Lass uns miteinander reden*
Ein Plädoyer für Nettigkeit

Die Dame mit dem altrosa Lippenstift

Und dann stehst du beim Wimmer, um dir eine Handsemmel zu kaufen. Mit deinen Einkäufen vom Elisabethmarkt, die du vor der Bäckerei im Korb deines uneingesperrten Rads gelassen hast - weil du bist ja in Schwabing und die Welt ist so heil hier. Und du hast keine Eile, soll sich die gebückte alte Dame vor dir nur Zeit lassen und nach diesem und jenem fragen. Und dann siehst du, wie sie zusammenzuckt beim Preis für die Lebkuchen, ein Zeichen gibt, dass ich vor ihr bedient werden soll und langsam an der Theke vorbeigeht, alle Waren begutachtend. Und dann siehst du, der dir vorher nur ihr gepflegtes freundliches Gesicht mit dem altrosa Lippenstift aufgefallen war, plötzlich ihre alte abgetragene Jacke und ihre Füße, die in Sandalen stecken. Und dann hörst du dich sagen: eine Handsemmel, bitte - und die Lebkuchen für die Dame. Doch da ist sie auch schon weg, hat leise den Laden verlassen. Die Verkäuferin schaut dich an, was nun. Du zahlst die Handsemmel und beim rausgehen siehst du sie langsam und gebückt davon gehen. Du zögerst, drehst dich um und kaufst einen Lebkuchen. Du weißt, du wirst sie einholen: Entschuldigung, wir haben uns gerade in der Bäckerei getroffen. Darf ich Sie auf einen Lebkuchen einladen? - Wissen Sie, sie hatten nicht das, was ich wollte, aber ich werde mir den Lebkuchen zu einer Tasse Tee schmecken lassen. Danke. - So soll es sein. Einen schönen Abend.

Ihr Lächeln. Ihr Blick. Das plötzliche Aufblitzen in ihren Augen. Ein viel größeres Geschenk als dieser Lebkuchen.

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