500 Seiten Daisy auf dem Sofa
Ich und Kehlmann

Ruinen - Auferstehung und der Coffee Shop

Über nichts wird in München so sehr gejammert wie die diversen Niedergänge eines Viertels. Da wird dann der Einbau einer Zentralheizung gleich mal zur Luxussanierung, die die Alteingesessenen vertreibt. Lustig wird es allerdings, wenn die, die die Alteingesessenen vertrieben haben, dann zum Jammern anfangen, weil sie ihrerseits vertrieben werden.

Meine Lieblingskolumnistin hat wieder einmal zugeschlagen - in einem Requiem für ein Viertel. Woran ich mich diesmal eigentlich still und leiser erfreut hätte - besondern an den Kommentaren. Doch dann und so wird die Geschichte zur Geschichte wurden von der Süddeutschen Zeitung die Kommentare abgeschaltet. Wie nennt man das nochmal? Ja, hat etwas mit Zensur zu tun.

Zurück zum Untergang eines Viertels. Die einen sehen den Untergang nahen, wenn in einem Viertel plötzlich Coffee Shops entstehen. Andere sehen den Untergang, wenn diese Coffee Shops wieder schließen. So nämlich Frau Wild, die sich darüber entsetzt, dass statt jenes Becher-Kaffee-Ladens am Gärtnerplatz nun eine Boutique entstehen soll. Sicher eine Mutter-Kind-Boutique... Weil, die die Endzwanziger, die sich vor zehn Jahren im Viertel breit gemacht haben ja inzwischen alle Bio-Nachwuchs gezeugt haben.

Finn und Paul und Annalena haben nun mal andere Bedürfnisse. Zum Beispiel Schlaf in der Nacht. Und deshalb wird auch der ein oder andere Club mitten im Wohngebiet auch wieder schließen, auch weil die Mamis und Papis von Finn und Paul und Annalena sich zum einen die Hörner schon abgestoßen haben und zum anderen inzwischen Mieten von 14 Euro den Quadratmeter zahlen oder sich Wohnungen gekauft haben mit Quadratmeterpreisen von 7000 Euro und es nicht schätzen, wenn ihnen besoffene Partygänger jede Nacht den Eingang vollkotzen. Das ist für sie das Problem und nicht die Mieten und Quadratmeterpreise, die können sie zahlen, denn schließlich wollten sie zwar immer nach Berlin, sind aber in München geblieben und haben Karriere gemacht.

Viertel verändern sich - Menschen verändern sich und finden es auch irgendwann nicht mehr schlimm von Kindern, die etwa halb so alt sind wie sie selbst gesiezt zu werden. Die Isarvorstadt hat sich schon vor langer Zeit verändert. Dabei deutet sich ein anderer Niedergang an, über den wir uns wirklich sorgen müssen. Fast unbemerkt hat zum Ende des Jahres in Schwabing ein Traditionslokal dicht gemacht: Der Weinbauer.

Ein Wirtshaus, dessen Szenezeiten schon lange vorbei waren: Ihn gab es schon zur Zeit der Schwabinger Bohème, später sollen hier Langhans, Baader und Fritz Teufel ihr Bier getrunken haben. In den letzten Jahren war es ein Refugium für die, die eine ehrliche bayerische Wirtschaft schätzten, Gerhard Polt zum Beispiel. Jetzt soll sich Wirt Hubertus Timmel, ein Spezl von Michi Beck, ebenfalls (ausgerechnet) nach Manila abgesetzt haben. Der Grund - unklar. Bleibt nur zu hoffen, dass der Weinbauer bald einen neuen Pächter bekommt - und der alles so lässt, wie es ist. Sonst nämlich ist tatsächlich ein Requiem angebracht.

Kommentare

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Markus

Oh, ein heißes Thema, auch hier in Hamburg. Gentrifizidingsbums ist in aller Munde und läßt die aufschreien, die entweder es nicht geschafft haben, in einem Viertel unterzukommen, oder noch besser: die Nachfolgegeneration. In Berlin soll es seit Jahren besetzte Häuser geben, in denen die Altbesetzer von jungen verdrängt werden und die alten sich natürlich mokieren. Sehr lustig.

Ärgerlich finde ich es, wenn ganze Viertel leblos saniert werden, aber ansonsten ist Leben Veränderung.

Christian

Na die gute Frau von der SZ scheint selbst zu den Schicki-Mickies zu gehören, die schon die letzten 8 Jahre das Viertel zerstören. Ich wohnte schon vor Café King und Öko-Vegan-Latte und den sich immer mehr ausbreitenden Kinderstühlen und Tischen für Erwachsene im Viertel. Das was in der SZ gerade beweint wird, hat das alte Viertel zerstört. Ich bin unter anderem wegen dem Lärm aus dem ach so coolen Excess und dem Pisse-Gestank, der Gäste, die in den Hof gepinkelt haben weggezogen. Und noch heute nerven mich die pseudointellektuellen Tussis im Schmatz mit ihren nicht erzogenen total verzogenen Bioschrazen!

Irgendwann kommt auch das Glockenbach- und das Gärtnerplatzviertel wieder herunter, denn die ganzen trendy People, die da jetzt hin ziehen, werden in 40 Jahren alt sein...

cohu

"Umland-Prolls und Pickelgesichter"? "Lärmende Prolls"? Und die ganzen "Prolls" sind dann irgendwie auch noch dran schuld, dass die Mieten steigen? Weiß die eigentlich, was das Wort bedeutet? Und sie, lass mich raten, ist dann vermutlich eine "charismatischen Szenegängerin"...

Der Artikel ist doch eine einzige Trollerei. Da darf man natürlich keine Kommentare zulassen - man würde sonst einen ähnlichen Ton von den Lesern zurückbekommen, denn, wie heißt es so schön, wie man in den Wald hineinruft...

kaltmamsell

Auch ich habe mich sehr gewundert, dass ausgerechnet das Aus für Seven Fish (durchaus sehr gut, aber atemberaubend überpreist) als einer der vier Reiter der Apokalypse gewertet wurde, oder der Auszug des klassischen Kinderwagentreffs SFCC.
Mich erschrecken viel eher Meldungen, dass sich ausgerechnet hier schwulenfeindliche Gewalttaten häufen - die Autorin scheint dann doch auf einem ganz anderen Planeten zu leben als ich.

Stadtneurotiker

Ich war seit dem Umbau des Weinabuern vor etwa 15 Jahren nicht mehr drin. Mir ist er kürzlich wieder in den Sinn gekommen, als er in einem alten Münchner Tatort in einer Nebenrolle zu sehen war..

Christian

Na ja, Schwule kann man am besten da hauen, wo sie sind... Aber die sind auch bald weg.

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