Münchner Gschichten

Die weiblichen Adabeis von München

In den Laden gehe ich nur, weil ich einmal, vor vielen Jahren, einen echten Fund gemacht habe. Später habe ich festgestellt, dass dieser Glückstreffer an Kleid mit dazugehöriger Jacke nur deshalb zu finden war, weil er nicht dem Stil der Kundschaft entspricht. Doch hin und wieder habe ich die Hoffnung, dass die Besitzerin im Einkauf doch nochmal so daneben liegt - und so etwas auf mich wartet. Aber die Besitzerin hat ein Händchen für ihre Kundinnen. Es sind die klassischen "Ich wär so gern"-Frauen, die in allem so einen Tick daneben liegen. Angefangen mit ihrer Haarfarbe, die eben nicht blond ist, aber blond sein soll. Dazu kommt die Figur, die eben nicht der klassischen 36/38 entspricht, aber in dieser hineingezwängt wird, weil eine sehr viel kleidsamere 40 (oder mehr) aus Prinzip nicht in Frage kommt. Ebenso nicht in Frage kommen gedeckte Farben. Und das ganze bitte in kurz. Denn ebenso wie die tatsächliche Figur wird das tatsächliche Alter verdrängt. Es sind Damen, die den Traum der Münchner (Grünwalder - hatten wir schon) Tussi träumen, aber neben allem anderen auch nicht über die finanzellen Mittel verfügen. Auch wenn sie durchaus ein gewisses Budget haben. Ich bin also entsprechend deplaziert in diesem Laden. Und entsprechend werde ich von der Besitzerin in der Regel ignoriert, wenn ich einmal im Jahr dort hineinschaue. Dann kann ich schnell mal das Angebot scannen und wieder verschwinden. Aber wehe, und das ist jetzt passiert, die Besitzerin wird aufmerksam. Ich wurde also beraten. Ein elegantes Sommerkleid für einen Anlass war meine Vorgabe. Nur die Vorstellungen von Eleganz gingen doch weit auseinander. Zu kurz, zu bunt, zu eng. "Aber wer wie Sie (also ich) keine Kleider trägt, hat eben keine Ahnung", war ihr Fazit. Doch immerhin die Ahnung, dass mein Glückstreffer vor vielen Jahren ein einmaliger Glückstreffer war. Die Dame kennt ihre Kundschaft gut - und ich gehöre nicht dazu.

Aufbrezelt is

Über den klassischen München Schick wurde ja schon oft geschrieben. Den Münchner an sich nervt dabei am meisten, dass an dieser Stelle der Grünwalder Schick mit einem Münchner Schick gleichgesetzt wird. Ich weiß zwar jetzt nicht, wie es in Bogenhausen ist, aber im Münchner Westen ist die Kleiderordung selbst in den hochpreisigen Wohngebieten eine andere. Unauffälliger. Teuer ja, aber dezent. Während das, was alle Welt unter Münchner Schick versteht eher unter "teuer aber geschmacklos" fällt und nur noch von Düsseldorfer Moden übertroffen wird. Aufbrezelt.

Jetzt ist Grünwald aber nicht München. Es ist ein Dorf außerhalb, das halt so nah da ist, dass die Bewohner gerne auf der Maximilianstraße flanieren, weil sie selbst nichts haben, wo sie flanieren können. Außerdem muss der Porsche ja ausgefahren werden. Und so kommen wir zu einer Eigenheit von kleineren Gemeinden. Das sich ausstellen. Und dabei unterscheidet sich das Dorf im Süden von München nicht von Kleinstädten im Bayerischen Wald.

In letzterem trug man schon vor zwanzig Jahren beim Ausgehen als Jugendliche einen Hosenanzug. Also eigentlich eine typische Business-Klamotte, die ich auch heute nicht ins Wirtshaus anziehen würde. Aber man ging natürlich in DIE BAR am Ort. Man war ja wer. Ich hab mich damals schon über diese Petitessen lustig gemacht. Und hab dabei einfach übersehen, dass ich in meiner eigenen kleinen Stadt eher in abgefransten Kreisen unterwegs war. Inzwischen weiß ich, dass man auch dort so ausgeht. Aufbrezelt.

