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Sophie ist tot.

Und die Betroffenheit ist groß.

Die Betroffenheit war vor einigen Wochen auch groß, an den Tagen nach der Spiegel-Geschichte. Der Aufschrei ging durch die On- und Offline-Welt. Was nach der Spiegel-Geschichte einsetzte, war teilweise an Gehässigkeit und moralischer Selbstüberhöhung nicht zu überbieten. Der Fall war umso tiefer, denn man hat sie überhöht und sie ließ sich überhöhen. Zu jedem Thema, das gerade aktuell war, hatte sie eine Geschichte, in der sie beiläufig ein guter Mensch in einer bösen Welt war. Und man litt mit ihr, denn ihr Gefährte war todkrank. Man trauerte, als er starb. Dass sie angeblich Jüdin war, war für die Netzgemeinde, so mein Eindruck, weniger relevant. Wobei sie auch diesbezüglich ein moralisches Gewissen verkörperte. Und in jedem Punkt jeden Hauch von Kritik an ihrem Handeln und an ihrer Person verbot. Da wurde das sanftmütige Fräulein sehr rabiat – flankiert von einer willfährigen Gefolgschaft.

Den Menschen Sophie kannte mutmaßlich niemand. Hätte der Mensch Sophie jemanden interessiert? Wer der Mensch Sophie war, werden wir nicht mehr erfahren. Und es scheint, als wäre sie der Mensch gewesen in ihrem Blog. Möglicherweise hat sie an den kranken Tierarzt ebenso geglaubt wie an ihre jüdischen Vorfahren. Sie hatte verschiedene Realitäten. - Also wurde sie doch geliebt, für das, was sie war? Und radikal fallen gelassen, als man ihr den Spiegel vorhielt und sagte: du bist nicht das, was du glaubst zu sein? Was wir glauben, dass du bist?

Die, die die nicht in Gehässigkeiten ausgebrochen sind, fühlten sich getäuscht. Ich mich auch. Aber schon früher. Ich habe speziell auf der persönlichen Ebene mitgelitten und irgendwie kam es mir seltsam vor. Nach meinen Recherchen war der Tierarzt nicht existent. Hätte ich darüber sprechen sollen? Öffentlich nein. Gab es persönliche Kontakte, die zu einem Gespräch geführt hätten? Nein. Also denkt man sich seinen Teil und zieht sich zurück.

War ich dennoch fassungslos nach dem Artikel im Spiegel? Ja. – Der Artikel im Spiegel war richtig, auch wenn viele jetzt auf den Spiegel eindreschen. Marie war zu einer öffentlichen Person geworden – zu der sie das Netz gemacht hat. Eine öffentliche Person, die Dokumente gefälscht hat. Das hat Martin Doerry berichtet, meiner Ansicht nach weder reißerisch noch bösartig. Grundsätzlich war es nicht sein Job, zu beurteilen, ob Marie Sophie Hingst psychisch krank war. Natürlich stellen sich Fragen: Nämlich ob es die Geschichte verändert hätte, hätte er es gewusst. Bzw. hat er es gewusst und in der Geschichte verschwiegen? Hat er, wie der Kollege der Irish Times, die Familie kontaktiert (einer der letzten Twitterposts von @MlleReadOn deutet darauf hin) – und hat die Familie nicht geantwortet oder hat er die Antworten verschwiegen?

Mein Gefühl sagt mir, dass Martin Doerry das Thema zu wichtig ist, um unsauber zu arbeiten. Eine Offenlegung der Recherche hätte ich persönlich jetzt schon gern. Ein Mensch ist tot. Aber dem Spiegel Vorhaltungen zu machen ist zu einfach. Sich selbst den Spiegel vorzuhalten, wäre mal was.

Sopie. R.I.P.

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