Münchner Gschichten

Die Dame mit dem altrosa Lippenstift

Und dann stehst du beim Wimmer, um dir eine Handsemmel zu kaufen. Mit deinen Einkäufen vom Elisabethmarkt, die du vor der Bäckerei im Korb deines uneingesperrten Rads gelassen hast - weil du bist ja in Schwabing und die Welt ist so heil hier. Und du hast keine Eile, soll sich die gebückte alte Dame vor dir nur Zeit lassen und nach diesem und jenem fragen. Und dann siehst du, wie sie zusammenzuckt beim Preis für die Lebkuchen, ein Zeichen gibt, dass ich vor ihr bedient werden soll und langsam an der Theke vorbeigeht, alle Waren begutachtend. Und dann siehst du, der dir vorher nur ihr gepflegtes freundliches Gesicht mit dem altrosa Lippenstift aufgefallen war, plötzlich ihre alte abgetragene Jacke und ihre Füße, die in Sandalen stecken. Und dann hörst du dich sagen: eine Handsemmel, bitte - und die Lebkuchen für die Dame. Doch da ist sie auch schon weg, hat leise den Laden verlassen. Die Verkäuferin schaut dich an, was nun. Du zahlst die Handsemmel und beim rausgehen siehst du sie langsam und gebückt davon gehen. Du zögerst, drehst dich um und kaufst einen Lebkuchen. Du weißt, du wirst sie einholen: Entschuldigung, wir haben uns gerade in der Bäckerei getroffen. Darf ich Sie auf einen Lebkuchen einladen? - Wissen Sie, sie hatten nicht das, was ich wollte, aber ich werde mir den Lebkuchen zu einer Tasse Tee schmecken lassen. Danke. - So soll es sein. Einen schönen Abend.

Ihr Lächeln. Ihr Blick. Das plötzliche Aufblitzen in ihren Augen. Ein viel größeres Geschenk als dieser Lebkuchen.


Lass uns miteinander reden*

 *Auf diesen Satz gibt es sicherlich kein Urheberrecht, aber ich hatte Konstantin Wecker und Pippo Pollina im Sinn: questa nuova realta. Das Lied ist über 20 Jahre alt, 25 um genau zu sein - so lang ist es her, dass Weckers Uferlos veröffentlicht wurde. Und Weckers Uferlos live in Salzburg ist ein Standard in jedem Auto, das von mir seit 25 Jahren gefahren wurde (es könnte sogar noch eine Kassette - ich hatte lange nur Kassette im Auto - rumliegen). Ich hab das Lied immer wieder und wieder gehört - all die Zeit als jeder von Cocooning und Hygge sprach. Und ich möchte es heute, mehr denn je, jedem entgegen schleudern. Denn eigentlich, und jetzt kommt die Literaturwissenschaftlerin in mir zum Vorschein, hat der Text zwei gegenteilige Pole bzw kann sehr unterschiedlich gelesen werden: ICH lese ihn als - lass uns miteinander reden. Das ist für mich die Kernbotschaft. Andere lesen vielleicht: wir rücken zusammen.

Das sind sehr unterschiedliche Wahrnehmungsweisen, die eigentlich die Tragik, dass es den Rezipienten wahrscheinlich um dasselbe geht, umso offensichtlicher macht. Wir rücken nicht zusammen und wir reden nicht miteinander - auch wenn es uns um dasselbe geht. Wenn jetzt, wie hier in Schwabing, aus einer Buchhandlung, die ein Regalbrett unter dem Begriff "Neue Rechte, altes Denken" sortiert hat - was ja eigentlich schon eine Einordnung und eine Wertung ist, wenn man zu dieser gedanklichen Transferleistung fähig wäre - eine  Nazi-Buchhandlung wird... Dann haben wir alle nichts gelernt, dann haben wir die Fähigkeit verlernt, miteinander zu reden, dann macht der Diskurs keinen Sinn mehr - und das unter Menschen, die von sich behaupten, auf derselben Seite zu stehen. Beziehungsweise, die auf derselben Seite stehen würden, würden sie sich zuhören. Aber die, die zuhören wollen, werden abverurteilt.

Ich möchte mich informieren. Ich weiß aber teilweise nicht worüber - das heißt, ich könnte kein bestimmtes Buch bestellen. Ein Blättern in vor ausgewählten Büchern ist für mich hilfreich. Ich möchte wissen, gegen was ich bin und wie ich meine Argumente begründen kann. Ich wusste, dass ich Franziskas Schreibers Buch "Inside afd" lesen wollte - gleich als es erschienen ist, ehe es auf die Bestseller Listen gelangt ist. Gehe zur Buchhandlung, schaue mich um, frage danach - misstrauischer Blick: nein, hat sie nicht, kann sie auch nicht bestellen. Ich fühle mich sofort in der Rechtfertigungshaltung, beginne ein Gespräch - man müsse sich informieren, um zu wissen. Die Haltung entspannt sich, aber bleibt eindeutig, ich habe wahrscheinlich recht, aber nein, eigentlich wolle sie sich nicht informieren. Ich bin an diesem und am folgenden Tag noch an zwei weiteren Buchhandlungen vorbei gekommen. Nirgends lag das Buch auf, weitere Nachfragen habe ich mir gespart - ich hab es bestellt, was problemlos möglich war. Gelesen habe ich das Buch (übrigens: Empfehlung) weitgehend im Zug - da hab ich den Einband umgedreht, so dass er neutral weiß war. - Lass uns miteinander reden, gilt auch für mich.

 


Es ist Bergwetter

Fernbeziehungen sind nervig. Aus diversen Gründen. Allen voran natürlich: der Mensch, mit dem man Zeit verbringen möchte, ist nicht da. Man lebt mit dem Kalender und dem Versuch, das Optimum rauszuholen. Und natürlich mit der ständigen Frage der Mitmenschen: wie geht's Euch/Dir damit? Die natürlich nach tagesaktueller Verfassung grundsätzlich anders beantwortet wird. Jetzt gäbe es natürlich die Möglichkeit, München für eine Zeit "Auf Wiedersehen" zu sagen. Aber jetzt ganz abgesehen von persönlichen Bindungen - München auf Wiedersehen sagen? Wenn man einmal der Hassliebe zu München verfallen ist?

Aber München ist ja das eine. Analog zu "andere Mütter haben auch schöne Söhne" - es gibt auch andere schöne Städte. Vielleicht sogar schönere? Aber...! Was hilft denn schön, wenn keine Berge da sind? Schön ist ja auch die alte Heimat. Da ist es wirklich schön - solange man nicht drauf fixiert ist, dass man am Wochenende in die Berge fährt. Natürlich kann man das auch von dort aus noch, aber man kann es sich nicht im Zweifelsfall erst um 10 Uhr beim Morgenkaffee überlegen. Da steht man früher auf. - Das mit Spontanentscheidungen am Sonntag Vormittag und überhaupt das Ausschlafen und alles andere auch ist Typsache und ich geh jetzt auch nicht davon aus, dass mich jetzt jeder versteht.

