Münchner Gschichten

Neuhausen und der Rest von München

Maximilian Buddenbohm zweifelt, ob das Leben jenseits seines Kiezes lebenswert ist und ruft Blogger auf, ihren Stadtteil zu beschreiben. Ich kann das gut verstehen - geht mir genauso. Auf jeden Fall haben sich jede Menge Hamburger Blogger aufgemacht, ihren Stadtteil zu beschreiben und das finde ich auch im Süden spannend. Die Welle ist ins Ruhrgebiet geschwappt (und hey, was weiß ich vom Pott). Und ich finde, auch München verdient es, dass hier mal die einen Klischees bestätigt und mit anderen aufgeräumt wird.

Also fangen wir an...

Mein Stadtteil war nie angesagt. Und das ist gut so, denn so blieb das Heuschreckenpartyvolk mit allen seinen Nebenwirkungen aus. So wurde der Stadtteil auch nicht gentrifiziert, sondern hat sich einfach verändert. Teuer ist es auch so geworden, auch wenn noch jede Menge unsaniert ist. Hier sind viele Mietshäuser noch in der Hand derselben Besitzerfamilie wie vor 100 Jahren, heute sind halt die Enkel und Urenkel die Hausbesitzer. Die Alteigesessenen kennen sich auch alle - so mein Gefühl. Es ist ein Dorf, in dem du erst angekommen bist, wenn dich jeder mit Namen kennt. Und eigentlich erst, wenn du auf dem Friedhof hier liegst. Der Winthirfriedhof ist einer der schönsten in München - aber das werden die meisten von uns nicht erleben. Hier gibt es erst nach dreißig Jahren ein Grab und dann auch nur vielleicht.

Ist vielleicht etwas morbide mit dem Ende anzufangen. Aber ich mag Friedhöfe. Zurück auf Anfang, es ist auch eine der bekannteren Geburtskliniken Münchens in Neuhausen, die Taxisklinik. Wie gut diese ist, kann ich bekannterweise jetzt nicht aus Erfahrung berichten.

Neuhausen ist nicht Neuhausen - denn eigentlich ist der Stadtteil mehrgeteilt. Der Mittlere Ring, die Nymphenburger Straße, die Leonrodstraße - all das schneidet den Stadtteil in mehrere Teile, die sich nicht so wirklich zu einem ganzen zusammenbringen lassen. Auf der einen Seite ist es mehr Penny, auf der anderen Seite mehr Bio-Markt. Auf der einen Seite mehr Boazn, auf der anderen mehr Restaurant. Grundsätzlich gilt: Wer an der Stadtautobahn oder im Neubaugebiet an der Bahnstrecke wohnt, ist nicht zu beneiden. In den Altbauten, die jeweils in der Mitte des Kiezes sind, wohnt es sich allerdings ganz angenehm.

Auch wenn von Genossenschaft bis Edel alles vertreten ist, sind die Wohnung doch in erster Linie der typische Nicht-Herrschaftliche-Beamtenaltbau der letzten Jahrhundertwende. Komischerweise meinen viele, dass auch wir hier luxussaniert leben - aber außen hui und innen Nachtspeicheröfen und Boiler. Und ich hab auch noch ganz anderes von innen gesehen. Also soviel zum Luxus.

Mein Neuhausen ist sehr grün, sehr bio, kinderreich - eigentlich leben hier die typischen Lohas mit dem für München typischen großen Wagen und dem etwas kleineren Zweitwagen vor der Tür. Was schon mal bedeutet: Parkplätze findet man keine. Wohnungen übrigens auch nicht.

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Ansonsten ist alles vorhanden hier. Viele Einzelhändler haben sich gehalten oder haben auch wieder neu aufgemacht. Die Neuhauser mögen Einzelhandel. Bäcker gibt es soviele, als würden wir von Brot allein leben - und so wird man hier sehr wählerisch: die Brezn bitte von dort, die Semmeln sind da am besten und für das Roggenbrot geh bitte dorthin. Und um Sonntags Kuchen zu holen, kommt eh halb München ins Ruffini.

