Münchner Gschichten

Zum Greifen nah

Mei, da sind aber jede Menge Fahrdeppen unterwegs. Aber was willst an einem Tag erwarten, an dem der Flughafen mitten im Alpenpanorama liegt? - Auswärtige sind vom Anblick entrückt und vergessen das Fahren. Und die Münchner machen die Sitzheizung an und das Cabriodach auf und wundern sich, warum nicht jeder bei diesem Wetter so entspannt ist.

Münchner Föhn.

Was machen denn Menschen in anderen Städten, die keine Erklärungen für Fahrdeppen haben, für Kopfschmerzen und schlechten Schlaf? Mei, is halt Föhn. Dann setzen wir die Sonnenbrille auf, schon sieht man die Augenschatten nicht und setzen uns vors Café. Hauptsach die Sonne scheint. Perfekt.


Frau B. entdeckt die Stadtbibliothek

Eigentlich dachte ich schon lange, so geht es nicht mehr weiter. Bücher über Bücher in der Wohnung. Was eigentlich nichts schlimmes ist. Aber wenn der Platz regelmäßig ausgeht? Und dann wird aussortiert und weggegeben. Und es sind immer wieder diesselbe Art von Büchern, die weggegeben werden. Badewannenliteratur, wenngleich von mir nicht in der Badewanne gelesen. Weil ich dusche und dabei lese ich nicht. Also die sogenannte leichte Lektüre, einmal gelesen und gut. Woher damit? Wohin damit? Und will ich alles immer wirklich kaufen?

Als Kind und als Jugendliche war ich Stammgast in allen verfügbaren Büchereien. Von der Gemeindebibliothek bis zur Stadtbücherei. Und hab dennoch jede Menge Taschengeld für Bücher ausgegeben. Denn "Hanni und Nanni" und "Billy und Zottel" und natürlich "Nesthäkchen" und wie die ganzen Jungmädchenreihen heißen, musste man natürlich selbst besitzen. Aber die "???" hab ich ausschließlich ausgeliehen und "Vom Winde verweht" ebenfalls.

Irgendwann beschränkte sich das Ausleihen auf wissenschaftliche Werke und so ist es bis heute geblieben. Doch jetzt ist bei uns im Viertel die Stadtbücherei umgezogen. Hell, freundlich, großzügig vom Raum - und nach langen Jahren zog es mich magisch wieder hinein... Ich höre den Buchhändler meines Vertrauens schon weinen bei diesen Zeilen. Doch es werden genug Bücher übrigbleiben, die den unweigerlichen Zauber der neuen Seiten auf mich ausüben werden.

Dies ist ein Beitrag zum Thema "München für wenig Geld". Diesen, lieber Leser, bekommen Sie umsonst. Sie bekommen ihn nicht mit Werbung und ich bekomme dafür keinen Gutschein eines Bücherversendedienstes. So leicht lasse ich mich nämlich nicht kaufen. Und diese Seiten bleiben werbefrei. Es sei denn, ich entscheide, ein Produkt zu bewerben, doch dann aus Überzeugung und nicht gegen Geld.

Wobei: natürlich lasse ich mich kaufen. Ich verkaufe Texte gegen Geld. Das ist mein Beruf. Wenn Sie, liebe Chefredakteure, meine Dienste in Anspruch nehmen wollen - scheuen Sie nicht, mich zu kontaktieren. Sie bekommen meine Leistung und im Anschluss eine Rechnung mit Steuernummer. So wie es sich gehört.


Ruinen - Auferstehung und der Coffee Shop

Über nichts wird in München so sehr gejammert wie die diversen Niedergänge eines Viertels. Da wird dann der Einbau einer Zentralheizung gleich mal zur Luxussanierung, die die Alteingesessenen vertreibt. Lustig wird es allerdings, wenn die, die die Alteingesessenen vertrieben haben, dann zum Jammern anfangen, weil sie ihrerseits vertrieben werden.

Meine Lieblingskolumnistin hat wieder einmal zugeschlagen - in einem Requiem für ein Viertel. Woran ich mich diesmal eigentlich still und leiser erfreut hätte - besondern an den Kommentaren. Doch dann und so wird die Geschichte zur Geschichte wurden von der Süddeutschen Zeitung die Kommentare abgeschaltet. Wie nennt man das nochmal? Ja, hat etwas mit Zensur zu tun.