Also wenn es jetzt nur um München ginge - dann hätte es in den letzten Jahren genug Punkte gegeben, an denen wir Good-bye gesagt hätten: Adios, war schön mit dir, jetzt schaun wir woanders mal wie es läuft. Aber diese Kombination von München und den Bergen. Jedes mal wieder: hach...

Und dann hat man sich irgendwann mit dem Kalender eingerichtet, der einem ja auch nicht Wochen im Vorlauf sagt, wie das Wetter so wird und stellt fest: Es ist Bergwetter. Und man ist nicht da.

Aber zumindest kann das Rheingau auch Herbst.

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Und für alle, die das sind: Gehen Sie in die Berge - zum Beispiel auf das Pürschlinghaus oder zum Wandern mit Karwendelblick.

 


Gegenüber

Gegenüber  ist es noch nicht gentrifiziert. Gegenüber wohnen noch Menschen, die da schon lange wohnen. Gegenüber wurde aber auch schon zwei mal verkauft und hat die Eigentümerform gewechselt, was die Mieter gegenüber durchaus in berechtigte Sorge bringt. Gegenüber hat auch schon die Bezirks- und Stadtpolitik alarmiert, aber mit dem gewöhnlichen Erfolg und hier ist eigentlich auch Erhaltungssatzungsgebiet. Gegenüber ist für mich auch weniger die teilweise zu beobachtenden Wohnungen, die eindeutig in Arbeiterunterkünfte umfunktioniert wurden in den letzten beiden Jahren, worauf die Stadt aber weniger reagiert hat. Oder der massive Preissprung bei Neuvermietungen.

Gegenüber hat ein Gesicht. Mein Gegenüber ist ein alter Mann, den ich sehe, wenn ich auf den Balkon zur Straße gehe. Er ist oft am Fenster und schaut raus und raucht. Im Winter mit einer Jacke und einer Mütze. Eigentlich bemüht er sich, uns nicht direkt anzuschauen. Aber er sieht uns natürlich. Wir haben relativ bald nach unserem Einzug angefangen, über die Straße zu winken. Hallo zu sagen. Die Überraschung war ihm anzumerken. Inzwischen ist es normal.

Manchmal war er in der Boazn ums Eck. Da, wo einige wie er waren. Da, wo Menschen wie ich auch nicht erwünscht waren. Und ich nicht hingehen wollte.

Die Boazn ist nicht gentrifiziert. In die Boazn ist jetzt das Alt-68-Schwabing eingezogen. Das ist ja auch Schwabing und wahrscheinlich fühlen sie sich zu Recht als Schwabing.

Und ich mag das ja auch. Nur was ich nicht mag, wenn die Alt-68-Schwabinger, die ihre großen Altbauwohnungen für ein Appel und ein Ei gekauft haben oder immer noch für einen lachhaften Betrag an Miete drin wohnen - den Landsitz selbstverständlich dazu - den Besitzstand für sich bewahren wollen, wobei ich tendenziell der Feind bin und mein Gegenüber irrelevant. Ich hab mich über die Neueröffnung gefreut. Ein Teil, den ich mit Schwabing verbunden hatte, ehe ich herzog, und der dann doch nicht da war, weg war, ist wieder da und das ganz bei mir ums Eck. Und doch dieses Verstehen, dass jemand anderen etwas weggenommen wurde. Und weder ich, noch ich als Zielgruppe - sondern die, die das gerne anprangern, dass wir das wären, die zerstören, eben die haben ihm das weggenommen. Die Gentrifizierer, die selbst gentrifiziert wurden.

Das ist ein Perpetuum-Mobile, auch wenn der Status der Postgentrifizierung scheinbar eingetreten ist. Momentan würde ich mir wünschen, dass mein Gegenüber und ich dort gemeinsam ein Bier trinken - oder einen Kaffee, obwohl die Tagesöffnung entgegen der Ankündigung schon nach einem Monat passé ist. Ich würde mit einen Ort für Nachbarschaft wünschen. Ob seit 50 oder 5 Jahren, seit 5 Monaten oder 5 Tagen. Wäre doch echt schön.

 


Schwabing hoid?

Stellen Sie sich vor: ein Betrüger nimmt eine Elterninitiative aus bis diese beinahe kollabiert und nur mit persönlichen Finanzspritzen gerettet werden kann. Die Reaktion in den Medien wäre normal: empört. Jetzt geht es aber dabei um eine Elterninitiative in Schwabing. Und um einen grandiosen Dokumentarfilm, der über diesen Betrug, den Betrüger und die betroffenen Eltern gedreht wurde. Der Film heißt: Der Betrug. Ist von David Spaeth. Und lief am Mittwoch abend im Ersten. Und wird von der ARD angeteasert mit den Worten: "Für den Zuschauer ein verblüffender Grenzgang zwischen Recht und Unrecht, Mitleid und Schadenfreude."

Schadenfreude? - Nach dem Motto: Geschieht den reichen Schnöseln recht?

Die Zeit analysiert den Film als Gesellschaftskritik und beendet den Artikel mit "Am Ende verraten Inserts, dass das an den Rand der Insolvenz getriebene Kinderhaus gerettet werden konnte durch Eltern, die binnen drei Wochen mal eben 90.000 Euro auftreiben können. Weshalb man sich fast fragen kann, ob sich überhaupt von Geschädigten sprechen lässt, wo so viel Geld vorhanden ist. "

Also wenn 45 Elternpaare 90.000 Euro spenden, was 2.000 Euro pro Elternpaar ausmacht, sind die nicht geschädigt, weil sie haben es ja?

Und wenn man sich so die Geschichten um die Geschichte weiter durchliest, kommt es einem ja fast so vor, als wäre das ganze eine Robin Hood Geschichte. Designersofa. Kapitalismuskriktik. - Also wir reden nach wie vor von einem Typen, der eine gutgläubige, und etwas naive, Elterninitiative um 250.000 Euro geprellt hat in weniger als zwei Jahren - um sich davon Ferraris zu mieten und Edelnutten zu zahlen. Aber man findet das durchweg die Upper Class entlarvend (by the way: Upper class ist noch was ganz, aber ganz ganz anderes). Was entlarvt es: Menschen, denen es gut geht und die ganz viel Empathie für andere haben. Die kein Klassendenken leben, weil es ihnen widerspricht. Menschen, die nicht glauben, dass es Menschen gibt, die ihnen was böses wollen, weil sie das noch nicht erlebt haben.

Letzteres mag naiv sein. Und mir macht es klar, dass es eben doch einen Unterschied zwischen denen und mir gibt. Ich wäre misstrauisch gewesen. Und ich hätte den Typen früher entlarvt - vielleicht hätte mir keiner geglaubt. Aber erstens hab ich es gelernt zu überprüfen und zweitens komm ich nicht aus der Upper Class. Und wenn in der Dokumentation an der ein oder anderen Stelle angesprochen wird, dass es kurz vorm Auffliegen war, naja - war anscheinend keine Journalistin in der Elterninitiative... Wieder der Beweis: die Mischung macht es.