Überhaupt gibt es hier jede Menge schöne Dinge zu kaufen: in Krimskramsläden, bei Muttisglück-Geschäften, in wunderbaren Blumengeschäften, in Buch- und Modeläden etc. pp. Wir haben großartige Restaurants wie das Broeding oder das Acetaia. Und viele sehr gute Restaurants und Kneipen, die nicht ganz so bekannt sind (und das soll auch so bleiben - wir wollen ja nicht zum In-Viertel werden). Im Sommer gibt es den Taxisgarten und das Dantebad, im Winter die Eisfläche am Nymphenburger Kanal. Und wenn man wirklich mal weg will, ist man mit dem Rad in zwanzig Minuten in Schwabing, in der Maxvorstadt oder in der Innenstadt.

Ich mag es, dass hier immer so ein bisschen was los ist. Dass man vor die Tür gehen kann und unter Menschen ist, mit jemanden auch mal einen Ratsch halten kann. Ich mag es, dass es hier jede Menge Kinder gibt, aber auch viele alte Menschen. Für mich ist das eine gute Mischung. Auch verschiedener sozialer Schichten. Die allerding bedroht ist, immerhin parken hier inzwischen auch Aston Martin und Bentley auf der Straße (geh nach Grünwald!). Weil Geld hat man in manchen Teilen Neuhausens nicht und in anderen wird nicht damit angegeben. Bis jetzt jedenfalls. Und bis jetzt hat das auch funktioniert.

Wobei das Gleichgewicht ins Wanken geraten könnte: Einerseits durch Sanierung und dadurch andere Bewohner in dem ein oder anderen Teil, andererseits dadurch, dass die Stadt im einzig herrschaftlichen Straßenzug Sozialwohnungen errichtet. Missgunst und Missachtung sind immer keine guten Vorraussetzungen des Zusammenlebens.

Ich mag Neuhausen. Kann mich ein Münchner Blogger davon überzeugen, dass auch andere Stadtteile lebenswert sind? Wie lebt es sich denn in Haidhausen, der Innenstadt, im Univiertel, ganz neu in der Maxvorstadt, in Schwabing-West oder in Sendling, in Denning, in Unterföhring und was ist mit Giesing - und all den anderen Stadtteilen, zu denen mir auf die Schnelle niemand eingefallen ist?

Mehr aus Neuhausen übrigens hier.


München Splitter II: Die Schrannenhalle

Mich würde ja dringend interessieren, wie die Betreiber und Standlbesitzer das so sehen. Ob sie ebenso ratlos sind wie ich, warum das Konzept der feinen Dinge nicht so richtig funktioniert. Vielleicht funktioniert es ja aber auch - und die Schranne war ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt leer, als ich durchschlenderte. Was sonst natürlich nicht passiert. Durchschlenderte, nicht einkaufte. Schon kommen wir zum Kern des Problems: Sie macht nicht an. Auf der einen Seite wird teure Exklusivität vermittelt, auf der anderen Seite sind dann ein Billig-Wohnaccessoires-Laden (der ja auch in den Fünfhöfen, einer weiteren Premiumlage ist) und die lila Kuh. Das geht in meinen Augen nicht wirklich mit Champagner zusammen. Und wo ist das speziell Münchnerische? Oder zumindest das Bayerische? Und das ginge auch deutlich über dem Touri-Ramsch-Niveau. Nein, Weltstadt-Klasse hat das nicht - und das Herz dabei fehlt auch.