Und bei meinem letzten Durchstreifen der Geschäfte in der kleinen Stadt fand ich: alles was teuer ist. Also natürlich findet man auch alles, was billig ist. Aber gleichzeitig die Top-Preisklassen. Wobei ich nur sagte: Für was? Wann zieht man hier ein D&G-Top für 400 Euro an? - Aber Sie wissen ja auch, was D&G heißt...

Die erste, die den Unterschied zwischen Kleinstadt und Millionendorf realisiert hat vor 20 Jahren nach unserem Wegzug, war meine Freundin U. "Ich muss mir nicht für jeden Gang zum Mülleimer überlegen, was ich anziehe", sagte sie. Und sie hat recht. Keiner muss sich hier aufputzen wie ein Weihnachtsbaum. Wobei, wenn wir ehrlich sind, die Jeans eben nicht vom Wühltisch stammt. Ebensowenig wie der Rest. Und deswegen braucht auch keiner hier einen Hosenanzug, um sich abzusetzen. Und ist trotzdem entspannter. Selbst Münchens Bar-Guru, der für teure Mode wirbt, geht mit Schlappen zum Bäcker.

Aber in der Kleinstadt brezelt man halt gern. In Niederbayern genauso wie in Grünwald.


Die unentwegte Statusmeldung

Mei ist das schön, dass wir jetzt überall erreichbar sind. Inzwischen auch in der U-Bahn. Und deswegen piepst und ringt und melodiet es auch ununterbrochen. Ja, ich bin grad in der U-Bahn, schreit dann jemand neben dir ins Telefon. Weil wenn ein Mobiltelefon klingelt, muss man rangehen. Das ist eine Zwangshandlung. Und selbst wenn man nur rangeht und sagt, dass man zurück ruft. Aber ein Mobiltelefon darf man nicht klingeln lassen, geschweige denn es ausschalten oder daheim vergessen. Aber das passiert wahrscheinlich eh niemanden außer mir. Aber dass es klingelt zeigt auch wieder wie rückständig die Münchner sind. Währen sie jetzt wirklich hip, würden sie ja schon gar nicht mehr telefonieren, sondern natürlich nur noch schreiben. Tip, tip: bin grad in der U.Bahn. Odeonsplatz. Send an 2000 fb-Freunde. Das wäre dann wenigstens leiser. Und wahrscheinlich privater, denn haben sich all die Wächter unserer Privatssphäre schon einmal darüber Gedanken gemacht, was wir alles in der Öffentlichkeit preisgeben, wenn wir dort lautstark telefonieren?

Schöner Januar I

Winterlangeweile? Dem kann ich abhelfen und greife damit etwas auf, was ich ganz am Anfang dieses Blogs regelmäßig gemacht habe: die Freizeittipps von Frau B. - persönlich und subjektiv.

Januar ist Lesezeit. Ich selbst hab ja grad nicht die Zeit, hätte ich sie aber würde ich mich mit einem dicken Wälzer auf dem Sofa niederlassen. Auf mich wartet "Freiheit" von Franzen und ich freue mich schon sehr darauf. Wer es noch nicht kennt, dem sei an dieser Stelle auch die "Buddenbrooks" (Literaturnobelpreis mit Soap-Charakter) oder Feuchtwangers "Erfolg" empfohlen.

Wärme gegen Kälte. Wie wäre es mit jugend-stilvoll baden im Müllerschen Volksbad? Oder saunen im Dante-Bad? Mein ganz besonderer Tipp ist auch das Mathilden Hamam.

Kulturzeit. Am 31. Januar wird in den Kammerspielen das letzte Mal für diese Spielzeit "Susn" gegeben. Große Empfehlung! Im Volkstheater gibt's am 10. Januar Eros und im Metropoltheater kommt nochmals Woyzeck auf die Bühne. Oder mal ganz anders? Es gibt die ein oder andere Bühne in München, in die der kulturbeflissene Bildungsbürger eigentlich nicht reingeht. Wie wäre es mit einem quasi experimentellen Theaterabend der anderen Art?