Aber auch der Beweis: Schwabing ist ein unglaublich guter Hood. Menschen, die nicht ständig hinterfragen, woher kommst du und was machst du. - Stattdessen Menschen, die meinen, sie müssten sich beweisen. Keiner beweist sich in Schwabing mit einem teuren Auto. Weil das steht in der Regel in der Garage - und wenn die Besitzer daraus rauskommen steigen sie aufs Radl um heimzufahren. Völlig unscheinbar. Und ich hatte mal einen Millionärsnachbar, der ganz kurzzeitig ein sehr sehr teures Auto fuhr - das hat ihm keine Anerkennung im Hood eingebracht, nur von irgendwelchen Prolls, die mal am Haus vorbeizogen - dann fuhr er wieder Rad. Für mich übrigens sehr Schwabing: haste Geld, zeigst es nicht, keiner fragt. - Aber soweit die angesprochene Gesellschaftsanaylse: es ist schon oft da. Schwabing hoid.

Aber ich bleib dabei: DAS ist nicht die G'schicht. Und irgendein Typ, der Proll-Attitüden an den Tag legt, um dazu zu gehören, hat das nicht verstanden. Was ich aber nicht verstanden habe: Hat dieser Basti in Schwabing gelebt? - Es ist die Rede von einem Haus, das neu eingerichtet wurde. Wo war das und warum hat man das nicht hinterfragt. Was ich auch nicht verstehe: welche Rolle hat seine Frau gespielt? War sie Teil des Betrugs oder selbst Betrogene? Letzteres ja offensichtlich, wie die Dokumentation in einem Nebensatz klar macht. Da fehlen mir, rein journalistisch betrachtet, auch noch ein paar Antworten.

Die Dokumentation ist in der Mediathek noch bis 29.8.2018


Neues von der Else Kling

oder auch: des is doch mir alles wurscht (also den anderen)

Und weil mir nicht alles wurscht ist, mutiere ich regelmäßig zur Else Kling. Ohne Kittelschürze versteht sich.

Da man sich aber auf ein Spezialthema spezialisieren muss, ist mein Spezialthema im Haus der Müll. Ich sehe zwar durchaus noch andere Potentiale, aber solange dieses Thema nicht durch ist, setze ich meinen Focus, weil ich will ja nicht hauptberuflich unbezahlte Hausmeisterin werden, so fühle ich mich ja eh manchmal schon. Ich sag's Ihnen: das Thema Müll in einem Mehrfamilienhaus... Da kommt man an Punkte, bei denen man sich fragt... Aber die Hausverwaltung sagt, das sei überall so. Da frag ich mich auch...

Wertstoffhof? - Ach, da muss ich ja erst hinfahren. Das entsorge ich doch lieber im Restmüll. Oder ich stell es im öffentlichen Bereich ab, wo es dann so richtig versifft, aber sich keiner traut, wegzutun, weil es könnte ja Privateigentum sein.

Container? - Da muss ich ja erst 50 Meter über die Straße gehen. Dabei könnte man da ja auch seinen Wertstoffmüll abladen, jedenfalls sieht es so aus dort.

Und wenn dann alles da ist, wo es sein sollte, sagt die Müllabfuhr: nein, also die Tonnen bringen wir nicht auf die Straße - weil da stehen ja Räder im Durchgang. Die nirgendwo anders stehen können, weil die Stadt München ja eine Verordnung hat, wieviele Radstellplätze zur Verfügung zu stellen sind. Und eine weitere Verordnung hat, dass man die nicht einfach im Hof abstellen kann, weil da eine Spielfläche ausgewiesen ist. Aber der Durchgang zwischen Rädern und Wand zu schmal ist - und als Spielfläche würde das auch nicht durchgehen. Also sagt die Müllabfuhr: wir leeren die Tonnen nicht. Es sei denn, ihr stellt sie raus. Und der Hausmeister sagt: also wenn ich sie rausstellen soll, will ich das dreifache meines Monatsgehalts - weil wir sind ja in München. Und für Müll bin ich nicht zuständig.

Und dann diskutierst du noch mit jemanden, ob man nicht das ganze runterleveln könnte: wir zahlen das doppelte  und die Tonnen fahren wir selbst rein. Und derjenige, der diesbezüglich erfahrener und desillusionierter ist als du, sagt nur: der Depp bist du.

Und er hatte Recht. Weil der Hausmeister sagt: ich rechne das zwar ab, aber machen tu ich es nicht. Der Rest der Hauses sagt: des ist doch mir wurscht. Und die einzige, die die Mülltonnen wieder reinbringt, nachdem sie die halbe Woche abgewartet hat, ob es jemand macht, bin ich.

Und dazwischen gehen die Mitbewohner halt vors Haus, um ihren Müll zu entsorgen. Oder schmeißen die Tüten dahin, wo die Müllltonne stehen sollte. Weil irgendjemand kümmert sich schon. Werd ich auch wieder Mieter, weil dann ist mir alle egal? Wobei mir das auch als Mieter nicht war. Ich hab immer den Standpunkt gehabt: wir leben hier zusammen. Das ist unser Haus. Lasst uns gemeinsam schauen, dass es so läuft, dass es für uns alle gut ist.

Aber das ist ja allen völlig wurscht. Den einen, weil es ihnen wirklich wurscht ist. Den anderen, und das finde ich völlig absurd, weil sie sagen, ich bin ja hier nur Mieter. Ja und? Ist eine Hausgemeinschaft, die nur aus Mietern besteht, mehr wert als eine die sowohl als auch? - Fakt ist: wir leben hier zusammen. Und wir wollen gut zusammen leben. Davon gehe ich jedenfalls aus. Aber ich hab immer mehr das Gefühl, das mein nur ich.


Ein eigenes Bad ist keine Luxussanierung

Arme Mieter gegen böse Vermieter. Super Geschichte, läuft in München. Drohende Luxussanierung. Noch bessere Geschichte. Aber erzählen wir die Geschichte doch mal anders.

Es gibt ein völlig marodes Haus, von denen es übrigens in München noch viele gibt, bei dem die notwendigen Instandhaltungsmaßnahmen seit Jahrzehnten unterblieben. Ich mein: Gemeinschaftsklo, kein eigenes Bad. Das ist seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts nicht mehr Standard. Aber machen wir uns nichts vor, davon gibt es noch diverse Häuser in München. Und seit etwa 20 bis 30 Jahren sterben eben jene Vermieter, die sich nie drum gekümmert haben, weg. Die haben sich aber weder um ihre Häuser groß gekümmert, noch um die Erbfolge. Das waren oft einfache Leut, die unten ihre Werkstatt drin hatten oder ihren Laden, die das so schon von der Generation davor übernommen hatten. Ein Mietshaus in München zu haben, war lange Zeit nichts besonderes. Das hat dem Bäcker gehört, der seinen Laden da hatte. Dem Schreiner mit seiner Werkstatt. Und einen Generationswechsel ging das gut.