Zurück zum Untergang eines Viertels. Die einen sehen den Untergang nahen, wenn in einem Viertel plötzlich Coffee Shops entstehen. Andere sehen den Untergang, wenn diese Coffee Shops wieder schließen. So nämlich Frau Wild, die sich darüber entsetzt, dass statt jenes Becher-Kaffee-Ladens am Gärtnerplatz nun eine Boutique entstehen soll. Sicher eine Mutter-Kind-Boutique... Weil, die die Endzwanziger, die sich vor zehn Jahren im Viertel breit gemacht haben ja inzwischen alle Bio-Nachwuchs gezeugt haben.

Finn und Paul und Annalena haben nun mal andere Bedürfnisse. Zum Beispiel Schlaf in der Nacht. Und deshalb wird auch der ein oder andere Club mitten im Wohngebiet auch wieder schließen, auch weil die Mamis und Papis von Finn und Paul und Annalena sich zum einen die Hörner schon abgestoßen haben und zum anderen inzwischen Mieten von 14 Euro den Quadratmeter zahlen oder sich Wohnungen gekauft haben mit Quadratmeterpreisen von 7000 Euro und es nicht schätzen, wenn ihnen besoffene Partygänger jede Nacht den Eingang vollkotzen. Das ist für sie das Problem und nicht die Mieten und Quadratmeterpreise, die können sie zahlen, denn schließlich wollten sie zwar immer nach Berlin, sind aber in München geblieben und haben Karriere gemacht.

Viertel verändern sich - Menschen verändern sich und finden es auch irgendwann nicht mehr schlimm von Kindern, die etwa halb so alt sind wie sie selbst gesiezt zu werden. Die Isarvorstadt hat sich schon vor langer Zeit verändert. Dabei deutet sich ein anderer Niedergang an, über den wir uns wirklich sorgen müssen. Fast unbemerkt hat zum Ende des Jahres in Schwabing ein Traditionslokal dicht gemacht: Der Weinbauer.

Ein Wirtshaus, dessen Szenezeiten schon lange vorbei waren: Ihn gab es schon zur Zeit der Schwabinger Bohème, später sollen hier Langhans, Baader und Fritz Teufel ihr Bier getrunken haben. In den letzten Jahren war es ein Refugium für die, die eine ehrliche bayerische Wirtschaft schätzten, Gerhard Polt zum Beispiel. Jetzt soll sich Wirt Hubertus Timmel, ein Spezl von Michi Beck, ebenfalls (ausgerechnet) nach Manila abgesetzt haben. Der Grund - unklar. Bleibt nur zu hoffen, dass der Weinbauer bald einen neuen Pächter bekommt - und der alles so lässt, wie es ist. Sonst nämlich ist tatsächlich ein Requiem angebracht.


Ein Karusell!

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Vor 35 Jahren, ja, da hätte mich so ein Weihnachtskarusell schwer begeistert. Da konnte man mich ja auch mit einem einzelnen Schaukelpferd, das in der Passage im Durchgang zur Spielzeughandlung, die in der Weihnachtszeit ein gigantisches Märchenschaufenster hatte mit Zug und sich bewegenden Figuren, begeistern. Das große Spielzeuggeschäft in der kleinen Stadt gehört der Vergangenheit an und ich frage mich, wo drücken sich heute die Kinder die Nasen platt? Wo werden heute Sehnsüchte gleichzeitig geweckt und gestillt? Dann ist es schön, dass es manchmal solche Überbleibsel der Vergangenheit gibt wie dieses Karusell am Weihnachtsmarkt am Rotkreuzplatz.

Ohne Platzangst

IMG_2078 Der Pasinger Weihnachtsmarkt ist noch ein echter Nachbarschaftsmarkt. An der Kirche, ohne viel Schnickschnack. Es gibt Würstl, Glühwein, Mandeln, Maroni. Fertig. Mehr braucht's auch eigentlich nicht. Das schöne ist, dass sich die Leut tatsächlich nach dem Sonntagsspaziergang einfach mal auf einen Ratsch treffen. So ganz unter sich. Weil dass die ganzen Horden von Weihnachtsmarkt-Touristen über Pasing herfallen, ist unwahrscheinlich.


Libertas?

