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Oktober 2018

November 2018

Ein Plädoyer für Nettigkeit

Und da schaut dich dieser kleine Junge an mit seinen großen Augen und fragt: Wieso bist du so nett?

Und du findest die Frage so unberechtigt, du bist gewohnt, dass dich die wenigsten Menschen nett finden und weißt, dass du es auch häufig nicht bist. Außerdem ist der Anlass so nichtig: du stehst in dieser endlosen Schlange an der Kasse, natürlich an der, bei der es am langsamsten vorwärts geht und möchtest abwechselnd einen Kaffee, eine Zigarette, aufs Klo oder einfach nur raus. Innerlich verfluchst du deinen Mann, der trotz Mega-Erkältung beschlossen hat: 20% sind ein Argument, mehrere Business-Anzüge zu ersetzen. Und natürlich hat er recht, genervt bist du trotzdem - vorallem weil dieser Laden zwar eine hochwertige Herren aber eine totale Ramsch Damenabteilung hat. Also kramst du missmutig in deiner Tasche und findest tatsächlich noch so einen Minibeutel Gummibären, die du dir für die Zugfahrt als Notreserve eingesteckt hast. Zucker? Eine gute Idee. Aber da steht dann dieses Kind, das mit einer Engelsgeduld mit seiner Mama hinter dir wartet - und die Gummibärchen wandern statt in deinen in seinen Magen. Ganz aufmerksam, eines nach dem anderen, währendessen er dir erzählt, dass Zucker sehr schädlich sei und du dir denkst, autsch auch noch in ein Erziehungskonzept hineingegrätscht. Und auch ansonsten plaudern wir etwas, weil die Zeit vergeht und vergeht nicht. Und dann fragt er dich: Wieso bist du so nett?

Die Frage lässt mich mit so vielen Fragen zurück. Hätte der Junge gesagt, du bist nett. Hätte ich mich gefreut und die Situation wahrscheinlich schnell wieder vergessen. Aber wieso fragt er? Er sah aus, als würde er in einem Umfeld groß werden, wo Nettigkeit dazu gehört. Die Mutter war sehr nett. Vielleicht bewerte ich die Aussage eines kleinen Jungen auch nur über.

Aber es war eh der Tag der Nettigkeit. Ich musste Theaterkarten weiterverkaufen und bekam sowohl vom Käufer wie auch von seiner Begleiterin Messages wie sehr sie sich über den schönen Abend gefreut hätten - als hätte ich ihnen die Karten geschenkt und ich habe mich so sehr gefreut. Und dachte mir: wieso seid ihr so nett?

Auf jeden Fall habe ich dann beschlossen, was ich eh schon vorhatte - mal richtig nett zu sein. Mit professioneller Nettigkeitshilfe. Es gibt nämlich diese Menschen, die sind so nett und gut, dass man immer wieder staunt. Ich zähle mich nicht dazu, aber Vorbilder schaden ja nie.


Die Dame mit dem altrosa Lippenstift

Und dann stehst du beim Wimmer, um dir eine Handsemmel zu kaufen. Mit deinen Einkäufen vom Elisabethmarkt, die du vor der Bäckerei im Korb deines uneingesperrten Rads gelassen hast - weil du bist ja in Schwabing und die Welt ist so heil hier. Und du hast keine Eile, soll sich die gebückte alte Dame vor dir nur Zeit lassen und nach diesem und jenem fragen. Und dann siehst du, wie sie zusammenzuckt beim Preis für die Lebkuchen, ein Zeichen gibt, dass ich vor ihr bedient werden soll und langsam an der Theke vorbeigeht, alle Waren begutachtend. Und dann siehst du, der dir vorher nur ihr gepflegtes freundliches Gesicht mit dem altrosa Lippenstift aufgefallen war, plötzlich ihre alte abgetragene Jacke und ihre Füße, die in Sandalen stecken. Und dann hörst du dich sagen: eine Handsemmel, bitte - und die Lebkuchen für die Dame. Doch da ist sie auch schon weg, hat leise den Laden verlassen. Die Verkäuferin schaut dich an, was nun. Du zahlst die Handsemmel und beim rausgehen siehst du sie langsam und gebückt davon gehen. Du zögerst, drehst dich um und kaufst einen Lebkuchen. Du weißt, du wirst sie einholen: Entschuldigung, wir haben uns gerade in der Bäckerei getroffen. Darf ich Sie auf einen Lebkuchen einladen? - Wissen Sie, sie hatten nicht das, was ich wollte, aber ich werde mir den Lebkuchen zu einer Tasse Tee schmecken lassen. Danke. - So soll es sein. Einen schönen Abend.