Kulturzeit, Teil II. Grad ist die ideale Zeit, unbekannte Museen zu entdecken. Die Schack-Galerie geht neben den Pinakotheken immer etwas unter. Und was ist mit dem Verkehrsmuseum? Und waren Sie tatsächlich schon mal im Bayerischen Nationalmuseum?

Richtig Spaß macht so ein Museumsbesuch ja nur in Verbindung mit Kaffe und Kuchen. Neue Kaffeehäuser aufsuchen, kann man aber auch so machen. Oder mal ein neues altes. Das umgebaute Café Luitpold beispielsweise finde ich sehr ansprechend.

Farbe gegen Grau. Wenn die Wohnung entweihnachtet ist, kommt sie mir doch immer sehr reduziert vor. Zeit für einen Blumenstrauß.

Neue Länder entdecken. Weltkarte und Restaurantführer - und mal schauen, wie weit man kulinarisch in München kommt. Wäre auch ein schönes Blogprojekt für dieses Jahr.

Jetzt könnte ich noch so sinnstiftende Dinge, wie Ordnung schaffen, erwähnen. Das lass ich aber mal weg. Und meine Ausflugstipps kommen die nächsten Tage.


Münchner Nachmittag

Als Münchner fällt einem das alles ja so gar nicht mehr auf, was anderen Menschen so auffällt. Also Besuchern dieser schönen Stadt. Wir halten uns jetzt nicht lange mit Klischees auf, die es schon in jeden Reiseführer geschafft haben - wie die Biergärten. Und dennoch staune ich wiederum über die immer wieder leuchtenden Augen von Fremden, wenn sie in einen Biergarten kommen. Auch die Geschäfte in der Innenstadt bringen Frauenaugen zum leuchten, habe ich bemerkt. Den dazugehörigen Mann kann man derweil getrost irgendwo an der Maximilianstraße absetzen und er darf die neuesten teuersten Automodelle bewundern. Wie viele teuere Autos hier rumfahren fällt einem selbst ja schon gar nicht mehr auf. Ich habe einen Geschäftstermin, ich bin im Anzug, sagte M. wie zur Warnung vor unserem Treffen. Das wiederum fällt nicht auf. Gutgekleidete Menschen nutzen die Herbstsonne für einen Cappucino auf Münchens schönster Freiluftterasse. Und mit Sonnenbrille auf der Nase kann selbst der Münchner nicht umhin seine Stadt mal wieder zu preisen. Man nimmt manche Dinge einfach zu selbstverständlich. Wie die Kulturbeflissenheit der Münchner. So ist an einem ganz normalen Donnerstag nachmittag eine Ausstellung einfach mal voll. Ein Phänomen, das der Nicht-Münchner mehrfach beredet. Hier geht man halt ins Museum und am Abend ins Theater - wie anderenorts zum Bäcker und auf die Coach. Mag das Münchner Kulturpublikum zwar spießig sein, wie oft gelästert, interessiert ist es allemal.

Gut, besser, Wohnraum

Weißbier ohne Schaum also. Ich mag Weißbier – alkoholfrei nach dem Radeln oder Wandern. Allein deshalb hab ich mich wahrscheinlich schon disqualifiziert. Weißbier ohne Schaum sei die Au ohne Paulaner – sagt die Süddeutsche. Also eigentlich sagt es der Pfarrer von der Au und die Süddeutsche kommentiert: „Recht hat er.“ Weil, wenn jetzt die Brauerei wegzieht und da Wohnungen entstehen, würde ja sich das Gesicht der Au verändern und außerdem würden da Wohnungen entstehen, die sich der eingesessene Au-Bewohner nicht leisten kann. Da haben wir es wieder: das Schreckgespenst der Gentrifizierung.

Ja, nur lieber eingessene Au-Bewohner: Sie brauchen ja keine Wohnung. Sie haben ja schon eine. Das ist ja die Krux am Münchner Wohnungsmarkt. Wer seit geraumer Zeit irgendwo wohnt – egal wo, tut den Teufel dran und zieht um. Weil inzwischen die Mieten explodiert sind. Ich wette mit Ihnen, dass Sie jetzt schon nicht umziehen, weil eine neue Wohnung teurer ist als die, in der Sie heute leben. Und warum explodieren die Mieten? – Das ist die Geschichte mit Angebot und Nachfrage....