Und jetzt, vielmehr seit Jahrzehnten, haben wir den zweiten. Und es gehört viel dazu, das dann erhalten und auf neuesten Stand - am besten noch sozialverträglich - bringen zu wollen. Da hast in der Regel noch eine Erbschaftsgemeinschaft, in der es reicht, wenn auch nur einer ausscheert und sich auszahlen lassen möchte - dann ist es eh vorbei. Aber gehen wir mal vom Idealfall aus: die Erben wollen erhalten. Sogar nach der Erbschaftssteuer - die sie im übrigen nur bezahlen können, wenn sie selbst vermögend sind oder darauf setzen, dass das Ganze ein Ding ist für ihre Kinder oder Enkelgeneration. Und dann kommt das Gutachten, die Sanierungskosten betreffend. - Da sagt fast jeder: Nein. Plus der Ärger mit den Mietern und den Medien? Nein. Nein. Nein.

Das ist hart für die Mieter. Heute noch viel mehr als vor 20 Jahren. Aber sind wir doch mal ehrlich: Können wir alle nachvollziehen, oder? Mir hat mehr als ein Nochnicht-aber-Nachfolge-Eigentümer gesagt: Ich werde mir das nicht zahlen können. Andere leben mit einem Berg Schulden obwohl sie eigentlich vermögend wären. Es gehört viel dazu, das dann durchzuziehen. Es gehört auch ein Generationendenken dazu, strategisches Denken, ein guter Berater in steuerlichen Fragen. Ich verstehe jeden, der davor kapituliert.

Und jetzt - sehr unpopulär: ich halte tatsächlich die Umwandlung für die beste aller Lösungen. Nach weiträumigen Erhaltungssatzungsgebieten augeschlossen. Aber ist es soviel besser einen Miethai auf die Mieter loszulassen? - Achtung: wir haben hier eine zum Teil rückblickende Darstellung

Das Problem sind ja die Geier, die bei allen jetzt möglichenVarianten lauern.

Bei einer Umwandlung mit Vorkaufsrecht haben die, die wohnen eine Möglichkeit, dort wohnen zu bleiben. Ansonsten kommt ein Investor, investiert, setzt die Mieten hoch und schaut nach zehn Jahren, ob all die Mieterhöhungen was gebracht haben und sich das Investment lohnt. Wenn nicht, stoßen wir es ab. Nach zehn Jahren kein Problem. Dann fällt ja auch die Spekulationssteuer weg. Und dann kann immer noch umgewandelt werden - nur die ursprünglichen Mieter und potentiellen Käufer werden sich das nicht mehr leisten können.

Das Geierproblem lauert aber zugegebenermaßen auch bei einer Umwandlung. Die, die sowohl Mieter wie auch Einzelkäufer übers Ohr hauen. Weil, liebe ungläubigen Leser, gearscht sind tatsächlich beide. Und deswegen haben auch (in diesem Fall zu Recht) zu wenig Mieter vom Vorkaufsrecht Gebrauch zu machen. Eigentlich geht es darum, diese Geier einzudämmen. Das sind die, die in dem Umwandlungsprozess fünf mal völlig legal ihre Form und ihren Namen ändern bis sie für nichts mehr haftbar gemacht werden können. Aber das machen sie auch, wenn sie das ganze Objekt behalten und dann nach zehn Jahren steueroptimiert es weiterverscherbeln. Dann haben weder Mieter noch potentielle, da will ich wohnen Neu-Eigentümer eine Chance.

Das Problem liegt in der Struktur. Der Eigennutzer einer Wohnung ist nicht - und darf es nicht sein - das Problem. Eigentlich sind Eigenutzer gut: sie sagen nicht "leck mich irgendwo, interessiert mich nicht". Und eigentlich ist so ein Einzelvermieter, mit dem man reden kann, wahrscheinlich auch nicht das verkehrteste. Gut, der beste aller Vermieter ist sicherlich der gute alte Eigentümer, dem ein ganzes Haus gehört. Aber die wie gesagt, sterben weg. Und wenn sie nicht verantwortungsvoll zur rechten Zeit mit ihrem Eigentum umgegangen sind (was nicht immer im Sinn des aktuellen Mieters gewesen wäre und wäre, sondern zukunftsplanerisch) und steueroptimiert für die Erbengeneration, dann bleibt nur der Verkauf. Das Thema ist in München noch lange nicht durch.


Rant eines Radlers gegen Radler

In meinem Großstadtumfeld, gar nicht so sehr in meinem ganz persönlichen viel mehr in meinem beobachteten, ist ja der Autofahrer der Teufel schlechthin. In der Höllenhierarchie der SUV-Fahrer quasi der Oberteufel. Mit zunehmener Aggressionstendenz. Jetzt beweg ich mich normalerweise mit dem Rad durch die Stadt - alternativ als Fußgänger oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln und aufs Auto steig ich nur um, wenn es wirklich sein muss - weil ehrlich gesagt, stresst mich das am meisten. Das liegt aber nur ganz bedingt an den anderen Autofahrern. Das liegt an den Radlern und Fußgängern. Letztere, die ohne von ihrem Smartphone aufzuschauen, die Straße überqueren, über rote Ampeln gehen (mach ich als Fußgänger auch - wenn ich mich vergewissert habe, dass KEIN Auto in der Nähe ist). Radfahrer, die alle Verkehrsregeln ignorieren. Die, wenn ich den Blinker zum einparken setze, zwischen mir und der Parklücke durchfahren. Das schlimmste war letztens eine Radlerin (mit Kind!), die sich zwischen mir und parkenden Autos vorbeigeschoben hat, als ich einem anderen Auto die Möglichkeit gab, aus einer Einfahrt rauszufahren.

Manchmal ist es ganz heilsam Auto zu fahren, um auch wieder einen anderen Blick auf das Verkehrsgeschehen zu bekommen. Ich habe als Radfahrer nicht Vorfahrt - vor allem nicht, wenn ich auf der falschen Straßenseite fahre. Weil mich ein Autofahrer einfach vielleicht nicht sieht. Ich hab auch als Radfahrer nicht Vorfahrt auf dem Bürgersteig. Da fahr ich hinter den Fußgängern her und wenn sie zu langsam gehen, dann steige ich ab. Und wenn mich jemand vorbeilässt, sage ich "danke". Das ist unabhängig von Verkehrserziehung Erziehung. Was jetzt kein Freibrief für Fußgänger ist, sich auf dem Radweg zu bewegen und sich nicht wegbewegen zu lassen.

 Ich persönlich glaube ja, dass die Aufhebung von Radwegen. Die Aufhebung von Einbahnstraßenregelungen für Radler. Genau das Gegenteil bewirkt hat, was es sollte. Was sollte es denn bewirken? Wenn jeder seinen Weg hat, sorgt das für Sicherheit. Ich fahr als Radler lieber auf einem Radweg. Und wenn ich früher im Uni-Viertel gegen die Einbahnstraße gefahren bin, hab ich total aufgepasst - weil ich war ja nicht im Recht - und hab einem Autofahrer noch ein "Sorry" entgegengeworfen. Da hat auch keiner aggressiv auf mich reagiert. Eine Zone für alle Verkehrsteilnehmer funktioniert nicht. Es fühlt sich damit nämlich jeder im Recht. Und Rücksichtnahme gibt es nicht mehr.

