Es ist Bergwetter
Die Dame mit dem altrosa Lippenstift

Lass uns miteinander reden*

 *Auf diesen Satz gibt es sicherlich kein Urheberrecht, aber ich hatte Konstantin Wecker und Pippo Pollina im Sinn: questa nuova realta. Das Lied ist über 20 Jahre alt, 25 um genau zu sein - so lang ist es her, dass Weckers Uferlos veröffentlicht wurde. Und Weckers Uferlos live in Salzburg ist ein Standard in jedem Auto, das von mir seit 25 Jahren gefahren wurde (es könnte sogar noch eine Kassette - ich hatte lange nur Kassette im Auto - rumliegen). Ich hab das Lied immer wieder und wieder gehört - all die Zeit als jeder von Cocooning und Hygge sprach. Und ich möchte es heute, mehr denn je, jedem entgegen schleudern. Denn eigentlich, und jetzt kommt die Literaturwissenschaftlerin in mir zum Vorschein, hat der Text zwei gegenteilige Pole bzw kann sehr unterschiedlich gelesen werden: ICH lese ihn als - lass uns miteinander reden. Das ist für mich die Kernbotschaft. Andere lesen vielleicht: wir rücken zusammen.

Das sind sehr unterschiedliche Wahrnehmungsweisen, die eigentlich die Tragik, dass es den Rezipienten wahrscheinlich um dasselbe geht, umso offensichtlicher macht. Wir rücken nicht zusammen und wir reden nicht miteinander - auch wenn es uns um dasselbe geht. Wenn jetzt, wie hier in Schwabing, aus einer Buchhandlung, die ein Regalbrett unter dem Begriff "Neue Rechte, altes Denken" sortiert hat - was ja eigentlich schon eine Einordnung und eine Wertung ist, wenn man zu dieser gedanklichen Transferleistung fähig wäre - eine  Nazi-Buchhandlung wird... Dann haben wir alle nichts gelernt, dann haben wir die Fähigkeit verlernt, miteinander zu reden, dann macht der Diskurs keinen Sinn mehr - und das unter Menschen, die von sich behaupten, auf derselben Seite zu stehen. Beziehungsweise, die auf derselben Seite stehen würden, würden sie sich zuhören. Aber die, die zuhören wollen, werden abverurteilt.

Ich möchte mich informieren. Ich weiß aber teilweise nicht worüber - das heißt, ich könnte kein bestimmtes Buch bestellen. Ein Blättern in vor ausgewählten Büchern ist für mich hilfreich. Ich möchte wissen, gegen was ich bin und wie ich meine Argumente begründen kann. Ich wusste, dass ich Franziskas Schreibers Buch "Inside afd" lesen wollte - gleich als es erschienen ist, ehe es auf die Bestseller Listen gelangt ist. Gehe zur Buchhandlung, schaue mich um, frage danach - misstrauischer Blick: nein, hat sie nicht, kann sie auch nicht bestellen. Ich fühle mich sofort in der Rechtfertigungshaltung, beginne ein Gespräch - man müsse sich informieren, um zu wissen. Die Haltung entspannt sich, aber bleibt eindeutig, ich habe wahrscheinlich recht, aber nein, eigentlich wolle sie sich nicht informieren. Ich bin an diesem und am folgenden Tag noch an zwei weiteren Buchhandlungen vorbei gekommen. Nirgends lag das Buch auf, weitere Nachfragen habe ich mir gespart - ich hab es bestellt, was problemlos möglich war. Gelesen habe ich das Buch (übrigens: Empfehlung) weitgehend im Zug - da hab ich den Einband umgedreht, so dass er neutral weiß war. - Lass uns miteinander reden, gilt auch für mich.

 

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