Und wer jetzt da so scheinbar sozial argumentiert wie es die SZ macht, macht eigentlich das Gegenteil: es ist ein Plädoyer für die Wohnraumverknappung. Ist ein Gut knapp, wird es teurer und nur noch wenigen zugänglich. Eigentor.

Würde die Au durch den Wegzug der Brauerei ihr Gesicht verändern? – Ja. Würde sie es verlieren? – Nein. Denn gesichtslos sind die Viertel am Stadtrand. Wo einfach gebaut wird – wo es keinen Tandler gibt, keine Tante Emma, keinen Bäcker, keinen Metzger, keinen Schuster. Wer in die Innenstadt zieht, möchte doch gerade nicht mit dem Auto zum Supermarkt, sondern zu Fuß seine Einkäufe erledigen können. Möchte doch gerade, dass „sein Viertel“ lebt.

Sollte Paulaner an den Stadtrand ziehen, ist das ein Gewinn. Und es will auch nicht jeder Yuppie am Nockherberg wohnen. Ich glaub, Herr Pfarrer, da müssen Sie keine Angst haben.


Sag mir wo du wohnst

Ein Vorwurf an Google Streetview ist ja, dass (potentielle) Chefs, Arbeitskollegen, potentielle neue Vermieter und alle anderen Neugierigen mit Leichtigkeit das soziale Umfeld eines Menschen begutachten könnten. Ja. Dagegen kann man jetzt nichts sagen, außer dass es genug neugierige Menschen gibt, die das machen. Aber ganz ehrlich: das soziale Umfeld, das sich durch die Adresse ergibt, sagt doch dem Gegenüber heute schon einiges.

Manchmal reicht es die Stadt zu nennen, in der man lebt. Sagen Sie jemanden, dass Sie aus München kommen und Ihnen wird Respekt, Verachtung oder Neid entgegen schlagen. Es ist eine Stadt, die häufig eine Emotion auslöst - und Sie häufig in eine Schublade steckt. Bei Duisburg, Paderborn oder Weiden gehen andere Schubladen auf. Dem Ortsfremden kann man als Münchner in Zukunft nur nicht mehr vormachen, in Nymphenburg zu leben, wenn es de facto das Hasenbergl ist. Aber virtuelle Stadtpläne gibt es ja schon länger...

Auch der Ortsansässige braucht in der Regel kein Street View, um jemanden in eine soziale Schublade zu stecken. Die meisten Städte sind ja überschaubar. Auch München. Und so weiß man bei vielen Adressen schon mal auch, in welcher Ecke jemand wohnt. Ob in Nymphenburg oder im Hasenbergl.

Wobei mich meine Nymphenburger Adresse auch durchaus in die Kategorie "verwöhnte Göre" gesteckt hat - eine Studentin/Praktikantin, die in einem noblem Viertel wohnt, während man sich selbst in einem Wohnblock in Aubing wiederfindet, macht nicht nur Freunde. Da hab ich dann immer schnell die Geschichte von der viertelbekannten, weil einzigen Studenten-WG weit und breit hinterhergeschoben. Bei Chefs war das natürlich etwas anderes, da war der Stempel "aus einem guten Stall" und der ist hilfreich.

Meine Muster funktionieren ja ebenso: Berg am Laim? - hm. Solln? - wie schön. Dann denk ich mir vielleicht noch "Respekt". Vielleicht denk ich mir auch "wie hat der oder die das gemacht?" oder auch "schau an, mehr Schein als Sein"... Für all das brauch ich kein Google Street View. Das gäbe mir dann nur noch die Zusatzinformation, ob es die Villa ist oder der 70er Jahre Klotz.

Auch jetzt: Meine Straße scheint (außer einigen Taxifahrern) ganz München zu kennen - die Reaktion ist immer die gleiche: In einer schönen Ecke wohnen Sie....

Ich bin hip.