Wo ist es hin, das Leben und leben lassen Prinzip? Ja, schon klar, jetzt schreien alle Nichtraucher auf: ich würd sie ja nicht leben lassen als Raucher. Und deswegen müssen sie mich bekämpfen. Sie dürfen mich beschimpfen (ja, wagen Sie mal, sich auf offener Straße eine Zigarette anzuzünden) und sie müssen ihre ganze Energie, von der sie offensichtlich zu viel haben, in ein Volksbegehren stecken. Es gäbe viel auf dieser Welt zu verbessern und viel für das sich zu kämpfen lohnt - der bayerische Nichtraucherschutz gehört nicht dazu.

Es sei denn, diese Menschen leben in einer anderen Welt als ich. Was sie ja tun, aber jetzt objektiv betrachtet. Ich lebe in einer Nichtraucherwelt. Jedes Restaurant, jede Bar, die ich betrete, ist rauchfrei. Was bei ersterem, und diese Ansicht habe ich schon immer vertreten, wunderbar ist. Keiner, auch kein Raucher, möchte sich das Essen von abgestandenen Rauch vermiesen lassen. Das zweitere ist mitunter lästig. Nämlich wenn Raucher gemeinsam ausgehen wollen. Theoretisch gibt es die Möglichkeit, in ein Raucherlokal zu gehen, praktisch findet der halbe Abend vor der Tür statt. Es gibt nämlich keine Raucherlokale. Außer Monis Eckstüberl und in Monis Eckstüberl geh ich nicht rein.

Aber wieso wollen die Menschen den ganzen Monis ihre Existenzgrundlage entziehen und dafür sorgen, dass die soziale Schicht, die sich dort aufhält, mit ihrem Bier und ihrer Zigarette auf irgendeinen öffentlichen Platz getrieben wird, wo keiner mehr auf sie aufpasst, denn das tut die Moni im Zweifelsfall auf ihre Art, und wo sie alle anderen sozialen Schichten grundsätzlich nerven und sich selbst im Winter zu ihrer Raucherlunge noch eine Lungenentzündung holen. Liebe Anhänger des Volksbegehrens: wollt ihr das? Was habt ihr davon? Wollt ihr in Zukunft zu Moni in ihre dann rauchfreie Boazn gehen?

Und wenn mir jetzt jemand antwortet, dass der Nichtraucherschutz ausgehöhlt würde und man ÜBERALL rauchen dürfte, dann bitte mit Beispielen. Denn wie gesagt, ich lebe offensichtlich in einem Paralleluniversum und lieber Nichtraucher, wir sollten das Universum tauschen.


Ein Stern leuchtet

Stern des Südens nennt Siemens das Kunstprojekt. Eine Lichtinstallation des Münchner Multimedia-Künstlers Michael Pendry: 9000 LEDs bringen das Windrad im Münchner Norden zum Leuchten und das bis zu 30 Kilometer weit.

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Es ist kein Kunstprojekt im luftleeren Raum, im Gegenteil es soll ein Zeichen setzen zur Weltklimakonferenz in Kopenhagen, die am 7. Dezember beginnt. Der Weihnachtsstern nutzt die natürliche Energie und ist auch darauf angewiesen, um zu leuchten. Ein Apell an den verantwortungsbewussten Umgang mit den Ressourcen.

Außerdem sieht es sehr cool aus. Dem sich verändernden Farb- und Formspiel kann man ewig zuschauen, wenn man auf der A9 im Stau steht. Was allerdings auch schlecht fürs Klima ist.

Foto: Siemens


Ich geh mit meiner Laterne...

Mei, war das ein Spaß früher. Wie wir da mit unseren selbstverständlich selbstgebastelten Laternen am Martinstag entlang gewackelt sind. Letztlich hoch konzentriert, denn zu viel wackeln bedeutete in der Regel das aus für das Licht drinnen. Hochkonzentriert auch die Eltern, gleich einzugreifen, wenn so eine Papierlaterne Feuer gefangen hat oder einem anderen Kind verdächtig nahe kam.