München Splitter I: Gärtnerplatzviertel

Die Familien scheinen abgewandert aus dem Gärtnerplatz-Viertel. Irgendwie finden sich da nur noch Bars und Modeläden. Die Modeläden natürlich ganz entschieden Berlin-Mitte-Style. Die Bars auch, aber die waren tagsüber geschlossen. Aber alles, was die Latte-Macchiato-Muttis anmacht - Bio-Läden, kinderwagentaugliche Tagescafés, überhaupt Kinderläden - Fehlanzeige. Jetzt gehöre ich ja wirklich zu denen, die finden, dass sich ein Viertel auch verändern darf, aber das Gärtnerplatz scheint doch kaputt gentrifiziert. Das merkt man eben daran, dass die, die die Alten weitgehend weggetrieben haben, inzwischen auch schon die Flucht ergriffen haben. Das wird sich sicherlich alles wieder geben, aber bis dahin ist es ein langer Weg.

Mir ist einstweilen die Bar-Dichte zu hoch. Und wenn die Stadt München den Lärmpegel durch die Ballermann-Streetpartys eindämmen wollte, sollte sie vielleicht überlegen, ob jede der Kneipen auch wirklich "Bier to go" anbieten darf. Weil mit einem Bier und einer Kippe mit vielen Leuten draußen zu stehen, macht doch viel mehr Spaß als mit einem Bier drinnen oder einer Kippe draußen. (Aber mich fragt ja keiner...) Jetzt ist mir auch klar, warum Münchens Jugend im Winter immer rumläuft als ginge sie auf Polarexpedition.

Aber es gibt einen Grund, doch dorthin zu gehen. Also tagsüber. Garment hat seine München-Filiale dort aufgemacht. Isa schwärmt ja seit Jahren darüber und ich hab die Hamburger immer beneidet. Jetzt sag ich, gut, dass die München-Filiale in einem Viertel ist, in dem ich nicht zu oft bin. Eine Filiale in Neuhausen würde meinen Ruin bedeuten. - Ich glaub allerdings, dass Neuhausen oder Schwabing fast das bessere Plätzchen für die Hamburger wären. Aber mich hat ja keiner gefragt...


Es soll Schnee geben

Und, sind Sie schon wintergerüstet? Es soll ja Menschen geben, die pünktlich zur Wiesn die Winterreifen aufziehen. Es sind wahrscheinlich diesselben, die im August Wintermantel und Stiefel kaufen. Wobei da jegliches Größen und Kältegefühl fehlt. Wer schon einmal an einem heißen Augusttag in Helsinki eine Winterjacke gekauft hat, weiß das. Nicht bei allem, was nach Wärme aussieht, ist auch Wärme drin. Und ein Pullover ist dicker als ein Trägershirt.

Alle anderen machen dies morgen. Wenn es nämlich das erste Mal kalt geworden ist und der erste Schnee fällt. Viel Spaß in der Innenstadt an dieser Stelle. Die dritte und kleinste Gruppe hat gerade gekauft. Aus Notwendigkeit. Denn Massenansturm führt bei mir zu Panik und Platzangst - sofortige Fluchtreaktion. Was also zu keinem neuen Mantel führt und dazu, dass ich nehmen muss, was übrig bleibt und ich dann zwangsweise umso eher auf ein altes Problem reinfalle: ich kaufe zu groß. Also zwangsweise, weil die Größenauswahl nicht mehr vorhanden ist. Ansonsten gehe ich anscheinend davon aus, grundsätzlich eine Kleidergröße zuzulegen - und dann muss ja noch ein dicker Pulli drunter. Ich habe seit Jahren keine Kleidergröße mehr zugelegt. Weil dann würde mir ja außer dem Mantel nichts mehr passen. Und so laufe ich dann mit einem Teil rum, das aussieht wie von der großen Schwester oder als hätte ich gerade eine Diät hinter mir. Und ich bin jedesmal wieder versucht, auf die dicke Pulli Nummer reinzufallen. (Wenn ich nicht gerade auf die Trägershirt-Nummer reinfalle.)