Jawoll. Ich bin ja sowas von Trendsetter, dass es schier unheimlich ist. Wie ich nämlich heute morgen der Süddeutschen Zeitung entnommen habe, ist eine rote Regenjacke das ultimative Glockenbach-Trendteil. Sie wissen schon, retro und so. Für's Protokoll: ich habe dieses Teil schon im vergangenen Juli als Must-Have ausgerufen. Nur echt, wenn man sie zusammenknödeln kann und am Gummizug über die Hüfte tragen. Das aber, das ist dann echt peinlich...

Nur mal schnell...

...oder - auf dem Weg - das sind nicht nur Phrasen sondern auch Pläne, die Sie momentan einfach mal streichen sollten. Jedenfalls dann wenn Ihr Weg von A nach B in irgendeiner Form durch die Innenstadt führt. Nur mal schnell gibt's nicht. Denn beim schnellen Ausweichen eines plötzlich den Stadtplan zückenden Touristen laufen Sie Gefahr, frontal gegen die nächste Leberkäs-Semmel zu laufen und dann Ketschup auf dem Sommerkleid zu haben. Auflaufunfälle sind zur Zeit geradezu vorprogrammiert. Beim Ausscheren auf die Überholspur meint eine rheinische Frohnatur nur: Wer langsam geht, hat mehr vom Leben. Wird in Münchner Reiseführern nicht mehr auf die bayerische Freundlichkeit hingewiesen? Ebenso wenig offensichtlich wie auf die Tatsache, dass die Innenstadt nicht durchgängig Fußgängerzone ist. Radler und Autofahrer werden dringend vor dieser Gefahrenquelle durch in die Luft (auf irgendeinen Kirchturm) starrende Fremde gewarnt - oder vor solchen, die schon Bekanntschaft mit denen ihnen bis dato unbekannten Münchner Maßeinheiten alkoholischer Getränke gemacht haben. München ist ein einziges Schlendern und Staunen. Dass es hier jemand auch mal eilig haben könnte, erstaunt.

Der Anfang vom Ende

Gentrifizierung wird ja in München gerne gleichgesetzt mit Centri-fizierung alternativ mit Gärtnerplatzifiezierung. Dass das völliger Blödsinn ist, merkt hier keiner. Weil, nur die darüber schreiben oder reden, die vermeintlich betroffen sind. Stimmt nicht, die echt betroffenen hatten keine Stimme und die Gentrifizierung des Viertels ist abgeschlossen – jetzt werden dann höchstens die vertrieben, die vertrieben haben. Und dann wird aus der Partymeile möglicherweise einfach mal wieder ein Wohnviertel werden. So wie Schwabing West oder Haidhausen.

Ich find das nicht weiter schlimm, aber ich weiß auch, dass ich mit dieser Meinung ziemlich alleine dastehe. Natürlich bedauere ich, dass dieser ganz eigene Flair des Viertels damit unwiderbringlich dahin ist – aber sind wir mal ehrlich, das ist er eh schon. Auf der anderen Seite ist es auch ein Zeichen, dass sich unsere Gesellschaft weiterentwickelt hat und zwei Männer auch in Neuhausen oder Obermenzing oder sonst wo in der Stadt zusammenleben können – und keiner schaut blöd.

Aber zurück zur Gentrifizierung. Die betrifft nämlich noch ganz andere Stadtteile, die lange nicht so angesagt sind, die sich aber nachhaltig verändern werden. Das Klientel der Kleinhäuslebauer-Siedlungen wandelt sich gerade. Wenn die Oma rausstirbt, die das, objektiv windige Häusl, nach dem Krieg mit ihren eigenen Händen aufgebaut hat, wird verkauft. Dann wird saniert und dann stehen in Vierteln wie Laim plötzlich Familienkutschen auf den Straßen, es bricht die Parkplatznot aus (weil die Kleinhäusle ja keine Garage haben, aber heutige Familien mindestens zwei Autos). Und am End siehst einen weißen Porsche auf der Straße stehen – dann weißt du auch, dass der Niedergang des Viertels eingeläutet ist...