Auch kürzlich in der Barerstraße: zwei Radlerinnen im Schritttempo nebeneinander - zur Hauptverkehrszeit. Dass es da Trambahnen, Autos, andere Radfahrer gibt. Egal. Kein Hirn für a Fünferl. Aber wehe, ein Auto hätte sie geschnitten beim Überholen. Ui, böser Autofahrer. Ich war mit meiner Rennrad-Gazelle hinter ihnen und musste sie leider fürcherlich auf bairisch beschimpfen.

Und um zum Ausgangspunkt zurückzukehren: das mir gehört die Straße-Prinzip kommt ja gar nicht von den teuren Autos. Ganz böse sind die 3er BMWs mit Fahrern aus der zweiten Einwandergeneration (ist das politisch korrekt ausgedrückt?), Fahrer mit auswärtigen Kennzeichen aus dem nährern Umland oder Kleinwagenfahrer, die überfordert sind. In ebendieser absteigenden Reihenfolge hatte ich die letzten Jahre als Radler meine Probleme. Und dann erst kam die PS-Protzkarre. Aber vielleicht bin ich auch voreingenommen, denn in meinem städtischen Umfeld fahren die meisten PS-Protzkarrenbesitzer auch in der Regel Rad. Und zwischen beiden Vekehrsmitteln zu wechseln, ist bekanntlich hilfreich für das gegenseitige Verständnis...


Schwabinger Neuherbstgeschichten

Mit mehr oder weniger großen Getöns haben sich über den Sommer hier einige Veränderungen angedeutet oder auch schon vollzogen. Das größte Getöns hat das ehemalige Café Schwabing, das dann ja Brasserie hieß, gemacht. Die Brasserie war ja nix, was mich sehr gereizt hätte, wobei das Café Schwabing am Ende seinen Zenit auch mehr als überschritten hatte. Also ein neuer Versuch. Der Neuhauser will jetzt da einziehen. Er nennt sich hoffentlich dann wenigstens Schwabinger. Ich weiß, dass der Neuhauser in Neuhausen ganz beliebt ist - insbesondere wegen seiner Pizzen. Aber gute Pizzen bekommt man ja in Schwabing durchaus. Mal schauen, was er draus macht.

Apropos Pizzen: ohne großes Gedöns zugemacht hat anscheinend das Golden Twenties. Oder macht das nach der Hausrenovierung doch wieder auf? Das war mal richtig was. Aber vielleicht ist die Zeit vorbei?

Am Elisabethmarkt hat Susa endgültig zugemacht - nein, lag natürlich nicht am Stand oder der gewachsenen Konkurrenz drumrum. Und das Milchhäusl war lange geschlossen - und was der neue besser macht als der alte kann ich noch nicht sagen, weil bis jetzt immer alle Plätze belegt waren. Also irgendwas muss es sein.

Dafür hat gegenüber vom Elisabethmarkt eine Filiale von Dinatale aufgemacht (ja, schon vor einer Weile). Und das ist doch wirklich ein Gewinn.

An der Bauer Ecke Nordend und schräg gegenüber gibt es auch was neues. Aber die Elektrisierung lässt noch auf sich warten, wie auch das Bedauern über einen Verlust.

Und wenn ich jetzt meine Runde wieder am Kurfürstenplatz beende - da hat ja gegenüber des Café Schwabings auch der SFC zugemacht. Überraschend geräuscharm. Und ich geb zu, die erste Reaktion meinerseits war: egal. Coffeeshops braucht doch eh keiner. Als ich aber jetzt gesehen habe, was da reinkommt, will ich sofort einen Coffeeshop wiederhaben. Ein Rewe to go. Was in München tatsächlich keiner braucht. Einmal die Schwabing zugepflastert mit Rewe. Nicht dass einer davon wirklich gut wäre - ich staune ja immer, wenn ich woanders in einen richtig gut sortierten Rewe komme. Aber ein to go? In München? Mit den Münchner Ladenschlussgesetzen? Aus Düsseldorf kenn ich das als: Fertigessen und Trinken - besonders nach Geschäftsschluss und am Sonntag, aber nicht die typischen Supermarktprodukte. Also den Bedarf seh ich an dieser Ecke nicht. Und es wieder ein gesichtsloses Irgendwas.

Auf der anderen Seite: den Kurfürstenplatz bekommt man eh nicht schön. Das wird auch der Neuhauser Schwabinger meines Erachtens noch merken. Da was hinzusetzen, was weder abgehoben noch Boazn ist, Herausforderung. Viel Erfolg.


Hört mir mal wieder auf mit dem Gentrifizierungmist

Ach, mal wieder ein Lärmtag gegen Gentrifizierung. Erfunden von den Gentrifiezierern. Weil der ganzen Blosn von jungen Hipstern geht es ja nicht darum, dass tatsächlich die alten Münchner Verhältnisse bewahrt bleiben - da wären sie ja ebenso unerwünscht wie die neuzugezogenen Geldigen. Es geht um ihren persönlichen Wohnraum. Und ob für ihren persönlichen Wohnraum eine Oma weggezogen ist, ist ihnen total egal. Der Unterschied zu den sogenannten Gentrifiezieren - die sanieren. Und das ist nicht per se schlecht. Und damit kommen wir, überraschend schnell, auf den Punkt: bestehende Substanz muss erhalten werden und dafür braucht es Geld. Und deshalb ist es auch nicht per se schlecht, wenn irgendwas umgewandelt wird, weil die, die sich darauf einlassen, sich in der Regel auf das Gesamtpaket einlassen. Die wollen das so. Auf die könnt ihr Hipster sauer sein, weil sie euch den billigen Wohnraum wegnehmen - aber die Oma, die schon immer da gewohnt hat, wird weiter da wohnen, weil die hat im Gegensatz zu Euch Bestandsschutz. Mein persönliches Schnappatmungserlebnis hab ich ja immer dann (schon immer - immer noch) bei Neubauwohnungen in Baulücken, wo ich mir immer die Frage stelle: wer soll das bezahlen? wer ist die Zielgruppe? fühlen die sich ein in ein Viertel? Aber denen seid ihr ja egal. Und mein Eindruck, und das nervt mich, Euch geht es auch nicht um die. Euch geht es um Euch und um nichts anderes. Mir geht es darum, dass aus jetzt meiner Wohnung niemand aus seiner Wohnung rausgetrieben wurde. Dass um mich herum, die kleinen Läden und Werkstätten überleben - auch indem ich dort einkaufe. Ich will, dass die alten Nachbarn im Haus oder gegenüber nicht aus ihrem gewohnten Wohnraum vertrieben werden. - Und wenn sie mal wegsterben, brauch ich ehrlich gesagt, auch keinen lärmenden Hipster, sondern jemanden, der hier leben will, sich in eine Gemeinschaft einfügen will - weil Veränderung gibt es. Die eigentliche Frage ist: wie.