Dabei will ich ganz sicher nicht wie ein Michelin-Männchen rumlaufen. Damit stehe ich allein da. Daunenmäntel sind ja nicht aufzuhalten und haben jeden anderen anständigen Mantel verdrängt. Die Alternative ist elegant frieren: "Ein herrliches Stück für den Stadtbummel, wenn sie dann aber auf den Christkindlmarkt gehen wollen, da wird ihnen zu kalt." Aha.

Ansonsten ist es mehr als schwierig, in einer Stadt, die sich noch vor wenigen Wochen als Inbegriff des Bayernbrauchtums gezeigt hat, zu finden, was es eigentlich überall geben sollte: einen Lodenmantel. Trägt man nicht? Nur über 60? Oder kauft ihn die Münchnerin, die nicht das dunkelgrüne Jagdmodell haben will in einem Geschäft in einem Ort in den (Vor)Alpen, wohin sie ja eh jedes Wochenende in ihrem SUV zum Zweitwohnsitz in den Bergen fährt? Das einzig in München auffindbare Modell habe ich ihnen diese Woche weggekauft meine Damen. Bei Daunen haben sie noch die große Auswahl.


Geschenkte Tage

Sonnentage im Oktober sind geschenkte Tage. Während man im Sommer die Sonne erwartet, sie dann zu heiß ist und man doch nur ermattet den Schatten sucht, ist die Oktobersonne ein Traum. Der Himmel ist klar und die Bäume werden bunt.

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Während sich auf dem Brauneck, die Wanderer auf die Füße treten, kann man auf dem Zwiesel noch seine Ruhe haben.

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Am Kleinhesseloher See

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Nymphenburger Schlosspark


Das erste Mal auf der Wiesn

Ich bin Karusell gefahren. Das ist erwähnenswert, weil ich mich grundsätzlich weigere Karusell zu fahren. Also für Menschen, die Karusellfahren hassen, ist das das richtige...

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Wir reden natürlich von der Märchenbahn im Vordergrund.Aber wer kann schon widerstehen, wenn eine kleine Hand die eigene nimmt und Richtung Karusell zieht: Fahren! Nochmal!

Zum ersten Mal auf der Wiesn - das ist wie Weihnachten und Geburtstag zusammen. Und das, wo dieses kleine Wesen noch nicht einmal weiß, jedenfalls so richtig, was Weihnachten und Geburtstag sind. Aber was das Oktoberfest ist, war ihr in dem Moment klar, als sie auf die Theresienwiese kam. Die Augen wurden groß und fingen an zu leuchten. Sie glauben ja gar nicht, was Dienstag morgen um 10 schon alles auf der Wiesn los ist. Bei weitem nicht so wenig, wie ich dachte. Und was es alles zu sehen gibt - ein Live-Wimmelbuch quasi.

Löwe! Tiger! Elefant! Gondel! Schneller! Schnell weg von der Geisterbahn... Aber Karusell und nochmal Karusell! Und nochmal... Hendl ist auch nicht schlecht - aber dann schnell weiter sonst droht der Mittagschlaf: Schau mal, die fliegen! Völlig aufgedreht. Im Himmel der Glückseligkeit sitzt sie mitten auf der Schaustellerstraße und löffelt konzentriert ein Schokoladeneis. Ehe sie mit einem Herz um den Hals in Richtung Mittagschlaf befördert wird. Um den habe ich sie beneidet.


Fast o'zapft is

Mit großer Freude stelle ich fest, dass in diesem Jahr das Oktoberfest nicht künstlich verlängert wird. Zwei Wochen reicht völlig. Jedem, außer vielleicht den Wiesn-Wirten. Obwohl ich ja fest entschlossen bin, dieses Jahr mal wieder rauszugehen. Aber das heißt noch nichts, denn im vergangenen Jahr bin ich sehr schnell von der Festwiese wieder geflohen. Ansonsten hoffe ich natürlich auf schönes Wiesn-Wetter - weil es einem erstens die öffentlichen Verkehrsmittel erspart und es zweitens auch schönes Bergwetter bedeutet...

