabschieden...jedenfalls von einigen Teilen davon. Ich möchte nicht wissen, was in 15 Jahren auf meiner Krankenkassenkarte alles gespeichert ist... .

Dr.Sno*

Soweit ich weiss ist das Veröffentlichen von Aufnahmen von Personen auf Versammlungen erlaubt.

Das die Veröffentlichung des eigenen Bildes ohne vorherige Erlaubnis IMMER (und zwar immer immer immer) einen Eingriff in die eigene Privatsphäre darstellt ist ja auch klar.

Nun kommt erschwerend hinzu, dass Pixelstarke FOTOS durch ihre Auflösung Darstellungen preisgeben können, die per Ausschnitt aus einem Foto in der Masse eine Portraitdarstellung machen. Ob da die Gesetzgebung der technischen Möglichkeiten nicht etwas hinterher hinkt?

Dennoch würde ich persönlich lieber in einem Land mit lockererem Umgang der Rechte am eigenen Bild leben - schliesslich wäre ich in einem Land in dem das etwas strikter gesehen wird als hier, nur wegen des Anschaltens meiner Kamera beinahe mal ins Gefängnis gewandert.

Toxina

Danke, Helga, dass du dieses Thema mal ansprichst!
Ich selber beschäftige mich auch schon länger mit dieser Sache und es ist erschreckend, dass sich die meisten Leute dieser Problematik nicht im geringsten bewusst sind.

Man kann sich halt einfach nur noch davor schützen indem man sich konsequent nicht fotografieren lässt und sobald eine Kamera in Sicht ist, sich umdreht, um auch nicht im Hintergrund zu sehen zu sein.

Es geht niemanden was an, auf welcher Veranstaltung man sich da und da rumgetrieben hat.

Mir gefällt diese "Neue Welt" überhaupt nicht.
Heutzutage ist es normal, Leuten per google hinterherzuspionieren. Oder auch in den ganzen "Social Networks" (an denen jemand ganz arg Geld verdient. Früher waren private Daten/Angaben kaum zu bekommen, jetzt werfen die Leute sie den Marktforschern in den Rachen. Der Traum für diese Marketer!).

Oh je, oh je, wo kommen wir da nur hin.

Meine Strategie dagegen
- im Internet nur den falschen Namen/ein Pseudonym benützen
- in keinem Netzwerk sein
- wenn in Xing, dann Kontakte nicht freischalten
- alle Bilder, die man von sich entdeckt, löschen lassen
- sich in Blogs nicht erkenntlich machen
- private Fotos bleiben auf dem eigenen Rechner und gehen nicht online.


Scottie, beam mich in eine Zeit zurück, in der es das alles noch nicht gab.

Dr.Sno*

Wäre es nicht konsequent das Internet dann nur passiv zu nutzen anstatt falsche Identitäten zu verwenden?

Und gegen das Vermummungsverbot müsste man sich im Grunde auch aussprechen...

Jonas

Ich denke, dass der staendige Drang zum Schutz der Privatsphaere eher schaedigend fuer die Gesellschaft ist. Warum kann man nicht offen miteinander umgehen, ueber Alles sprechen, einfach nichts zu verbergen haben.
Das ist eine seltsame Charaktereigenschaft des Menschen, die nur auf Gier, Neid und Misstrauen begruendet ist. Eigentlich sollte es einem egal sein, wenn man nichts zu verbergen hat.

Ich denke oft, wenn ich morgens zum Bus richtig Arbeit gehe und ein Auto aus einer Einfahrt fahren sehe, dass die- oder derjenige bestimmt den gleichen Weg in die Stadt faehrt wie der Bus. Warum frage ich nicht einfach, ob ich mitfahren kann.

In Australien waere das eher denkbar als in Deutschland, dennoch habe ich es noch nicht gewagt. Kommt noch...

Was meine Bilder angeht, ist es mir ziemlich egal, wer was damit macht.

Tom

Veröffentlichen darf man zu dokumentarischen Zwecken fast alles was im öffentlichen Raum statt findet, außer es setzt den Aufgenommenen in ein schlechtes Licht oder ist herabwürdigend oder ähnliches.
Für werbliche Nutzung ist immer eine Einverständnisserklärung notwendig.

Aber klar, dass kann immer Probleme geben. Die Aufnahmen von der Ibizza-Bravo-Strandparty werden wohl auch veröffentlicht, wenn als "Beiwerk" im Hintergrund ein Päarchen händchenhaltend zu sehen ist.
Wenn die Ehefrau dieses Mannes aber die Sekretärin des selbigen an dessen Hand entdeckt wird die Sache kompliziert.

@Jonas:
Puh, hoffen wir mal dass Deine Einstellung nicht irgendwann gründlich schief geht. Das Argument "wer nichts zu verbergen hat" darf auch nichts dagegen haben fotografiert, genetisch erfasst, biometrisch vermessen und per Fotovergleich/Handyverfolgung/eingebautem Chip auf Schritt und Tritt verfolgt werden, ist total daneben.
Weißt Du ob Du in Zukunft nicht Sachen verbergen willst die Du heute öffentlich machst?
Willst Du in 10 Jahren Werbung einer Haarwuchsmittelfirma haben, da ja in deiner DNA das Glatzkopfgen ist.
Oder vielleicht regieren hier in 20 Jahren die Taliban und lassen alle Ex-Blogger hinrichten.
Vielleicht passt aber auch Dein Profil auf irgendein automatisch generiertes Raster und Du bist mit 27% Wahrscheinlichkeit Terrorist - Urlaub auf Guantanamo zum Greifen nah.

Nur weil Du nicht paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter Dir her wären!!!

Jonas

Fuer mich klingt das paranoid, sorry.

Helga

Das Argument, ich habe nichts zu verbergen, habe ich schon öfter gehört, aber, sorry Jonas, das finde ich kurzsichtig. Der Überwachung darf damit nicht Tür und Tor geöffnet werden. Aber um die ging es mir hier eigentlich gar nicht - auch wenn es ein wichtiges Thema ist, über das man sich meiner Ansicht nach nicht genug Gedanken macht.

Ja, natürlich darf auch Veranstaltungen und im öffentlichen Raum fotographiert werden - und diese Bilder auch veröffentlicht werden. Das Kunsturheberrecht ist da sehr genau. Und wird aber auch oft genug überschritten. Mein Professor damals hat das sehr eng interpretiert - was ich Differenz zu meiner täglichen Boulevard-Arbeit stand;-)

Ich finde dennoch, dass durch die Online-Medien das ganze noch einen weiteren Aspekt bekommt. Und: ich will, dass sich die Menschen dessen mehr bewusst sind/werden. Man sollte sich einfach mal ein paar Gedanken zum Thema Privatheit machen.

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