Naturwunder
Jacke wie Hose

Sag mir wo du wohnst

Ein Vorwurf an Google Streetview ist ja, dass (potentielle) Chefs, Arbeitskollegen, potentielle neue Vermieter und alle anderen Neugierigen mit Leichtigkeit das soziale Umfeld eines Menschen begutachten könnten. Ja. Dagegen kann man jetzt nichts sagen, außer dass es genug neugierige Menschen gibt, die das machen. Aber ganz ehrlich: das soziale Umfeld, das sich durch die Adresse ergibt, sagt doch dem Gegenüber heute schon einiges.

Manchmal reicht es die Stadt zu nennen, in der man lebt. Sagen Sie jemanden, dass Sie aus München kommen und Ihnen wird Respekt, Verachtung oder Neid entgegen schlagen. Es ist eine Stadt, die häufig eine Emotion auslöst - und Sie häufig in eine Schublade steckt. Bei Duisburg, Paderborn oder Weiden gehen andere Schubladen auf. Dem Ortsfremden kann man als Münchner in Zukunft nur nicht mehr vormachen, in Nymphenburg zu leben, wenn es de facto das Hasenbergl ist. Aber virtuelle Stadtpläne gibt es ja schon länger...

Auch der Ortsansässige braucht in der Regel kein Street View, um jemanden in eine soziale Schublade zu stecken. Die meisten Städte sind ja überschaubar. Auch München. Und so weiß man bei vielen Adressen schon mal auch, in welcher Ecke jemand wohnt. Ob in Nymphenburg oder im Hasenbergl.

Wobei mich meine Nymphenburger Adresse auch durchaus in die Kategorie "verwöhnte Göre" gesteckt hat - eine Studentin/Praktikantin, die in einem noblem Viertel wohnt, während man sich selbst in einem Wohnblock in Aubing wiederfindet, macht nicht nur Freunde. Da hab ich dann immer schnell die Geschichte von der viertelbekannten, weil einzigen Studenten-WG weit und breit hinterhergeschoben. Bei Chefs war das natürlich etwas anderes, da war der Stempel "aus einem guten Stall" und der ist hilfreich.

Meine Muster funktionieren ja ebenso: Berg am Laim? - hm. Solln? - wie schön. Dann denk ich mir vielleicht noch "Respekt". Vielleicht denk ich mir auch "wie hat der oder die das gemacht?" oder auch "schau an, mehr Schein als Sein"... Für all das brauch ich kein Google Street View. Das gäbe mir dann nur noch die Zusatzinformation, ob es die Villa ist oder der 70er Jahre Klotz.

Auch jetzt: Meine Straße scheint (außer einigen Taxifahrern) ganz München zu kennen - die Reaktion ist immer die gleiche: In einer schönen Ecke wohnen Sie....

Kommentare

Feed Abonnieren Sie den Kommentar-Feed dieses Eintrags, um der Konversation zu folgen.

Markus

Vor allem verstehe ich diese ganze StreetView - Diskussion nicht, weil es schon ewig Google Earth gibt und ich den Leuten bis in den Garten schauen kann.

Helga

Ja...

Saxana

Richtig!

Felix

Naja, wenn man die Bedenken liest, die in der Bild-Zeitung zitiert wurden, dann versteht man schon, weshalb es dem 'gemeinen Volk' nicht behagt: Street View wird als Live-Cam missverstanden.

Jonas

Gott sei Dank gibt's Street View in Australien schon seit ein paar Jahren... ich verwende es am laufenden Band. Ob's darum geht, das Urlaubsreiseziel zu erkunden, bei der Wohnungsuche oder einfach, wenn man einen Termin hat und sich das Gabaeude anschaut, damit man es spaeter besser findet...

Ich verstehe die Diskussion in Deutschland auch nicht!

Agnes

Bin der gleichen Meinung wie Jonas....nutze aus den selben Gründen Google Earth auch ständig. Schubladendenken bezüglich bestimmter Stadtteile wird zum Glück immer weniger, stelle ich fest, außerdem hat Schubladendenken mehr mit eigenen Denkmustern als mit Google Street View zu tun.

M

Ich muss Felix zustimmen - ich glaube, genau dieses Missverständnis (Street View ist eine Art Live Web Cam) ist bei nicht so Internet erfahrenen Menschen weit verbreitet. Und ich fürchte, dass manche (Boulevard-)Medien dieses Missverständnis bewusst nicht aufklären, um weiter ihre Schlagzeilen zu haben bzw. ihre Anti-Google- oder Anti-Internet-Kampagnen fahren zu können.

Übrigens hatte die Anti-Street-View-Kampagne der BILD-Zeitung eine finanziell sehr einträgliche Konsequenz für den Verlag: Erst kam doch der Pfui-Artikel, am nächsten Tag ein Nachklapp - und erst am dritten Tag dann ein "BILD klärt auf: So funktioniert Street View wirklich", in dem dann stand, dass BILD sich eigentlich auch nicht erklären kann, warum alle so panisch ist. Ich weiß es nicht mehr präzise, aber lustig war, dass zeitgleich zu diesem "Ist ja halb so wild"-Artikel eine ganzseitige Google-Anzeige in BILD erschienen ist, Tenor: "Google klärt auf: So funktioniert Street View wirklich".

Die Kommentare dieses Eintrags sind geschlossen.