UNTEN, DA LEUCHTEN WIR

Gibt's alles nicht mehr. Ist ja viel zu gefährlich. Wieder mal ein Punkt mehr, wie wir alle es geschafft haben, unbeschadet groß zu werden. Heute wird mit Glühlämpchen gearbeitet. Glühlämpchen! Ich gebe ja zu, dass meine Mutter wahrscheinlich die erste gewesen wäre, die ein elektrisches Lämpchen in die Laterne gesteckt hätte. In dieser Hinsicht war sie extrem unentspannt. Das gab's aber in den 70ern nicht. Und dennoch ist nie etwas passiert.

MEIN LICHT IST AUS - ICH GEH NACH HAUS

Das gilt ja heute nicht mehr. Und damit ist das beste Argument für Eltern, den Rummel dann irgendwann zu beenden und die völlig überdrehten, äh, Kinder nach Hause zu bringen, auch vom Tisch. Selber schuld, sag ich da mal.

RABIMMMEL RABAMMEL RABUMM

Und noch eine Tradition, die den Bach runter geht: die Martinsgans. Kam ich doch tatsächlich heute an einer Wirtschaft vorbei, die groß die "Martinsente" angekündigt hat. Martinsente. Ob Kirchweih oder Martinstag - anscheinend ist das alles inzwischen egal. Aber es war halt nun mal ein Gänsestall und kein Entenweiher. Da wollen wir jetzt schon mal korrekt bleiben.


Münchner Schmuddelkinder?

Wenn ich abend für abend den Mann meines Lebens in Jogginghosen und Unterhemd auf der Couch sehen müsste, würde ich anfangen, die Bereiche Mann - Leben zu überdenken. Erstaunt bin ich, dass es nun Frauen gibt, die das nicht zu stören scheint, die sich im Gegenteil darüber freuen, wenn nicht nur in der Eckkneipe in Obergiesing (Berg am Laim?) mann in Schlappen und Jogginghose auf ein Bier geht, sondern auch in den In-Kneipen der In-Viertel die anscheinend Edel-Proll-Variante dieses Outfits angesagt ist.

Also ich persönlich bezweifle ja, dass dieser Look angesagt ist. Natürlich gab es auch die weibliche Variante schon immer irgendwo: blondiert, Jogginghose, rosa Fingernägel und Bleistiftabsätze. Oder die intersexuelle Variante der ballonseidenen Jogginganzüge. Oder nicht zu vergessen: Trainingshose, Lederjacke, Goldkettchen. Alle drei in der Innenstadt eine seltene Spezies. Glücklicherweise.

Natürlich gibt es auch in München jede Menge Jogginghosenträger - in meinem Spießerviertel begegnet man ihnen, ja genau: beim Joggen. Und das muss zwar nicht, kann aber ein sexy Anblick sein. Steht derjenige allerdings so mit dem Bier in der Hand an den Tresen, ergreifen Sie die Flucht liebe Frauen. Denn dann addieren Sie ein paar Jährchen und Bierchen obendrauf, subtrahieren ein paar Häarchen und sie wissen, was eventuell dann auf ihrem Sofa sitzt. Kein schöner Anblick, oder?


Trendscout Frau B.

In Bozen übrigens trinken nur noch Turis Sprizz, wir erinnern uns, das angeblich neue In-Getränk in München. Angesagt ist vielmehr ein Getränk mit einer entschieden dezenteren Farbgebung. Gesehen in vielen Bars, musste ich natürlich sofort kosten.

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Es schmeckt, es hat einen bescheuerten Namen und es wird in München der Renner. Wie lange dauert's? Wetten werden an dieser Stelle angenommen...


Powershopping in Monaco

Was für ein entgangenes Geschäft. Wahrscheinlich haben am gestrigen Samstag alle Glühweinstandlbesitzer fassungslos auf Kalender, Termometer und die Innenstadt geschaut. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, Weihnachten steht vor der Tür. Der dritte Adventssamstag ist nichts gegen das Gedränge, das in der Fußgängerzone und den Nebenschauplätzen herrschte. Doch statt auf der Jagd nach Geschenken, waren alle auf der Jagd nach wärmender Kleidung. Bei Rid gingen die Bettdecken weg wie warme Semmeln, Winterstiefel waren der Renner in den Schuhgeschäften. Und die Kassen in den Mantelabteilungen klingelten in den Ohren der Geschäftsführenden gestern wahrscheinlich wie himmlische Glocken. Ganze Familien waren aus wahrscheinlich halb Bayern zum Shoppen auf Minga gefahren. Aber wir wissen ja auch, dass nicht nur aus halb Bayern die Menschen anreisen, sondern auch aus Norditalien. Nicht Bozen, nicht Mailland. Nach München müsste man zum Shoppen fahren. Die besseren Geschäfte, die bessere Auswahl und das bessere Preis-Leistungs-Verhältnis gäbe es hier. Und wie zum Beweis ließen sich am Samstag eine Gruppe gutgekleideter Italiener zum Espresso an dem Tisch nebenan nieder. Mit Tüten bepackt. Ja, nur die Glühweinstandlbesitzer, die hatten Pech. Weil die hatten zu. Dabei hätte sich das wohl richtig gelohnt.