An Schmaaz halten

Ich hab mich heute durch München geplaudert. Oder gschmaazt auf gut bairisch. Dabei war ich nicht einmal auf dem Markt, wo an Schmaaz halten zum guten Ton gehört, sonst ist man irgendwie fehl am Platz. Ich hab auch sonst nichts besonders gemacht. Aber mit dem Nachbarn geredet, mit der griechischen Wirtin von nebenan, mit einer alten Dame in der Schlange vor mir, mit einer anderen im Supermarkt, ausgiebigst mit der Verkäuferin in der Parfümerie (die glaub ich grad eine neue Stammkundin gewonnen hat), mit der Friseurin bei der Terminvereinbarung, die mir dann gleich noch ein Produkt empfohlen hat (bekommen Sie in jedem Drogeriemarkt), in der Wäscherei, mit jemanden auf der Straße und am Ende sagte auch die Supermarktkassiererin: Man kann ja miteinander reden.

Mein München hat sich heute mal wieder von so einer entspannten, lässigen Seite gezeigt, als wollte es mir sagen - Willkommen daheim.

Der Münchner ist nämlich lange nicht so maulfaul, wie man gemeinhin vermutet - wobei diese Vermutung wahrscheinlich von Menschen geäußert wird, die außer den überlaufenen Innenstadtgaststätten nichts von München kennen. Wobei das durchaus von Stadtteil zu Stadtteil variiert, denn der Schwabinger ist, wie schon festgestellt, bedeutend offener gegenüber anderen Menschen als beispielsweise der Neuhauser, also der gebürtige.

Und so ähnlich verhält es sich auch in Heinerland. Ein Heiner erkennt den anderen möglicherweise an der Nasenspitze und vielleicht ist er diesem gegenüber offener. Aber so einer Fremden gegenüber... Setz dich mal in München mit den einleitenden Worten "darf ich?" neben eine ältere Dame in der Tram - das machst du nicht, wenn du kein Gespräch führen willst. Gestern kam nicht mal ein: Bitte oder selbstverständlich. Fliehe mal in München bei einem Platzregen von draußen in ein Café - da hast du mit mindestens einem der anderen Gäste mindestens drei Worte gewechselt und mit der Bedienung. - Nada. Nicht mal bei der Fußplege ließ sich die Fußpflegerin ein Gespräch aus der Nase ziehen (ich gehe seit 2001 zur Fußpflege - das war sehr ungewohnt), dafür haben sie und die Chefin mit einer Stammkundin gescherzt als meine Nägel trockneten... Und kleine Läden im Viertel, die ja die Basis für den täglichen Ratsch sind, die gibt's halt nicht.

Und da ich mich, so denke ich, auch nicht anders verhalte als dort und vor allem auch dort nicht anders verhalte als bei meinen Gastaufenthalten in Düsseldorf die letzten beiden Jahre, sag ich mal - an mir liegt's nicht. Oder von der anderen Seite aus betrachtet: doch?


Metropole München?

Die Süddeutsche brachte ja eine Geschichte mit dem Tenor: Mehr Mut zur Großstadt. Urbanität. Wachstum ist toll.  - Ich muss sagen, ich habe gestaunt. Immerhin ist es diesselbe Süddeutsche, die jedesmal aufheult, wenn ein Viertel gentrifiziert wird, die Mieten steigen, die quasi Alteingesessenen vertrieben werden (das sind dann in der Regel die SZ-Redakteure, die vor fünf Jahren irgendwo hingeszogen sind), eine Boazn zumacht etcpp. Ja Himmelhergottnocheinmal, was glaubt ihr eigentlich, was Großstadt heißt? Vorallem in München, wo der Platz nachweislich begrenzt ist? Und wenn die Gartenviertel zugebaut werden, wer schreit denn als erster? Und jeder bis jetzt noch grüne Innenhof in der Stadt, soll der zu Bauland ausgewiesen werden? Wird ja eh alles zubetoniert...

Das Bekenntnis zur Großstadt heißt, liebe Süddeutsche: steigende Mieten, vorallem in den attraktiven Vierteln. Es heißt unattraktive Hochhausviertel in der Peripherie. Es heißt noch mehr Stau, noch mehr Verkehrskollaps auf allen Ebenen. Es heißt soziale Spannungen. Den Versuch, ein Stück München zu bewahren, ist nicht der verkehrteste.

Und ich red jetzt nicht vom 80er Jahre München vom Pumuckl, Monaco Franze, der Hausmeisterin oder Zur Freiheit. Das beschwört ihr ganz gern - aber die Zeiten sind lang vorbei. Und ich red auch nicht von Erhaltungssatzungsgebieten, weil die dienen vor allem dazu, den kleinen Eigentümern Steine in den Weg zu werfen, weil an die großen kommt man ja eh nicht ran (die Zusammenlegung zweier Wohnung muss unterbunden werden, weil zu goß. Hauptsache, der Bezirksausschuss hat was zu tun und übersieht dabei geflissentlich die Entmietung eines oder mehrer Häuser). Es kann sein, dass es ohne die Erhaltungssatzung noch ganz anders aussähe - aber eine Forderung zu Bekenntnis zur Metropole ohne gegen die Mimimi-Einstellung, München darf sein Gesicht nicht verlieren, bedeutet: Erhaltungssatzung über Bord.

München verändert sich. In den letzten Jahren schneller als in den Jahrzehnten davor. Die Stadtpolitik hinkt sowas von hintennach - keine Frage. Was mich aber wundert, dass so manche Dinge überhaupt nicht hinterfragt werden...

Wir haben hier in München den ein oder anderen Großkonzern. Das wird nach Bedarf hochgejubelt oder beseufzt. Weil so Konzernheadheadquarters haben ja die klassiche Gutverdienerklientel, die dann auch Gutverdienerwohnraum für sich beanspruchen. Ich sag nur: Gentrifizierung...

Aber den Konzernen wollen wir ja nichts böses. Und einem ganz besonders nicht: den Bayerischen Motorenwerken. Nicht falsch verstehen, die Autos sind toll. Hier gibt es gerade einen doppelten intensiven Flirt mit zwei Modellen. Aber auf was ich rauswill: nördlich des Frankfurter Rings ist eine Stadt in der Stadt. Und das wird nie hinterfragt. Weder von der Stadt noch von den Medien. Diese BMW-Stadt wächst und wächst - und keiner sagt mal, könnte man davon nicht irgendwas an einen anderen Standort verlegen? Dingolfing ist auch nicht weit... Das ist so viel mehr als ein Headquarter von einem Dax-Konzern. Und wer nicht weiß, wovon ich rede, dem empfehle ich mal eine Fahrt (oberirdisch, gerne mit einem BMW) durch den Münchner Norden.

Und danach reden wir nochmal über Wohnraum, über Aufstockung von Bestandsbauten, über Verdichtung, über Großstädtifizierung... 