Fahrt ins Blaue

Nicht, dass es auch nur im Entferntesten so aussähe, als wäre irgendjemand im Urlaub. So parkplatztechnisch zum Beispiel. Die goldene Augustregel ist außer Kraft gesetzt. Vielleicht sind auch alle, die noch vor kurzem gegen die dritte Startbahn gestimmt haben, mit dem Flugzeug verreist und dauerparken vor unserem Haus. Und auch sonst ist es nicht leerer geworden in der Stadt - im Gegenteil zu den Münchnern gesellen sich Millionen von Touristen, vorzugsweise Italiener. Und damit sind zwei weitere goldene Regeln außer Kraft: erstens, dass diese erst zur Wiesn kommen und zweitens dass die Ferragosto-Woche am Strand verbracht wird. Wenn aber alle in München sind, wieso sind dann die Autobahnen und Landstraßen so voll, dass man genervt in den nächsten Feldweg einbiegt?

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Und siehe da - die Fahrt führt ins menschenleere Blaue...


Drunt in der Au

Die Auer Dult mag man in München. Ebenso wie den Sommer Sigi und Karl Valentin, wie den Monaco Franze und die Paula vom Schlachthof. Dagegen etwas zu sagen, kommt einem Sakrileg gleich. Das ist, als würde man nicht sofort "Gentrifizierung" schreien, wenn irgendwo an einem Haus ein Balkon angebaut wird. In München hat man gegen Luxussanierungen zu sein - und für alles, was alle aus dem Umland irgendwann in die Stadt zugezogenen Jungmenschen als altmünchnerisch empfinden. Und das ist auch die Auer Dult.

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Ja mei. Wer's mog. Und ich werd wahrscheinlich so in fünf Jahren mal wieder das Gefühl haben, dorthin zu müssen. Und dann wieder für Jahre nicht mehr.


Mia san mia

Eine Trotzreaktion.

Katerstimmung in München. Anderes konnte man den Sonntag nicht beschreiben. Nach der kollektiven Festtagslaune am Samstag, die weit in alle Stadtteile hineinreichte, war der Sonntag gedämpft wie ein Neujahrstag im Sommer. Mit dem Unterschied: Zum Jahreswechsel ist die Laune um Mitternacht eine andere. In der Nacht zum Sonntag wankten die Leut lautlos aber wie kopflose Hühner durch die Straßen - einmal quer über den Frankfurter Ring - das Spiel hat sie wohl lebensmüde gemacht. Sonntag mittag beim Bäcker sind noch alle Regale voll, kollektives ausschlafen. Zum obligatorischen Small-Talk ist keiner in Stimmung. Die Ruhe hängt auch am frühen Abend noch über der Stadt, trotz der Menschen auf den Straßen. Wir schweigen auch beim Spaziergang.

Und doch scheint München vereint an diesem Wochenende - vereint in Euphorie und vereint in Trauer. Mia san Minga. Die schönste Stadt der Welt. Und da kann ruhig jemand behaupten, dass es irgendwo besser ist und er mag vielleicht recht haben und dann sind wir mal kurzzeitig beleidigt, aber nur kurz, denn letztlich wissen wir, dass er falsch liegt. Denn mia san mia.


A abgstandens Noagerl

Wenn ich ad hoc eine Geschichte erzählen sollte, was in Bayern und der Welt im letzten Jahr so passiert ist, würde ich diese möglicherweise auf einem Bauernhof spielen lassen. Auf der Bühne wäre ein großer Misthaufen und im Hintergrund ein Flugzeug beim Starten. Und auf dieser Bühne könnten sich dann ein Großstadtgockel produzieren. Ein Großbauer um den Kleinbauern werben. Ein Umweltminister die Transformation zum Finanzminister durchlaufen. Die Bundeskanzlerin dürfte den Stall misten und feststellen, dass das Kleinvieh nicht ihr Geschäft sei. Natürlich wäre da noch eine grüne Großstadtpflanze, die von der guten Landluft schwärmt und (meinetwegen) einen Wanderer aus dem Schwäbischen um Rat fragt. Der freie Bauer würde das ganze mit Staunen beobachten. Und eine junge Magd beklagen, dass sie nicht selbst Bäuerin sei - aber mit zwei kleinen Kindern würde sie doch lieber das Betreuungsgeld einstecken, denn wohin damit auf dem Lande.