Must haves in Maxvorstadt

Maxvorstadt war mal ein Uni-Viertel. Die Uni ist zwar noch da, wo sie immer war, die Studenten... na gut, die Studenten sind in ihren Semesterferien. Und so ist Maxvorstadt ziemlich entvölkert. Umso mehr fällt dann eine andere Gruppe von Menschen auf und vor allem deren Accessories: gut gekleidet - an der einen Hand die Rolex, an der anderen ein Mini-Mensch namens Finn oder so ähnlich. Der dazugehörige Geländewagen steht, ja wo steht der eigentlich? Während Buchhandlungen schließen, schießen Kinder-Boutiquen aus dem Boden - alles was chic und den Latte Macchiato Mamis teuer ist. Aber was man irgendwann mal spart, wenn das Kind keine Studentenbude braucht, sondern in der Stadtwohnung bleiben kann, das macht auf lange Sicht gesehen, Maxvorstadt einfach unschlagbar günstig. Denn Finn wird irgendwann mal BWL studieren, das ist doch eh klar.

Hochsicherheitszone: Oktoberfest

Das Dirndl hängt noch draußen am Schrank. Die Lust auf die Wiesn ist mir vergangen. Vielleicht weil ich eh nicht die große Oktoberfestgängerin bin. Was schade ist, denn seit Jahren hatte sich zum ersten Mal wieder so etwas wie Wiesnfeeling bei mir eingestellt. Aber weil das die letzten Jahre nicht da war, betrachte ich die Hochsicherheits-Wiesn nicht als Einschränkung meiner Freiheit, die ja letztlich für mich darin besteht, zu sagen: geh ich halt nicht hin. 2001 hat übrigens auch nichts und niemand mich auf das Oktoberfest gebracht. Für mich war es 2001. Für andere Menschen war es das Wiesn-Attentat. Ich kenne Menschen, die wenige Minuten vorher durch den Haupteingang gingen und seitdem nicht mehr auf das Oktoberfest gehen. Andere, die nicht mehr durch den Haupteingang gehen. Jetzt haben wir 2008 und das Oktoberfest ist eine Festung. Das ist berechtigt, das ist gar nicht der Punkt. Dennoch mag ich keine Festungen. Wobei ich (fast) keine Probleme mit Einlasskontrollen habe - die gibt es an vielen Punkten: Ins Flugzeug, in den Vatikan, in den Louvre etc. ohne Scan kein Einlass. Nur bei mehreren Millionen Besuchern wird es schwierig jeden zu filzen. Außerdem muss man dann das Gelände wohl komplett abriegeln. Und wenn man nicht reinkommt, kommt man auch nicht raus. Das ist für mich persönlich das größte Problem. In dem Moment, an dem mir die Menschenmassen zu viel werden. In dem Moment, an dem ich das Gefühl bekomme, dass die Stimmung umkippt. In dem Moment muss ich weg. Ich wusste schon immer, wo die Wege raus waren und wo es dann ein Taxi für mich gab. Und das gibt es nicht mehr. Für mich hat sich's ausgewiesnt. Und ich bin sehr froh, wenn sie vorbei ist. In diesem Jahr aus mehreren Gründen.

Wiesn-Impressionen

Nein, du sagst jetzt nichts. Du bist ja ein netter Mensch. Und die Frau mit den giftgrünen Applikationen auf den Fingernägeln freut sich zu sehr, dass sie jetzt auch ein Dirndl hat. Du selbst siehst es eher als preußische Geschmacksverirrung, aber heute bist du tolerant. Oder auch anfällig für Schmeicheleien, denn wenn jemand so von München und Bayern und den Menschen hier schwärmt, dann soll er tragen, was er will. Fast. Denn dem Mädchen vorhin, hättest du am liebsten die Cowboystiefel zu einer pseudobayerischen Geschmacksverirrung ebenso gern ausgezogen wie die Fußballfans aus dem Ruhrpott den Bayern die Lederhosn. Und das ausgerechnet auf dem Oktoberfest. Träumen darf ja erlaubt sein.

