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Oktober 2018

Es ist Bergwetter

Fernbeziehungen sind nervig. Aus diversen Gründen. Allen voran natürlich: der Mensch, mit dem man Zeit verbringen möchte, ist nicht da. Man lebt mit dem Kalender und dem Versuch, das Optimum rauszuholen. Und natürlich mit der ständigen Frage der Mitmenschen: wie geht's Euch/Dir damit? Die natürlich nach tagesaktueller Verfassung grundsätzlich anders beantwortet wird. Jetzt gäbe es natürlich die Möglichkeit, München für eine Zeit "Auf Wiedersehen" zu sagen. Aber jetzt ganz abgesehen von persönlichen Bindungen - München auf Wiedersehen sagen? Wenn man einmal der Hassliebe zu München verfallen ist?

Aber München ist ja das eine. Analog zu "andere Mütter haben auch schöne Söhne" - es gibt auch andere schöne Städte. Vielleicht sogar schönere? Aber...! Was hilft denn schön, wenn keine Berge da sind? Schön ist ja auch die alte Heimat. Da ist es wirklich schön - solange man nicht drauf fixiert ist, dass man am Wochenende in die Berge fährt. Natürlich kann man das auch von dort aus noch, aber man kann es sich nicht im Zweifelsfall erst um 10 Uhr beim Morgenkaffee überlegen. Da steht man früher auf. - Das mit Spontanentscheidungen am Sonntag Vormittag und überhaupt das Ausschlafen und alles andere auch ist Typsache und ich geh jetzt auch nicht davon aus, dass mich jetzt jeder versteht.

Also wenn es jetzt nur um München ginge - dann hätte es in den letzten Jahren genug Punkte gegeben, an denen wir Good-bye gesagt hätten: Adios, war schön mit dir, jetzt schaun wir woanders mal wie es läuft. Aber diese Kombination von München und den Bergen. Jedes mal wieder: hach...

Und dann hat man sich irgendwann mit dem Kalender eingerichtet, der einem ja auch nicht Wochen im Vorlauf sagt, wie das Wetter so wird und stellt fest: Es ist Bergwetter. Und man ist nicht da.

Aber zumindest kann das Rheingau auch Herbst.

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Und für alle, die das sind: Gehen Sie in die Berge - zum Beispiel auf das Pürschlinghaus oder zum Wandern mit Karwendelblick.

 


Schenk mir einen grünen Luftballon

Erstmal Glückwunsch, liebe Grüne: Sensationelles Wahlergebnis. Die Menschen wollen den Wandel. - Nur welchen Wandel? Und wieso geht ein Linksruck durch Bayern? Und wieso, wenn sie einen Wandel nach links wollen, entzieht ihr euch der Verantwortung?

Ach so, das tut ihr gar nicht? Da gebe ich euch recht. Die bayerischen Grünen haben im gesamten Wahlkampf die Tür nie zu gemacht. Weil, sie sind ja nicht so auf der Brennsuppn daher g'schommen, dass sie nicht wüssten, dass Wandel auf lange Zeit gesehen nur mit und nicht gegen die CSU geht. Blöderweise sind das aber Wähler mit Kurzzeitgedächtnis, Wähler, die sich nie wirklich für Kommunal- und Landespolitik interessiert haben, Kommentatoren  - ja und leider auch die Bundesgrünen.

Ich hab das sehr bewundert, wie sehr sich die Bayerngrünen im Wahlkampf von Berlin, den Fundis und vom Bund abgegrenzt haben: unser Spiel. Und weshalb um Himmels Willen, lassen sie sich am Wahlwochenende so in die Suppe spucken? Ja, wir erzählen jetzt Bayern wie Demokratie funktioniert! Am Tag vor der Wahl. Und dann die komischen Sprüche von wir haben die CSU abgewählt, Bayern ist jetzt links - und der Gipfel des Ganzen: am Wahlabend lassen die Bayern-Grünen zur Bayern-Wahl, bei der sie nach Stimmenzuwachs der klare Gewinner sind, zu den Tagesthemen den Bundesvorstand sprechen, der krachend die Tür zu einer möglichen Koalition zuschlägt.  - Wieso lass ich mir meinen Triumph so aus der Hand nehmen? Besser nicht regieren als schlecht regieren?

Aber stellen wir uns doch ein paar anderen Fragen: zum Beispiel ist der neue bayerische Landtag wesentlich linker? Grüner ist er und das ist gut so. Aber die Bayern-SPD, die ja immerhin noch bis dato mit 20 Prozent vertreten war, ja - anderes Thema - aber nach Zahlen: rot-grün, soweit sich grün noch natürlich zu rot zugehörig fühlt, ist ebenso stark oder schwach wie vorher - nur mit gegenteiliger Gewichtung. Man beachte die Wählerwanderung laut Abendzeitung. Also einen Linksruck gab es in Bayern schon mal nicht.

