All Hallows' Eve
München Splitter I: Gärtnerplatzviertel

Marketingtipps gegen Novemberblues

In der kleinen Stadt hängt schon die Weihnachtsbeleuchtung. Die wird dort sicherheitshalber grundsätzlich so um Allerheiligen aufgehängt. Und dann hängt sie da so verloren vor sich hin. Wie vergessen vom vergangenen Jahr. Weil beleuchtet wird ja erst zum Advent. Für die Zeit zwischen der Zeit scheinen wir keine Verwendung zu haben. Eigentlich ein Wunder, dass wir nach all den importierten Bräuchen immer noch nicht Thanksgiving eingeführt haben. Jetzt mögen Sie sagen: Erntedank haben wir selber. Aber erstens haben wir ja auch Fasching selber und die Kinder und nicht nur die verkleiden sich inzwischen auch an Halloween. Und zweitens wird ja Erntedank eigentlich nicht gefeiert hier.

Wenn wir jetzt also Thanksgiving einführen würden, wäre die Zeit zwischen Sommerferien zu Weihnachten hübsch gefüllt. Da kommt zuerst die Wiesn mit ihren netten bayerischen Verkleidungen. Dann gehen alle zu Kirchweih Gans essen, ohne zu wissen, warum sie das machen. Dann haben wir ja inzwischen glücklicherweise Halloween für den säkularisierten Teil der Bevölkerung, verbunden mit Allerheiligen für den traditionellen Teil. Dann kommt St. Martin, wo man im Süden wieder Gans isst und im Norden bei den Ungläubigen immerhin einen Laternenlauf für die Kinder veranstaltet - ohne die katholische Kapitalismuskritik. Es geht Schlag auf Schlag. Aber jetzt ist die Lücke, die geschlossen werden muss zwischen dem 11. November (dass die Narrischen im Westen das Datum mit Fasching und nicht mit Laternen, Gänsen und Mantelteilen verbinden lassen wir mal außen vor) und dem ersten Advent. Diese Lücke ist zu groß und der November zu grau. Ab dem ersten Advent haben wir ja den zweiten, dritten, vierten - Weihnachten. Und dazwischen auch noch Nikolaus. Da kommt man eh nicht zum Luftholen.

Also: Kaum aus dem Urlaub wieder da kommt der Konsumrausch. Zuerst das Dirndl für die Wiesn. Das Kostüm für den 31. Oktober ist eh klar. Aber auch an Allerheiligen - ich habe mich darüber aufklären lassen, dass es auf dem Land auch heute noch politisch korrekt ist, den neuen Pelz auf dem Friedhof erstmalig auszuführen. Und Einladungen und Geschenke. Und immer wieder was nettes anzuziehen. Dazu das ganze Federvieh, das im Herbst sein Leben lassen muss, damit wir es essen können. Nur die Truthähne dürfen ewig in Bayern leben.

Meines Erachtens wird das Potential, das die Zeit zwischen Sommerferien und Weihnachten birgt, vom Einzelhandel gar nicht richtig ausgeschlachtet. Jedes Fest verdient seine eigene Marketingmaschine. Und wenn dann alles durch ist, freut man sich auch über die Weihnachtsbeleuchtung.

Ich finde Thanksgiving übrigens ein tolles Fest. Ich durfte es schon zweimal feiern - und wäre sofort wieder dabei. Ich fand es übrigens auch schön, Erntedank zu feiern. In meiner katholischen Kindheit wurde das nämlich noch gefeiert.

Kommentare

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Nathalie

Kurz vor der Wiesn ein Dirndl zu kaufen, ist eigentlich viel zu spät. :-)) April ist ideale Termin dafür. Aber so weit plant ja fast niemand und dann kommt die Wiesn immer wieder überraschend, wie Weihnachten. :-)

kaltmamsell

Zumal es so viele herrliche Thanksgiving-Rezepte gibt und jede amerikanische Fernsehserie mindestens eine Thanksgiving-Folge enthält (wird gerne genutzt für einen Zusammenschnitt aus vorherigen Folgen).
Dass es bei uns keine Pilgerväter gab, ist reichlich wurscht, fehlende Grundlage kümmert ja bei anderen importierten Festen auch nicht. Oder wir vereinnahmen Thanksgiving als Feier der Christianisierung des heutigen deutschen Gebiets? (Bonifatius, Donar-Eiche etc.)

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