Schwabing is a G'fühl, gell

Sie saß da und fand es einfach toll in Schwabing zu sein, unter all diesen Leuten, die es auch toll fanden in Schwabing zu sein. Weil aus Schwabing war kaum einer. Und deswegen schien es auch so als ob ein "Monaco Franze Reloaded" gegeben würde - weil das ja immerhin ein Bild ist, das die meisten mit Schwabing verbinden. Ist halt schon ein bisserl her. Aber ein bisserl was geht immer.

Und so saß sie dann da und fand ihre Begleitung in seinem schlecht sitzenden Trachtenblazer auch ganz besonders charmant, weil er tatsächlich gefragt hatte, ob er ihr auch noch was bringen könnte, als er sich ein Getränk holte. Das war dann das erste Mal als ich mich mit Bosheit nicht ganz beherrschen konnte, als ich antwortete, das sei schon nett von ihrem Begleiter - aber irgendwie auch selbstverständlich, jedenfalls bei den Menschen, die ich kenne. Großer Kulleraugenblick. Und auch die zweite Begleitung des schlecht sitzenden Trachtenjackets aus Starnberg hatte keine Ahnung, was ich meinen könnte. Aber hey, wir sind in Schwabing, wir müssen wenigstens so tun, als wären wir wichtig und schön und unter Drogen...

War vielleicht früher mal so und halte ich auch da für ein Gerücht. Aber wir sind in Schwabing und deshalb werfen wir alles, was wir aus dem Monaco Franze und der Spider Murphy Gang wissen zusammen und dann wissen wir auch, wie wir uns zu geben haben, dass wir als echte Schwabinger durchgehen.

Ja.

Blöd nur Mädel, wenn du dir dann erklären lassen musst, wie du aus Schwabing mit der S-Bahn zum Stadtrand kommst, weil du eben nicht nur nicht aus Schwabing kommst, sondern auch nicht die Kohle hast, die du so gern hättest, um dir ein Taxi dahin zu nehmen. Und mein Ausschnitt war nicht so tief und meine Haut ist nicht so böse sonnenbank verbrannt, meine Fingernägel waren nicht so frisch gemacht, mein Kleid war nicht so eng, weil ich hab ne Jeans angehabt - aber im Gegensatz zu dir und deinen Freundinnen, die Schwabingerinnen gespielt haben - ich bin zu Fuß heimgegangen. Bussi!


Hundsdrecksblues reloaded

Der Söllner Hans ist scho lang nimmer in Schwabing spazieren gegangen. Aber ich bin mir sicher, auch wenn er heute nicht mehr in die Hundehaufen reinsteigen würde, er würde sich ebenso aufregen wie ich. Kreizkruzifix, Ihr depperten Hundebesitzer, wer hat Euch eigentlich ins Hirn geschissen? Da sammelt ihr die Kacke von Euren Kötern zwar brav auf - um dann die roten Sackerl in die Gegend zu schmeißen. Geht's eigentlich noch? Glaubt Ihr, das macht irgendwas besser? Die Stadtreinigung machts dann schon weg. Irgendwann mal.

Ich mein, ich geb ja zu, es ist nicht hilfreich, dass die Stadt München vor einigen Jahren beschlossen hat, alle Mülleimer abzubauen. Was dazu führt, dass halt die Leut ALLES irgendwohin werfen. Weil's wurscht is. Schmeißen die Leut ihren Dreck auch vor die eigene Haustür oder gehen sie dafür eine Straße weiter? Und schmeißt den Dreck doch bitte auch mal ein paar Stadträten oder Stadtteilpolitikern vor die Tür - vielleicht stellt auch jemand den Antrag, mal wieder einen Mülleimer aufzubauen.

Ernsthaft: beides geht nicht. Der Verzicht auf Mülleimer geht nicht - liebe Stadt München, Du findest doch Wien so toll. Lass Dir sagen, da gibt es an jeder Ecke einen Mülleimer. Mit Aschenbecher. Da ist es aufgeräumt - da schmeißt auch keiner seine Kippen auf die Straße.

Das ist aber keine Entschuldigung für Menschen, die ihr Zeug einfach wegwerfen. Das ist ein Verhalten, das ich nicht verstehe. Und am schlimmsten sind die roten Hundekackebeutel. Da bin ich kurz davor, wenn mal wieder fünf unten am Grünstreifen rumliegen, die einzusammeln, auf dem Balkon zu deponieren - und der oder die nächste, die ich dabei beobachte, dass sie die Scheiße ihres Köters verpackt entsorgen, bekommt genau so einen ans Hirn.


Keine Friedenspfeife mit rosa Wölkchen

Da ging er jetzt vor mir. Breit wie ein Schrank, der Körper in seinen Augen garantiert ein Schmuckstück, das entsprechend mit Tatoos verziert war und alles in allem eine Erscheinung, die ein "hey, Alter" erwarten ließe, wenn er den Mund aufmacht. Und er machte den Mund auf und rauskam ein zuckersüßer Erdbeerschaumbadaroma-Kaugummi-Drogeriemarktduftkerzen Etwas, das mich einnebelte. Bei E-Zigaretten entdecken auch die härtesten Kerle ihre Kleinmädchenhafte Seite. Und die zartesten Frauen den Darth Vader in sich. 

Und das soll jetzt besser sein? Damit werden Nichtraucher weniger belästigt? Für meinen Geschmack sind die penetranten Düfte eine echte Zumutung. Und dass es Lokale gibt, die das zulassen ist doch verwunderlich. Das Zeug gibts ja auch duftfrei, aber Aromarauch im Speiselokal ist keinen Millimeter besser als Zigarettenrauch. Vor allem, da die E-Smoker eben nicht mal eine rauchen und dann ist es wieder eine Weile gut, nein da wird ja dauergenuckelt. Aromaschnuller für Erwachsene, das wär es. Ich bin überzeugt, da gibts einen Markt dafür...


Münchner Realität

Was ist denn das für eine polemische Frage von der SZ? Ob es jemanden in der Redaktion gibt, der gerne mit Etagen-Klo wohnt? Wobei der Stadtratsbeschluss ja tatsächlich mehrere Fragen offen lässt. Die dringendste: Wieso gelten für die Stadt andere Regeln als für private Bauherren? Will man ein Dachgeschoss in einem schon bestehenden Mietshaus ausbauen, muss man einen Parkplatz nachweisen (oder eine Ablöse zahlen). Bei einem Neubau, wo es die Möglichkeit gäbe, Parkplätze zu schaffen, wird auf den Bau einer Tiefgarage verzichtet. Grün träumt vielleicht von einer autofreien Stadt, aber das ist nicht die Realität. Oder dürfen nur Mieter einziehen, die nachweisen können, kein Auto zu besitzen - und sich keines anzuschaffen? Und wieso gehört ein Aufzug zum allgemeinen Standard und ist gleichzeitig in einem Erhaltungssatzungsgebiet ein Indix für eine Luxussanierung? Selbes gilt auch für neue Balkone.

Achso, ist ja keine Sanierung. Ist ja ein Neubau.