Volksentscheid. Eine Meinung

Jetzt entscheidet also der Bürger. Und ich bin mir sicher, dass diejenigen, die nie in ein Festzelt gehen und erst recht nicht in die Boazn am Eck, am eifrigsten zur Wahl gehen werden. Weil, sollten sie durch Zufall mal dahin gehen, sie zwar rückwärts wieder rausfallen würden, aber aus Versehen einen Atemzug nikotingeschwängerter Luft eingeatmet hätten. Weil, die sind aus Prinzip dagegen. Die Umgebung hat rauchfrei zu sein und dafür kämpfen sie.

Komischerweise ist meine Umgebung durchaus rauchfrei - obwohl mir das ja egal wäre beziehungsweise ich an manchen Abenden nichts gegen blauen Dunst in der Luft hätte, denn dann müsste ich nicht vor die Tür gehen. Von den ach so vielen Raucherkneipen bekomme ich nichts mit.

Also: ich halte den Nichtraucherschutz für ausreichend. Und eigentlich wäre mir dieser Volksentscheid fast egal. Und doch gibt es zwei Gründe, weshalb er das nicht ist. Zum einen geht es darum, was passieren wird, wenn tatsächlich bei jeder Kneipe die Raucher vor die Türe müssen. Auch nach 23 Uhr - zu der Zeit, in der jeder Aussenschankbetrieb geschlossen haben muss. Da darf die Polizei schon mal verstärken, sie werden nämlich verstärkt zum Einsatz kommen. Nachbarschaftsbeschwerden werden Hochkonjunktur haben. Also Kneipen raus aus Wohnvierteln? Oder Anwohner raus?

Zum anderen glaube ich, dass es Nichtraucher geben wird, denen das Gesetz dann wieder nicht weit genug geht. Und dem Rauchverbot im Raum ein Rauchverbot auf bewirteten Freiflächen folgen wird. Und das geht dann definitiv zu weit.

Die Friedenspfeife ist in weiter Ferne...


Tollhaus im Olympiapark

Tollwood hat wieder angefangen. Und möchte neue Zielgruppen ansprechen...

Tollwood

Die Alternativszene ist weitgehend weitergezogen. Natürlich gibt es noch einen Henna-Stand und eine Handleserin, aber inzwischen auch Billig-Dirndl, die naturgemäß auf Tollwood nicht billig sind. Es gibt auch Mode-Plastikschmuck, der so gar nicht öko ist. Mehr Tand als Trödel. Mehr Lounge als lauschig. Dass der Schuhbeck noch nicht mit einem Gewürzstand draußen ist, ist überraschend, vielleicht hab ich ihn aber auch übersehen.


Lokaltermin: Das Tagesmenü

Er hätte ein WIRTS-Haus und kein GAST-Haus und des sei a Philosophie erzählte der Typ aus dem bayerischen Oberland, der am Nebentisch saß, neulich beim Cappuccino auf der Terrasse mit Dolomitenblick (Sommerfrische-Bericht folgt...). Ob er sich gewundert hat, dass wir ihn nicht um eine Karte gebeten haben? Aber das ist auch eine Philosophie.

Tatsache ist, er war wenigstens ehrlich. Und so unverbreitet scheint seine Philosophie auch nicht zu sein, wie der heutige Abend zeigt. Geht man relativ früh des Abends zum Nachtmahl muss man damit rechnen, dass es später des Abends eine Reservierung auf einen Tisch gibt. Doch das wird einem ja meistens mitgeteilt. Und wenn man den ersten Tisch in einem Lokal belegt, kann man möglicherweise ja auch auf einen nicht reservierten Tisch wechseln. Wenn man weiß, dass da noch jemand kommt...

Auch habe ich grundsätzlich Verständnis dafür, dass man versucht, Tische mehrfach zu besetzen. Doch während dies in anderen Ländern Usus ist, ist es in Deutschland doch weit verbreitet, sitzen zu bleiben – geh trink ma noch a Achterl... Mir bis jetzt unbekannt war dagegen die Philosophie: Wer das Tagesmenü ist, hat nur für eineinhalb Stunden Anspruch, in unserem Lokal Gast zu sein. Das machen ja mehrere Lokale, dass sie am früheren Abend Sonderaktionen anbieten – klar, irgendwie wollen sie ja die Tische füllen. Dass du dann aber das Etablissement rechtzeitig wieder zu verlassen hast, um Platz für „normal“ zahlende Gäste zu schaffen, mag zwar ein hehrer Wunsch des Wirtes sein, aber die Gäste rauszuschmeißen...?

