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Januar 2020

März 2020

Das Glas Aprikosenmarmelade

Meine Mutter hatte nicht viele Wünsche. Oder vielleicht nicht viele, die leicht zu erfüllen gewesen wären. Die sie gesagt hätte. Die zu kaufen gewesen wären. Doch natürlich gab es Wünsche. Und wann immer ich gesagt habe: ja, ok, machen wir. Sprach was dagegen. Scheinbar oder tatsächlich. Ja, ich wäre mit ihr nach Brixen, nach Wien und ans Meer gefahren. Ich wäre auch mit ihr geflogen (und hätte ihr die Hand und die Kotztüte gereicht, weil ihr ja schon beim Autofahren schlecht wurde). - Für die meisten von uns so banale Wünsche, die nie erfüllt wurden.

Schenken konnte man ihr wenig. Weil sie hatte wenig Wünsche. Blumen. Blumen waren gut. Und dann: Aprikosenmarmelade.

Und irgendwann, das war im letzten Jahr, sagte sie: Schneekugeln fand sie immer so toll. Es gab in diesem Haus keine Schneekugeln. Ich hatte keine als Kind. - Es war ein Kindheitstraum. Ich wollte ihr eine kaufen, wenn ich das nächste Mal in Wien gewesen wäre. Als ich das nächste Mal in Wien war, war sie schon tot.

Früher war es noch die ein oder andere Köstlichkeit aus einem anderen Landstrich oder Land. Aber dann, als die Diabetes schlimmer wurde und sie sich jedenfalls offiziell (und auch mir gegenüber) an die Ernährungsratschläge hielt blieb nur als einziges: Aprikosenmarmelade.

Nach einem weiträumigen Aprikosen- bzw. Marillenmarmeladentest ist im übrigen zu berichten: die von Demel war die favorisierte Nummer 1. Von dem her: Wien war gesetzt - zum Demel und dort Marillenmarmelade und Zartbitterschokolade.

Und dann waren wir vergangenen Juni im Elsass. Und ich hatte schon Aprikosenmarmelade gekauft - und plötzlich festgestellt: hey, wir sind gar nicht weit von der Marmeladenkönigin schlechthin entfernt. Christine Ferber. Wir müssen zu Christine Ferber. 

Mama hat sich unglaublich gefreut. Mein Wunsch war nur: ich möchte einen Löffel davon probieren. Dreimal war ich noch bei ihr. Dreimal hat sie die Marmelade nicht aufgemacht. Dann kam sie ins Krankenhaus und nicht wieder heim.

Meine Karte aus dem Elsass, die letzte, die ich ihr schrieb - und ich schrieb ihr unendlich viele Karten im Laufe der Jahre, weil sie sich immer so über Karten gefreut hatte. Kein Urlaub, kein Wochenende, teilweise kein Ausflug ohne Karte. Die letzte Karte steht noch da, da wo immer meine letzten Karten standen. Die beiden Marmeladengläser da stehen sehen, habe ich nicht ertragen.

Marmelade 1 habe sehr schnell einem guten Zweck zugeführt und mit einer Freundin geöffnet, die mich kurz nach der Beerdigung zum Frühstück besucht hat. - Und ihr den Rest mitgegeben. Christine Ferber habe ich mitgenommen - und bei mir hingestellt. Und als ich dann mal wieder so einen Trauer-Wut-Flash bekommen habe und dann dieses Marmeldenglas öffnen wollte (ich hätte es wahrscheinlich in diesem Moment pur gelöffelt) - ging es nicht auf. Ich gab es C. und er brachte es nicht auf. Ein paar Wochen später habe ich es nochmals versucht - diesmal ruhig - ohne Erfolg.

Dieses letzte Glas Aprikosenmarmelade steht jetzt bei mir in der Küche. Und ich frage mich: macht es irgendwann einfach plopp und es lässt sich öffnen - oder bleibt es für immer verschlossen (jedenfalls wenn man nicht Gewalt walten lässt)?