In der Süddeutschen las ich auch vor einigen Tagen, es sei ja schlimm, dass inzwischen schon Häuser aus den 70er Jahren sanierungsgefährdet seien. Sanierungsgefährdet. Nach 40 Jahren sind Dächer und Fenster halt fällig. Und im Stadtbild gibt es genügend alte Häuser, die offensichtlich so sanierungsgefährdet sind, dass sie wahrscheinlich irgendwann nicht mehr sanierbar sind. Aber macht ja anscheinend nichts, stellen wir halt dann was neues hin.


München wählt

Zuerst die Abendzeitung, jetzt der Münchner Merkur - schon die zweite Homestory über OB-Kandidat Dieter Reiter. Das muss man schon mögen, die Presse ins Wohnzimmer zu lassen, auch wenn da sicher nichts böses geschrieben wird. Immerhin kann man sich so gut positionieren - auch gegenüber dem jetzigen OB, den er ja beerben will. Eine Mietwohnung am Harras ist da sicherlich bodenständiger als ein Haus am Kaiserplatz. Dass man da erst hingezogen ist aus dem Eigenheim im Münchner Süden, um sich überhaupt als OB-Kandidat aufstellen lassen zu können, geschenkt.

Es gibt aber auch so Punkte, da gilt es aufzupassen, denn die können schnell zu einer Steilvorlage für die anderen Kandidaten werden. So erfahren wir zwar, dass Frau Reiter seit Herbst ihre Arbeitszeit reduziert hat, um ihren Mann im Wahlkampf zu unterstützen, der Dieter aber nach wie vor hauptberuflich Wirtschaftsreferent und nicht Wahlkämpfer ist. Was seine Mitbewerberin Sabine Nallinger auf Twitter zu einer Klarstellung veranlasst hat

Dann sind wir ja mal gespannt auf Frau Nallingers Homestory und auf den Besuch beim Schmid Sepp. - Ich les ja sowas tatsächlich gern.

Und während sich die einen mit den potentiellen Oberbürgermeistern beschäftigen, gibt es bei der Süddeutschen schon mal einen Abgesang auf den Amtsinhaber.


OB-Wahlumfrage, die zweite

War ja klar: auch die CSU hat eine Umfrage in Auftrag gegeben. Nach der wiederum gibt es ein Kopf-an-Kopf-Rennen der Kandidaten. Was aber viel interessanter ist: die SPD verliert massiv an Stimmen für den Stadtrat. Ist das der Grund, weshalb die SPD die Ergebnisse ihrer Stadtratsumfrage gestern verschwieg?

Unser Noch-OB sorgt sich derweil um sein Lieblingschinarestaurant und möchte bei den Schrebergärtnern in guter Erinnerung bleiben. Der Vorruhestand lässt grüßen.

Aber erst einmal noch ein paar Stimmen zur ersten Umfrage


München wählt

Und die SPD hat eine Umfrage in Auftrag gegeben, nach der der Oberbürgermeisterkandidat der SPD die Wahl klar gewinnt. Da konnte besagter Oberbürgermeisterkandidat doch entspannt als amtierender Wiesnreferent zur Präsentation des diesjährigen Oktoberfest-Plakats gehen.

Reiter findet das Plakat "pfiffig".

Man könnte auch so sagen

# Eine pfiffige Idee hatte die SPD auch bei der Debatte um die Isar (die gefühlt 100.000). Da müssten jetzt "endlich(!) Sofortmaßnahmen" ergriffen werden. Ist ja sagenhaft, wer hat denn die letzten (gefühlt 100) Jahren hier regiert? Grad, dass sie nicht gesagt haben: wir wollten ja immer, aber die Staatsregierung hat verhindert, dass die Münchner Isar ein bürgernaher Fluss wird.

Ansonsten kann man sich jetzt auch die Wahlprogramme der Parteien mal anschauen - für den, der sich nicht nur auf sein Gefühl verlassen will. Da haben wir einmal, das "wir sind seit Jahrzehnten super"-Programm der Regierungspartei. Dann das "nein, wir haben hier nicht seit 24 Jahren mitregiert, jetzt auf jeden Fall machen wir alles neu"-Programm der Grünen. Stimmt, das ist ja eigentlich der Wahlkampf-Slogan der städtischen Hauptopposition CSU, die auch ein Wahlprogramm hat.

Ob Wahlumfragen anderer Parteien andere Kandidaten vorne sehen. Ob Frauenverbände oder die Rosa Liste das Wiesnplakat diskriminierend finden. Welche "jetzt aber machen wir mal"-Ideen die Parteien vor der Wahl noch haben. - Bleiben Sie dran, wenn es wieder heißt: München wählt.


Monaco am Morgen

Oder: Neuhausen und West-Schwabing sind unterschiedlicher als man denkt und Giesing und Schwabing sind nicht kompatibel

Früher habe ich ja meinen Espresso aus Italien importiert. Das fand ich irgendwie cool. Bis ich es irgendwie blöd fand, italienischen Espresso, den man auch hier in (fast) jedem Supermarkt kaufen kann, aus Italien ranzukarren. Abgesehen davon schmeckt frisch gemahlener Espresso einfach besser. Ja, frisch gemahlener - jeder Kapsel, Pad und sonstwie Trend geht hier spurlos vorbei. Es steht ausschließlich die Carmencita auf dem Herd.

So wirklich treu wie der Kanne war ich aber dann erst mal keinem Espresso. Bis ich irgendwann auf Fausto stieß. Eine kleine Kaffeerösterei aus Giesing. Fand ich schon von der Idee her toll. Den Espresso auch. Ab dann wurde der Espresso dann aus Giesing importiert - was von Neuhausen aus gesehen ungefähr genauso spleenig ist, wie ihn aus Italien zu importieren.

Nach dem Umzug hatte ich dann aber auch erst mal was anderes zu tun als extra nach Giesing zu fahren, um Espresso zu kaufen. Vor allem da das zugehörige Café dann plötzlich Sonntag geschlossen war. Also erst mal Schwabing ohne Monaco. Eigentlich unvorstellbar. Ein Lichtblick: die Boulangerie in der Bauerstraße führt Fausto.

Endlich daheim. Und dann die Erkenntnis: Schwabing ist nicht Neuhausen. Ob es an den Leitungen liegt, ob es am unterschiedlichen Kalkgehalt im Wasser liegt - mein Lieblingscaffè ist plötzlich bäh. Er hat so eine ganz unangenehme Spitze im Geschmack, die ich schon mal festgestellt hatte, als ich ihn als Mitbringsel mitgebracht hatte (Münchner Espresso!) und als Reaktion ein erstauntes "und das ist also dein Favorit?" erntete. Giesing und die gutbürgerliche Einfamilienhausgegend waren offensichtlich auch nicht kompatibel.

Dabei sind Herdkanne und Gasherd grundsätzlich die perfekte Kombi. Beim Elektroherd kann es schon mal zu heiß und damit bitter werden. Fehlt nur noch der perfekte Espresso. Dem Monaco bin ich treu geblieben - nur kommt er für mich inzwischen nicht mehr aus Giesing sondern aus der Dienerstraße. In der Innenstadt ist man ja von hier aus eh gleich.