Das ist das Nockherberg-Singspiel, das wir alle gestern nicht gesehen haben. Stattdessen haben wir gesehen, dass wieder eine gute Darstellerin vom Hof gejagt wurde und durch ein grottiges Double ersetzt wurde. Wir haben einen Lederhosn-Typen gesehen, den man weder an Aussehen noch an Kleidung mit dem darzustellenden Landesvater in Verbindung bringen konnte (irgendjemand von den Verantwortlichen aufgefallen, dass Seehofer nie Tracht trägt?). Das Ude-Double möchte bitte von seiner Rolle erlöst werden. Zinner als Söder allein konnte das Singspiel auch nicht retten. Auch wenn er sich alle Mühe gegeben hat.

Kurz: es war das schlechteste Singspiel aller Zeiten. Langweilig und uninspiriert. Es wurde keine Geschichte erzählt, seltsame Schwerpunkte gesetzt (was sollte die Präsenz des fränkischen Adeligen?) und ein Bühnenbild zu entwerfen, hat man sich auch geschenkt. Der Nockherberg schaufelt sich auf diese Weise sein eigenes Grab. Lieber BR, denk mal darüber nach. Und weil wir grad dabei sind: ich will auch keinen Klamaukbruder bei den Interviews sehen, sondern zwei souveräne bayerische Journalisten, die auch dem Anlass entsprechend gekleidet sind.

Ach ja, die Rede der Bavaria. Mei. Irgendwie hat auch da der rote Faden gefehlt. Und wäre die Antwort auf den Satz "Mama ich brauch Geld" die Warnung gewesen, sich selbiges von Spezln zu leihen, wäre das doch sehr viel eleganter gewesen als die erfolgte Attacke unter der Gürtellinie.


Weihnachtsmärktetrubel

Bis zum nächsten Advent habe ich dann wieder vergessen, wie furchtbar ich in diesem Jahr die Weihnachtsmärkte fand. Und werde wieder auf den Weihnachtsmarkt gehen. Denn eigentlich mag ich sie. Was ich nicht mag ist überteuerter Schund. Und was anderes bekommst du anscheinend nicht mehr. Aber die Leut gehen ja eh nur für Glühwein und Futter auf den Markt. Dergleich das beste gibt's in München auf dem Wittelsbacherplatz, wenn man bereit ist, richtig viel Geld zu zahlen. Das kann man ruhig schreiben, weil ein Geheimtipp ist das schon lange nicht mehr. Ich hab schon von weitem eine Menschenmassenpanik bekommen und einen weiten Bogen gemacht. Und auch am Chinesischen Turm war es mal lauschig.

Aber man macht ja auch gern mal einen Ausflug ins Umland. Theoretisch. Den Tölzer Christkindlmarkt, den ich mal sehr gemocht habe, den haben die Verantwortlichen zum zweiten Mal verkleinert und jetzt kann man sich halt die Marktstraße rauf und runter trinken und essen, aber das war es. Dafür muss man nicht zwingend aus München anreisen. Vielleicht kommen Sie aber auch, wie ich, auf die Idee: So Mittenwalder Bergweihnacht müsste schön sein. Da darf ich Ihnen verraten: lassen Sie es. Es sei denn, Sie wohnen dort und treffen ihre Nachbarn auf einen Glühwein - beim Turnverein, beim Roten Kreuz, bei den Junggesellen...