Ihr Lächeln. Ihr Blick. Das plötzliche Aufblitzen in ihren Augen. Ein viel größeres Geschenk als dieser Lebkuchen.


Lass uns miteinander reden*

 *Auf diesen Satz gibt es sicherlich kein Urheberrecht, aber ich hatte Konstantin Wecker und Pippo Pollina im Sinn: questa nuova realta. Das Lied ist über 20 Jahre alt, 25 um genau zu sein - so lang ist es her, dass Weckers Uferlos veröffentlicht wurde. Und Weckers Uferlos live in Salzburg ist ein Standard in jedem Auto, das von mir seit 25 Jahren gefahren wurde (es könnte sogar noch eine Kassette - ich hatte lange nur Kassette im Auto - rumliegen). Ich hab das Lied immer wieder und wieder gehört - all die Zeit als jeder von Cocooning und Hygge sprach. Und ich möchte es heute, mehr denn je, jedem entgegen schleudern. Denn eigentlich, und jetzt kommt die Literaturwissenschaftlerin in mir zum Vorschein, hat der Text zwei gegenteilige Pole bzw kann sehr unterschiedlich gelesen werden: ICH lese ihn als - lass uns miteinander reden. Das ist für mich die Kernbotschaft. Andere lesen vielleicht: wir rücken zusammen.

Das sind sehr unterschiedliche Wahrnehmungsweisen, die eigentlich die Tragik, dass es den Rezipienten wahrscheinlich um dasselbe geht, umso offensichtlicher macht. Wir rücken nicht zusammen und wir reden nicht miteinander - auch wenn es uns um dasselbe geht. Wenn jetzt, wie hier in Schwabing, aus einer Buchhandlung, die ein Regalbrett unter dem Begriff "Neue Rechte, altes Denken" sortiert hat - was ja eigentlich schon eine Einordnung und eine Wertung ist, wenn man zu dieser gedanklichen Transferleistung fähig wäre - eine  Nazi-Buchhandlung wird... Dann haben wir alle nichts gelernt, dann haben wir die Fähigkeit verlernt, miteinander zu reden, dann macht der Diskurs keinen Sinn mehr - und das unter Menschen, die von sich behaupten, auf derselben Seite zu stehen. Beziehungsweise, die auf derselben Seite stehen würden, würden sie sich zuhören. Aber die, die zuhören wollen, werden abverurteilt.

Ich möchte mich informieren. Ich weiß aber teilweise nicht worüber - das heißt, ich könnte kein bestimmtes Buch bestellen. Ein Blättern in vor ausgewählten Büchern ist für mich hilfreich. Ich möchte wissen, gegen was ich bin und wie ich meine Argumente begründen kann. Ich wusste, dass ich Franziskas Schreibers Buch "Inside afd" lesen wollte - gleich als es erschienen ist, ehe es auf die Bestseller Listen gelangt ist. Gehe zur Buchhandlung, schaue mich um, frage danach - misstrauischer Blick: nein, hat sie nicht, kann sie auch nicht bestellen. Ich fühle mich sofort in der Rechtfertigungshaltung, beginne ein Gespräch - man müsse sich informieren, um zu wissen. Die Haltung entspannt sich, aber bleibt eindeutig, ich habe wahrscheinlich recht, aber nein, eigentlich wolle sie sich nicht informieren. Ich bin an diesem und am folgenden Tag noch an zwei weiteren Buchhandlungen vorbei gekommen. Nirgends lag das Buch auf, weitere Nachfragen habe ich mir gespart - ich hab es bestellt, was problemlos möglich war. Gelesen habe ich das Buch (übrigens: Empfehlung) weitgehend im Zug - da hab ich den Einband umgedreht, so dass er neutral weiß war. - Lass uns miteinander reden, gilt auch für mich.