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Den Mädchen am Tisch gegenüber dagegen hat die Mama noch das Dirndl mitausgesucht. Bei Lodenfrey oder in ähnlicher Preisklasse. Hier trifft der eindeutig gehobene Münchner Vorort auf den eindeutig weniger gehobenen, dem es zu teuer ist, dem Buben einen Spezi zu spendieren. Lieber lässt man den Sohn am Bier mittrinken.

Noch eine Runde durch die überraschend leere Wirtsbudenstraße. Und wenn die Zelte die Feierwütigen ausspucken bist du schon lange daheim.


Wiesn überall

Du entkommst nicht. Scheint die gebügelte Dirndlbluse zu sagen, die ich aus dem Schrank ziehe. Wie kommt eine gebügelte Dirndlbluse in meinen Schrank? Wann in aller Welt wurde sie gebügelt? Staunend hänge ich sie erst mal wieder weg. Aber anscheinend waren in der ganzen Stadt Heinzelmännchen am Werk, so hoch ist die Dirndldichte auch jenseits der Theresienwiese. "Jetzt kann man es endlich einmal wieder anziehen", sagt A., von der ich eigentlich angenommen hatte, dass sie allein beim Wort "Oktoberfest" die Beine in die Hand nähme und aus München flöhe. Steht ihr aber gut die Tracht. Überhaupt, die wenigsten Frauen, die gerade in der Stadt Tracht tragen, beleidigen das Auge. "Im Gegenteil", meint der Begleiter. - Was die Wahrscheinlichkeit, dass das Dirndl mal wieder getragen wird, steigert. Weil, frau will ja gefallen.

Du entkommst nicht. Selbst in der Oper präsentieren sich außergewöhnlich viele Damen im Festgewand. Hat anscheinend Sinn, dass Gössl seinen Laden gegenüber der Staatsoper hat. Ich schau ja da nur. Aber offensichtlich kaufen da andere auch.

Du entkommst nicht. Die Verkäuferinnen in dieser Stadt haben sich zur Tracht verpflichtet - auch in nicht Innenstadtlagen. Da steht das wahrscheinlich eh in ihrem Vertrag. Ebenso wie die Tourist-Guides. Selbst wenn sie aus Brisbane sind und die Geschichte des Nationalsozialismus erklären (übrigens, richtig gut gemacht - soweit ich das am Marienhof mitgehört habe - Kompliment!).

Du entkommst nicht. Auch nicht den Touristenhorden in der Innenstadt. Aber die wollen wenigstens auch was von München sehen.

Du entkommst nicht. Und glaub ja nicht, dass es soviel cleverer wäre am Abend Rad zu fahren statt Auto. Polizeikontrollen sind überall.

Du entkommst ihr nicht. Der Wiesn.


Wahnsinn? Hölle? Gemütlichkeit?

Und wenn ich lese, dass die Bahn Sonderpartyzüge nach München einsetzt, dann vergeht's mir mal wieder mit der Wiesn ehe sie angefangen hat. Reicht es nicht, wenn abends lauter Betrunkene unterwegs sind oder geht irgendjemand davon aus, dass die Feierwütigen in einem Partyzug Kaffee trinken?