Also ich für meinen Teil werde dieses österreichische Wirtshaus in Schwabing nicht mehr aufsuchen. Ich gehe lieber in Gasthäuser. Das ist meine Philosophie...

Weitere Lokaltermine: Das Seniorengericht


Münchens neuer Sommerdrink

Hugo Von Sommer keine Spur, aber Hugo ist von Bozen über Salzburg in München angekommen. Wäre ja auch ein Wunder gewesen, wenn nicht. Nachdem Bozen und Salzburg unter den spießigen unter Münchens Trendsettern beliebte und gepflegte Ausflugsziele sind (geh'ma wandern und festspielen). Und was da schon letzten Sommer in und chic war, wird es auch in München werden. Spießige Trendsetter sind sind im übrigen kein Widerspruch ins sich - es sind die, die München nehmen wie es ist und nicht ständig  darüber jammern, dass München nicht Berlin ist. Tatsache jedenfalls: die Aperol-Spritz-Mania wird abgelöst - erst einmal in so fürchterlichen Mainstream-München Lokalen, die sich in ganz fürchterlich uncoolen München links der Isar Vierteln befinden. Und irgendwann, so in fünf Jahren, wird's den Hugo dann auch in Giesing geben, dem neuen In-Viertel. Dann wenn die jungen und hippen Kneipen dort angekommen sind, die Nachschwärmer die Boazen vertrieben haben, wenn Giesing hip und szenig ist. Weitere fünf Jahre später: für die Löwen hat sich ein Investor gefunden, sie stehen auf dem ersten Platz der Tabelle, spielen aber aus Prinzip im neurenovierten Giesinger Stadion, während die Allianzarena verfällt....


Ausflugstag

Willkommen im echten Leben, sagte ich nur, als wir da saßen, irgendwo im letzten Winkel der bayerischen Provinz und der Begleiter anfing zu jammern, er wolle wieder in die Münchner Innenstadt. Dorthin zu einem Menschenschlag, den er kennt. Unecht nenn ich das ja manchmal und scheuche ihn aus dem Büro in die Realität. Ich bin ja der festen Überzeugung, man muss als Münchner immer mal wieder sich mit der Realität konfrontieren ehe man dieses München als gesetzt als tatsächlich nimmt. Das hier ist ein eigener Kosmos und wer hier mal ist, neigt dazu, diesen Kosmos als gesetzt zu nehmen - und ihn auch nicht mehr zu verlassen. Weder lang- noch kurzfristig. Aber verschiebt es uns nicht dabei den Blick auf die Realität? So ein Blick nach draußen. Immer mal wieder.

Frau Bavaria...

Bavaria-Blog-2

...war grandios gestern im Nockherberg-Singspiel. Und Franz Josef der Brüller. Ansonsten gab es wenig zu lachen. Und das nicht, weil es zur Zeit politisch tatsächlich wenig zu lachen gab. Das Singspiel war einfach nur schlecht, die Ude-Neubesetzung eine Katastrophe und auch das Westerwelle-Double sehr naja. Schad eigentlich. Jüngeres Publikum wollte man ansprechen, hab ich gelesen. Liebe Organisatoren, das jüngere Publikum versteht die Auferstehung vom einst übermächtigen Landesvater nicht und das ältere Publikum habt's wahrscheinlich mit der Castingshow, bei der man vom Gesang übrigens kaum ein Wort verstanden hat, vergrault.

Und die Rede? Ist es nicht gerade schwierig, in der Figur eines Benediktinermönchs eine moralische Instanz darzustellen? Ansonsten: ja es gibt Vergleiche, die sollte man nicht bemühen. Fällt das im Vorfeld niemanden auf - oder lässt der Lerchenberg seine Rede niemanden gegenlesen (und das hat nichts mit Zensur zu tun)?