Ansonsten ist die bessere Alternative ein Punsch zu Hause. Bei Plätzchen und Kerzenschein. Würstel sind auch schnell gebraten oder Pfannkuchen gemacht. Und wenn Sie frieren wollen, dann stellen Sie sich mit der Tasse Glühwein doch einfach auf den Balkon.


Manchmal fehlt nur noch der Waldi

Es gibt diese Momente, da will ich weg. Nicht in den Urlaub. Weg. Weg aus München. Es sind diese Momente, in denen ich finde, dass diese Stadt gnadenlos überschätzt wird. Und ich mich frage, wieso die ganze Welt hierher will.

Es ist keine Weltstadt, es ist ein Weltdorf. Und eigentlich vor allem Spitze in seiner Arroganz und Saturiertheit. Mia san mia, sagt der Zuagroaste, auch wenn er nicht weiß, was es heißt, weil für ihn ist ja bayerisch eine Fremdsprache. Aber sein Herz hat er an das Weltdorf verloren. Und wenn es nicht das Herz ist, dann hat ihn das Geld nach München gelockt, ohne ihm zu sagen, dass es ihm selbiges gleich wieder aus der Tasche ziehen wird. Und dann wird er zwar auch über München schimpfen, aber erstens hat er derweil wahrscheinlich schon sein Herz verloren, und zweitens ist Berlin auch keine Alternative, weil inzwischen hat er sich ja nicht nur an den weiß-blauen Himmel gewöhnt, sondern auch an die unter diesem Himmel produzierten Autos - und wir wissen ja, die leben in Berlin grad gefährlich. Und so bleibt er da und ehe er sich versieht, ist er schon ein Altmünchner geworden und beherrscht selbigen Lieblingsbeschäftigung auf das Vortrefflichste: das Granteln.

Der grantelnde Münchner mittleren Alters sitzt zwar heut nicht mehr mit dem Waldi im Biergarten, aber Granteln funktioniert überall und eigentlich sitzt der Münchner nach wie vor im Biergarten, wie jeder schöne Tag aufs neue beweist. Und zum Granteln gibt's ja viel: die Mieten, die Verkehrsführung am Luise-Kisselbach-Platz, das scheußliche Loch am Marienhof, die nicht-kommende zweite Stammstrecke, den geplanten Flughafen-Ausbau, die Schnapsidee, alle Straßen gleichzeitig aufzureißen, die Schnapsidee, dass der Ude jetzt auch noch Ministerpräsident werden will, die Traditionsgeschäfte, denen für die nächste Kette gekündigt wurde, auch wenn kein normaler Münchner dort jemals eingekauft hat - und so vieles mehr. Aber wenn einem München und die Zuagroasten und alles andere zuviel wird, gibt's ja immer noch die Berge. Nur leider funktioniert das auch nicht mehr so gut: denn Wandern heißt jetzt Hiking. Und ist total angesagt. Und an einem schönen Tag gehst halt im Gänsemarsch den Herzogstand hoch. Schon wieder ein Grund zum Granteln.


Munich Diversity, Folge 1: Reich und Schön

Und dann habe ich noch behauptet, das München der 80er Jahre sei tot. Wie man sich irren kann. Nur weil unsereins relativ unbehelligt davon lebt. Aber das wäre wahrscheinlich auch in den 80ern so gewesen. Nur die Erben von Schimmerlos gehen nur noch zur feinen Gesellschaft, wenn sie geladen werden. Aber andere Gäste kommen auch ungeladen zur Party...

Sommerabend

Ich ging gestern abend den Mond suchen. Es war ein lauer Sommerabend. Verliebte Pärchen, die den Nymphenburger Kanal entlang schlenderten. Manche vielleicht wie ich auf der Suche nach dem Mond. Wäre ja auch romantisch gewesen. Nur, der Mond zeigte sich nicht. _MG_4254