Vorglühen ist ja unglaublich hip geworden - liebe Wiesnwirte denkt an dieser Stelle mal darüber nach, ob das nicht in einem Zusammenhang mit den Bierpreisen stehen könnte. Als Ex-Wiesnreporterin möchte ich daher allen Oktoberfest-Neulingen einige gute Ratschläge mitgeben: Das Festbier ist gschmackiger als ein normales Lagerbier - und es ist wesentlich stärker. Vorglühen ist nicht nötig, da die erste Maß definitiv schon reinhaut. Sie müssen nicht angetrunken auf die Festwiese gehen, Sie sind es eh gleich. Dazu kommt: in den Zelten ist es heiß, die Hendl sind in der Regel übersalzen und alle paar Minuten spielt die Kapelle "Ein Prosit" - Das alles dient dazu, dass Sie mehr trinken als Sie gewohnt sind und vielleicht auch als Sie wollen. Der Wirt will ja was verdienen an Ihnen und die Bedienung auch und deshalb stellt sie Ihnen schon eine neue Maß hin, wenn die alte noch gar nicht leer ist. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Sie dem zustimmen, denn Wiesnbedienungen sind resulut (anders könnten sie den Job gar nicht machen) und Sie haben eh schon den Überblick verloren. Es gibt übrigens in den meisten Zelten auch Radler und überall alkoholfreies Bier - beides wird eher ungern als Bestellung angenommen, weil es einen Mehraufwand erfordert. Trotzdem bestellen. Ansonsten: nicht von der Bank fallen und heimgehen ehe man die Kontrolle über sich völlig verloren hat. Und dann, speziell als Frau, Geld für das Taxi dabei haben. In dem Sinn: viel Spaß, wenn es heute mittag wieder heißt "O'zapft is"...

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Das Riesenrad steht schon

Fast war es als könne man die gebrannten Mandeln riechen - gestern zu Füßen der Bavaria.

Bavaria-Blog

Fast den Ochs am Spieß drehen sehen und das Bier im Krug schäumen. Gestern war so einer dieser perfekten Wiesntage. Einer, an dem auch ich das Dirndl angezogen hätte und einen Wiesnspaziergang unternommen. Platz war gestern noch genug. Nur ein paar Münchner, die eine Baustellenbesichtigung unternommen haben. Es liegt schon so ein Knistern in der Luft. Das ist nicht jedes Jahr so. Aber heuer trachtet es auch schon so leicht im Straßenbild. Was man hier nicht häufig sieht, was aber gut aussieht. Vielleicht putzt sich München auch heuer extra raus. Trotzt. Vielleicht gehört die Wiesn ja wieder mehr den Münchnern. Vielleicht geh ich auch mal wieder raus.


Freunde. Sowieso.

Keine Sommerpause bei der Münchner Polizei. Im Gegenteil, emsige Geschäftigkeit. So hat man zum Beispiel festgestellt, dass unser Karrée ein Eldorado ist, um die leere Stadtkasse zu füllen. Lauter Altbauten ohne Gargen, in dem der gut gestellte Mittelstand mit Hang zum Zweitauto wohnt, dazu an jeder Ecke ein Lokal, das nicht nur von Anwohnern aufgesucht wird. Heissa. Da geht was. Natürlich, denn die Parkplatzsituation ist eine Katastrophe und es gibt Abende, da bekommt man nicht mal mehr auf dem Bürgersteig ein Platzerl. Dafür bekommt man seit einigen Monaten zu jeder Gelegenheit einen Strafzettel. Nur eine Anwohner-Parkzone bekommen wir hier wahrscheinlich nie. Aber ich verstehe schon, man muss für Recht und Ordnung sorgen. Und dass der SUV-Fahrer, der hier in der Münchner Prärie sein Fahrzeug gleich mitten auf die Kreuzung gestellt hat, selbiges vor ein paar Tagen in der tatsächlichen Prärie abholen durfte, hat mich ja, ich geb's zu, selbst gefreut, weil du bist einfach nimmer ums Eck gekommen an der Stelle.

Für Recht und Ordnung ist auch zu sorgen bei den ganzen Radl-Rowdies in der Stadt. An jeder Ecke eine Polizeikontrolle. Wobei die Zeiten, in denen einfach irgendwo zwei Polizisten standen, sind schon lange vorbei. Das wird jetzt professionell aufgezogen: Polizist A beobachtet aus dem Hintergrund das Geschehen und gibt die Infos dann per Walkie-Talkie an Polizist B weiter, der dann zur Tat schreitet. Und dann kann's auch mal passieren, dass du aufgehalten wirst und erst mal angepflaumt höflich auf ein Fehlverhalten hingewiesen wirst, das du gar nicht begangen hast, bis dann aus dem knarzenden Gerät ein "na net de, de nächste" ertönt. Also, dran denken: immer höflich bleiben. Und keine roten Ampeln überfahren, nicht auf der falschen Radweg-Seite... Aber das machen ja Sie und ich eh nicht