Was es meiner Meinung nach tatsächlich gab: das Signal, welche Themen, jedenfalls in Teilen der Bevölkerung, wichtig sind - das Signal, dass Bayern grüner und ökologischer wird, aber konservativ. Jetzt haben die Grünen doch einen Großstadtwahlkampf gemacht. Im Flächenland Bayern gibt es genau neun Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern. Die beiden Spitzenkandidaten kamen beide aus München. Fand ich schon im Wahlkampf schwierig. Halt ich nach wie vor auch für einen Fehler oder den Beweis, dass man mit Großstadtthemen sich eben auf der sicheren Seite gefühlt hat.* Kann jetzt jeder betrachten wie er will.

Und an diesem Punkt ist mein Erstaunen fast am größten: Die Grünen haben 30 Jahre lang, nämlich von 1984 bis 2014  in München zusammen mit der SPD regiert. - Und sie würden es heute noch, hätte die SPD bei der letzten Stadtratswahl nicht so massiv verloren, dass das nicht mehr möglich war. Viele der Münchner Probleme gehen auf diese Koalition. Die Münchner Grünen tun allerdings so, als wären sie seit Jahrzehnten in der Opposition. Und die Münchner glauben das auch. Ist das jetzt Kurzzeitgedächtnis oder, was ich glaube und befürchte, völliges Desinteresse an Kommunalpolitik?

Aber noch mehr befürchte ich, man gefällt sich im urbanen, weltoffenen Style wie sich die Münchner auch lange im Toskanafraktionssozialdemokratie-Style gefallen haben. Politik ist kein Style, München ist nicht Bayern. Und die Freien Wähler haben auch Themen, die für das Flächenland Bayern wichtig sind. Und entscheidend. - Aber liebe Kommentatoren und Außer-Bayern und in einer Insel-in-Bayern-Lebende: nach linksgerückt ist Bayern nicht nach dieser Landtagswahl. Das wäre es nur, wenn es in Zukunft schwarz-grün regiert würde.

* Update: Und dann stellt sich auch noch heraus, dass die Großstädte lange nicht so grün sind, wie man glaubte.


Gegenüber

Gegenüber  ist es noch nicht gentrifiziert. Gegenüber wohnen noch Menschen, die da schon lange wohnen. Gegenüber wurde aber auch schon zwei mal verkauft und hat die Eigentümerform gewechselt, was die Mieter gegenüber durchaus in berechtigte Sorge bringt. Gegenüber hat auch schon die Bezirks- und Stadtpolitik alarmiert, aber mit dem gewöhnlichen Erfolg und hier ist eigentlich auch Erhaltungssatzungsgebiet. Gegenüber ist für mich auch weniger die teilweise zu beobachtenden Wohnungen, die eindeutig in Arbeiterunterkünfte umfunktioniert wurden in den letzten beiden Jahren, worauf die Stadt aber weniger reagiert hat. Oder der massive Preissprung bei Neuvermietungen.

Gegenüber hat ein Gesicht. Mein Gegenüber ist ein alter Mann, den ich sehe, wenn ich auf den Balkon zur Straße gehe. Er ist oft am Fenster und schaut raus und raucht. Im Winter mit einer Jacke und einer Mütze. Eigentlich bemüht er sich, uns nicht direkt anzuschauen. Aber er sieht uns natürlich. Wir haben relativ bald nach unserem Einzug angefangen, über die Straße zu winken. Hallo zu sagen. Die Überraschung war ihm anzumerken. Inzwischen ist es normal.

Manchmal war er in der Boazn ums Eck. Da, wo einige wie er waren. Da, wo Menschen wie ich auch nicht erwünscht waren. Und ich nicht hingehen wollte.

Die Boazn ist nicht gentrifiziert. In die Boazn ist jetzt das Alt-68-Schwabing eingezogen. Das ist ja auch Schwabing und wahrscheinlich fühlen sie sich zu Recht als Schwabing.

Und ich mag das ja auch. Nur was ich nicht mag, wenn die Alt-68-Schwabinger, die ihre großen Altbauwohnungen für ein Appel und ein Ei gekauft haben oder immer noch für einen lachhaften Betrag an Miete drin wohnen - den Landsitz selbstverständlich dazu - den Besitzstand für sich bewahren wollen, wobei ich tendenziell der Feind bin und mein Gegenüber irrelevant. Ich hab mich über die Neueröffnung gefreut. Ein Teil, den ich mit Schwabing verbunden hatte, ehe ich herzog, und der dann doch nicht da war, weg war, ist wieder da und das ganz bei mir ums Eck. Und doch dieses Verstehen, dass jemand anderen etwas weggenommen wurde. Und weder ich, noch ich als Zielgruppe - sondern die, die das gerne anprangern, dass wir das wären, die zerstören, eben die haben ihm das weggenommen. Die Gentrifizierer, die selbst gentrifiziert wurden.

Das ist ein Perpetuum-Mobile, auch wenn der Status der Postgentrifizierung scheinbar eingetreten ist. Momentan würde ich mir wünschen, dass mein Gegenüber und ich dort gemeinsam ein Bier trinken - oder einen Kaffee, obwohl die Tagesöffnung entgegen der Ankündigung schon nach einem Monat passé ist. Ich würde mit einen Ort für Nachbarschaft wünschen. Ob seit 50 oder 5 Jahren, seit 5 Monaten oder 5 Tagen. Wäre doch echt schön.